Der Franz, der kann's

Nicht nur mit Gesten beeindruckt Papst Franziskus seit einem halben Jahr die Welt
Für einige Journalisten ist der Papst schon jetzt der Mann des Jahres. Foto: dpa / Michele Barbero
Für einige Journalisten ist der Papst schon jetzt der Mann des Jahres. Foto: dpa / Michele Barbero
Vor einem halben Jahr wurde aus Kardinal Jorge Bergoglio Papst Franziskus. In dieser Zeit sorgte er mit vielen Zeichen nicht nur unter Katholiken für Begeisterung. Im kommenden Monat nimmt die Kommission zur Reform der Kurie ihre Arbeit auf. Sie wird der Prüfstein dieses Pontifikats sein, meint Philipp Gessler, Redakteur für Religion und Gesellschaft beim Deutschlandradio.

Manchmal muss man sich die Augen reiben, um zu sehen: Doch, das passiert wirklich! Das ist kein Traum, was da in Rom gerade vor sich geht. Aber es ist wie ein Traum, ein schöner Traum, den die katholische Weltkirche derzeit durchlebt. Wir Katholiken sind in diesen Wochen ein wenig wie Träumende, um es mit Psalm 126 zu sagen.

Um dieses Gefühl nachzuvollziehen, muss man sich erinnern, wie die römisch-katholische Kirche noch vor einem halben Jahr aussah - erst durch den Kontrast wird das Besondere, Glänzende, ja Revolutionäre der gegenwärtigen Situation klar: In den letzten Jahren von Papst Benedikt XVI. glich die römisch-katholische Kirche einem Geisterschiff, das ziellos über die Meere irrte, der Kapitän offenbar mehr tot als lebendig, jedenfalls ganz offensichtlich nicht mehr Herr an Bord.

Die Vatileaks-Affäre hatte einen Abgrund an Missmanagement, Intrigen und Korruption im Vatikan offenbart. Joseph Ratzinger, der deutsche Papst, schien mit seinen Worten bestenfalls seine engste Entourage und den Innenraum der Kirche noch zu erreichen - und inhaltlich waren es fast ausnahmslos rückwärts-gewandte Aussagen, die von ihm zuletzt zu hören waren. Die römisch-katholische Kirche schien ein "closed shop" zu sein, selbstgenügsam und reich, egozentrisch und eitel.

Dann der zweifache Donnerschlag aus heiterem Himmel: Erst der historisch zu nennende Rücktritt Benedikts. Es war die vielleicht einzige Tat, mit der er sich wirklich in die Annalen der Kirche eingeschrieben hat. Dann am Abend des 13. März 2013 die überraschende Wahl von Kardinal Jorge Bergoglio aus Buenos Aires zum Papst. Auch Vatikanexperten hatten ihn bestenfalls auf den hinteren Seiten ihrer Notizzettel für die Papabili. Zu unwahrscheinlich schien es, dass die ganz überwiegend konservativen Wahlmänner in Purpur den "Kardinal der Armen" vom "Ende der Welt", wie Bergoglio selbst sagte, wählen würden.

Der Rest ist Geschichte, ist man versucht zu sagen - und vielleicht ist das ja nur ein wenig übertrieben. Seit gut einem halben Jahr folgt fast wöchentlich ein neuer Paukenschlag von Papst Franziskus. Er hat schon so viele alte Zöpfe in der Kirche abgeschnitten, dass ihn bald die römische Friseurinnung ehrenhalber aufnehmen sollte.

"Der Karneval ist vorbei"

Der Pontifex Maximus wirkte von den ersten Minuten an nach seiner Wahl durchgehend in eine Richtung: durch Gesten und Zeichen, durch Worte - und auch durch Taten.

Zunächst die Gesten und Zeichen: Kein roter Umhang auf dem Balkon nach seiner Wahl - angeblich mit dem Kommentar: "Der Karneval ist vorbei." Das gemeinsame Gebet auf der Loggia des Petersdoms, das Niederknien mit den Gläubigen - und die Bitte an sie, für ihn zu beten. Dann der Name "Franziskus", über den schon so viel geschrieben wurde. Tatsächlich ein Programm der franziskanischen "Option für die Armen" von Anfang an.

