Antijüdisch?

Erbschaft Passionsmusik
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Schmidt behauptet eine bruchlose Kontinuität judenfeindlicher Tradition von Bachs Leipzig bis zu Auschwitz und darüber hinaus. Die Quellen stützen dieses Urteil aber nicht.

Zu den Erbschaften deutscher Geschichte gehört Auschwitz ebenso wie die Passionsmusiken des Lutheraners Johann Sebastian Bach. Deshalb wird seit über dreißig Jahren das Problem judenfeindlicher Wahrnehmung und Wirkung der Matthäus-Passion diskutiert. Nach der Shoa hat sich deren Wahrnehmung verändert. Aus dieser Einsicht unterzieht der Bibelwissenschaftler Johann Michael Schmidt die Wirkungsgeschichte der Matthäus-Passion seit ihrer Wiederentdeckung durch Mendelssohn im Jahr 1829 bis zum Bach-Jahr 1950 einer kritischen Revision. Er fragt nach dem Werk selbst, seinen biblischen Grundlagen und den kirchenhistorischen Bedingungen, unter denen es aufgeführt wurde. Dabei geht es um die Bibeltexte, die die Heilsbedeutung der Passion reflektieren, und um die von Bach benutzten Choräle und freien Stücke, ferner um die theologiegeschichtlichen Grundlagen von Luther bis zur lutherischen Orthodoxie, schließlich um die verschiedenen Text- und Traditionsschichten des Werkes.

Am Ende zieht Schmidt ein ernüchterndes Fazit: "Das Werk Bachs ist nicht nur in der judenfeindlich geprägten Tradition seiner Kirche und ihrer Theologie und ebenso im geistigen judenfeindlichen Klima seiner Zeit verwurzelt, es hat sie auch gestärkt und weitergeführt, zuerst über hundert Jahre hinweg hin zu Mendelssohn und seiner Zeit und dann vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die Zeit der systematischen Judenverfolgung und -vernichtung, zum Teil auch noch darüber hinaus." Damit wird eine bruchlose Kontinuität judenfeindlicher Tradition behauptet. Sie reiche von Bachs Leipzig, wo es am Karfreitag 1727 uraufgeführt wurde, bis zu Auschwitz und darüber hinaus.

Die Quellen stützen dieses Resultat nicht. Schmidt rechnet nicht mit einem Eigensinn des Werkes, der sich gegen antijüdische Vorstellungen behauptet. Der methodische Ansatz der Studie bezieht sich nur auf die von Bach vertonten Texte, nicht auf die Musik, die der Vergegenwärtigung des Passionsgeschehens dient und die Zuhörer bewegt, als "Ich" des Glaubens und als "Wir" der Gemeinde daran Anteil zu nehmen. Wie Bachs oratorische Passion wahrgenommen wird, hängt aber davon ab, ob ihre Intention als gottesdienstliche Musik verstanden wird. Sie zielt, ganz im Sinne Luthers, auf ein "Bedenken" der Passion, bei dem eigene Schuld erkannt wird. Es ist offensichtlich, dass jede antijudaistische Deutung der Passion Jesu dieses Ziel verfehlt.

Das größte Problem für heutige Zuhörer, Bachs musikalische Auslegung des Passionsgeschehens mitzuvollziehen, besteht nicht darin, dass sie sich von antijüdischen Denkmustern lösen müssten. Diese sind in Kirche und Theologie weithin diskreditiert. Das Hauptproblem, das einer angemessenen Rezeption im Wege steht, ist der Verlust an theologischer Substanz im Passionsverständnis und seine Verlagerung ins menschliche Mitfühlen. Schmidt sieht darin einen Gewinn, insofern die Matthäus-Passion das Leiden Jesu durch Vermenschlichung heutiger, auch jüdischer Wahrnehmung, näher bringe. So wird alles ausgeblendet, was in ihr auf die lutherische Lehre vom Sühneleiden des Gottessohnes verweist. Dass Bachs Passionsmusik gerade mit jenen Stücken steht und fällt, die die Passion Jesu als heilvolles Geschehen deuten, weist Schmidt zurück. Er meint sogar, Bachs Musik übertöne die Wahrnehmung und Wirkung der Texte. Wie kann sie dann Antijudaismus gepredigt haben? Und weshalb soll man sich dann um den Sinn der Texte bemühen?

Zuletzt hofft der Autor, durch "Zusammenschau von Auschwitz und Golgata" zu einer neuen Wahrnehmung der Matthäus-Passion zu gelangen. Aufklärung hilft aber nur, sich von irreführenden Konnotationen zu lösen. Es gilt, die Matthäus-Passion nach der Shoa neu als gottesdienstliche Musik zu hören.

Johann Michael Schmidt: Die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2013, 566 Seiten, Euro 29,90.

Michael Heymel

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