Ermächtigung der Laien

Überalterung, Abwanderung und Atheismus bedrängen Landgemeinden in Ostdeutschland
Gottesdienst im mecklenburgischen Jabel. Foto: epd/Rolf Zöllner
Foto: epd/Rolf Zöllner
Gottesdienst im mecklenburgischen Jabel. Foto: epd/Rolf Zöllner
Die Situation in entlegenen und dünnbesiedelten Gegenden Ostdeutschlands schildert Thomas Schlegel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Greifswalder Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung. Und er skizziert, wie die Kirche mit der ungewohnten Situation umgehen und was sie dabei von der katholischen Kirche Frankreichs lernen kann.

In eine Stadt ziehen "geht nicht", sagt Petra. Als sie mit ihrem Mann nach einer neuen Wohnung sucht, ist es klar, dass es wieder Globig sein muss, ein Dreihundert-Seelen-Dorf in Sachsen-Anhalt, das in fünf Jahren 31 Prozent seiner Jugend verloren hat. Wenn sie wegziehe, müsse sie "alles aufgeben". Damit meint Petra vor allem das "Haus der Begegnung". Ihre Enkeltochter habe dort "neue Omis" gefunden.

Jeden Dienstag ist im Mehrgenerationenhaus Kontaktcafé. Da kommen alle zusammen, erzählen und essen selbstgebackenen Kuchen. Gemeindepädagogin Renate Ehrhart hält eine Andacht und leitet das Bingospiel. Alle vier Wochen kommt eine Ergotherapeutin ins Haus. Und im Herbst gibt es "Gleichgewichtssport, damit die Senioren gut über den Winter kommen". Kinder können Gitarre lernen und Teenager sich bei Fußball und Tischtennis auspowern. Eine Kleiderkammer gibt es auch.

Normalerweise klingen Berichte von Kirchen in abgelegenen ländlichen Gebieten anders. Pfarrer, die viele Kirchen, aber wenige Menschen betreuen, geben Stoff für Untergangsszenarien: "Liebster Jesu, wir sind vier ... - wie ein Landpfarrer ständig um das Überleben kämpft", titelte der Informationsdienst der Deutschen Evangelischen Allianz (idea). Landpfarrer und Dorfgemeinden treten zunehmend in den Fokus der kirchlichen Öffentlichkeit. Den Auftakt bildete vor sechs Jahren der EKD-Text "Wandeln und gestalten". Und 2010 wurde eine Land-Kirchen-Konferenz installiert.Auch in der Forschung ist man auf das Thema aufmerksam geworden. Seit vier Jahren beschäftigen wir uns am Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung der Universität Greifswald mit der "Kirche in ländlichen Räumen". Derzeit führen wir eine Studie durch, in deren Rahmen wir auch Globig besucht haben. Uns interessiert, wie soziale Innovationen in dörflichen Kirchengemeinden entstehen - insbesondere, wenn sie ins Umfeld ausstrahlen. Und wir sind auf überraschend viel Kreativität gestoßen, keine Bauernhofromantik und Heile-Welt-Idylle im Landlust-Verschnitt, aber jede Menge Hoffnung, Mut und Glauben.

Neue Aufmerksamkeit

Und warum gibt es die neue Aufmerksamkeit für die Kirche in ländlichen Räumen? Wenn man sich anschaut, woher die Berichte stammen, ahnt man es. Es sind die einsamen Dorfkirchen und abgelegenen Pfarrämter Ostdeutschlands, die besonders viel Interesse wecken, in der Uckermark, in Sachsen-Anhalt und Pommern. Für sie ist eine besondere Melange typisch: Relativ dünne Besiedelung abseits großer Städte bei gleichzeitig hoher Atheismusdichte.

