Süffige Seligkeit

Die Autoren der Bibel gehen lebensklug mit dem Wein und seinen Folgen um
Der betrunkene Noah, wie ihn Luini Bernardino im 16. Jahrhundert malte. Foto: akg-images
Der betrunkene Noah, wie ihn Luini Bernardino im 16. Jahrhundert malte. Foto: akg-images
Vom betrunkenen Noah bis zum Wein herbeizaubernden Jesus reicht der Bogen der biblischen Geschichten, in denen der Wein eine Rolle spielt. Der Theologieprofessor und Autor Klaas Huizing beschreibt das immer wieder auftretende Wechselspiel der Autoren im Alten und Neuen Testament, die die Freude am Genuss ebenso kennen wie die Folgen des hemmungslosen Rausches.

Ziemlich verschmockt wirken die Stars des realistischen Erzählens von heute, wenn man sie mit den Schriftstellern der hebräischen Bibel, dem Alten Testament, vergleicht: Nicht einmal der mit Vorliebe im menschlichen Urschlamm wühlende Philip Roth würde sich trauen, eine Geschichte zu erzählen wie die über Noah. Ich meine nicht die Geschichte über den futuristischen Schiffbauer, der in seiner vorsintflutlichen Werft einen Luxusliner für alle Tiergattungen zimmert, Holzwurm inklusive, und dann samt Familie in diesem schwimmenden Zoo das reinigende Gewitter des zornigen Schöpfers über sich ergehen lässt. Die Metapher vom schwankenden Schiff intoniert bereits, was dann passiert: Endlich wieder an Land, schult der Zimmermann Noah um, wird Weinbauer und berauscht sich an seinem eigenen Wein so sehr, dass er sich auf dem schwankenden Boden nicht mehr halten kann, schließlich entblößt und (mit Verlaub) vollgepisst im Zelt liegt. Sein Sohn Cham, das erste Sandwichkind des Neuen Bundes, entdeckt ihn, geht nach draußen und macht sich über seinen Vater vor seinen Brüdern lustig. Der hebräische Text erlaubt sogar eine Lesart, die eine Vergewaltigung Noahs durch seinen Sohn andeutet. Den Anstand wahrend, decken die Brüder den entblößten Vater zu.

Guter Rausch, schlechter Rausch

Hintersinnig klärt die Geschichte darüber auf, warum das Böse auch nach der Sintflut überlebt. Die Lösung ist, wie immer, ganz einfach: Es liegt alles in der Familie. Der seufzende Gott, ganz Familientherapeut und Entwicklungspsychologe, sagt in 1. Mose 8,21b: "Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf." Wie gesagt, nicht von Kindheit an, sondern spätestens in der Pubertät gerät das soziale Gefüge in Unordnung, sofern nicht Ehre oder Anerkennung und Scham neu austariert werden. Das geht oft böse schief. Der dramaturgische Kern der späten Noah-Geschichte handelt nicht von der Verurteilung der Trunkenheit, sondern von der Ehre, besser: dem Schutz, die oder den man dem Vater offenbar auch dann schuldet, wenn der über den Durst getrunken hat. Der Erzähler der Geschichte hält sich mit einer moralischen Disqualifizierung Noahs auffällig zurück.

Diese Geschichte steht pars pro toto für viele Geschichten: Das Alte Testament geht sehr lebensklug mit dem Thema "Rausch" um. Getadelt werden einerseits die Auswüchse, die zu Krisen in der Gemeinschaft führen, zweitens die exklusiven Gelage der hippen Kreise, die andere Gruppen vom Feiern ausschließen. Geschätzt wird der aus Rosinen, eingekochtem Traubengel und Wasser (Sprüche 9,5) gefertigte Wein - im Alten Israel im Unterschied zu Ägypten und Mesopotamien kein Luxusgut -, wenn er Freude bereitet und die Alltagsstrapazen temporär vergessen macht. Seinen idealen Ort hat der Wein im Fest, wenn er die Euphorie befördert und die sozialen Schranken abbaut. Durch einen 'guten Rausch' wird das Kollektiv gestärkt und alle, auch die ärmeren Gruppen, kommen in den Genuss auch 'feiner Tropfen'. Auch hier gilt: Es kommt alles auf einen in jeder Hinsicht guten Abgang an.

