Tolerierte Gastarbeiter

Religiöse Toleranz und ihre Grenzen in den kleinen Golfmonarchien
Ohne Kreuze auf dem Dach: Die katholische Kirche in Kuwait. Foto: Andreas Gorzewski
Ohne Kreuze auf dem Dach: Die katholische Kirche in Kuwait. Foto: Andreas Gorzewski
In den kleinen Golfstaaten sind zahlreiche Kirchengemeinden entstanden. Hunderttausende Christen leben mittlerweile in Kuwait, Katar oder den Emiraten. Solange sie unter sich bleiben, dürfen sie ihre Gottesdienste feiern. Andreas Gorzewski, Theologe und Islamwissenschaftler hat einige Gemeinden besucht.

Freitags und samstags platzen die Kirchen in den kleinen arabischen Golfstaaten aus den Nähten. In Kuwait, Katar oder den Vereinigten Arabischen Emiraten strömen an den Tagen des islamischen Wochenendes Zehntausende Christen in die Gottesdienste. Am Sonntag müssen sie schon wieder arbeiten. In der "National Evangelical Church" in Kuwait geht es freitags wie in einem Multiplex-Kino zu. Am gekachelten Taufpool unter freiem Himmel findet ein Gebet auf Tamilisch statt. Im großen Kirchenraum dahinter singt eine englischsprachige Pfingstgemeinde zur Musik von Schlagzeug und E-Gitarre. In den umliegenden Hallen und Schuppen feiern indische, philippinische oder arabische Christen in ihren jeweiligen Sprachen. Sechzig Gemeinden, Gebetsgruppen und Konfessionen teilen sich das verwinkelte Kirchenareal. Die katholische Kirche "Unsere liebe Frau vom Rosenkranz" in Katar bietet Platz für 2.700 Gläubige. In dem modernen Rundbau finden im Stundentakt Messen in verschiedenen Sprachen statt. In Bahrain und Oman sieht es ähnlich aus. Im Gegensatz zum großen Nachbarland Saudi-Arabien erlauben die kleinen Golfmonarchien Kirchenbauten und die Einreise von Geistlichen. Allerdings ist die religiöse Toleranz begrenzt.

Anders als in Ägypten, Libanon oder Syrien, wo Christen seit zweitausend Jahren leben, sind die meisten der Gemeinden in den Golfstaaten relativ neu. In der britischen Kolonialzeit, die am Golf 1971 endete, entstanden einige Kirchen. Aber erst der Ölboom brachte neben anderen Muslimen auch hunderttausende Christen in die Region. Die größten Gruppen stammen aus den Philippinen, Sri Lanka, Nahost und Südindien. "Wir sind insofern eine besondere Kirche, als alle Gläubigen Ausländer sind", sagt Paul Hinder, katholischer Bischof unter anderem für die Emirate und Oman. Bis vor zwei Jahren war er auch für die meisten anderen Golfstaaten zuständig. "Es gibt keine einheimischen Christen", betont der Schweizer. Das internationale katholische Missionswerk Missio schätzt zwar, dass es in Kuwait zweihundert einheimische Kirchenmitglieder gibt, doch diese sind vermutlich eingebürgerte Christen.

Die Kirchengemeinden auf der arabischen Seite des Persischen Golfs zeichnen sich durch ihre Internationalität und den ständigen Wechsel ihrer Mitglieder aus. Viele der Hausmädchen, Bauarbeiter, Techniker, Mediziner oder Verwaltungskräfte haben nur eine Aufenthaltserlaubnis für zwei oder drei Jahre. Sie sind für die Herrscherhäuser nur Gastarbeiter, die laufend ausgetauscht werden. Nur wenige dürfen ihre Familien mitbringen. Als Ausländer müssen sie immer damit rechnen, dass ihre Arbeitserlaubnis nicht verlängert wird. Beim englischsprachigen Fürbitten-Gebet in der "National Evangelical Church" kommt die Fürbitte für alle, die sich um ihren Aufenthaltsstatus sorgen, an erster Stelle