Räume mit ländlicher Siedlungsstruktur in einer peripheren oder gar sehr peripheren Lage machen 49,4 Prozent der Fläche Deutschlands aus, aber nur 13,1 Prozent der Bevölkerung. Schlagworte wie "demografischer Wandel" sind im Bewusstsein einer breiten Mehrheit angekommen. Weniger bekannt dürfte dagegen sein, dass die Verteilung des Rückgangs sehr unterschiedlich ist und dass er besonders das entlegene, dünn besiedelte Land trifft. Demografie hat zwar mit geringen Geburtenraten zu tun, aber eben auch mit Migration, "vor allem für junge Frauen und Hochgebildete das Mittel der Wahl, um den heimischen Verhältnissen zu entfliehen", wie die Mönchengladbacher Soziologin Claudia Neu feststellt.

Weniger Personen auf der gleichen Fläche zu versorgen wird immer teurer. Die Folge ist der Rückbau der technischen und sozialen Infrastruktur. Und das lässt die Attraktivität weiter sinken. Es drohen Funktionsverlust und Abkoppelung ganzer Gegenden. Bisweilen wird das Phänomen auch "Peripherisierung" genannt. Und Ballungsräume wirken wie Magneten, indem sie "Menschen, wirtschaftliche Produktivität und Infrastrukturfunktionen bündeln und so den übrigen Regionen entziehen", betont der Berliner Soziologe Karl-Dieter Keim.

Leben am Rande

"Territoriale Desintegration" erhöhe das Extremismuspotenzial, befürchtet der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer. Sie vermindere Teilhabechancen, weil "der Zugang zu erstrebenswerten Gütern und Dienstleistungen wie Arbeitsplatz oder gesundheitliche Versorgung ... auf Grund des Wohnortes dauerhaft erschwert" sei, erklärt Claudia Neu. Das Leben am Rande kommt einem Bedeutungs- und Machtverlust gleich. Es herrscht bisweilen das Gefühl, "dass es auf einen nicht mehr ankommt", schreibt der Kasseler Soziologe Heinz Bude.

Aber das sind nicht die einzigen Effekte, in deren Strudel die Kirche gerät. Durch verschiedene Trends verursacht wirken Kirchenausstritte gerade auf lange Sicht desaströs: In den neuen Bundesländern schlagen die Austrittswellen der Sechziger- und Siebzigerjahre erst jetzt mit voller Wucht durch. Bereits 2002 gaben dort 75,9 Prozent der 18- bis 29-Jährigen an, keiner Kirche anzugehören. Wiederum 95,4 Prozent von ihnen haben ihre Konfessionslosigkeit ererbt, sind nicht getauft worden. Man kann davon ausgehen, dass mindestens 70 Prozent der nachwachsenden Generation in Ostdeutschland keine Berührung mit der Kirche und/oder keine Kenntnis des christlichen Glaubens hat.

Dreimal so schnell geschrumpft

Diese Abbruchprozesse lassen die Kirche schneller schrumpfen als die Gesellschaft, in Mecklenburg-Vorpommern gar dreimal so schnell. Allein demografische Veränderungen für den Schwund der Kirchenmitglieder verantwortlich zu machen, ist also Augenwischerei: Die größere Herausforderung ist die (fehlende) Weitergabe des Glaubens.

Die beiden Faktoren gesellschaftliche Abkopplung und Abbruch der christlichen Tradition beschreiben den Kontext, in dem sich Kirche im peripheren ländlichen Raum bewegt. Sie stellen eine immense missionarisch-diakonische Herausforderung dar.

In Pfarrkonventen scheint eine andere allerdings präsenter zu sein, die strukturelle. Das kleinteilige Parochialsystem wird mehr und mehr ineffektiv und ist mittelfristig nicht mehr finanzierbar. Es gibt - wie in bei der staatlicher Verwaltung - die Tendenz zu Zentren und größeren Einheiten, den Regionen. Wegen der gedehnten Struktur wächst die Menge an Kirchengebäuden, Liegenschaften und Friedhöfen, die zu verwalten sind, während sie gleichzeitig von immer weniger Menschen genutzt werden

Ehrenamtliche wiederentdeckt

Unter den neuen Rahmenbedingungen verändern sich Aufgaben und Rolle der Geistlichen. Sie sind immer seltener Hirte, sondern eher Kleinstbischöfe. Zunehmend werden unternehmerische und organisatorische Fähigkeiten verlangt, während die Arbeit mit Menschen zurücktritt. Und das tangiert das innere Berufsbild und die Motivation der Pfarrerinnen und Pfarrer nachhaltig.

