Wiedergewinnen und wandeln

Eine Kirche für einen Ort der Erinnerung an geschichtliche Ereignisse
Foto: privat
Hitler und Ulbricht dürfen nicht Recht behalten - deshalb muss die Garnisonkirche wieder aufgebaut werden. Das fordert Martin Vogel, theologischer Vorstand der Stiftung Garnisonkirche Potsdam.

Am 30. April 1945, um sechs Uhr früh, standen Walter Ulbricht und neun deutsche kommunistische Emigranten vor dem Moskauer Hotel "Lux" in der Gorkistraße. Ein paar Minuten später trifft ein Autobus ein und fährt die Männer zum Flughafen. Ohne die sonst üblichen Zollkontrollen und Formalitäten werden die zehn deutschen Emigranten zu einer bereitstehenden amerikanischen Douglas-Transportmaschine gebracht. Niemand anders als Walter Ulbricht zieht im April 1946 bei der Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur SED im Hintergrund die Strippen. Als guter Zögling Stalins führt er so genannte Säuberungen durch und lässt politische Gegner beseitigen. Ulbricht übersteht den Tod Stalins und den Volksaufstand vom 17. Juni 1953, ohne politisch Schaden zu nehmen. Obwohl die Demonstranten damals skandierten: "Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille!", nahm die Machtfülle Ulbrichts zu. Nach dem Tod Wilhelm Piecks im Jahre 1960 ist er am Ziel. Alle entscheidenden Machtpositionen der DDR sind nun in seiner Person vereinigt.

Für die Christen in der DDR wurde die aggressive Kirchenpolitik zu einer extremen Belastungsprobe. Erwähnt seien etwa die Diffamierung der Jungen Gemeinden oder der Kampf gegen die Studentengemeinden. Die SED drängte die Kirchen Schritt für Schritt aus der Bildungspolitik zurück; den Religionsunterricht schaffte sie bis 1958 faktisch ab.

Erdrückende Diktatur

1954 führten die Genossen die Jugendweihe als Speerspitze gegen Konfirmation und Firmung ein. Jeder Jugendliche sollte ein Bekenntnis zur DDR ablegen. Alle Teilnehmer der Jugendweihe erhielten ein pseudowissenschaftliches Buchgeschenk mit dem Titel "Weltall, Erde, Mensch." Der erste Satz im Geleitwort Walter Ulbrichts lautete: "Dieses Buch ist das Buch der Wahrheit." Walter Ulbrichts so genannte Turmrede, die er am 7. Mai 1953 in Stalinstadt, dem heutigen Eisenhüttenstadt, hielt, wird in dieser Phase zu einer Art Leitbild für die sozialistische Stadtgestaltung: "Ja! Wir werden Türme haben, zum Beispiel einen Turm fürs Rathaus, einen Turm fürs Kulturhaus. Andere Türme können wir in der sozialistischen Stadt nicht gebrauchen." Insofern war es nicht verwunderlich, dass Kirchengemeinden große Schwierigkeiten hatten, die für den Wiederaufbau ihrer kriegszerstörten Kirchengebäude nötigen Genehmigungen und Baumaterialien zu erhalten.

Während die Sechzigerjahre in Westdeutschland als eine Zeit heftiger gesellschaftlicher Debatten und Umbrüche erinnert werden, erdrückte die Diktatur von Moskaus Gnaden in der DDR jeden gesellschaftlichen Aufbruch. Ulbrichts Ausspruch "Es muss wie Demokratie aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben!" stand als Maxime des Mannes an der Spitze weiterhin in Geltung.

Im Juni 1967 besuchte Ulbricht die Bezirkshauptstadt Potsdam. Im Rahmen seiner Visite äußerte der SED-Chef klar seine Erwartungen. Gemeinsam mit seiner Frau Lotte und dem üblichen Gefolge stand er vor der ehemaligen Hof- und Garnisonkirche. Sie war kriegsgezeichnet, aber wieder aufbaufähig. Bereits seit Jahren befand sich eine intensiv genutzte "Heilig-Kreuz-Kapelle" im Turm der Kirche. Doch Ulbricht erklärte: "Der Turm muss weg."

