Raus aus Krisen und Konflikten

Was die Religionspsychologie über die Beweggründe von Konvertiten weiß
Susanne Wenger (Adunni Olurisa): "Gods in Exile", 1998. Die Malerin wird als Konvertitin vom katholischen Glauben zur Yoruba-Religion in der Frankfurter Ausstellung "Treten Sie ein! Treten Sie aus!" vorgestellt.
Susanne Wenger (Adunni Olurisa): "Gods in Exile", 1998. Die Malerin wird als Konvertitin vom katholischen Glauben zur Yoruba-Religion in der Frankfurter Ausstellung "Treten Sie ein! Treten Sie aus!" vorgestellt.
Die Motive, warum Menschen konvertieren, sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Häufig sind persönliche Krisen der Auslöser für einen Religionswechsel, wie die Trierer Religionspsychologen Sussan Rößler-Namini und Sebastian Murken herausgefunden haben.

"Bekehrung, Wiedergeburt, Gnadenempfang, religiöse Erfahrung, Erlangung von Gewissheit: dies sind verschiedene Ausdrücke zur Bezeichnung des schrittweisen oder plötzlichen Prozesses, durch den ein bisher gespaltenes und sich schlecht, unterlegen und unglücklich fühlendes Selbst seine Ganzheit erlangt und sich jetzt, stärker gestützt auf religiöse Wirklichkeiten, gut, überlegen und glücklich fühlt." Das schreibt William James, einer der Gründerväter der amerikanischen Psychologie (1902/1997) in seinem Buch "Die Vielfalt religiöser Erfahrung". Die dramatischen Veränderungen, die William James bereits Ende des 19. Jahrhunderts im Rahmen religiöser Konversionen beobachtete, lässt die Faszination erahnen, die das Thema auf Religionspsychologen ausübt. Für das Anliegen der Religionspsychologie, religiöses Erleben und Verhalten zu beschreiben und hinsichtlich ihrer Entstehung und Auswirkungen zu erklären, liefert es reichhaltiges und anschauliches Material. Die radikale Veränderung von Verhalten und Erleben, die in anderen Bereichen der Psychologie, etwa der Psychotherapie, ein mühseliges Unterfangen sein kann, erscheint im Rahmen von Konversionen fast wundersam vonstattenzugehen. Entsprechend hat kaum ein Thema die Religionspsychologie so intensiv beschäftigt wie religiöse Bekehrung oder Konversion.

Ein zentrales Grundprinzip religionspsychologischer Arbeit ist das so genannte Prinzip vom Ausschluss der Transzendenz, das bereits 1903 durch den Schweizer Théodore Flournoy formuliert wurde. Es besagt, dass die Wahrheitsfrage in Bezug auf religiöse Inhalte nicht Gegenstand psychologischer Untersuchungen sein kann und ausgeklammert werden muss. So fragen Psychologen nicht, ob Gott existiert und ob eine Konversion ein Ruf Gottes ist, sondern wie diese Vorstellungen und Erlebensweisen Menschen in ihrem Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen. Diese Selbstbeschränkung erscheint notwendig, da sich die Religionspsychologie der Methoden sowie theoretischen Konzepte und Erkenntnisse der Psychologie bedient, die keine Untersuchung von Transzendenz beinhalten.

Eine religionspsychologische Sichtweise geht davon aus, dass die innerpsychischen Prozesse, die im Rahmen religiöser Konversionen und anderer religiöser Phänomene wirken, nicht einzigartig sind, sondern mit psychologischen Mitteln verstanden und erklärt werden können.

Entsprechend versteht die Religionspsychologie Konversion unabhängig von theologischen Inhalten, wobei über die exakte Definition Uneinigkeit herrscht. Es dominiert jedoch die Auffassung von Konversion als einem radikalen persönlichen Wandel. Konversion wird damit von anderen Phänomenen religiösen Wandels, wie religiöser Entwicklung und weniger radikalen religiösen Veränderungsprozessen, abgegrenzt. Die in religionspsychologischen Studien untersuchten Phänomene umfassen Konversionen, die plötzlich oder graduell erfolgen, das gesamte Überzeugungssystem betreffen oder nur Teile davon, gegebenenfalls den Beitritt zu oder den Wechsel einer religiösen Gemeinschaft beinhalten und in unterschiedlichem Maß mit Veränderungen der persönlichen Beziehungen, des Lebensstils und des Selbstkonzeptes einhergehen. Neben verschiedenen Stadien einer Konversion werden auch Prozesse des Ausstiegs aus einer Religionsgemeinschaft, der so gennanten Dekonversion, sowie des "Abfalls" vom Glauben, erforscht.