Ehrenamtliche werden von der Kirche derzeit wiederentdeckt - besonders da, wo sich die Institution zurückzieht. Und ihre Aufwertung benötigt ein verbessertes Freiwilligenmanagement, hinreichende Qualifizierung, seelsorgliche Begleitung, genaue Definition von Rechten und Pflichten und genügend Handlungsspielraum.

Beobachten lässt sich schon jetzt, dass sich mit diesen Prozessen auch die Formate kirchlichen Lebens wandeln. Liturgische Kleinformen sind im Kommen: Überall im Land gestalten Ehrenamtliche Andachten und Gottesdienste mit bemerkenswertem Einsatz und zum Teil hohem liturgischen Gespür. Ich erinnere mich an eine ältere Frau, die enthusiastisch und detailliert von Gottesdiensten in ihrer Gemeinde erzählte. Und erst recht spät merkte ich, dass an ihnen kein Hauptamtlicher beteiligt war.

Es ist davon auszugehen, dass die herkömmlichen Formen des Gottesdienstes mit einem frontal agierenden Pfarrer, liturgischem Wechselgesang und Orgelbegleitung in den ländlichen Räumen immer seltener zu finden sein wird. Und mit der Frage von Größe und Rhythmus der gottesdienstlichen Versammlung taucht schließlich ein Thema auf, das lange selbstverständlich war, aber nun neu verhandelt werden muss: Wie ist Kirche in den Dörfern präsent? Wo wird die Gemeinschaft der Heiligen sichtbar und erlebbar? Nur noch beim zweimonatlichem Gottesdienst? Und wenn selbst der nicht mehr gefeiert werden kann?

Bei der letzten Landkirchenkonferenz berichtete ein Superintendent aus der schlesischen Oberlausitz von einem Dorf mit einer kürzlich sanierten pittoresken Kirche, in der sich keine Christen mehr treffen. "Was machen wir, wenn es keine Gemeinde mehr gibt?", fragte er . Und unsere Runde reagierte mit Schweigen.

Welche Kirche?

Manchmal werden Stimmen laut wie "allein das Gebäude hält Kirche präsent". Es genügt, wenn jeder Ort irgendwo im kirchlichen Versorgungsnetz auftaucht. Aber von welcher Kirche redet man dann? Wird sie theologisch definiert oder nach den Gesichtspunkten einer Institution und Organisation? Oder beides? Schon ist man mitten in grundlegenden ekklesiologischen Fragen.

Mit der Elementarisierung der Debatte steht Theologie und Kirche keineswegs allein da. Denn seit einigen Jahren mahnen Politologen und Soziologen, demografischer Schwund und regionale Ungleichheiten berührten die Grundfesten des Gesellschaftsvertrages. Gerade an den Rändern der Gesellschaft - hier fallen geographische und soziale in eins - wird deutlich, das sich ein Übergang vom sorgenden zum gewährleistenden Staat abzeichnet. Damit sinkt freilich der "Anspruch, den seine Bürger an seine Leistungskraft stellen dürfen. Er muss aber zugleich Teile seiner allumfassenden Definitionsmacht an die Gesellschaft zurückgeben und so neue Handlungsspielräume schaffen ... Diese Hinwendung zu mehr Mitwirkung würde letztlich aber bedeuten, dass unsere Gesellschaft lernt, mit einer neuen Form von Selbstverantwortung und Risiko zu leben" (Claudia Neu).