Misslungener Selbstversuch

Die prophetische Literatur stellt lautstark und semantisch berauscht die Zechgelage der Oberschicht an den Pranger. Sozialkritisch klagt exemplarisch Jesaja (28,1-4.8) in drastischer Sprache die Führungselite im Nordreich an, weil die Feiersucht gleichermaßen ein weltlich gutes Regieren und das Erkennen Gottes unmöglich macht. Nicht zufällig werden auch diejenigen, die Gott verworfen hat, als Torkelnde dargestellt. Nachsichtig ist die Prophetie, wenn bei einem Fest nach einem gewonnenen Feldzug gegen die Feinde auch dem Wein kräftig zugesprochen wird.

Etwas gemäßigter ist die weisheitliche Kritik. Kohelet macht einen Selbstversuch, indem er sein "Fleisch durch den Wein zieht" (Prediger 2,3), um vielleicht positive Erfahrungen mit der Torheit zu machen. Wie zu erwarten, misslingt das Experiment. Hintersinnig wird damit auch der Luxus eines grundlosen Trinkens kritisiert. Wenn aber das Trinken die Freude steigert, dann ist sie eine gute Gabe Gottes: "Esst euer Brot mit Freuden, trinkt euern Wein mit gutem Mut, denn dies gefällt Gott wohl." (Prediger 9,7) Diese Empfehlung gilt allerdings nur unter dem Vorbehalt, dass Maß gehalten wird, wie Sprüche 23,29-34 einschärft: "Wo ist Weh? Wo ist Leid? Wo ist Zank? Wo ist Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursache? Wo sind trübe Augen? Wo man beim Wein liegt und kommt, auszusaufen, was eingeschenkt ist. Siehe den Wein nicht an, dass er so rot ist und im Glase so schön steht. Er geht glatt ein; aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter. So werden deine Augen nach andern Weibern sehen, und dein Herz wird verkehrte Dinge reden, und wirst sein wie einer, der mitten im Meer schläft, und wie einer schläft oben auf dem Mastbaum."

Wer Maß hält (aber das ist bekanntlich schwierig zu definieren), dem ist Weingenuss durchaus anzuraten. Und wenn der Weingenuss auch noch die Liebe etwas feuriger macht, umso besser. Die Liebeslyrik leiht sich die Semantik des Rausches, um das Taumeln des Verliebten vor Augen zu malen. Auch hier hat der tiefenentspannte Umgang mit dem Rausch einen soziologischen Hintersinn: Nicht nur ehemalige Nomadenkulturen sind am zahlenmäßigen Zuwachs ihrer Gruppe interessiert, der aphrodisierende Nebeneffekt des Alkohols steht deshalb durchaus im Dienste der Geburtenplanung, wenn die für eine jeweilige Kultur üblichen moralischen Standards eingehalten werden.

Wein als Handlungsbeschleuniger

Nur sehr selten werden Trinker denunziert (Nabal in 1. Samuel 25, Ben-Hadad in 1. Könige 20,1-21), überwiegend häufig enthalten sich die Schriftsteller des Alten Testaments einer Wertung, nur wenn Alkohol in übergroßen Mengen als Gift wirkt und in eine Nähe zum Tod tritt, dann ist die Bewertung eindeutig negativ. Kritisch und exegetisch achtsam wird man die Geschichte von Lots Töchtern beurteilen müssen, die, so die Erzählung, ihren Vater betrunken machen und einen Inzest begehen, weil sie mit der Scham der Kinderlosigkeit nicht leben können. Der Alkoholkonsum dient hier als Freibrief für Lot. Feministische Lektüren haben diesen Freibrief zu Recht nicht unterschreiben wollen und die eigentliche Pointe der Geschichte darin gesehen, wie der enthemmende Genuss von Alkohol auch das Tabu des Inzestes außer Kraft setzen kann.

