Provozierend

Undogmatischer Atheist
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Dieses Buch hat ein Atheist für Atheisten geschrieben. Aber auch Christen sollten es lesen, vor allem Geistliche. Denn sie werden daran erinnert, welche Schätze ihnen anvertraut sind.

Dieses Buch hat ein Atheist für Atheisten geschrieben. Aber auch Christen sollten es lesen, vor allem Geistliche. Denn sie werden daran erinnert, welche Schätze ihnen anvertraut sind.

Der Londoner Philosoph Alain de Botton ist in einer "streng atheistischen Familie" jüdischer Herkunft aufgewachsen. Zweifel an seiner Prägung kamen ihm "beim Hören von Bachs Kantaten", und sie wuchsen bei der Betrachtung mancher Madonnen Bellinis und der Begegnung mit der Zen-Architektur. Diese Erfahrungen haben de Botton bewegt, "sich auf Religion einzulassen, ohne ihren übernatürlichen Inhalten zuzustimmen". Er möchte die Aspekte "herausdestillieren", die sich für Menschen angesichts ihrer "endlichen Existenz auf einem unruhigen Planeten als zeitgemäß und tröstlich erweisen können".

Der 43-Jährige beklagt, "dass es fast überall an Treffpunkten mangelt, an denen aus Unbekannten Freunde werden könnten". Dies sei dagegen in Gottesdiensten der Fall. "Schön wäre es, oder so sollte es sein", möchte man als Pfarrer ausrufen. Das Abendmahl regt de Botton zu der Idee an, "Agape-Restaurants" zu schaffen, wo Arme und Reiche, Schwarze und Weiße, Kranke und Gesunde, Kirchenmitglieder und Konfessionslose miteinander essen. Das klingt utopisch, ja naiv, könnte aber Kirchengemeinden bestärken, gastfreundlich(er) zu sein.

Eine Stärke des Judentums und Christentums sieht de Botton im pessimistisch-realistischen Menschen- und Weltbild und in der rituellen Bewältigung von Schuld und Tod. Und am Christentum fasziniert ihn, dass der Kreuzestod Jesu Leidenden das Gefühl vermittle, "dass sie mit ihrem Elend nicht allein sind".

Protestanten können von de Botton lernen, wie wichtig bildende Kunst und Architektur für den Glauben sind. Doch wo er das Verhältnis der christlichen Konfessionen zur Architektur beschreibt, führen ihn Faszination für den Katholizismus und mangelnde Kenntnis des Protestantismus in die Irre. So konstruiert de Botton einen Gegensatz zwischen "den gesichts- und farblosen Gebäuden der Reformation" und den prunkvollen Bauten des Katholizismus. Um das zu illustrieren, wird ein Foto der nach Luthers Vorstellungen gestalteten Schlosskapelle von Torgau gezeigt, und eines der Jesuskirche in Rom, des Prototyps einer katholischen Barockkirche. De Bottons Unkenntnis erstaunt umso mehr, als gerade in Großbritannien intensiv der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche verfolgt wurde, die ein Prototyp lutherischen Barocks ist. Für Atheisten schwebt de Botton ein moderner "Tempel" vor, der den von ihm kritisierten evangelischen Kirchen entspricht. Er sollte "schmucklos" sein und so "Rahmenbedingungen für kontemplatives Nachdenken" bieten.

De Botton hält es auch für notwendig, "regelmäßige, ritualisierte Begegnungen mit Konzepten wie Freundschaft, Gemeinschaft, Dankbarkeit und Transzendenz" zu schaffen. Er zeigt Sympathien für den Versuch des französischen Philosophen August Comte (1798-1857), eine säkulare Kirche zu gründen. Unbekannt scheint de Botton zu sein, dass unitarische und freireligiöse Gemeinden bis heute - wenn auch mit mäßigem Erfolg - eine nichttheistische Religion organisieren und praktizieren.

Von welchem Gott er sich letztlich absetzen will, wird nicht so richtig klar. Jedenfalls schreibt de Botton (Kant lässt grüßen): "Bei der Betrachtung des Sternenhimmels überkommt auch nichtgläubige Menschen in der Regel ein tiefes, erlösendes Gefühl der Ehrfurcht." Und dann stellt er auch noch fest: "Wenn Gott tot ist, laufen die Menschen Gefahr, sich psychologisch für den Mittelpunkt der Welt zu halten - was ihnen ganz und gar nicht gut tut." Als Theologe kann man da nur noch "Amen" sagen.

Alain de Botton: Religion für Atheisten. Vom Nutzen der Religion für das Leben. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2013, 320 Seiten, Euro 21,99.

Jürgen Wandel

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