Wie bei Politologen und Soziologen gilt auch für Theologie und Kirche: Mit den grundlegenden Erörterungen ist man bei des Pudels Kern angelangt. Die Frage nach der Kirche, wenn sie nicht mehr so ist, wie sie immer war, ist das eigentlich spannende Moment des Themas "Kirche in der Fläche". Bricht dort etwas gänzlich ab, oder/und entsteht etwas Neues? Und wie sieht das genau aus?

Kann der Wissenschaftler sich mit der beobachtenden Perspektive zufrieden geben, stellt sich für Kirchenleitungen die Frage, ob sie die Prozesse steuern können und wenn ja, in welche Richtung? Kirche wird durch das Thema "Kirche in der Fläche" mit der Frage ihrer künftigen Identität konfrontiert: Welche Kirche wollen wir dort sein, wo wir keine Volkskirche mehr sind?

Blick nach Frankreich

Diese Frage sollte nicht am grünen Tisch verhandelt und beantwortet werden. Gespräche darüber benötigen vielmehr eine enge Rückbindung an die Basis - in einem doppelten Sinne: Es geht um die strikte Beachtung der eigenen Möglichkeiten, aber auch des Kontextes, in dem man agiert. Zu der theologischen Frage muss sich die organisatorische und gesellschaftliche gesellen. Neben "Welche Kirche wollen wir sein?" ist zu analysieren: "Welche Kirche können wir sein, und welche sollten wir sein?" Als Anregung sei skizziert, welche Antworten sich in den peripheren Räumen selbst abzeichnen. Wie sieht eine Kirche aus, die dort neu an Kraft und Ausstrahlung gewinnt?

Es lohnt ein Blick nach Frankreich: In Poitiers werden unter Erzbischof Albert Rouet seit etwa zwanzig Jahren in den Dörfern "Basisequipen" gegründet. Dieses Modell beruht auf mehreren Grundentscheidungen: Die Christen vor Ort sind der Schatz der Kirche. Sie gilt es zu rufen, zu beauftragen und zu befähigen. Die Priester stehen im Dienst dieser örtlichen Gemeinschaften. Diese versuchen, an ihrem Ort Kirche zu sein, von Christus zu zeugen, Menschen zu dienen und Gott anzubeten (Martyria, Diakonie, Leiturgia) - stets in Austausch und Gespräch miteinander (Koinonia).

Ermächtigung als Ziel

Es fällt auf, dass Kirche hier weder strukturell noch architektonisch gedacht wird, sondern als Gemeinschaft der Christen. Da eine ausreichende Versorgungsstruktur nicht mehr vorhanden ist, zielt alles auf Ermächtigung: Die Menschen am Ort leben Kirche, es ist nicht der Priester, der diese repräsentiert. Er ist eher dazu da, das Leben der Basisequipe zu gewährleisten. Mission und Diakonie werden groß geschrieben

In Globig lassen sich diese Elemente ebenso wiederfinden. Und auch an den anderen Orten unserer Studie sind wir auf sie gestoßen. Sicher sind sie nicht neu. Interessant ist aber die neue Rolle, die die Kirche einnimmt. Die Parallelität zum Staat ist mit Händen zu greifen. Der Übergang von der sorgenden zur gewährleistenden Kirche, wie er sich in peripheren ländlichen Regionen anbahnt, impliziert die zeitgemäße Verschiebung: Die Kirche vermindert den Anspruch, den ihre Glieder an ihre Leistungskraft stellen dürfen. Sie muss aber zugleich Teile ihrer allumfassenden Definitionsmacht an die Gemeinden, die Christen am Ort zurückgeben und so neue Handlungsspielräume schaffen. Diese Hinwendung zu mehr Mitwirkung wird letztlich bedeuten, dass unsere Kirche lernt, mit einer neuen Form von Selbstverantwortung und Risiko zu leben.

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Thomas Schlegel

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