Luther als Menschen entdecken

Warum es der Reformator nicht verdient hat, auf seinem Sockel festgenagelt zu bleiben
"Bildnis des Ehrwirdigen Herrn / Doct: Martini Lutheri", um 1580. Foto: akg-images
"Bildnis des Ehrwirdigen Herrn / Doct: Martini Lutheri", um 1580. Foto: akg-images
Für die Forschung ist längst klar, dass das im 19. Jahrhundert und zum Teil bis auf den heutigen Tag gepflegte Lutherbild auf Stilisierungen fußt, die auf Luther selbst und auf seine Umgebung zurückgehen. Volker Leppin, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Tübingen, zeigt, dass Luther gar nicht auf die traditionelle Denkmalpflege angewiesen ist.

Man wird es nicht verhindern können: Die Feierlichkeiten zum Reformationsjubiläum 2017 werden die Person Luthers in den Mittelpunkt stellen. Das breit gestreute Logo mit seinem Konterfei, die offizielle Bezeichnung der Vorbereitungszeit als "Luther-Dekade", die mediale Aufmerksamkeit, all das hat einen klaren Zug dazu, weniger die Vielfalt der reformatorischen Bewegung zu bedenken als eben jene eine Person. Zwar wird man wohl nicht wieder Lutherdenkmäler im Stile des 19. Jahrhunderts errichten - aber es wird einiger Anstrengung bedürfen, nicht der theologischen Heroisierung Luthers zu verfallen, wie sie seit dem Jubiläumsjahr 1917 gepflegt wird.

Mit seiner damaligen Rede in Berlin hatte der Kirchenhistoriker Karl Holl die so genannte Luther-Renaissance ausgelöst und ein Bild konstruiert, das vielfach nachgeschrieben, gelegentlich differenziert, am Ende aber wenig hinterfragt wurde: das Bild von jenem Luther, der sich durch eine neue exegetische Erkenntnis, die Deutung der "Gerechtigkeit Gottes" in Römer 1,17 mit einem Schlag vom Mittelalter löste und aus dessen vermeintlicher Finsternis in die Neuzeit aufbrach.

Diese Beschreibung war nicht nur deswegen so wirkungsvoll, weil sie genial einfach Luthers Theologie aus einem biographischen Geschehen und einer Zentralüberzeugung heraus erklären konnte, und auch nicht nur deswegen, weil sie dem protestantischen Selbstverständnis so gut tat, das sich mit seiner Hilfe als neuzeitlich vom dunklen Katholizismus abgrenzen konnte. Ihre Stärke lag auch darin, dass sie Luthers eigene Erinnerungen für sich hatte: Sein berühmtes "Großes Selbstzeugnis" aus der Vorrede zu seinen lateinischen Werken von 1545 gab das Muster vor. In ihm berichtet der Reformator selbst von seinem langen Ringen um den Bibelvers aus dem Römerbrief und von der schlagartigen Erkenntnis, die ihm schließlich den Sinn der gesamten Heiligen Schrift eröffnete. Diese Erzählung ließ sich noch anekdotisch durch weitere Erinnerungen in den berühmten Tischreden ausschmücken, nach denen all dies super cloacam in einem Wittenberger Turm stattgefunden habe, was, natürlich fern von allem Reliquienkult, bis 2017 noch manchen dazu bringen wird, vor Ort nach "Luthers Turm" oder gar "Luthers Klo" zu suchen.

Legende statt Bericht

Doch so vorsichtig wir im Alltag mit Selbstdeutungen sein müssen, so sehr gilt dies auch für die historische Rückschau auf den Reformator: Die Deutung, die jemand von sich selbst gibt, ist eine wichtige Stimme, aber nicht immer ist man gut beraten, ihr einfach zu folgen. So ist im Zuge der Forschungsgeschichte von Luthers Bericht über seine reformatorische Erkenntnis nicht viel übrig geblieben. Er wurde gedreht und gewendet, Texte wurden verglichen: Jenen einen Moment, von dem an alles anders wurde, gibt es nicht - die Vorstellung von dem einen großen Durchbruch sollte man verabschieden. Tatsächlich lässt sich beim frühen Luther eine ganz allmähliche Entwicklung nachvollziehen. Reformator wurde er nicht mit einem Schlag, sondern lesend, lernend und suchend.

