Fromm

Der neue Küng
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Wer mag, kann das Büchlein in einem Zug verschlingen - fast wie einen Roman. Das muss man dem ewig institutionskritischen Katholiken lassen: Es bereitet durchaus ein Lesevergnügen, sich auf sein Jesusbuch einzulassen.

Long long ago - lang, lang ist's her: "Christ sein" - diesen wenig spektakulären Titel trug 1975 ein deutscher Sachbuchbestseller. Der Autor: Hans Küng. Damals kam man, wollte man auf der theologischen Höhe der Zeit sein, um das Buch nicht herum. 37 Jahre später wagt derselbe katholische Vatikankritiker, leidenschaftliche Ökumeniker und trotz des Entzuges seiner katholischen Lehrbefugnis akademisch hochdekorierte Publizist Küng eine neue Fassung. Der Titel ist wieder kurz und bündig und lautet: Jesus.

Diese gänzlich anders gestaltete Neuauflage präsentiert sich als eine Art Kompendium zeitgemäßer Leben-Jesu-Forschung, die allerdings nicht im historisch-kritischen Befund stehen bleibt, sondern auch die Frage behandelt, was das Unverwechselbare des Christus bis heute ausmacht. Als Lesergemeinde hat das Buch wieder eher die gebildeten und interessierten Laien als die Fachtheologenschaft im Blick. Wie so oft in Küngs Büchern: Theologie für die Gebildeten unter den Romverächtern, Schleiermacher auf katholisch.

Wer mag, kann das Büchlein in einem Zug verschlingen - fast wie einen Roman. Das muss man dem ewig institutionskritischen Katholiken lassen: Es bereitet durchaus ein Lesevergnügen, sich auf sein Jesusbuch einzulassen, auch wenn es dem Aufbau einer universitären Vorlesungsreihe gleichkommt. Auch ein Küng kann eben nicht aus seiner Haut: Einmal Professor, immer Professor. Küngs Jesusbuch ist persönlich gefärbt. Er versteckt sich nicht in der Rolle des neutestamentlichen Exegeten, sondern bringt auch seine eigene Person ins Spiel. Der prominente Theologe führt immer wieder Stationen seiner Vita an, um Fragestellungen und Erkenntnisse anschaulich werden zu lassen. So vermerkt er: "Richtig interessant wurde für mich die Christusfigur erst, als ich sie nach meinen sieben römischen Jahren aufgrund der modernen Bibelwissenschaft ... kennenlernen durfte."

Wer dieses Buch liest, erfährt also nicht nur Essenzielles über den historischen Jesus und verkündigten Christus, sondern auch einiges über den Theologen Hans Küng. Es ist gewissermaßen ein parteiliches Jesusbuch, keine Popularfassung einer alles sorgfältig abwägenden Dissertation.

Was dieses Buch zusätzlich bemerkenswert macht, ist Küngs heimliche Botschaft an seinen Kollegen und Kontrahenten seit gemeinsamer Tübinger Zeit, Joseph Ratzinger. Beide - damals als "Teenagertheologen" apostrophiert - waren als Berater zum II. Vatikanischen Konzil ernannt worden. Als Papst wird Ratzinger - seit 2005 als Benedikt XVI. im Amt - nicht müde, sein wissenschaftliches Handwerkszeug hervorzuholen.

Auch für den "Heiligen Vater" gilt die menschliche Erkenntnis: einmal Privatgelehrter, immer Privatgelehrter. Seit 2007 erscheint seine auf mehrere Bände angelegte neutestamentliche Arbeit Jesus von Nazareth. Natürlich ein Weltbestseller - und natürlich wiehert angesichts der päpstlichen Sicht auf die Sache mit Jesus im Stall des von Rom durch den Entzug der Lehrbefugnis gemaßregelten Hans Küng dessen Streitross. Nein! Für Küng gilt nicht die Maxime Roma locuta - causa finita. Vielmehr nimmt er den römischen Ball auf und fasst noch einmal in diesem Spätwerk zusammen, was ihn treibt, die Botschaft dieses Jesus Christus vatikankritisch zu verkündigen.

Während Ratzinger eine Theologie des Neuen Testamentes entfaltet - sein leitendes Interesse ist die katholische Dogmatik -, muss man den Küngschen Gegenentwurf als eine Art radikale Leben-Jesu-Exegese verstehen. Sein Interesse am historischen Jesus ist spürbar stärker als bei Ratzinger. Insofern muss man diesen Küng als eine kontroverstheologische Schrift lesen und verstehen.

Natürlich darf da der Verweis auf sein eigenes Weltethos nicht fehlen. Natürlich weiß auch ein Küng, dass in den neutestamentlichen Zeugnissen immer mehr als der historische Befund geschrieben steht. Es geht von Anfang an immer auch um den "geglaubten" Christus. Und so endet sein Jesusbuch fromm und keinesfalls antikatholisch: "In der Nachfolge Jesu Christi kann der Mensch ... leben ..., gehalten von Gott und hilfreich den Menschen."

Hans Küng: Jesus. Piper Verlag, München 2012, 304 Seiten, Euro 19,99.

Uwe Michelsen

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