Kritisches Potenzial

Der aufgeklärte Protestantismus steht in Kontinuität zur Reformation
Max Liebermann: „Der zwölfjährige Jesus im Tempel“, 1879. Foto: akg-images
Max Liebermann: „Der zwölfjährige Jesus im Tempel“, 1879. Foto: akg-images
Die "liberale Theologie" war eine Strömung der evangelischen Theologie, die in mannigfachen Verästelungen vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert reichte. Dass ihr Vermächtnis noch keineswegs eingelöst ist, sie immer noch zu neuen Fragen und neuen Antworten drängt, wissen unsere Autoren, die die Bezeichnung "aufgeklärte Theologie" vorziehen. - Johann Hinrich Claussen ist Propst und Hauptpastor an St. Nikolai in Hamburg, Martin Rößler Theologischer Referent im Kirchenkreis Hamburg-Ost.

Die Theologie hat es mit der Ewigkeit zu tun. Aber wie vergänglich ist sie doch selbst. Streift man einmal durch die Bibliothek einer evangelisch-theologischen Fakultät, vorbei an den langen Regalen, die sich unter der Last der alten Klassiker biegen, weht einen nicht nur ein Geruch von Staub, sondern auch ein Gefühl von Vergänglichkeit und Vergeblichkeit an. All diese Bücher, all diese Aufsätze, all diese Forschungen, Debatten und Konflikte, all diese großen Namen, diese Schulen und Lager, was für Mühe und Arbeit, wie viel Herzblut - dennoch ist das meiste davon heute vergessen, und zwar zu Recht. Auch wenn es einen selbst im Studium damals begeistert haben mag, man muss das meiste davon nicht wieder lesen. Es hat seine Zeit gehabt.

Zugleich aber gibt es bleibende Fragen, epochale Problemmuster, theologische Spannungen, die sich in wenigen klassischen Werken schon vor zwei- oder dreihundert Jahren herauskristallisiert haben, die immer noch virulent sind, irritieren und anstoßen, so dass auch heutige Theologen sich mit ihnen befassen sollten, weil sie dann sich und die Gegenwart besser verstehen würden. Und genau dies sollte ja das Ziel der Theologiegeschichte sein, dass sie dazu verhilft, vor dem Horizont der Herkunftsgeschichte die eigene Zeit zu deuten und in ihr zu leben. Zu diesen alten, aber längst nicht erledigten Fragen und Gedanken gehört das, was man unter dem Stichwort "aufgeklärter Protestantismus" zusammenfasst. Verbreiteter ist das Label "liberale Theologie". Doch dieses ist aus mehreren Gründen missverständlich. Zum einen war "liberale Theologie" fast immer nur eine polemische Etikette. Sie sollte eine Fehlorientierung brandmarken, diente also weniger als sachlich-historische Kategorie denn als Warnschild: Achtung, liberale Theologie! Deshalb hat "keiner der Theologen, die heute als liberale Theologen gelten, sich selbst als liberaler Theologe bezeichnet", wie der Marburger Systematiker Jörg Lauster in einem Aufsatz mit dem schönen Titel "Liberale Theologie. Eine Ermunterung" festgestellt hat. Zum anderen hat diesem Begriff die nur teilweise gewollte Parallele mit dem politischen Liberalismus geschadet, der ja selbst inzwischen einen erheblichen Ansehensverlust erlitten hat. Schließlich zeigt der Begriff dadurch in eine falsche Richtung, dass er so auf Theologie ausgerichtet ist. Dabei war doch das, was er benennt, eine neue Epochengestalt des Christentums, die sich keineswegs nur in den Universitäten entfaltete. Darauf weist der Begriff des "Neuprotestantismus" hin, den Ernst Troeltsch in die Diskussion gebracht hat, um den Bruch zum hergebrachten Altprotestantismus zu markieren. Aber auch dieser Begriff hat seine Tücken. Vor allem die erste Silbe stimmt nicht mehr. Denn auch der Neuprotestantismus hat längst ein ehrwürdiges Alter erreicht.

