Klingendes Zeugnis

Buch und CD
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Das kleine Buch passt samt klingender Scheibe trefflich in die Reihe "Das Museum in der Tasche" des Stadtmuseums Berlin, denn nichts weniger als das ist es.

So ändern sich die Zeiten: Früher gab es CDs mit prallem, aufwändigem Booklet. Heute gibt es quadratisch-praktisch-gute Bücher für die Jackentasche, denen überdies auch noch eine CD mit einer Stunde wunderschöner Musik beiliegt - und das alles zu einem sehr attraktiven Preis. Zum Beispiel Bücher, die "Musicalisches Lustgärtelein" heißen. Der Titel nimmt Bezug auf den berühmtesten Kantor, den die Berliner Nikolaikirche hatte:. Johann Crüger (1598-1662). Er veröffentlichte kurz vor seinem Amtsantritt im Jahre 1622 zwei Dutzend dreistimmiger Kompositionen unter der Überschrift "Paradisus Musicus = Musicalisches Lustgärtelein" (...). Crüger, damals noch Student an der Wittenberger Universität, widmete das Werk einigen Berliner Förderern und Sponsoren. Kurz darauf wurde der gerade 24-Jährige "director musices" an der damaligen Berliner Hauptkirche. Hier entfaltete sich dann vierzig Jahre lang ein intensives, nachhaltiges Musikerleben, das Musik und Frömmigkeit des Protestantismus bis heute nachhaltig prägt.

1640 gab Crüger das erste lutherische Gesangbuch Berlins heraus - es wurde mehr als hundert Jahre nach Einführung der Reformation auch höchste Zeit. Ab 1647 und in den zahlreichen folgenden Auflagen trug es den Titel "Praxis Pietatis Melica", zu Deutsch "Übung süßer Frömmigkeit". Oft wurde es aber auch schlicht "der Crüger" genannt. Dass nämlicher Crüger ab den 1640-er Jahren mit dem Lieddichter Paul Gerhardt (1607-1676) zusammenwirkte, kann getrost als der Glücksfall in der Geschichte des deutschen Kirchenliedes betrachtet werden. Die beiden wurden zu einer Art "Lennon & McCartney" des Barock.

Kundig und gut lesbar beschreibt Autor Albrecht Henkys, Kurator des Stadtmuseums Berlin für die Nikolaikirche, aber längst nicht nur das Wirken von "Crüger & Gerhardt", sondern nimmt auch ihre Vorgänger und Nachfolger an der Nikolaikirche in den Blick. Zum Beispiel Leonhard Camerer, der erstmals 1579 namentlich erwähnt wird und um 1582 bereits einige Jahre in Berlin wirkte.

Als klingendes Zeugnis bietet die CD zum Buch eine der zahlreichen Ersteinspielungen Camerers die festlich-fröhliche Motette "Decantabat populus Israel". Ausführlich nehmen Buch und CD, auf der das Berliner Marien-Vokalconsort und das Marien-Ensemble unter Leitung von Marie-Louise Schneider brilliant und mitreißend musizieren, auch auf Crügers Nachfolger Johann Georg Ebeling (1637-1676) und Jakob Hintze (1622-1702) Bezug. Insofern passt das kleine Buch samt klingender Scheibe trefflich in die Reihe "Das Museum in der Tasche" des Stadtmuseums Berlin, denn nichts weniger als das ist es: Neben dem gut geschriebenen Text, finden sich in dem Buch im Ritter Sport-Format zahlreiche Illustrationen, Faksimilieabdrucke und prägnante Quellenzitate.

Ein Zitat des großen Crüger soll am Schluss stehen und besonders auf die schöne Musik der Beipack-CD Lust machen. Über den Dreiklang in der Musik schreibt Crüger 1630 in seiner Harmonielehre: "Diese harmonische Dreiheit ist die wahre und rechte dreieinige Wurzel aller vollkommensten und erfülltesten Harmonie, die es in der Welt geben kann, auch der tausend und tausendmal Töne, die dennoch alle auf einen Teil dieser Dreiheit zurückgeführt werden können, sei es im einfachen Dreiklang oder im zusammengesetzten. Ob es in der Welt ein glänzenderes Bild und Schatten dieses großen Mysteriums der göttlichen, allein zu liebenden Dreieinigkeit geben kann, weiß ich nicht."

Franziska Nentwig (Hg.) u.a.: Musicalisches Lustgärtelein. Verlag M, Berlin 2014, 104 Seiten mit Musik-CD. Euro 12,90.

Reinhard Mawick

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