Wenn aber das ganze Geschehen wankt, wird auch der Ort, der Turm, fraglich. Tatsächlich zeigt ein genauer Blick in die Tischreden, dass diese Lokalisierung keineswegs von Anfang an ganz sicher mit Luthers Erinnerung verbunden war. Gleich, ob Luther selbst ihn in seine Erzählungen eingefügt hat oder erst die Tradenten seiner Worte: Hier ist mehr Legende am Werk als historischer Bericht, mehr bewusste Formung als spontane Erinnerung. Das heißt aber auch: Der Sockel für Luthers Denkmal wurde früh gefertigt.

Schon er selbst legte Erinnerungsspuren, denen andere folgen sollten. Und diese taten das willig und gerne, ja, sie strickten weiter an dem Bild, das man von dem Reformator haben wollte. Man schrieb mit, was er sagte, und scheute sich nicht, seine Worte so weiter zu gestalten, wie es der eigenen Vorstellung entsprach. Die berühmte Tischredensammlung von Johannes Aurifaber ist ein Musterbeispiel für stilistische und zum Teil auch inhaltliche Korrekturen des Meisters - und sie hat über Jahrhunderte, zum Teil bis heute, dessen Gedächtnis geprägt. Bei den anderen Tischredenschreibern lassen sich ähnliche Bearbeitungen beobachten, freilich nicht so augenfällig und vor allem bis heute weitgehend unerforscht. Die Tischreden wurden viel öfter ausgeschlachtet als wissenschaftlich analysiert. Doch das ist nicht der einzige Grund dafür, dass die Lutherforschung immer noch an manchen Stellen hinter dem wissenschaftlich Möglichen hinterherhinkt.

Der Medienstar

Wenn die jüngste Lutherbiographie von Heinz Schilling Luther im Untertitel als "Rebell" bezeichnet, bedient sie eifrig das Bild, das man sich von dem Reformator schon immer gemacht hat - mit jenem zögerlichen, vorsichtigen, manchmal getriebenen Mönch aus Wittenberg, der einem in den Quellen begegnet, hat dies nur phasenweise zu tun. Es gab eine Zeit, in der er sich bewusst gegen die vorgegebenen Autoritäten stellte und ihnen furchtlos das Evangelium entgegenstellte. Das mögen jene Jahre zwischen 1520 und 1525 gewesen sein, in denen er zum Medienstar aufstieg und zugleich in Bann und Acht getan wurde. Da agierte er, preschte auch mal vor, setzte Grenzen.

Aber der Weg dahin war nicht der eines Rebellen, sondern der eines Menschen, den seine eigenen Erkenntnisse manchmal überrollten, und der zugleich von anderen zu Einsichten getrieben wurde, vor denen er selbst noch zurückschreckte. Man denke nur an das Geschehen in Leipzig im Sommer 1519, als Luther Johannes Eck gegenüberstand. Es war dieser gelehrte Ingolstädter Professor, der durch sein insistierendes Fragen Luther dazu drängte, "daß wir, wir wollen oder wollen nit, sagen müssen: Das Concilium hat geirret" (so Luther gegenüber Kurfürst Friedrich dem Weisen).

Und selbst noch die Konsequenz, dass dann allein die Schrift noch als Autorität bliebe, hat in dieser Schärfe nicht Luther zuerst gezogen, sondern Melanchthon. Luther fand dann dessen Thesen hierüber "ganz schön frech, aber überaus zutreffend" - und die Reformation hatte ihr Sola-Scriptura-Prinzip. Luther war eben keineswegs von Anfang an der Rebell und Kämpfer, als den ihn Protestanten so gerne sehen, er wurde dies erst unter der Wucht seiner Erkenntnisse und des ihnen entgegengebrachten Widerstands.

Ein Mystiker

Er selbst meinte noch wenige Monate nach Bekanntwerden der Thesen gegen den Ablass, als der Sturm der Entrüstung schon heftig über ihn hereingebrochen war, er habe doch nichts anders sagen wollen als die Mystiker des späten Mittelalters. Und tatsächlich spricht für diese Ansicht manches: Das Bußverständnis, das er dem Ablass entgegenstellte, hatte er offenbar aus den Schriften Johannes Taulers gewonnen, eines Mystikers des 14. Jahrhunderts, und verholfen hatte ihm hierzu sein Beichtvater Johann Staupitz.

