Mit Ecken und Kanten

Der Heidelberger Katechismus wirkt über Ursprungsort und Entstehungszeit hinaus
Die Synode der reformierten Kirchen 1618/19 im holländischen Dordrecht verlieh dem Heidelberger Katechismus internationale Bedeutung. Foto: dpa
Die Synode der reformierten Kirchen 1618/19 im holländischen Dordrecht verlieh dem Heidelberger Katechismus internationale Bedeutung. Foto: dpa
Ursprünglich für die Kurpfalz gedacht, ist der Heidelberger Katechismus zu einem Buch von Weltgeltung geworden. Der Heidelberger Kirchenhistoriker Johannes Ehmann schildert Entstehung und Wirkungsgeschichte des Dokumentes, das eine bessere ökumenische Plattform sei als das Augsburger Bekenntnis der Lutheraner.

Die Befürchtung, die Reformationsdekade der EKD könne in diesem Jahr das Jubiläum des Heidelberger Katechismus überlagern, ist unbegründet. Obwohl Pfarrerschaft und Kirchenvolk von diesem Katechismus wenig wissen, zieht er mit seinen 129 Fragen ein großes Interesse auf sich. Und das rührt offenbar tiefer als die um sich greifende Eventkultur, die oft bar jeglicher historischen Grundierung agiert. Vielleicht ist der Heidelberger ein - Gott sei Dank - zu schwieriges Buch, um allzu schnell der Funktionalisierung im Sinne des allfällig politisch Korrekten und kirchlich Gefälligen zum Opfer zu fallen. So ließen bereits die zum Jahresende 2012 erkennbaren Initiativen auf Seiten reformierter und unierter Kirchen, zu deren Bekenntnisstand der Heidelberger Katechismus gehört, ermessen, dass im Jubiläumsjahr ein breites theologisches und pastorales Feld zwischen Historie, Dogmatik und gemeindlicher Praxis beackert werden wird.

Das letzte große Jubiläum des Heidelberger-Katechismuses fand 1963 statt. Damals waren die konfessionellen Identitäten noch schärfer ausgeprägt - auch innerprotestantisch. Noch zehn Jahre sollten ins Land gehen, bis die Leuenberger Konkordie 1973 die Kirchengemeinschaft von Lutheranern und Reformierten festschrieb. So lässt sich auch der literarische Niederschlag des damaligen Jubiläums bewerten: Sammlung des historisch Konsensualen zu Verfasserschaft und Verbreitung des Heidelbergers, Festpredigten über Fragen des Katechismus, die freilich längst fremd geworden waren, da sie katechetisch seit Jahrzehnten keine Rolle mehr spielten, historische Vergewisserung des historisch schon Abständigen oder zumindest Entgleitenden.

In diesem Jahr scheint das paradoxerweise anders: Gerade die Fremdheit des Katechismus, seine sperrige Rhetorik wie seine überraschend einfühlsame Sprache wecken neues Interesse. Entdeckt wird der diskursive Charakter, der nicht nur persönliche Erfahrungen (unhinterfragt) formuliert, sondern nachvollziehbar Denkschritte im Glauben zu beschreiben versucht.

Soll diesem Interesse verantwortet entsprochen werden, sind zwei Wege zu vermeiden: Der Weg der theologischen und katechetischen Auffrischung und naiven Wiederbelebung des Historischen einerseits und der Weg der unhistorischen Funktionalisierung eines historischen Ereignisses jenseits von Imagekampagnen andererseits. Dazu bedarf es der Vermittlung geschichtlicher Kenntnisse im Jubiläumsjahr.