Deshalb ist es am sinnvollsten, vom "aufgeklärten Protestantismus" zu sprechen. Denn dieser Begriff beschreibt eine epochale Spannungseinheit, die immer noch Fragen stellt und zu neuen Antworten drängt. Wie nämlich können Protestantismus und Aufklärung harmonieren? Wie kann das evangelische Christentum zum neuzeitlichen Wahrheits- und Freiheitsbewusstsein in ein konstruktives Verhältnis gesetzt werden? Wie können christliche Frömmigkeit und humane Kultur einander wechselseitig bereichern? Und wie kann die christliche Religion so über sich aufgeklärt und zugleich gesellschaftlich integriert werden, dass sie selbst das Gewaltpotenzial bändigt, das sie wie jede Religion besitzt? In diesem Sinne ist der aufgeklärte Protestantismus keine Erfindung von Theologen wie Friedrich Schleiermacher, Albrecht Ritschl oder Adolf von Harnack, also nicht nur eine Sache des bürgerlichen 19. Jahrhunderts. Der Begriff verweist vielmehr auf eine Grundströmung, die den Protestantismus von Beginn mitbestimmt hat. Die Reformation wäre ja nicht möglich gewesen, wenn nicht auch Humanisten in ihr mitgewirkt hätten. Selbst der Altprotestantismus hat aus humanistischen Quellen geschöpft, auch wenn er sie gelegentlich hart bekämpfte. Zum anderen ist die Geschichte des aufgeklärten Protestantismus noch längst nicht zu Ende erzählt. Denn in den aktuellen religionspolitischen Debatten steht er stellvertretend ein für alle Versuche, Religion und Aufklärung miteinander zu vermitteln. Er ist als Modell und Grundanliegen die Alternative zu den Fundamentalismen der Gegenwart, aber auch zum gegenaufklärerischen Vatikankatholizismus. Darin weist er weit über die eigenen konfessionellen Grenzen hinaus, bietet sogar deutschen Muslimen Anregungen im Grundsätzlichen, etwa der Verhältnisbestimmung Staat und Religion, wie in Detailfragen, zum Beispiel des Religionsunterrichts.

Da der aufgeklärte Protestantismus sich als Emanzipationsbewegung gegen autoritäre kirchliche und staatliche Obrigkeiten formierte, lässt er sich leichter negativ als positiv beschreiben. Troeltsch versuchte, die Vielfalt aufgeklärter Protestantismen in diesen Leitbegriffen zu bündeln: Er ist eine Glaubensreligion im Gegensatz zu einer Sakramentsreligion. Darin vertritt er einen religiösen Individualismus im Unterschied zu einer kirchlichen Autoritätskultur. Mit einer Gesinnungsethik versucht er die herkömmlichen Gesetzesethiken abzulösen und Impulse für eine weltoffene Verantwortung in Gesellschaft und Kultur zu gewinnen. Ein wesentliches Merkmal des aufgeklärten Protestantismus ist dabei, dass er konsequent zwischen dem "Wesen des Christentums" und dem "protestantischen Prinzip" sowie deren geschichtlichen Verwirklichungen unterscheidet.

Den Sinn dieser Unterscheidung hat der Kieler Systematiker Hans-Joachim Birkner einmal so erklärt: Ihre Absicht ist es, "zu verhindern, dass der Protestantismus mit einer einzelnen Gestaltung seiner Geschichte identisch gesetzt wird. Sie erlaubt es, auf ungeschichtliche Kontinuitätsvorstellungen zu verzichten und reaktionären Kontinuitätsforderungen zu widerstehen."

Um dieses Wesensprinzip zu erheben, genügt aber nicht der Griff zur Bibel. Es gilt, einen allgemeinen Religionsbegriff zu entwickeln, von dem aus das Besondere des Christentums erkannt werden kann. Für den aufgeklärten Protestantismus ist Religion primär ein subjektives Erlebnis. Dieser Rekurs auf den Erlebnisbegriff, so Lauster, "dient dazu, die subjektive Brechung der Religion herauszustellen. Religion gibt es nicht da draußen irgendwie, sondern nur subjektiv im Bewusstsein von Menschen. Das Individuum muss und kann sich die religiöse Weltdeutung nur selbst zu eigen machen und als solche leben und vertreten. Religion ist eine innere Überzeugung und nicht das bloße Fürwahrhalten von Glaubenssätzen."

