Gefühlsecht: Die Pubertät überleben

Beim Diary-Slam wird aus Teenie-Tagebüchern vorgelesen
Foto: pixelio/Dietmar Meinert
Es ist eine Zeitreise in die eigene Jugend, ein Déjà-Vu-Erlebnis, das einem in verdutzter Selbsterkenntnis schnell die Schamesröte in die Wangen und Lachtränen in die Augenwinkel treibt...

Ihr eigentlicher Ort ist das Dunkel, die Abgeschiedenheit. Manche werden mit kleinen Schlössern vor fremden Blicken gesichert, andere verschwinden heimlich in verschlossenen Schubladen oder in mit Schleifen gebundenen Kartons. Tagebücher trösten in der Einsamkeit, verbergen Sehnsüchte, die die Welt nichts angehen, und schützen die geheimsten Gefühle und Gedanken ihrer Verfasser. Sie zeichnen den Alltag nach mit all seinen Belanglosigkeiten und Katastrophen, sammeln die Fragmente von Leben auf der Suche nach einem Narrativ und wollen Erinnerung bändigen.

Ein Tagebuch ermöglicht das Zwiegespräch mit sich selbst. Wähnt man sich unzensiert, kann sich der Raum für ungeschönte Seelenforschung öffnen.

Doch: Ungeschönte Seelenforschung geht auch anders. Das beweist die zunehmende Popularität von Veranstaltungen, in denen Menschen aus ihren Tagebüchern öffentlich vorlesen. Die geheimen Seiten werden aus den Schubladen hervorgeholt, sorgfältig mit gelben Post-its versehen und in schwäbischen Kellerschuppen, Berliner Heimathäfen oder Hamburger Hochbunkern vorgetragen.

Und nein, die Rede ist explizit nicht von Schriftstellern, die uns in pointierten Aphorismen an ihrer täglichen Vermessung des Ichs und den Welt-Zeitläuften teilhaben lassen - zur Bereicherung und weiteren Erhellung ihres literarischen Werks, Vorbilder wie Thomas Mann oder Virginia Woolf nachahmend, deren Romanskizzen und pflichtbewusste Protokolle über Ausscheidungen, gefürchtete Erkrankungen und politisches Weltgeschehen, über Schlafprobleme, quälende Selbstzweifel und drängende Ambitionen es immerhin bis zur Drucklegung schafften.

Zum Besten gegeben werden beim Diary Slam - einer Art Vorlesewettbewerb - die Lieblingsstellen aus den eigenen Teenie-Tagebüchern. Heißt: Menschen ganz ohne schriftstellerische Ambitionen, aber offensichtlich mit Vergangenheit, stellen sich ihrer vielleicht intensivsten Schaffensperiode: der Pubertät. Dieser sturmumtosten, manchmal quälend langweiligen und doch höchst dramatischen Zeit, in der die Suche nach dem eigenen Ich begann und in der wiederholt der Sinn des Lebens ernsthaft auf der Kippe stand.

Die öffentliche Lektüre erfordert Mut. Vielleicht weniger in der Konfrontation mit dem belustigten, aber ernsthaft mitfühlenden Publikum als vielmehr mit dem Werther in einem, den man lange genug erfolgreich verdrängt hatte. Liebesschwüre, Todessehnsucht, verschmähte Liebe, ungelenke, zauberhafte erste Küsse, Schlussmachbriefe, Irrungen, Wirrungen, Glitzerhaarspray, großes Kino, Schwimmbadbekanntschaften, fünf Ausrufezeichen!!!!! Und hinter allem die lästigen Banalitäten aus dem Mathe- und Sportunterricht.

Und doch wird es nie lächerlich. Es ist eine Zeitreise in die eigene Jugend, ein Déjà-Vu-Erlebnis, das einem in verdutzter Selbsterkenntnis schnell die Schamesröte in die Wangen und Lachtränen in die Augenwinkel treibt. Wir erkennen uns wieder: In dieser Intensität, der Unbedingtheit, diesem Aufbruch ins Neue - und diesem sorgsam notierten Alltag auf dem Schulhof, im Kinderzimmer und der Ferienfreizeit.

Und wir stellen verblüfft fest, dass wir seitdem irgendwann und, fast ohne es zu beabsichtigen, erwachsen geworden sind. Das Gefühl von Erleichterung und so etwas wie Enttäuschung: Wir haben sie überlebt, die Pubertät. Übrigens: Wer einen Blick ins Deutsche Tagebucharchiv wirft, wird erstaunt sein, wie wenig anders die Seelennöte von Teenagern klangen, als sie noch Backfische hießen.

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Auszüge aus dem Tagebucharchiv

Natascha Gillenberg

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Natascha Gillenberg

Natascha Gillenberg ist Theologin und Journalistin. Sie ist Alumna und Vorstand des Freundes- und Förderkreises der EJS.


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