Welche "Heilige Schrift"?

Das Schriftprinzip und der real existierende Text
Die Höhlen von Qumran am Toten Meer. Hier wurden von 1947 bis 1956 die bislang ältesten bekannten Bibelhandschriften gefunden. Foto: epd/ Norbert Neetz
Die Höhlen von Qumran am Toten Meer. Hier wurden von 1947 bis 1956 die bislang ältesten bekannten Bibelhandschriften gefunden. Foto: epd/ Norbert Neetz
Der Text der Bibel wurde in vielen Handschriften überliefert, die sich immer wieder im Detail unterscheiden - mal mehr, mal weniger. Manchmal aber führten dogmatische Entscheidungen in späteren Zeiten zu Änderungen, wie die Hamburger Neutestamentlerin Silke Petersen zeigt.

Wer die Bibel, so wie sie ist, als einen Brief betrachtet, den Gott den Menschen vom Himmel gesandt hat, der wird ohne Zweifel ein Geschrei erheben, ich hätte ein Verbrechen wider den heiligen Geist begangen, weil ich das Wort Gottes für fehlerhaft, verstümmelt, verfälscht und widerspruchsvoll erkläre und behaupte, dass wir nur Fragmente davon besitzen und dass die Urschrift des Bundes, den Gott mit den Juden geschlossen hat, verlorengegangen ist. Wollten sie aber die Sache nur gründlich erwägen, so würde ohne Zweifel ihr Geschrei verstummen."

Diese Sätze schrieb der jüdische Philosoph Baruch Spinoza, sie finden sich zu Beginn des 12. Kapitels seines Theologischen-politischen Traktats von 1670. Angesichts der naiven Berufung auf die Schrift als Wort Gottes, die auch heute noch - und wieder - vor allem in evangelikalen Kreisen verbreitet ist, bleibt es weiterhin aktuell. Spinoza schreibt in einer vergleichbaren Frontstellung, wenn er wenig später bemerkt: "Ich fürchte aber im Gegenteil, dass man zu heilig sein will und dabei die Religion in Aberglauben verwandelt, ja, dass man anfängt, Zeichen und Bilder, nämlich das Papier und die Tinte, statt Gottes Wort zu verehren."

Im Folgenden wird es darum gehen, inwiefern eine Berufung auf den Buchstaben der Schrift, auf "Papier und Tinte" logisch daran scheitert, dass die Größe "Schrift" nicht eindeutig definiert und nicht vorgängig vorhanden ist. Denn der Text der Bibel ist ein Text, der nicht einfach als solcher vorliegt, sondern von uns (re-)konstruiert werden muss. Ebenso wie das Verständnis des Textes wandelt sich auch diese (Re-) Konstruktion im Laufe der Zeiten. Der "Urtext", auf den sich konservative oder evangelikale Kreise gerne berufen, ist eine real als solche nicht existierende Größe, und dies gilt auch schon jenseits der Problematik unterschiedlicher Übersetzungen. In der Textkritik, jener neutestamentlichen Wissenschaft, die sich mit den vielen Abweichungen der Handschriften voneinander beschäftigt, ist deshalb auch lediglich vom "ältesten erreichbaren Text" als Ziel der Rekonstruktion die Rede.

Von keinem anderen antiken Text sind so viele Handschriften erhalten wie von den neutestamentlichen Schriften. Da es bis zum modernen Buchdruck keine zwei identischen Handschriften irgendeines Buches gab, bedeutet dies gleichzeitig, dass Tausende von Varianten des neutestamentlichen Textes existieren. Viele dieser Varianten sind für den Inhalt nicht weiter von Belang oder leicht als Schreibfehler zu klassifizieren. In anderen Fällen zeigt sich jedoch, dass die Textgestalt in die dogmatischen Auseinandersetzungen der ersten Jahrhunderte des Christentums hineingezogen und von diesen beeinflusst wurde. Ich gebe zunächst ein Beispiel, bei dem die Entscheidung, welche Textfassung die ältere ist, eindeutig zu treffen ist, und anschließend eins, wo eine solche Entscheidung in der neutestamentlichen Wissenschaft umstritten ist.