Aufgewertete Individualität

In dieser Aufwertung der Individualität steht der aufgeklärte Protestantismus übrigens in Kontinuität zur Reformation, wie sie Hegel präzise beschrieben hat: "Dies ist nun das, was der lutherische Glauben ist, dass der Mensch in Verhältnis zu Gott stehe und darin er selbst als Dieser nur erscheinen, nur Dasein haben müsse: d.h. seine Frömmigkeit und die Hoffnung seiner Seligkeit und alles dergleichen erfordere, dass sein Herz, sein Innerstes dabei sei. Seine Empfindung, sein Glauben, schlechthin das Seinige ist gefordert - seine Subjektivität, die innerste Gewissheit seiner selbst, nur diese kann wahrhaft in Betracht kommen in Beziehung auf Gott."

Das Entscheidende ist das innere Leben des Individuums. Dieses zu bilden, zu orientieren und anzureichern, ist die Aufgabe der Theologie. Diese aber hat, ebenso wie die Kirche, die Macht verloren, den individuellen Glauben zu normieren. Daraus folgt eine große Freiheit im Umgang mit allen Frömmigkeitsgestalten. Sie dürfen, ja sie sollen relativiert und kritisiert, aber auch aktualisiert und anerkannt werden. Sein kritisches Potenzial muss der aufgeklärte Protestantismus aber immer auch an sich selbst wirksam werden lassen. Er muss seine Gestalt - für den Einzelnen, als Kirche, in der Gesellschaft - immer wieder neu entwickeln - und dies in einer Vielfalt, die auf Außenstehende verwirrend und anziehend wirkt.

Betrachtet man den aufgeklärten Protestantismus als Emanzipationsbewegung, fallen vor allem die kritischen Potenziale ins Auge: die Kirchen-, Dogmen-, Moral- und Bibelkritik. Dabei übersieht man aber, dass er immer auch eine Frömmigkeitsbewegung gewesen ist. Er war "eine volkstümliche Macht", wie der Kirchenhistoriker Heinrich Hoffmann schon vor gut einhundert Jahren schrieb: "Mehr als die Pastorenkirche der Orthodoxie und auch mehr als der volkstümliche, aber auf kleinere Kreise beschränkt gebliebene Pietismus hat die Aufklärung eine Volks- und Laienfrömmigkeit hervorgebracht."

Diese Frömmigkeit ist zum einen dadurch gekennzeichnet, dass sie nicht "heiß", sondern eher "kühl" ist (Rüdiger Safranski). Die Glaubensgewissheit ist gebrochen durch Zweifel und Rückfragen, darin aber ehrlich und in Bewegung. Sie äußert sich eher leise als laut, scheut das Bekenntnis und versucht lieber, in Lebensführung und ethischem Engagement den Glauben zur "zweiten Natur" (Harnack) werden zu lassen. Die alte Dogmatik hinter sich lassend, entwirft der aufgeklärte Protestantismus eine ethische Frömmigkeit, deren Betätigungsfeld die Welt außerhalb der Kirche ist - wie er überhaupt bemüht ist, die Grenzen zwischen "Kirche" und "Welt" flüssig und durchlässig zu halten. Darin liegt nicht zuletzt ein missionarisches Potenzial.

