Gehobener Schatz

Impressionen aus Luzern
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Orchester und Solistin ergänzten einander nicht nur, sondern verschmolzen für eine beglückende halbe Stunde zu einer schwebenden und schwingenden Einheit...

Es ist 75 Jahre her, dass Arturo Toscanini in Luzern dirigierte und damit die beeindruckende Tradition des Lucerne Festivals begründete. Heute steht die Stadt vom Frühling bis zum Herbst fast durchgängig im Zeichen klassischer und zeitgenössischer Musik, und dies mit fast ausnahmslos hochkarätig besetzten Podien. Zu Ostern steht die sakrale Musik im Mittelpunkt, der November gehört der Klaviermusik. Das Herz des Festivals aber sind die Sommermonate August und September, während derer die weltbesten Orchester in Luzern gastieren.

In der Reihe "Historic Performances" hat es sich das kleine audiophile Label audite zur Aufgabe gemacht, bislang unveröffentlichte Schätze aus den ersten sechs Festivaljahrzehnten zu heben. Aufnahmen des Schweizer Radios und Fernsehens werden restauriert - mit Sorgfalt und klanglicher Akkuratesse, wie man der neuen Veröffentlichung attestieren darf. Sie stellt zwei Giganten des Klavierkonzerts nebeneinander: Mozarts d-moll-Konzert KV 466 und Beethovens fünftes Klavierkonzert in Es-Dur.

Als die Mozartinterpretin der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts galt Clara Haskil. Die 1895 in Bukarest geborene Pianistin war bereits mit sieben Jahren als Wunderkind erfolgreich, wurde in ihrer Karriere jedoch durch schwere gesundheitliche Probleme immer wieder zurückgeworfen. Nach einem schweren Sturz starb sie 1960.

Haskils besondere Stärke könnte man wohl als "Kunst der weiblichen Eingebung" beschreiben: "Ich spiele so, wie ich es fühle. Ich weiß selber nicht, warum", sagte sie über ihre antiintellektuelle Herangehensweise an ein Werk. Im Zusammenwirken mit dem Dirigenten Otto Klemperer und dem Philharmonia Orchestra ergab dies 1959 bei Mozarts d-moll-Konzert eine genialisch-grandiose Fügung, die Clara Haskil auch selbst "unvergesslich" nannte. Orchester und Solistin ergänzten einander nicht nur, sondern verschmolzen für eine beglückende halbe Stunde zu einer schwebenden und schwingenden Einheit.

Haskils Zeitgenosse Robert Casadesus spielte mindestens ebenso virtuos, strukturierte das Klanggeschehen aber wesentlich stärker, was ihm bei der Kritik mitunter den Vorwurf einer gewissen Kühle des Ausdrucks einbrachte. Dies mag man so sehen - man kann sich aber auch für die innere Logik begeistern, die Beethovens berühmtes fünftes Konzert in dieser Aufnahme vom September 1957 vom Beginn bis zum Finale durchzieht. Zugleich markierte der Abend einen einschneidenden Moment in der Festivalhistorie: Unter der Leitung von Dimitri Mitropoulos traten erstmals die Wiener Philharmoniker auf, die dem Festival seither die Treue gehalten haben.

Lucerne Festival - Historic Performances. Mozart KV 466 und Beethoven Klavierkonzert Nr. 5. Audite 95.623.

Ralf Neite

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