Konfessionell locker

Durch das ständige Kommen und Gehen ist der Altersdurchschnitt in den Kirchen vor Ort deutlich niedriger als in den überalterten Gemeinden in Europa. Das beobachtete auch Pfarrer Jens Heller. Er leitete bis 2011 die deutsch-evangelische Gemeinde in den Emiraten, die sich mangels eines eigenen Gebäudes bei den Anglikanern einmietete. Schätzungen zufolge leben mehr als zehntausend Deutsche allein in den Emiraten. "Was die Leute sehr geschätzt haben, war ein deutschsprachiger Gottesdienst, aber da war es nicht unbedingt die Konfession, die entscheidend war", erzählt der kurhessische Pfarrer. So seien auch Katholiken und Anhänger von Freikirchen gekommen. "Das ist typisch fürs Ausland, dass man da konfessionell etwas lockerer ist."

Wer möchte, kann in der Golfregion die ganze Bandbreite christlicher Konfessionen erleben. Die meisten Christen dort sind katholisch oder gehören Kirchen an, die mit dem Vatikan uniert sind. Orthodoxe Kirchen sind ebenfalls stark vertreten. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl protestantischer Kirchen. Christen stellen laut Missio-Länderberichten in den Emiraten etwa neun Prozent der Bevölkerung und in Kuwait zehn bis zwölf Prozent. In Bahrain dürfte der Anteil der Christen nach Schätzungen anderer Organisationen auf ähnlichem Niveau sein, in Katar und Oman darunter. Exakte Statistiken fehlen allerdings, so dass die Schätzungen weit auseinandergehen können.

"Toleriert, aber nicht auf Augenhöhe", so beschreibt Thomas Birringer, Leiter der Nahost-Abteilung der Konrad-Adenauer-Stiftung, den Status der Christen in der Region. Christen haben demnach zwar die Glaubensfreiheit, ihre Gottesdienste zu feiern, eine vollständige Religionsfreiheit gibt es dagegen nicht. Diese würde das Recht einschließen, muslimische Konvertiten zum Christentum aufzunehmen und für den eigenen Glauben zu werben. Beides ist tabu. Die Vorrangstellung des Islam und die damit verbundene Begrenzung der Religionsfreiheit für andere Glaubensformen sind rechtlich und sozial verankert. Rechtlich ist der Islam in den Golfmonarchien die Staatsreligion, die großen Einfluss auf die Gesetzgebung hat. Sozial ist der Islam ein wesentliches Merkmal der einheimischen Gesellschaft. "Unser Verständnis von Religionsfreiheit beruht darauf, dass wir die Religionszugehörigkeit als etwas Individuelles ansehen", erklärt Nahost-Experte Birringer. Diese Denkweise fehle in der arabischen Welt. "Da ist die Religion ein nicht wechselbarer Teil der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft", sagt der Mitarbeiter der Adenauer-Stiftung. Abfall vom Islam stehe in allen Golfstaaten unter Strafe

Klare Grenzen

Solange die Christen unter sich bleiben, sind sie weitgehend ungestört. Es gebe klare Grenzen, betont Pfarrer Heller. "Der Gottesdienst muss in den kirchlichen Räumen stattfinden und darf auch nur mit Christen gefeiert werden." Bei Eheschließungen und anderen Amtshandlungen müsse sichergestellt sein, dass kein Familienmitglied Muslim ist. Auch Heller weist darauf hin, dass Mission mit Gefängnisstrafen geahndet werde. "Es war allen Pfarrern, die dort arbeiten, klar, wo die Spielräume und Grenzen sind", beschreibt der evangelische Theologe die Lage.

Die religiöse Trennung wird oft auch an den Gebetsstätten deutlich. Die registrierten Gemeinden dürfen sich in einer begrenzten Zahl Kirchen und sogar Kathedralen bauen. Oft erhalten sie dafür ein Grundstück vom König, Sultan oder Emir des betreffenden Staates. Trotzdem müssen sie weitgehend unsichtbar bleiben. Auf den Dächern fehlen meist die Kreuze. Viele der Kirchen liegen weit außerhalb am Stadtrand. Die riesige katholische Kirche in Katar mit Unterrichts- und Konferenzräumen steht zwischen Stadtrand und Wüste. Die Wolkenkratzer der Hauptstadt Doha ragen in der Ferne schemenhaft auf. An beiden Eingängen des Kirchengeländes dösen Schutzpolizisten in ihren Fahrzeugen.