Wenn dies die epochalen Eigenschaften und Stärken des aufgeklärten Protestantismus sind, was sind dann seine Schattenseiten? Da wäre vor allem die Tendenz zur liberalen Illiberalität zu nennen. Man immunisiert sich gegen die Kritik der religiös Konservativen oder allzu fromm Progressiven, indem man ihnen bescheinigt, noch nicht die Stufe des Aufgeklärten erreicht zu haben. Dadurch marginalisiert man die Alternative zu sich selbst, auf die man doch bleibend verwiesen ist. Denn auch der aufgeklärte Protestantismus lebt von Voraussetzungen, die er selbst allein nicht hervorbringen kann: einer Kirche, die er elastisch machen, aber nicht bilden kann; einer Frömmigkeit, die er öffnen, aber nicht stiften kann (oder gibt es schöne aufgeklärte Choräle?); einem diakonischen Engagement, das er modernisieren, aber nicht initiieren kann; einem Beharren auf gesellschaftlicher Verantwortung der Kirche, das er in vernünftige Bahnen lenken, aber nicht erzeugen kann. Deshalb ist der aufgeklärte Protestantismus immer auf altprotestantische Traditionsbestände und nichtaufgeklärte Frömmigkeitsbewegungen angewiesen. Von Seiten eines altgläubigen Protestantismus kann er sich entgegen gehalten lassen: Wenn alle Ausdrucksgestalten kritisiert, relativiert, aktualisiert und pluralisiert werden dürfen, droht die Gefahr, dass eigene Glaubensaussagen nicht mehr mit Klarheit und Nachdruck getätigt werden. Die Betonung religiöser Individualität verführt dazu, das soziale Prinzip des Religiösen zu übersehen und den Gemeinschaftsbezug zu vernachlässigen. Das diakonische Engagement lässt sich mit dem aufgeklärten Protestantismus nur schwer begründen, weil das hierfür erforderliche religiöse Sendungsbewusstsein und die unbedingte Einsatzbereitschaft fehlen. Nichts ist also verfehlter, als wenn aufgeklärte Protestanten sich selbst als Ziel des religiösen Fortschritts verstehen und es an Toleranz und Kooperationsbereitschaft nichtaufgeklärten Frömmigkeitsformen gegenüber mangeln lassen.

Die große Zeit des aufgeklärten Protestantismus war das lange 19. Jahrhundert. Hier lebten und wirkten die kulturprotestantischen Klassiker. Man darf aber nicht übersehen, dass sie zu ihrer Zeit eine bedrängte und bekämpfte Minderheit waren. Doch sie kennt und studiert man noch, was man von ihren reaktionären Gegnern nicht sagen kann. Aber ihre Rezeption war lange unterbrochen. Und dies hat auch mit dem Ersten Weltkrieg zu tun. Als dieser begann, ließen sich die großen Repräsentanten des Kulturprotestantismus auch von nationalistisch-militaristischem Überschwang begeistern. Doch die Klügeren unter ihnen - wie Harnack oder Troeltsch - wurden schon bald zu Kritikern der deutschen Führung und engagierten sich außen- wie innenpolitisch für den Frieden. Darin legten sie ein Teilfundament der ersten deutschen Demokratie. Doch ihr Engagement für eine Politik des Ausgleichs, eine modernitätsoffene Gesellschaft und eine Kultur der christlich mitgeprägten Humanität wirkte in den aufgeheizten ideologischen Auseinandersetzungen der Weimarer Republik vorgestrig und altbürgerlich.

Aber auch das lange und bittere Jahrhundert der Ideologien liegt inzwischen weit zurück. Wir leben in Deutschland in einer offenen Gesellschaft und einer postautoritären Kirche. Die Welt um uns herum jedoch ist von vielen gewaltträchtigen, religionspolitischen Konflikten bestimmt. Gewinnt da der aufgeklärte Protestantismus nicht eine neue Virulenz und Plausibilität? Die liberale Theologie als Schule oder Richtung mag man getrost der kirchlichen Ideengeschichte überlassen, den aufgeklärten Protestantismus als eine besondere Ausgestaltung des protestantischen Prinzips dagegen sollte man neu und selbstbewusst zur Diskussion stellen. Dabei darf man aber nicht übersehen, dass er heute zwar gedanklich besonders attraktiv wirken mag, er es aber besonders schwer hat, sich eine angemessene Gestalt zu geben. Denn es gibt keine Autoritäten mehr, gegen die er sich als Emanzipationsbewegung profilieren kann. Er muss schon positiv, aus sich selbst heraus überzeugen. Wenn der aufgeklärte Protestantismus also eine Gegenwart und eine Zukunft haben will, muss er eine eigenständige Haltung entwickeln, sich als eine bewusste Gestalt des Glaubens mit einem unverkennbaren ethischen Engagement, mit einer ihm selbst angemessenen Kirchlichkeit und nicht zuletzt als eine Form von Frömmigkeit vorstellen. Die Herausforderung, heute ein aufgeklärter Protestant zu sein, ist vielleicht noch größer, als sie es früher war.

Johann Hinrich Claussen / Martin Rößler

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