Keine leicht tuntigen roten Schuhe, die in einem absurden Kontrast zur Homophobie vieler Kurienmänner stehen, ein Fischerring aus Eisen, die selbst gezahlte Hotelrechnung für die Nächte des Konklaves. Eine nicht nur symbolische Waschung der Füße von Strafgefangenen, darunter eine junge Muslima. Papst Benedikt XVI. hatte diesen eigentlich schönen Akt noch mit ein paar Tröpfchen an den Füßen ausgewählter Priesterkollegen vollzogen. Tolles Zeichen!

Vor allem aber - und das ist nicht zu unterschätzen: Papst Franziskus lebt weiter, wie während des Konklaves, im vatikanischen Gästehaus Domus Sanctae Marthae. Das ist ein Zeichen der Demut, klar, aber dieser Wohnort befreit ihn auch vom zu engen Zugriff der Kurie. Denn hier kommt der Papst weiterhin in Kontakt mit normalen Leuten, erhält ungefiltert Informationen von der Welt da draußen. Er stellt sich normal wie alle anderen in der Kantine an - auch dies ein Zeichen.

Die Nahbarkeit, der auch körperliche Kontakt zu den Menschen ist ein wohltuender Kontrast zur Steifheit und Körperlosigkeit von Papst Benedikt XVI. Als ordentlicher Katholik sollte man jeden Abend darum beten, dass Papst Franziskus nicht wegen dieser Nähe zu den Leuten Opfer eines Anschlags wird.

Weil er den Kontakt zu ihnen suchte, kam er eine Stunde zu spät zum Termin mit der brasilianischen Präsidentin. Wer je eine auf die Minute durchgetaktete Auslandsreise eines Papstes erlebt hat, weiß, was dies für ein Tabubruch ist. Dann die Fahrt des Papst in einem einfachen Fiat durch Rio de Janeiro - all dies sagt etwas aus: Während Papst Benedikt noch wenige Monate zuvor erstarrt war in einer zweitausendjährigen Kirchengeschichte, in seinem eher schüchternen Naturell und einem absurd starren Zeremoniell höfischen Zuschnitts, schüttelt Papst Franziskus diese schweren Ketten mit offenbar leichter Hand ab.

Warum? Weil Papst Franziskus sich - und man scheut ein wenig diese Worte, die fast schon kitschig klingen - auf den Kern des Evangeliums konzentriert: Dass ein Christ, ob er nun im päpstlichen Weiß gekleidet ist, im Businessanzug der Wallstreet oder im T-Shirt eines Straßenkindes in Sao Paulo, für den Anderen da sein muss, gerade dann, wenn dieser Nächste arm und krank und hilfsbedürftig ist. In dieser Perspektive ist es wirklich total egal, ob man in einem Gästehaus lebt, im Fiat durch die Gegend irrt und die Staatspräsidentin eine Stunde warten lässt. Papst Franziskus hat Wichtigeres zu tun, als sich um solchen Kleinkram zu kümmern.

Dann die Worte des Papstes: Schon im Vorkonklave soll er die Mitbrüder durch eine schonungslose und knappe Analyse beeindruckt haben. Er kritisierte, die Kirche sei krank und in Selbstreflexion erstarrt. Es folgte Kritik am Karrieredenken in der Hierarchie, am "theologischen Narzissmus" und an der Selbstbezogenheit der Kirche. Da mussten allen Benedikt-Fans die Ohren klingen. Schöner hätten das auch Hans Küng oder Leonardo Boff nicht formulieren können. Aber nicht diese beiden gemaßregelten Theologen am Rand der Kirche übten diese Kritik. Sie kam vom obersten Lehrer der Kirche, vom Bewahrer ihrer Einheit. Unerhört!

Die Wagenburg verlassen

Gemäß seiner "Option für die Armen" hat das Pontifikat von Papst Franziskus schon jetzt eine kapitalismuskritische Note. Er spricht von einer "Diktatur der gesichtslosen Wirtschaft" und warnt: Ideologien, die eine unbeschränkte Autonomie der Märkte förderten, hätten den Menschen zur Ware gemacht: "Wir stehen am Beginn einer Abfallkultur." Der Papst betont, "dass derjenige die Armen bestiehlt, der seine Güter nicht mit ihnen teilt". Das ist Kapitalismuskritik auf der Höhe der Zeit.