Nur wenige Gotteshäuser befinden sich im Zentrum der Hauptstädte. So steht die "National Evangelical Church" in Kuwait nur einen Steinwurf von einem Parlamentsanbau an der Uferpromenade zum Persischen Golf. Kirchen-Neubauten stoßen in islamischen Staaten oft auf Widerstand. 2012 hatte der Großmufti von Saudi-Arabien öffentlich verlangt, alle Kirchen auf der arabischen Halbinsel zu zerstören. Da es in Saudi-Arabien gar keine Kirchen gibt, richtete sich der Appell an die kleineren Golfstaaten. Dort halten jedoch die Herrscher ihre schützende Hand über die Christen. Doch auch in Katar oder Bahrain regte sich Widerstand gegen christliche Gotteshäuser. Als der König von Bahrain ein Grundstück von der Größe eines Einkaufszentrums für den größten Kirchenbau der arabischen Halbinsel zuwies, protestierte ein prominenter sunnitischer Gelehrter. "Wer glaubt, dass eine Kirche eine wahrhaftige Gebetsstätte sei, hat den Glauben an Allah verlassen", schimpfte der Gelehrte. Wenn in den kleinen Golfstaaten Kritik an den Herrschern laut wird, kann das Birringer zufolge mit der großen Zahl der Ausländer und mit Ängsten vor dem Verlust der eigenen Kultur zusammenhängen. In den meisten Ländern bilden die Arbeitsmigranten eine Mehrheit gegenüber den Einheimischen. In Katar und den Emiraten wird der Bevölkerungsanteil der Ausländer sogar auf 80 Prozent geschätzt. Nur Oman hat eine Mehrheit eigener Staatsbürger. Zwar sind die Muslime überall durch viele Arbeitskräfte aus Pakistan, Afghanistan, Ägypten oder dem Jemen weiter deutlich in der Überzahl, aber auch sie bringen neue kulturelle Einflüsse mit.

Kein gleichberechtigter Dialog

Christen und Muslime haben als Gruppen wenig miteinander zu tun. Abseits einiger interreligiöser Konferenzen in den Hauptstädten sind Kontakte selten. Einen gleichberechtigten Dialog über Eigenheiten des jeweiligen Glaubens gibt es Pfarrer Heller zufolge nicht. "Da lebt man tatsächlich nebeneinander her", sagt der evangelische Theologe. Stattdessen gebe es persönliche Beziehungen einzelner Priester zu einheimischen Prinzen.

Allerdings ist auch der Kontakt unter den christlichen Konfessionen nicht allzu intensiv. Zwar schafft die räumliche Enge in den kirchlichen Arealen einen begrenzten Austausch. Wenn sich mehrere Dutzend Gruppen ein Gelände teilen müssen, begegnen sie sich zwangsläufig, aber ein echtes Miteinander ist das oft nicht. "Der Dialogprozess zwischen den etablierten Konfessionen ist etwas spärlich", meint Bischof Hinder. Das liege nicht an bösem Willen, sondern an der Überlastung. "Bei diesem Massenandrang über das Wochenende bleibt wenig Zeit und Kraft, über die eigenen Konfessionsgrenzen hinaus Initiativen zu entwickeln."

Die Zukunft der christlichen Gemeinden hängt von der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung am Golf ab. Hinder glaubt nicht, dass seine Kirchen nach dem absehbaren Ende der Ölförderung verwaisen werden. Alle Golfmonarchien versuchen ihm zufolge, ihre Abhängigkeit vom Öl durch Diversifikation zu verringern. "Selbst diese Diversifikation der Wirtschaft wird ausländische Arbeitskräfte benötigen", ist das Mitglied des Kapuziner-Ordens überzeugt. Sollte aber ein Staat beschließen, etwa die Zahl der Philippiner zu reduzieren, hätte das großen Einfluss auf die Gemeinden.

Andreas Gorzewski

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