In der lukanischen Kindheitsgeschichte gibt es einige Verse, an denen unbefangen vom Vater oder den Eltern Jesu die Rede ist; so in Lukas 2,33: "Und sein Vater und die Mutter wunderten sich..."; Lukas 2,41 "und seine Eltern gingen..."; ähnlich auch Lukas 2,43.48. Viele (nicht die besten und ältesten) Handschriften haben aber an diesen Stellen als Text "Josef" statt "sein Vater" oder "Josef und seine Mutter" statt "seine Eltern".

Innere Logik

Deutlich ist hier, dass die Idee der Jungfrauengeburt zu den Textänderungen führte: Denn wenn Maria Jesus als Jungfrau geboren hat - eine Überzeugung, die sich in den ersten christlichen Jahrhunderten zunehmend durchsetzte, im Neuen Testament aber noch nicht durchgehend vorausgesetzt wird - dann ist Josef ja eben gerade nicht "sein Vater". Damit ist die Änderung hin zu Josef die plausiblere Änderung - und deshalb "sein Vater" und "seine Eltern" der sicher ältere Text, was auch durch die Qualität jener Handschriften bestätigt wird, die "Vater" oder "Eltern" bezeugen. Mithin ist der Text an diesen Stellen in zahlreichen Handschriften aus dogmatischen Gründen verändert worden.

Möglicherweise - aber in diesem Fall ist es umstritten - liegt etwas Ähnliches in Lukas 3,22 vor. Es handelt sich bei diesem Text um die lukanische Version der Taufe Jesu, bei der zwei unterschiedliche Varianten dessen überliefert sind, was die Stimme vom Himmel sagt. Erste Variante: "Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen"; zweite Variante: "Du bist mein geliebter Sohn, heute habe ich dich gezeugt."

Die Mehrheit der alten Handschriften bringt die erste Variante, aber es gibt auch alte Zeugen für die zweite. Die erste Variante stimmt mit dem Text der Parallelstellen (Matthäus 3,17 und Markus 1,11) überein, was normalerweise dafür spräche, die andere Variante als ursprünglich anzunehmen und davon auszugehen, dass beim Abschreiben eine Angleichung des lukanischen Textes an den der beiden anderen Evangelien stattgefunden hat (ein häufig zu beobachtender Vorgang). Allerdings entspricht die zweite Variante dem Text von Psalm 2,7. Also könnte hier wiederum eine Angleichung des lukanischen Textes an den Psalm vorliegen. Zu entscheiden ist dieses Problem damit eher von der inneren Logik aus; und diese spricht meines Erachtens dafür, dass die zweite Variante die ursprüngliche ist - und wir mithin in den meisten unserer Bibelausgaben einen sekundär veränderten Text finden, wenn wir nachschlagen.

Den Gegebenheiten angepasst

Das entscheidende Argument ist auch hier wieder ein dogmatisches: Die zweite Variante vertritt nämlich eine sogenannte "adoptianische" Christologie: Die göttliche Stimme vom Himmel konstatiert durch ihre Aussage "heute habe ich dich gezeugt", dass Jesus erst zum Zeitpunkt seiner Taufe Gottes "Sohn" wird. Aber das widerspricht den dogmatischen Überzeugungen späterer Jahrhunderte, aus denen die meisten unserer Handschriften stammen. Zu dem Zeitpunkt, als diese Handschriften entstanden, wurde der Adoptianismus als Häresie angesehen - und das macht eine Änderung des Textes hin zu einem dogmatisch korrekten Text sehr viel wahrscheinlicher als den umgekehrten Vorgang.

Beide Beispiele (die sich leicht vermehren ließen) zeigen, dass der Text in der Geschichte seines Abschreibens eben nicht einfach identisch reproduziert wurde, sondern den jeweils neuen Gegebenheiten angepasst. Wir können nur darüber mutmaßen, an wie vielen Stellen außer den uns bekannten dieser Vorgang noch stattgefunden haben könnte, da die handschriftliche Überlieferung der neutestamentlichen Texte in einem nennenswerten Umfang erst gut hundert Jahre nach deren Abfassung einsetzt. Und die Sachlage bei den alttestamentlichen Texten ist noch wesentlich komplizierter.