Wo Papst Benedikt xvi. eine "Diktatur des Relativismus" sah und vor allem ängstlich nach innen schaute, verlässt sein Nachfolger die Wagenburg. Er schaut nach außen und zeigt, wo das wirklich Diktatorische droht oder schon herrscht. Die Ermahnung von Franziskus, die Kirche müsse an die Ränder der menschlichen Existenz gehen, ist durchaus als ein Reformprogramm zu lesen. Die Kirche und die Geistlichen müssten wieder den "Geruch der Schafe" annehmen, sich als Hirten mitten unter die Herde mischen, wie Papst Franziskus dies in einem schönen, wenn auch etwas sperrigen Bild gesagt hat. Es ist eindrucksvoller als seine erste Enzyklika, die noch zu sehr die Ängstlichkeit seines Mitautoren und Vorgängers Benedikt atmet.

Der Papst würde mit all diesen Worten nicht eine solche weltweite Wirkung entfalten, wenn er dabei nicht eine Sehnsucht anspräche, die in vielen Menschen, ob gläubig oder nicht, überall auf der Welt brennt: Dass ihnen jemand da ganz oben die Würde wieder gibt, die ihnen ein entfesselter Kapitalismus geraubt hat. Der Besuch des Papstes in einer Favela in Rio de Janeiro oder auf Lampedusa, wo die brutale Flüchtlingspolitik der "Festung Europa" am sinnbildlichsten ist, unterstreicht diese Strategie. Um es in der Fußballer-Sprache zu sagen: Der Papst geht dorthin, wo es weh tut. Und er fordert Priester auf, es ihm gleich zu tun.

Papst Franziskus belässt es nicht bei Gesten und Worten. Er greift vielmehr durch. Im Kampf gegen die mafiösen Strukturen in der Vatikanbank IOR hat er in wenigen Monaten mehr erreicht als Benedikt in acht Jahren. Dazu passt, dass Franziskus eiskalt die beiden einzigen Erzbischöfe Sloweniens ihres Amtes enthoben hat, weil die dortige Kirche ebenfalls in einem üblen Finanzskandal versunken ist. Da räumt jemand auf im Vatikan - und wenn es um Korruption geht, dann umso schneller und härter, so scheint es.

Der Knackpunkt dieses Pontifikats aber wird voraussichtlich die dringend notwendige Kurienreform sein, die Papst Franziskus anpacken will. Anfang Oktober tagt unter dem Vorsitz des honduranischen Kardinals Oscar Rodriguez Maradiaga die achtköpfige Kardinals-Kommission, darunter der Münchner Erzbischof Reinhard Marx, die im Auftrag des Papstes Vorschläge für eine Reform der römischen Kurie erarbeiten soll. Hier ist viel Widerstand zu erwarten.

Papst Franziskus verfügt aber über ein Druckmittel, das er geschickt einsetzt. Obwohl nun schon gut ein halbes Jahr im Amt, sind nach wie vor die wichtigsten Posten im Vatikan nur provisorisch besetzt. Das betrifft vor allem alle Leiter der "Dikasterien", also der Vatikanbehörden, mit Ausnahme eines Spitzenjobs, dem des Kardinalvikars, der der Stellvertreter des Papstes als Bischof von Rom ist. Das mag keine ganz feine Methode sein, aber wohl die einzige, um den Widerstand von großen Teilen der Kurie zu brechen.

Ein kühler Beobachter im Vatikan mit viel Sympathie für den Kurs von Papst Franziskus sagt es so: "Das alles wird noch richtig unbequem für uns im Westen werden, wenn er so weitermacht." Alle, mit denen er in der Kurie spreche, erzählten immer wieder neue Details, dass der Papst sehr genau wisse, was im Vatikan passiert - und dass er radikal dagegen halte. "Er hat die Chance, aus dem Vatikan glatt eine religiöse Veranstaltung zu machen", sagt der Geistliche sarkastisch - und fügt ganz ernst hinzu: "Ich bin ein riesiger Fan von ihm." Auch wenn er merke, dass man ihn im kurialen Alltag "noch nicht verkraftet" habe: "Das ist alles wunderbar."

Philipp Gessler

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