Der Heidelberger Katechismus ist die heute am weitesten verbreitete, in Dutzende Sprachen übersetzte evangelische Schrift aus dem deutschen Sprachraum. Aber in die Wiege war ihm das nicht gelegt. Das macht schon der ursprüngliche Untertitel deutlich: "Christlicher Unterricht, wie der in den Kirchen und Schulen der Churfürstlichen Pfalz getrieben wird." Es handelte sich also nicht um ein Werk für die Reformierten in aller Welt, sondern um die Lehrgrundlage (doctrina) eines deutschen Territorialstaats, die aus theologischen Kämpfen heraus entwickelt wurde. Die Erarbeitung des verbindlichen Lehrbuchs gründete in den spezifischen theologischen Wirren der Kurpfalz am Ende der Fünfzigerjahre des 16. Jahrhunderts. Kurfürst Ottheinrich (1556-59) hatte im Schutz des Augsburger Religionsfriedens von 1555 die hinhaltende Religionspolitik seiner Vorgänger Ludwig V. und Friedrich II. beendet. 1556 führte er in der Kurpfalz mittels der württembergischen Kirchenordnung von 1553 ein oberdeutsch geprägtes Luthertum samt dem Brenzschen Katechismus ein. Doch eine unglückliche Berufung der leitenden Theologen - Philipp Melanchthon lehnte eine Übersiedelung nach Heidelberg ab - führte zu einem bemerkenswerten wie desaströsen Ergebnis. So wirkten an der Universität Heidelberg zeitgleich Theologen unterschiedlichster Provenienz, kompromisslose wie vermittelnde Lutheraner, Melanchthonianer (Philippisten) und Zwinglianer. Und das im Jahrzehnt des wieder auflebenden (zweiten) innerprotestantischen Abendmahlsstreites (nach 1552).

Handgreiflicher Streit

Die theologische Pluralität der Kurpfalz fand vorläufig ein Ende, nachdem Diakon Wilhelm Klebitz und Generalsuperintendent Tilman Heshus die Neuauflage des zwingli-lutherischen Streits vor den Augen der Heidelberger Gemeinde handgreiflich ausgetragen hatten. Beide wurden am 16. September 1559 entlassen.

Damit lag freilich am Tage: Die Festigung der Reformation in der Kurpfalz würde durch andere, neue Theologen erfolgen müssen. Der nun regierende Kurfürst Friedrich III. (1559-76) erhoffte sich von außen, zunächst wieder von Melanchthon, die Lösung der Abendmahlsfrage durch ein Gutachten. Dies erstattete Melanchthon, der sich im Verständnis des Abendmahls deutlich von Luther unterschied, wenige Wochen vor seinem Tode. Und der Kurfürst ließ es noch 1560 als "Bericht und Ratschlag des Herren Philippi Melanthonis vom stritt des Hayligen Nachtmahls und zenckischen Kirchendienern" zu Heidelberg drucken. Der Einfluss des Gutachtens auf die Abendmahlslehre des Melanchthonschülers Zacharias Ursinus und damit auf den Heidelberger Katechismus ist kaum zu unterschätzen.

Von außen kamen Theologen, deren (Zusammen-)Wirken unter Friedrich III. eine neue Kirchenordnung und den als Lehrbuch neugeschaffenen Katechismus hervorbrachte. Zu nennen sind der Franzose Pierre Boquin (1518-1582), der Deutsche Kaspar Olevian (1536-1587), der Italiener Immanuel Tremmelius (1510-1580), nach 1564 der Niederländer Petrus Dathenus (1532-1590), der schon länger in Heidelberg wirkende Schweizer Hofarzt und Theologe Thomas Erastus (1520-1583) und vor allem der junge Schlesier Zacharias Ursinus (1534-1583). Der Theologe, der seit 1561 in Heidelberg lehrte, gilt als Hauptverfasser des Katechismus. Fast alle genannten waren Flüchtlinge, von Altgläubigen oder konservativen Lutheranern aus ihren Ämtern verdrängt oder gar verfolgt. An die Stelle der destruktiven Pluralität der Lehrmeinungen trat nun die konstruktive Pluralität einer alle Lebensumstände umgreifenden Theologie. Sie fand ihre Mitte darin, eine Reformation des Lebens zu begründen.