Nur auf der Postkarte

Der ehemalige Reichstagsabgeordnete der KPD Walter Ulbricht, lebte bereits im Untergrund, als Hitler am 21. März 1933 beim Staatsakt anlässlich der Reichstagseröffnung in der Potsdamer Garnisonkirche eine Ansprache hielt. Doch 1967 interessierte Ulbricht sich für die sozialistische Stadt: "Aufgrund der vielen Touristen ist es besonders wichtig, dass die Gestaltung von Potsdam in Ordnung geht. Die Ruine der Garnisonkirche kann man auch auf der Fotografie zeigen und sie verkaufen als Postkarte für Ausländer."

Damit war das Schicksal der Kirche entschieden. Die Beseitigung wurde rechtsstaatswidrig und pseudodemokratisch ins Werk gesetzt. Die Sprengung des Turms fand an einem Sonntag, am 23. Juni 1968, zur Gottesdienstzeit statt. Aus diesem Anlass wurde ein so genannter Lehrfilm zur "Sprengung einer Kirchenruine" erstellt. Der Film sollte bei zukünftigen Beseitigungen von Kirchengebäuden Anregung und Hilfe bei der praktischen Umsetzung geben.

Mit dem Fall der Berliner Mauer wurde ein demokratischer Neuanfang im Osten Deutschlands möglich. Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz stand in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten vor der großen Aufgabe, das Zusammenwachsen von Ost und West voranzubringen.

Freiheit zur Wandlung

Beim Ringen um den Wiederaufbau der Garnisonkirche führten die Diskussionen mit Vertretern von Stadt, Land und Kirche zu großer Klarheit im Blick auf die zukünftige Nutzung, den geplanten Wiederaufbau sowie die Gründung einer kirchlichen Stiftung als zukünftigem Bauherrn und Betreiber der Kirche.

Das christliche Verständnis vom Menschen weiß um die bleibende Ambivalenz des menschlichen Tuns. Der Mensch kann sein Wissen und Handeln zum Guten oder zum Bösen nutzen. Dass Menschen immer Sünder und Gerechte zugleich sind, spiegelt sich in besonders drastischer Weise in der Geschichte der Garnisonkirche.

Zu der Zwiespältigkeit des Menschen tritt aus christlicher Perspektive die Gewissheit der Versöhnungstat Gottes. Sie ist für alle Menschen geschehen. Darum glauben Christen, dass es für jeden Menschen die Chance für eine Veränderung gibt. Daraus kann neue Versöhnung erwachsen. Auch Städte, Kirchen und Symbole können so die Freiheit zur Wandlung gewinnen.

Schule des Gewissens

Die als offene Bürgerkirche wiedergewonnene Garnisonkirche soll ein Gotteshaus werden, in dem Menschen dem Kreuz als dem Zeichen der versöhnenden Liebe Gottes begegnen können. Das Vertrauen auf Gottes Gnade für den fehlbaren Menschen soll hier verkündigt, gefeiert und gelebt werden.

Die wiedergewonnene Kirche wird wie kaum ein anderes Gebäude der Erinnerung an zahlreiche geschichtliche Ereignisse Raum geben. In der Verantwortung vor Gott und den Menschen soll hier eine Schule des Gewissens entstehen, denn die Frage nach den Maßstäben des Menschlichen muss immer wieder neu gestellt werden.

Mein Fazit: In Potsdam existiert eine der markantesten Fehlstellen Deutschlands. Zwei massive staatliche Interventionen haben dazu geführt, dass die ehemalige Hof- und Garnisonkirche aus der Krone der Stadt getilgt wurde, zu der sie über 230 Jahre gehörte. Die Nazis haben die Kirche am so genannten Tag von Potsdam für ihre Propaganda instrumentalisiert. Unsere Vorfahren widerstanden diesem Versuch aus unserer Sicht nicht in ausreichender Klarheit. Walter Ulbricht befahl 1967 die Sprengung der zwar kriegszerstörten, aber wiederaufbaufähigen Kirche und beförderte damit einen erschütternden Akt der Kulturbarberei. Hitler und Ulbricht dürfen nicht Recht behalten!

Friedrich Schorlemmer: Nie wieder

Martin Vogel

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