Wein und Rausch sind die idealen Hilfskonstruktionen, um sich einen Reim auf die berüchtigte Geschichte zu machen, wie Jakob von seinem Onkel Laban hinters Licht geführt wurde und nicht Rahel, wie gewünscht, sondern Lea unter dem Schleier vorfindet (1. Mose 29,16-30). Es gehört zu den jokologischen Finessen dieses Schriftstellers, uns Lesern diesen komödiantischen Schrecken in der Hochzeitsnacht vorstellbar zu machen. Offenbar war der Blick Jakobs vom Alkohol zu sehr benebelt, um unter dem Schleier Lea wahrzunehmen. Der Wein macht es möglich, dass aus dem Betrüger Jakob der Betrogene wird. In vielen Meistererzählungen des Alten Testaments dient Wein als Handlungsbeschleuniger, in positiver wie in negativer Hinsicht: Simson, Boas, Josef, Urija, Jeremia, immer ist es der Wein, der die Geschichte in komödiantische oder tragische Bahnen lenkt.

Vertiefung oder Verflachung der Gotteswirklichkeit

Übrigens: Von Räuschen bei Frauen finden sich im Alten Testament im Unterschied zur Literatur seines Umfeldes keine Spuren, auch Hanna, die vom Priester Eli eines Rausches beschuldigt wird, beteuert, keinen Wein getrunken zu haben (1. Samuel 1). Phänomenologisch geschult, wird man ihr gerne glauben: Religiöse und rauschhafte Ekstasen sind gestisch oft nicht zu trennen, die Dionysos-Kultur hat bekanntlich beide Sphären verbunden. Vielleicht deshalb warnt die prophetische Literatur lautstark vor einer Verschmelzung von Rausch und Gottesdienst, weil nach prophetischem Verständnis der Rausch keine Vertiefung der Gotteswirklichkeit bietet, sondern eine Verflachung. Ganz entschieden schreibt Manuel Dubach in seinem Standardwerk zum Thema: "Die durch den Rausch beschränkte (Ein-)Sicht verunmöglicht dem Menschen ein Erkennen göttlichen Wirkens; das Nicht-Erkennen einer von Gott durchdrungenen Realität mündet letztlich in eine Leugnung Gottes. (...) Die in Mesopotamien anklingende Vorstellung, dass sich Gott und Mensch im Rausch aufeinander zu bewegen, kennt die Hebräische Bibel nicht. So ist auch ein im trunkenen Zustand angestrebter Offenbarungsempfang für die alttestamentliche Vorstellungswelt nicht denkbar. Der Kontakt mit der Sphäre des Göttlichen verlangt nach Nüchternheit."

Ich bin in dieser Frage nicht ganz so entschieden, weil Wein die Wahrnehmung durchaus schärfen und intensivieren kann. Ich denke, man darf sich nicht vorschnell semantisch in die Irre führen lassen, wenn man Offenbarung als Entschleierung (re-velum) mit dem verschleierten Blick des Trinkers korreliert. Nicht der vollständig Berauschte, wohl aber der freudig Animierte ist vielleicht sogar zugänglicher für eine Wahrnehmung Gottes als der Nüchterne.

Menschenfreundlich haben einige Schriftsteller des Alten Testaments dem desaströsen Umgang mit dem Alkohol rituell Einhalt geboten und einen Entzug quasi religiös begründet: Jeder Mann konnte - auch noch zur Zeit Jesu - ein Gelübde ablegen, um als Nasiräer, als frommer Asket, einhundert Tage lang ohne Alkohol zu leben, abgeschlossen wurde diese Latenzzeit mit einer Pilgerreise zum Tempel in Jerusalem. Erwähnt werden neben den Nasiräern im Alten Testament auch die Rechabiter (Jeremia 35), die Forschung hat sich allerdings auf eine genaue Einordnung dieser Gruppe nicht einigen können, wahrscheinlich haben wir es hier mit einer Gruppe zu tun, die das sedentäre Leben, also auch den Anbau von Wein, sehr grundsätzlich ablehnte.

Ein Meister der Geselligkeit

Zwischen Altem und Neuem Testament gibt es keine markanten Unterschiede. Die paulinische Briefkultur plädiert ebenfalls für eine Mäßigung im Trinkverhalten (Galater 5,21), reiht die Trunksüchtigen allerdings unnachsichtig in eine Reihe mit Sexualstraftätern und Dieben ein (1. Korinther 6,9f). Die Kritiker Jesu haben ihn immer als feiertüchtigen Weinsäufer und Fresser denunziert, vielleicht auch deshalb, weil im Alten Testament an keiner Stelle von einem Rausch Davids berichtet wird, in dessen Nachfolge Jesus bekanntlich stehen soll. David selbst hat allerdings den Wein instrumentalisiert und versucht, den Ehemann seiner Geliebten, Uria, unter Alkohol zu setzen und ins Lustlager zu seiner Frau zu schicken, damit er doch noch als Vater des Kindes, mit dem Bathseba von David schwanger ist, durchgehen kann.

