Strahlende Zuversicht

Warum die Posaunenarbeit in der evangelischen Kirche typisch und verbreitet ist
Von den evangelischen Kirchentagen (hier: Bremen 2009) nicht wegzudenken: die Posaunenchöre. Foto: epd-bild/Stefan Arend
Von den evangelischen Kirchentagen (hier: Bremen 2009) nicht wegzudenken: die Posaunenchöre. Foto: epd-bild/Stefan Arend
Der Posaunenchor bildet im deutschen Protestantismus eine feste Institution: Mehr als jede dritte evangelische Gemeinde hat einen Posaunenchor. Die irdischen Heerscharen der Blechbläser bilden eine der größten Laienbewegungen innerhalb der evangelischen Kirchen, wie Reinhard Lassek beschreibt. Er selbst bläst seit 50 Jahren Trompete, Flügelhorn und Kornett. Und er ist - wie zuvor auch schon sein Vater und Großvater - Posaunenchorleiter.

Lobet den Herrn mit Posaunen - das ist fürs Blech die entscheidende Botschaft des 150. Psalms. Die frommen Herrnhuter Brüder in der Oberlausitz jedenfalls folgen dieser Aufforderung und gründen bereits im 18. Jahrhundert erste "Posaunistenchöre". Doch die Posaunenchorbewegung - so, wie sie heute bekannt ist - entsteht erst im späten 19. Jahrhundert. Und zwar in den evangelischen "Jünglingsvereinen" Ostwestfalen-Lippes. Es ist die Zeit der Erweckungsbewegung. Man fordert die persönliche Bekehrung ein sowie eine bewusst auf das Evangelium ausgerichtete Lebensführung. Diese neue Frömmigkeit sollen die vielerorts entstehenden Bläserchöre festigen. Pietismus und Posaunenarbeit streben gewissermaßen im Gleichschritt nach geistlicher Erneuerung.

Die erste fromme Bläsergemeinschaft wird 1843 in Jöllenbeck - heute ein Ortsteil Bielefelds - gegründet. Rasch folgen weitere Gemeinden, so dass die Posaunenchorwelle binnen weniger Jahrzehnte flächendeckend alle protestantischen Regionen Deutschlands erfasst. Heute vertritt der Evangelische Posaunendienst in Deutschland (EPiD) als gemeinsame Dachorganisation knapp 7000 Posaunenchöre und über 120 000 Bläserinnen und Bläser.

General, Vater und Professor

Dass sich so zahlreiche Posaunen in den Dienst des 150. Psalm stellen, ist gewiss das Verdienst vieler. Die Posaunenchorbewegung als Ganze ist indes nur von einigen wenigen herausragenden Persönlichkeiten geprägt. Wolfgang Schnabel hat bei seinen detaillierten Forschungen über "Herkunft und Auftrag" der evangelischen Posaunenchorarbeit drei große Förderer ausgemacht: den Posaunengeneral, Reichsposaunenwart und späteren Reichsposaunenführer Johannes Kuhlo (1856-1941), den sächsischen Posaunenvater Adolf Müller (1876-1957) und Wilhelm Ehmann (1904-1989) - Professor an der Kirchenmusikschule Herford sowie Theoretiker und Praktiker der Bläserarbeit.

Kuhlo, Müller und andere gelten als Posaunenväter, Posaunenmütter sind indes nicht vorgesehen. Bis 1945 bleiben Posaunenchöre reine (Jung-)Männerbünde. Seitens der Posaunenwarte wird sogar noch bis in die Sechzigerjahre hinein gegen das "Mädchenblasen" polemisiert. Man warnt ganz allgemein vor "Zersetzungserscheinungen", befürchtet insbesondere "sexualethische Probleme" und traut dem "schwachen Geschlecht" ohnehin keine kraftvollen Posaunentöne zu. Irgendwann gerät man dann aber doch in Zugzwang, so dass nunmehr ganz selbstverständlich sowohl Mädchen und Jungen als auch Frauen und Männer in den Posaunendienst treten. Dementsprechend gibt es nicht mehr nur Landesposaunenwarte, sondern auch Landesposaunenwartinnen.

Doch zurück zu den Anfängen: Um den geistlichen Bläserauftrag in Verbindung zur Heilsgeschichte zu bringen, listet Kuhlo die biblischen Trompeten-, Posaunen- und Hörnerstellen auf: im Alten Testament sind es 65, in den Apokryphen 13 und im Neuen Testament 20. Seinen ersten Auftritt hat das Blech demnach bei Mose. Doch der erste Posaunenchor erklingt erst in Jerusalem zu Zeiten König Davids. Nach der Zerstörung des Tempels durch die Römer folgt eine 3000-jährige Generalpause. Erst die Jöllenbecker Erweckungsposaunisten beenden das Schweigen der Bläser.