Unbewusste Konfliktlösung

Wie kommt es aus Sicht der Psychologie zu religiösen Konversionen? Auf der Suche nach Motiven für eine Konversion sind Psychologen wiederholt auf die Bedeutung persönlicher Krisen gestoßen. Viele Konvertiten erleben im Vorfeld psychosoziale Belastungen, Lebenskrisen und emotionale Probleme. Diese können bis in die Kindheit oder Jugend zurückreichen und im Sinne akuter Krisen oder überdauernder Lebensthemen für den Konversionsprozess relevant sein. Entsprechend kann Konversion aus psychologischer Sicht als eine Form religiösen Copings, das heißt religiöser Bewältigung von Anforderungen, verstanden werden. Aus psychoanalytischer Sicht werden Bekehrungen als Versuche interpretiert, unbewusste innerpsychische Konflikte zu lösen. Allerdings darf der Aspekt der Krise nicht überbewertet werden, da auch Personen, die nicht konvertieren, von Belastungen berichten beziehungsweise Konversionen auch ohne Krisenerfahrung erlebt werden. Zudem hat sich gezeigt, dass mit einer Konversion oft eine Neuinterpretation des bisherigen Lebens einhergeht: Dieses wird rückblickend als leer, unglücklich oder schlecht erlebt und erst durch die Bekehrung als sinnvoll und glücklich.

Ein weiteres psychologisches Konversionsmotiv ist das menschliche Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit, Bindung und sozialer Integration. Die Herstellung eines Kontaktes zu einer Religion oder auch eine Vertiefung des Interesses daran erfolgt häufig durch Bekannte, Freunde und Familie. Auch können religiöse Leitungspersonen, zum Beispiel ein charismatischer Führer, eine große Anziehung ausüben.

Eine aktive Suche nach Gott oder nach religiöser Orientierung - oder allgemeiner nach Sinn - ist ein weiteres gut belegtes Konversionsmotiv. Konversionen sind nicht alleine durch psychologische und soziologische Faktoren zu erklären, sondern es gibt auch genuin religiöse Motive, das heißt religiöse oder spirituelle Bedürfnisse und Erfahrungen, die wirksam werden. Eine religiöse Suche kann durch psychologische Faktoren wie eine Krise oder soziale Bedürfnisse angestoßen oder intensiviert werden.

Die frühere Annahme, dass es sich bei Bekehrungen typischerweise um ein Adoleszenzphänomen handelt, konnte so pauschal nicht bestätigt werden, auch wenn Konversionen und auch Dekonversionen, also das Verlassen einer Religion, im Rahmen jugendlicher Identitätssuche relevant werden können. Ebenso konnte die Vermutung, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale eine Konversion pauschal begünstigen, nicht belegt werden.

Es hat sich vielmehr gezeigt, dass sich Konvertiten verschiedener Religionen und Gemeinschaften hinsichtlich ihrer Eigenschaften wie Vorerfahrungen, Bedürfnisse, Persönlichkeit und soziodemographische Aspekte unterscheiden. Es ist davon auszugehen, dass Personen sich zu spezifischen religiösen Gemeinschaften mit ihren jeweiligen Lehren und Strukturen hingezogen fühlen, deren Angebot ihren individuellen Bedürfnissen und Möglichkeiten entspricht, und dass die Interaktion zwischen Person und Gruppe wesentlich ist, die so genannte Person-Religion-Passung. Es hat sich beispielsweise gezeigt, dass unter Personen, die sich Gemeinschaften mit starken männlichen Leitungsfiguren zuwenden, ein verhältnismäßig hoher Anteil ihren Vater in der Kindheit verloren oder ihn abwesend erlebt hat. Für Personen, die sich Gruppen mit einer starken Regelorientierung anschließen, findet sich hingegen häufig eine hohe Ausprägung des Persönlichkeitsmerkmals Zwang- beziehungsweise Gewissenhaftigkeit. Die Ergebnisse einer eigenen Studie zur Person-Religion-Passung unterstützen diese Befunde, machen jedoch deutlich, dass es schwierig ist, eindeutige Passungsmuster für verschiedene religiöse Gruppen zu erstellen.

Was bewirken Konversionen aus Sicht der Psychologie? Auch wenn Konvertiten sich selbst und ihrer Umgebung teils völlig verändert erscheinen, so ist Stand der Forschung, dass grundlegende Persönlichkeitsmerkmale recht stabil bleiben. Auf anderen Ebenen hingegen sind deutliche Änderungen möglich; zum Beispiel sind Wandlungen von Einstellungen, Werten, Zielen, Identität und Erleben von Sinn zu beobachten, die wiederum mit Veränderungen im Verhalten, Erleben und Befinden einhergehen können.

