Unbehaustheit

Die Spuren der Wende
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Warum wurden drei junge Ostdeutsche zu rechtsradikalen Mördern? Sabine Rennefanz sucht die Antwort in den Wendejahren und der Orientierungslosigkeit ihrer eigenen Generation...

Die Morde der Zwickauer Terrorzelle lassen Sabine Rennefanz nicht los. Die Journalistin will verstehen, wie diese Menschen zu Nazis und Mördern wurden. In ihrer Umgebung wird der Grund für die rassistischen Taten schnell in der Herkunft der Terroristen ausgemacht: nämlich als Ergebnis einer autoritären Sozialisation in der DDR. Doch Rennefanz zweifelt an dieser Erklärung, die im Übrigen den Westdeutschen das Nachdenken über sich erspart. Wie Mundlos, Zschäpe und Bönhardt wuchs auch sie in der DDR auf; als die Mauer fiel, war sie fünfzehn Jahre alt, sie gehören also einer Generation an. Rennefanz will wissen: Was hat Uwe Mundlos zum Mörder gemacht - die DDR oder die Nachwendezeit?

Die Altersgruppe derer, die wie sie im Osten Mauerfall und Systemwechsel in ihrer Pubertät erlebten, bezeichnet Sabine Rennefanz als Eisenkinder; Soziologen sprechen von der "Generation Wende" oder der "Dritten Generation Ostdeutschland". Gemeinsam sei ihnen, so die Autorin, "ein Unbehagen, eine tiefe Verunsicherung, eine stille, unterschwellige Wut". Eine Wut, die entsteht durch das Gefühl der Orientierungslosigkeit, des Alleingelassenseins, der Demütigungen, der grassierenden Arbeitslosigkeit und des plötzlichen Bruchs von Berufsbiographien, die vorher klar und planbar gewesen waren - auch für Rennefanz, die gerade erst in eine Talentklasse für Sprachen an einem Internat aufgenommen worden war.

Berührend ehrlich beschreibt sie die Orientierungslosigkeit der Wendejahre und den Autoritätsverlust der Erwachsenen: "Das war vielleicht das Schwierigste (...), zu sehen, wie hilflos und gekränkt die Eltern waren. Wie soll man einen Platz in der Welt finden, wenn diejenigen, die einem dabei helfen sollen, selbst verloren waren?" Rennefanz vermeidet die kritische Auseinandersetzung mit ihren Eltern: Aus Angst, "das unausgesprochene Agreement zu brechen, dass wir, die Jüngeren, die Älteren nichts fragen, was ihre Vergangenheit im untergegangenen Staat in Frage stellen könnte. Als wäre es besser, keine Wunden aufzureißen. Als wäre alles schon schwer genug".

Sie studiert Politikwissenschaften, erst in Berlin, dann in Hamburg. Und lernt hier evangelikal-neocharismatische Christen kennen. Es dauert nicht lange, da wird auch sie Mitglied der Anskar-Kirche, übernimmt rigide Moralvorstellungen und schottet sich zunehmend mit einem "Gut-Böse"-Schema ab. Man hätte meinen können, das Zusammenbrechen einer Ideologie wappne vor der nächsten. Es bleibt seltsam unklar, was genau Rennefanz auf einmal inhaltlich überzeugt hat. Es sind andere Bedürfnisse, die genährt werden. Sie erklärt sich ihre Entwicklung im Nachhinein mit der Beobachtung der Kulturhistorikerin Tanja Bürgel einer "metaphysischen Unbehaustheit" der Wendegeneration. "Ich ersetzte eine Religion durch die andere, mit dem Unterschied, dass ich diesmal mit vollem Herzen dabei war. Mein neuer Lenin hieß Jesus."

Rennefanz erscheint als naives und trotz Studiums auffällig unpolitisches Mädchen auf der Suche nach Halt, Zugehörigkeit und einer einfachen Wahrheit. Sie spürt in sich eine Leere, ihr Christsein wird zur Rebellion, ihre Taufe begreift sie als Ablösung von der ungeliebten DDR-Vergangenheit: "Ich gab mir eine neue Biographie." Erst auf einer Missionsreise nach Russland beginnt das Bild von ihrer neuen Gemeinschaft zu bröckeln, die Beziehung zu einem Mann tut schließlich ihr Übriges. Doch erklärt ihre eigene Empfänglichkeit für Radikalismus rechtsextremistische Überzeugungen und Taten? Und läuft sie nicht genau damit auch Gefahr, die Klischees über Ostdeutsche zu zementieren, die sie wiederlegen will? Leider fungieren die nsu-Morde nur als Aufhänger für Rennefanz' eigene Erzählung. Der Verweis bleibt notdürftig konstruiert, denn ein wirklicher Abgleich der Biographien mitsamt ihrer Brüche und Kontinuitäten bleibt aus. Vor allem aber muss man sich fragen, ob es reicht, Rechtsextremismus allein als psychologisches und soziales Problem zu begreifen.

Sabine Rennefanz: Eisenkinder. Luchterhand, München 2013, 256 Seiten, Euro 16,99.

Natascha Gillenberg

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Natascha Gillenberg

Natascha Gillenberg ist Theologin und Journalistin. Sie ist Alumna und Vorstand des Freundes- und Förderkreises der EJS.


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