Jesus ist nicht Dionysos (wie Hölderlin gerne glauben machen wollte), aber doch ein Meister der Geselligkeit auf Augenhöhe. Zu den Entstressungs-Texten gehört das so genannte "Weinwunder zu Kana", weil Jesus nicht als Askese-Ideologe auftritt, den Wein und damit die Feier vielmehr hoch hält, aber auch in dieser Frage noch die latente Ökonomisierung des Feierns hinterfragt, indem er den guten Tropfen erst am Ende des Festes ausschenkt und prompt vom merkantilen Mundschenk getadelt wird. Nicht zufällig hat der Schriftsteller Johannes seinen Jesus in einer Selbstvorstellung sagen lassen, er sei der wahre Weinstock (Johannes 15,1).

Abendmahl

Die inszenierte Erinnerungskultur an diesen Religionsstifter durch ein Abendmahl mit Wein (oder Saft) und Brot macht also guten Sinn. Im Hintergrund dürfte das damalige Verständnis gewirkt haben, dass im Blut der Lebensgeist beheimatet ist und dass der Weingeist ebenfalls stimulierende Vitalität besitzt. Für heutige Leser und Leserinnen sind die Verständnishürden des Ritus sehr hoch, weil die damit verknüpften Theorien einer Wandlung von Wein in Blut und Brot in Leib, wie sie der Katholizismus und abgeschwächt der lutherische Protestantismus vertritt, auf den ersten Blick schwer verdaulich sind. Nur die reformierten Zwinglianer verstehen das Abendmahl als ein reines Gedächtnismahl. Calvins pneumatologischer Vermittlungsversuch, im Abendmahl sei der Heilige Geist präsent, hat die Zerstrittenheit auch zwischen den Kirchen der Reformation in dieser Frage nicht schlichten können. Aber auch für die Rede einer Wandlung von Wein und Brot gibt es gegenwartstaugliche Verständnisbrücken - eine will ich wenigstens aufspannen.

Wer jemals ästhetische Erfahrungen gemacht hat, dem ist die These leicht eingängig zu machen, dass Sprache kreativ ist und Wirklichkeit nicht nur abbildet. Die frühe Sprechakttheorie von John L. Austin untersuchte performative Sprechakte, also gewisse Worte, die ihre inhaltliche Aussage am Angesprochenen realisieren: "How to do things with words" (1955). Im Unterschied zu "konstativen Äußerungen" unterliegen "performative Äußerungen" nicht dem Kriterium "wahr/falsch", sondern dem Kriterium "gelungen/misslungen". Beliebtes Beispiel ist die standesamtliche Heirat. Durch das Sprechen ergibt sich eine beinahe magische Wirkung, sofern Konventionen und Umstände (hier: Standesbeamtin in einem Standesamt) gegeben sind und die Beteiligten die Kompetenz der Sprecherin anerkennen. Dem Paar sieht man nach dem magischen Sprechakt den veränderten Wirklichkeitsstatus nicht an, aber ab jetzt ist die Frau eine verheiratete Frau und der Mann ist ein verheirateter Mann. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Sprachmagie im Abendmahl, sofern die Teilnehmer den Rahmen und die Kompetenz des Sprechers (Priester) anerkennen. (Kleiner Tipp: Wer die "Sprachmagie", wie Walter Benjamin diese Macht der Sprache genannt hat, durchschaut, sollte beim Fluchen zurückhaltend sein.)

Der jüdisch-christliche Kulturraum ist also vom Wein geprägt: Wir sind Nachfahren eines Säufers, ja, und auch die Seligkeit ist ohne Wein, in Maßen getrunken, nicht zu haben. Wenn das kein Trost ist.

Literatur

Manuel Dubach: Trunkenheit im Alten Testament. Begrifflichkeit - Zeugnisse - Wertung. Kohlhammer, Stuttgart 2009, 352 Seiten, Euro 44,-.

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Klaas Huizing

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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