Neben den eben beleuchteten Fällen, die einzelne Formulierungen betreffen, gibt es auch längere Zusätze vieler späterer Handschriften. Solche Zusätze sind in unseren heutigen Bibelausgaben zumeist durch Klammern oder Anmerkungen markiert; die bekanntesten Fälle sind die sekundären Schlüsse des Markusevangeliums (Markus 16,9ff) und die zumeist in Johannes 7,53-8,11 eingeschobene Perikope von Jesus und der Ehebrecherin. Letztere Perikope findet sich in manchen Handschriften auch an anderen Stellen, so etwa als Anhang zum Lukasevangelium, während die Zusätze am Ende des Markusevangeliums zeigen, dass der ursprüngliche Schluss dieses Evangeliums mit Markus 16,8 ("Sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich.") schon früh als defizitär empfunden wurde und daher Fortschreibungen des Textes vorgenommen wurden. Eine Entstehung der genannten Zusätze im zweiten Jahrhundert ist wahrscheinlich; sicher ist, dass sie nicht zum ursprünglichen Text von Markus beziehungsweise Johannes gehörten. Sind diese Abschnitte damit nun Teil unserer "Heiligen Schrift" oder sind sie als spätere Zusätze auszuscheiden aus jenem Grundbestand, auf den wir uns berufen, wenn wir uns auf die Bibel beziehen?

Kanon im Wandel

Fragen wie diese haben sich in der Neuzeit dadurch beträchtlich verschärft, dass wir inzwischen durch viele neuere Papyrusfunde über eine andere und breitere Basis zur Rekonstruktion des Bibeltextes verfügen als dies zur Zeit der Reformation der Fall war. Das bedeutet aber, dass wir einen anderen Text haben als frühere Generationen - und dass dieser Prozess keineswegs abschlossen ist, da auch in Zukunft damit zu rechnen ist, dass neue Handschriftenfunde ans Licht gelangen werden. Damit ist der Text, auf den wir uns beziehen, aber keine feststehende und gegebene Größe, sondern kontinuierlich historischen Wandlungen unterworfen.

Anschließen lässt sich die Frage nach dem Umfang des Kanons, also die Frage, welche Schriften seit wann zum Grundbestand unserer Bibel gehören - und wodurch sie dazu geworden sind. In den lutherischen Kirchen ist der Umfang des Kanons nie eindeutig definiert worden, gebräuchlich ist allerdings eine Differenzierung, bei der einige jener Schriften, die in katholischen Bibelübersetzungen normalerweise aufgenommen sind (wie Jesus Sirach und das Buch der Weisheit) als apokryph angesehen werden, und nur in manchen Bibelausgaben, in einer entsprechenden Rubrik zusammengefasst, überhaupt auftauchen. Im Blick auf das "Alte Testament" verschärft sich das Problem noch dadurch, dass in den verschiedenen Kirchen jeweils unterschiedliche Fassungen als normativ gelten: Die römisch-katholische Kirche hat sich im Konzil von Trient (1545-1563) auf die Vulgata, eine antike lateinische Übersetzung, festgelegt, die orthodoxe Kirche benutzt die Septuaginta, eine antike griechische Übersetzung, die mehr Einzelschriften enthält als die Hebräische Bibel. Der Bezug der Reformation wiederum auf die Hebräische Bibel hatte zur Folge, dass sich die Anzahl der in einer normalen protestantischen Bibelausgabe enthaltenen Schriften verkleinerte. Dies ist insofern problematisch, als die reformatorische Auswahl der Schriften nicht alle jene berücksichtigte, die den frühen Christen und Christinnen als heilig galten und auf die diese sich bezogen haben, um Gottes Wirken in Jesus Christus zu deuten. Um die Traditionen des frühen Christentums zu verstehen, ist es also wichtig, auch jene Schriften mit einzubeziehen, die heute nicht in allen Bibelausgaben zu finden sind.