Luther brach nicht einfach, wie man es gerne sieht, mit "dem" Mittelalter. Er knüpfte vielmehr an bestimmte Entwicklungslinien an - und musste mit großer Bitternis lernen, dass die Kirche seiner Zeit nicht bereit war, die Konsequenzen, die er hieraus zog, zu tragen oder auch nur zu ertragen. Den Bruch hat er nicht gesucht, sondern der wurde herbeigeführt durch seine Ankläger, die gar nicht einmal so sehr bei seinen Themen blieben, sondern mehr und mehr die Frage nach der Autorität des Papstes in den Mittelpunkt stellten. Auch sie vertraten nicht "das" Mittelalter, aber sie fanden Gehör und setzten sich durch - Luther wurde exkommuniziert und reagierte selbst mit der Abwendung von der Kirche des Papstes, der ihm schließlich nur noch als Antichrist erschien.

Viel Nebel

So kompliziert und verworren sind die Geschehnisse, wenn man sich auf die Debattenlage in den Anfangsjahren der Reformation einlässt. Da war nicht einfach Schwarz und Weiß, sondern viel nebliges Grau, aus dem sich erst nach und nach klare Alternativen herausschälten.

Dass es gleichwohl bis heute nicht nur in den Gemeinden, sondern auch in der Wissenschaft schwer fällt, von dem heldenhaften Bild Luthers Abschied zu nehmen, zeigt sich beispielhaft an den Emotionen, die eine eigentlich marginale Frage immer noch hervorrufen kann: die nämlich, ob Luther am 31. Oktober die 95 Thesen an die Türen der Wittenberger Schlosskirche geheftet habe oder nicht. Was ändert sich, wenn nicht? Was wäre am Protestantismus wohl anders? Nichts. Und doch scheint es in Kirche und Theologie vielfach leichter, damit zu leben, dass Jesus nicht in Bethlehem geboren ist, als damit, dass der Thesenanschlag nicht stattfand - obwohl nicht zuletzt der Reformator selbst berichtet, er habe seine Bedenken gegen den Ablass erst privatim den Bischöfen mitgeteilt, ehe er sie veröffentlichte. Das ist mit dem traditionellen Bild vom Hammer schwingenden Luther nicht so recht zu verbinden, hat aber wohl mehr Gewicht als die in jüngeren Darstellungen mit großem Ernst vorgetragenen Vermutungen, es habe am 31. Oktober 1517 sehr wohl einen Druck der Thesen in Wittenberg gegeben, nur habe man eben leider keinen Beleg dafür.

An diesem Denkmalstück hat also nicht einmal Luther selbst gebaut, sondern sein nächstes Umfeld, sein Sekretär Georg Rörer und sein Kollege Philipp Melanchthon, die von einem solchen Thesenanschlag berichteten. Aber das Luthertum ist ihnen eifrig und gern darin gefolgt. Bis heute fällt es auch manchen Forschern schwer, sich aus dem Banne der Selbstdarstellungen des Reformators und der Stilisierungen durch seine Kollegen zu lösen. Zu einprägsam sind die heldischen Bilder, zu gut brauchbar für eine Betonung der eigenen Identität und zu ihrer medialen Popularisierung - in Schrift, Film und Logo.

Auf Augenhöhe

Die Sorge ist offenkundig groß, man werde nur verlieren, wenn man auf die gängigen Legenden verzichte - so muss, wer für eine kritische, vorsichtige Sicht Luthers votiert, wohl auch erklären, was wir damit gewinnen: Was bleibt, wenn der Denkmalsockel zerbröselt ist und Luther nicht mehr oben steht? Nun eben: Er kommt auf Augenhöhe. Macht man sich erst einmal die Mühe, unter den vielen Schichten der Monumentalisierung Luthers hindurchzutauchen, begibt man sich auf die spannende Reise zu einem Menschen, der vielleicht gerade in seinen schwierigen Zügen lebendiger vor Augen steht als manche Papier gewordene Gelehrtengestalt seiner Zeit. Man kann sich ärgern über jemanden, der einen langen Dialog mit dem bedächtigen Erasmus von Rotterdam einfach mit dem selbstbewussten Bekenntnis abschließt, er sei es, der die Wahrheit sage. Man kann aber auch fasziniert sein von einem, der um Überzeugungen ringt, der manchmal irrt, aber nicht aufhört, mit aller Energie Theologe zu sein und Gottes Wort hochzuhalten. 1917 war es ein großer Fortschritt, Luther aus den Fängen nationaler Deutungen zu befreien - 2017 kann es die Aufgabe sein, ihn als Menschen zu entdecken.

Volker Leppin

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Volker Leppin

Volker Leppin (geboren 1966) ist Professor für Kirchengeschichte in Tübingen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen beim Mittelalter, der Reformationszeit und der Aufklärung, in den Themen Scholastik und Mystik und bei der Person und Theologie Martin Luthers.


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