Die Einkleidung des Heidelberger Katechismus in die Kirchenordnung, seine Verortung zwischen Taufe und Abendmahl, geben ihm einen kirchengründenden Rang als der wahr erkannten doctrina. Auch wenn die Lutheraner das Werk, insbesondere seine Abendmahlslehre, heftig ablehnten, zeigt es doch einen protestantischen Mittelkurs, eine vermittelnde Theologie, die geeignet war, die unruhigen Verhältnisse in der Pfalz zu befrieden. Freilich war der schweizerische Einfluss mit Händen zu greifen und die lutherische Behauptung der leiblichen Gegenwart Christi im Abendmahl preisgegeben.

Die Schroffheit der Polemik gegenüber der katholischen Sakramentstheologie tritt in der noch 1563 zweimal veränderten und verschärften Frage 80 zutage: Danach ist die römische Messe eine "vermaledeite Abgötterei". Aber dem Katechismus geht es weniger um konfessionelle Polemik als um die klare Unterscheidung des Göttlichen und Geschöpflichen, wie es evangelisch-reformierter Theologie bis heute eigen ist.

Am 13. Januar 1563 wurde der Heidelberger Katechismus einer Synode aus Kirchenräten und Superintendenten der Kurpfalz vorgelegt. Aufgrund seiner Nähe zu katechetischen Arbeiten Ursins geht der Konsens darin, diesen als Hauptverfasser zu sehen. Doch Genaueres ist nicht bekannt und wird aufgrund der archivalischen Verluste der Kurpfalz kaum zu gewinnen sein.

Die Synode nahm an der Vorlage keine Änderungen vor. Doch im Nachgang zur Einführung des Katechismus wurden zwei Superintendenten entlassen, die die reformierte Neuorientierung der kurpfälzischen Kirchenpolitik nicht mittragen wollten. Ansonsten vollzog sich die Einführung des Heidelbergers aber reibungslos. In den Hauptstädten der Pfalz war sie verbunden mit Katechismusauslegungen. Und schließlich kam der Katechismuspredigt der Rang einer Perikope für die Nachmittagsgottesdienste zu.

Trotz des lutherischen Intermezzos unter Kurfürst Ludwig VI. (1576-1583) setzte sich der Heidelberger Katechismus bis zum Dreißigjährigen Krieg in der Pfalz als Lehr- und Unterrichtsnorm durch. Doch es gelang nicht, durch seine Abendmahlslehre den innerprotestantischen Streit zu entschärfen. Insbesondere das auch in seiner protestantischen Führungsrolle aufstrebende Herzogtum Württemberg polemisierte heftig gegen den Katechismus. Und nach dem Scheitern der Maulbronner Vermittlungsgespräche 1564 versuchten die Württemberger der Kurpfalz den reichsrechtlichen Schutz ihrer Konfession zu entziehen, denn diese sei mit dem lutherischen Augsburger Bekenntnis von 1530 unvereinbar. Aber das konnte Kurfürst Friedrich III. abwenden.

Die herausragende Rolle, die der Heidelberger Katechismus bis heute für den Protestantismus spielt, gründet nicht in seiner pfälzischen und nur mit Einschränkung in seiner auf das Reich bezogenen Geschichte.

Überspitzt gesprochen stellt der Katechismus ein Migrantenbuch dar. Sowohl die Ausweisung reformierter Prediger nach 1576 wie auch die Rolle der Prediger von Flüchtlingsgemeinden wie Dathenus, der einerseits als pfälzischer Hoftheologe zunächst territorial, dann aber im Kontakt zu den vielen Flüchtlingsgemeinden europäisch wirkt, schaffen dem Heidelberger eine Resonanz, die ihresgleichen sucht. Bereits in seiner Entstehungszeit war er ins Lateinische, Französische und Niederländische übersetzt worden. Der politische Rahmen kann hier nur angedeutet werden: die Westorientierung der pfälzischen Außenpolitik, die Beziehungen der kurfürstlichen Familie zum Haus Nassau und dessen Verbindungen mit der niederländischen Freiheitsbewegung seit 1566, vor allem aber die Verbindung zum englischen Königshaus unter Friedrich V. (1596-1632). Seine Heirat mit der englischen Königstochter Elisabeth Stuart (1613) markiert den Höhepunkt der auch religionspolitischen Euphorie in der Kurpfalz. Der Griff nach der böhmischen Krone 1618 stürzte dagegen - zusammen mit den Machtinteressen Habsburgs - das Reich ins Chaos.