Therapeutische Wirkungen

Die Frage nach den Auswirkungen einer Konversion auf das Wohlergehen und die psychische Gesundheit einer Person hat insbesondere im Kontext der Diskussion um so genannte neue religiöse Bewegungen viel Aufmerksamkeit gefunden. Entgegen einer von Kritikern angenommenen pauschalen Gefährlichkeit dieser Gemeinschaften haben internationale Studien wiederholt positive psychosoziale Konsequenzen - wie weniger psychische Probleme, höheres Wohlbefinden und Selbstwert, Gefühle von Zugehörigkeit sowie auch Abstinenz von Alkohol und Drogen - gefunden. Zu den möglichen psychologischen Wirkfaktoren, die eine solche "therapeutische Wirkung" von Konversionen vermitteln, gehören ein Zugewinn an Sinn- und Kohärenzerleben sowie die Erfahrung einer tragenden Beziehung zu Mitgliedern der Religionsgemeinschaft und religiösen "Figuren" wie Gott und Jesus. Unter den Veränderungen ihres Glaubens, die Konvertiten berichten, finden sich entsprechend häufig Schilderungen einer intensivierten und positiv gefärbten Gottesbeziehung.

In Folge einer Konversion können jedoch auch vorübergehende Krisen und Konflikte auftreten. Die Ursachen der Konflikte können dabei sowohl durch Merkmale der Religion, zum Beispiel eine starke Reglementierung aller Lebensbereiche, als auch durch individuelle Eigenschaften wie neurotische Züge oder geringe Flexibilität begünstigt werden. Persönliche Schwierigkeiten und problematische Beziehungsmuster können bestehen bleiben, im Rahmen einer Konversion ein neues Gewand annehmen oder auch in die religiöse Gemeinschaft verschoben werden. Insofern erscheint aus psychologischer Sicht Konversion als Bewältigungsstrategie nicht immer funktional und hilfreich.

Aus passungstheoretischer Sicht kommt es insbesondere dann zu Konflikten und Krisen, wenn die Bedürfnisse einer Person nicht im entsprechenden und möglicherweise erhofften Maße durch eine religiöse Gemeinschaft erfüllt werden oder eine Person die Anforderungen der Gemeinschaft nicht erfüllen kann oder möchte. Insbesondere schnelle, wenig reflektierte Konversionen - wie sie häufig in Folge akuter Krisen auftreten - führen daher im Verlauf oft wieder zu einer Abschwächung des religiösen Engagements oder einer Dekonversion. Häufig machen es jedoch emotionale Bindungen zu Glaubensgeschwistern oder auch charismatischen religiösen Führern schwer, eine Religion wieder zu verlassen. Begünstigt werden kann eine Dekonversion dagegen durch eine individuell attraktive Alternative, zum Beispiel eine neue religiöse Gemeinschaft oder auch eine neue Partnerschaft oder berufliche Perspektive.

Krisen, die im Rahmen von Dekonversionen auftreten, können in der Regel als temporär eingeordnet werden, vergleichbar mit Krisenerfahrungen in anderen Trennungssituationen wie Scheidungen. Eine aktuelle deutsch-amerikanischen Studie ergibt zudem Hinweise auf kulturelle Einflüsse: In den usa, die sich durch einen hohen religiösen Pluralismus und persönliche Religionswahl als Selbstverständlichkeit auszeichnen, finden sich Hinweise auf einen persönlichen Gewinn und Wachstumsprozess durch Dekonversionen. In Deutschland, wo die religiöse Landschaft deutlich weniger vielfältig und die Zugehörigkeit zu einer Religion in der Regel familiär bestimmt ist, wird das Verlassen einer Religion dagegen eher als Verlust und vorübergehende Krise erlebt.

Die Bedeutung der umgebenden Kultur hat sich auch in anderen, insbesondere neueren, Konversionsstudien gezeigt. Ein aktueller Vergleich von Umfragedaten aus vierzig Ländern hat beispielsweise ergeben, dass Konversionen in Ländern mit einem hohen Maß an religiösem Pluralismus wie Kanada und USA häufiger vorkommen als in Ländern mit einer geringen Pluralität, zum Beispiel Spanien und Polen. Eine stärkere Einbeziehung nicht nur religionsspezifischer, sondern auch gesellschaftlicher Kontextfaktoren wird eine Aufgabe einer sich weiter entwickelnden religionspsychologischen Konversionsforschung sein. In einem sich wandelnden religiösen Feld, in dem etwa die jüngst entstehenden Online-Religionen oder auch Patchwork-Religiositäten immer neue Fragen aufwerfen, wird das sich gleichermaßen wandelnde Phänomen der Konversion auch in Zukunft sicher nichts von seinem Reiz für die Religionspsychologie verlieren.

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Sussan Rößler-Namini / Sebastian Murken

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