Auch die Kanonisierung neutestamentlicher Schriften ist nicht stringent und unproblematisch verlaufen. Dazu einige Beispiele: Im zweiten Jahrhundert war das Johannesevangelium hoch umstritten, unter anderem, weil sich die "falschen" Leute darauf beriefen. In der syrischen Kirche wurde mindestens bis zum fünften Jahrhundert "Tatians Diatessaron" (eine Evangelienharmonie) statt der vier Evangelien gebraucht. Die berühmte Bibelhandschrift "Codex Sinaiticus" aus dem vierten Jahrhundert enthält in ihrem neutestamentlichen Teil auch den Hirten des Hermas und den Barnabasbrief; der "Codex Alexandrinus" (5. Jahrhundert) den 1. und 2. Clemensbrief. Luther veränderte die Reihenfolge der neutestamentlichen Schriften und setzte Hebräerbrief, den Jakobus-, den Judasbrief und die Offenbarung des Johannes ans Ende, wobei er die zuvor vorgenommene Nummerierung nicht weiterführte. In der Folge gibt es lutherische Bibelausgaben, in denen sich diese Bücher unter der Überschrift "Apokryphen" finden.

Orientierung am Zentrum dem Schrift

Diese Beispiele - die sich wiederum leicht vermehren ließen - zeigen, dass "die Schrift" eben nicht einfach da ist, sondern sich in ihrer Gestalt durch die Zeiten und Konfessionen verändert. Dieser Prozess ist zutiefst historisch geprägt: So hat sich, wie der frühere Artikel zum Thema von Thomas Kaufmann darlegt (vgl. zeitzeichen 6/2014), das protestantische Schriftprinzip im Konflikt mit Rom um die Deutungsmacht in Glaubensdingen entwickelt: Die Schrift ist die maßgebliche Größe, nicht die Vorgaben aus Rom. "Allein durch die Schrift" meint dabei in lutherischem Sinne gerade keine Berufung auf Einzelbuchstaben, sondern eine Orientierung am Zentrum der Schrift, nach Luthers Formulierung an dem, was "Christum treibet".

Auch dieses Kriterium allerdings lässt sich - vor allem auf dem Hintergrund des jüdisch-christlichen Dialogs der vergangenen Jahrzehnte und des christlichen Lernens in diesem Zusammenhang - problematisieren: So reden die alttestamentlichen Propheten nicht einfach über Christus, sie tun dies erst und nur dann, wenn man aus einer vorgängig christlichen Perspektive bestimmte Prophezeiungen auf Christus hin liest. Eine solche Lektüre ist wiederum historisch problematisch, und sie hat in vielen Fällen dazu geführt, dass das "Alte Testament" der jüdischen Lektüre enteignet wurde und alttestamentliche Textstellen jenseits ihres historischen Zusammenhangs gegen das Judentum gelesen wurden.

So zeigt sich also auch bei diesem Thema, dass nicht nur die Schrift selbst Wandlungen unterworfen ist, sondern auch deren Lektüre unter divergierenden Voraussetzungen unterschiedliche Ergebnisse zur Folge hat. Wie es aussieht, müssen wir lernen, mit dieser Vielfalt der Rezeptionsvorgänge und -möglichkeiten umzugehen, und das historisch Gewachsene der Texte in unseren Rezeptionsprozess einbeziehen. Um noch einmal auf Spinoza und seinen schon zitierten Traktat von 1670 zurückzukommen: "Die Bücher beider Testamente sind nicht auf ausdrücklichen Befehl zur gleichen Zeit für alle Jahrhunderte geschrieben worden, sondern bei Gelegenheit für bestimmte Menschen, je nachdem es die Zeit und die besonderen Verhältnisse dieser Menschen erforderten." Positiv gesehen bedeutet die geschilderte Problemlage allerdings auch, dass das Deutungspotenzial der biblischen Texte nicht erschöpft ist - und dass dies aller Voraussicht nach auch so bleiben wird, solange Menschen biblische Texte lesen und interpretieren.

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Silke Petersen

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