Von Holland nach Asien

Der Heidelberger Katechismus wird zum Lehr- und Bekenntnisbuch der oftmals verfolgten Kirchen am Rhein. Er verdrängt andere Katechismen, auch reformierte, und erfährt weitere Rezeption mit Weltgeltung. Die Dordrechter Synode 1618/19 anerkennt ihn als rechtgläubiges Bekenntnis neben den Confessiones Belgica und Gallicana. So verleiht diese niederländische und zugleich international beschickte Synode, auch die Pfalz ist vertreten, dem Heidelberger die Internationalität, die ihm Weltgeltung verschafft. In Asien ist die reformierte Mission mit dem Heidelberger Katechismus in der Hand Teil der niederländischen Kolonialpolitik. Zugleich behält der Katechismus seinen Charakter als Migrantenbekenntnis bei vielen (auch unfreiwilligen) Auswanderern, deren Nachkommen heute reformierten Kirchen in Südafrika und den USA angehören.

Demgegenüber gingen nach 1817 Geltung, Einfluss und Kenntnis des Heidelbergers in Deutschland erheblich zurück. Die Kirchenunionen in Preußen und Südwestdeutschland wollten und konnten dem Katchismus im Gefolge der Aufklärung nur noch einen historischen Rang zuerkennen. So wurden reformierte Landschaften, die der Heidelberger Jahrhunderte geprägt hatte, ihrem Gründungsbuch entfremdet. Doch in Teilen der reformierten Kirche blieb er katechetische Grundorientierung oder gar Kern des Gemeindelebens und der (meist abgeschafften) Katechismuspredigt.

Historisch unzweifelhaft ist der verbindliche Charakter des Lehrbuches als Bekenntnisbuch. Dogmatisch unzweifelhaft ist der Charakter des Heidelberger Katechismus als reformatorisches Bekenntnis. In der Mitte der Reformationsdekade der EKD, in manchen Kirchen immer noch "Lutherdekade" genannt, besteht die Chance, ja Nötigung des Heidelbergers, über die Notwendigkeit, auch Problematik reformatorischer Bekenntnisse und ihren kirchengründenden Charakter nachzudenken. Wie viel gemeinsames Bekennen, wie viele Gemeinsamkeiten eines Textes sind nötig, um eine verlässliche Kommunikation des Glaubens wenn schon nicht zu gewährleisten, so doch wenigstens zu ermöglichen?

Der Heidelberger ist ein reformierter Katechismus. In der auch strukturellen Gemengelage von EKD, Vereinigter Evangelisch-Lutherischer Kirche und Union Evangelischer Kirchen ist der gesamte deutsche Protestantismus zu befragen, welchen Stellenwert er reformierter Lehre zugestehen mag. Gerade er sollte erkennen, dass mit dem Heidelberger Katechismus - stärker als mit dem Augsburger Bekenntnis - eine internationale, ökumenische Plattform gegeben ist, die den Gedanken der Kirchengemeinschaft impliziert.

Bei einem Katechismus geht es um die Grundsatzfrage evangelischer Sprachkompetenz zwischen reflektierter dogmatischer Bestimmung und subjektiver Glaubenserfahrung. Stärker als Luthers Kleiner Katechismus von 1529 ist der Heidelberger von 1563 ein Kind des Konfessionalismus. Und das bedeutet auch: er ist reflektierter und dogmatischer, diskursiver und rationaler. Er bleibt darin ein Buch mit Ecken und Kanten, das es gleichwohl verdient hätte, stärker als Laiendogmatik in Anspruch genommen zu werden. Ziel, nicht zuletzt im Jubiläumsjahr 2013, wäre dann, Klärungsprozesse heutigen Glaubens zu initiieren und die Sprachfähigkeit christlichen Glaubens einzuüben - und dies in evangelischer Perspektive.

Johannes Ehmann

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