Mehr missionieren als musizieren

Die kirchlichen Bläserensembles nennen sich "Posaunenchor", obwohl die Mitglieder zumeist andere Blechblasinstrumente bevorzugen. Doch Herkunft und Auftrag sind wichtiger als die Besetzung. Schließlich sind es in der Lutherübersetzung stets die Posaunen, die Entscheidendes zu verkünden haben. Und der Bewegung ist an biblischer Legitimation gelegen. Es geht weniger ums Musizieren, als vielmehr ums Missionieren. Und bei der Verkündigung des Evangeliums ist das Wort allemal wichtiger als die Noten. Daher bevorzugt man anfangs auch eine ganz bestimmte Spielweise: Der Bläserchorklang soll dem eines Vokalchores möglichst nahe kommen.

Weitmensurierte Instrumente wie Flügelhorn, Tenorhorn, Bariton, Tuba, und natürlich auch das Waldhorn, sind wegen ihres weicheren Tons willkommen. Die Posaune wird geduldet. Doch die engmensurierte Trompete - mit ihrem kompromisslos-klaren Klang - will ein Jahrhundert lang niemand so recht ins Posaunengebet mit einschließen. Für ein spätromantisches Klangbild plädiert neben Kuhlo auch Müller: "Wir blasen gesangliche Musik. Unser Blasen ist darum dem Singen vielmehr verwandt. Wir müssen auf unseren Instrumenten gleichsam singen. (...) Wenn man bei jedem unserer Choräle den Eindruck hat, dass man den Text zu hören glaubt, dann erreichen wir unser Ziel, dann blasen wir erbaulich." Und selbst wenn es um den Übungsfleiß geht, wird gern geistlich argumentiert. So heißt es 1954 in einer Posaunenfestschrift: "Gott schenkt niemals, ohne zugleich auch zu fordern."

Brauner Schatten

Nach 1945 kommt der typische Kuhlo-Klang - den Ehmann 1950 als "tutig" und "schwerfällig" bezeichnet - nach und nach aus der Mode. Für den Mentor der Posaunenbewegung der Nachkriegszeit bilden nunmehr Trompeten in Sopran und Alt sowie Posaunen in Tenor und Bass die Idealbesetzung. Und auch in der Posaunenchorliteratur öffnet man sich nicht nur der weltlichen Musik, sondern der Moderne überhaupt. Kuhlo, der sich selbst als "Mitarbeiter am Psalm 150" bezeichnet, erhält übrigens bereits als 25-Jähriger von seinen Bläserkollegen den Beinamen "Posaunengeneral". In beinahe allen Posaunenfragen vermag dieser Spielmann Gottes prägenden Einfluss zu entfalten. So wird - Kuhlo sei Dank - die gesamte Posaunenchorliteratur durchgehend in "Klavierschreibweise" notiert, so dass Bläser, Vokalchor, Orgel und Gemeinde problemlos miteinander musizieren können.

Kuhlosätze werden noch immer gern geblasen. Auch so manche Kuhlo-Anekdote hat nichts von ihrem urwüchsigen Charme eingebüßt. Auf  Kuhlos Leben und Werk liegt jedoch ein brauner Schatten: Kuhlohorn und Hakenkreuz berühren einander in kaum mehr erträglicher Weise. Kuhlo, von je her für den Antisemitismus empfänglich, ist bereits 1932 in der nsdap. Er tritt öffentlich für Hitler ein und fordert in Zeitungsartikeln zu dessen Wahl auf. Der Kirchengeschichtler Matthias Benad konstatiert, dass Kuhlo bereits 1932 "Hitler in Erweckungskreisen hoffähig gemacht" habe. Im Juli 1933, nach der so genannten "Machtergreifung", bringt Kuhlo dem Führer auf dem Obersalzberg ein Ständchen. Er spielt Choräle und verbreitet hernach, wovon er in seiner politischen Naivität offenbar überzeugt ist: Der Führer sei ein frommer Christ und lese die Herrnhuter Losungen.

Der Posaunengeneral - gewohnt zu führen - schreitet trotz mangelnder Übersicht forsch voran. Und seine Bläserbataillone - gewohnt zu folgen - taumeln trotz Bibel, Gebet und Posaunenchoralbuch blind ins christlich-abendländische Abseits. Nach Wolfgang Gerts, Leiter des Posaunenwerks der hannoverschen Landeskirche, zeigen die Grußformeln im Schriftwechsel jener Jahre bereits an, wie weit die damaligen Größen der Posaunenarbeit sich vom Regime haben vereinnahmen lassen. Anfang 1934 ist entweder schon jegliche Distanz verlorengegangen, oder man ist aufgrund des enormen Drucks bereits zur Anpassung gezwungen. Jedenfalls häufen sich anbiedernde Grußformeln wie "Mit Bundesgruß Sieg Heil", "Mit deutschem Gruß" oder "Heil Hitler!". Manche Briefschreiber jedoch verzichten auf jede Art von Floskel oder schließen - aufreizend neutral - mit "Herzlichen Grüßen". Erstaunlicherweise vermeidet ausgerechnet nsdap-Mitglied Kuhlo den "Deutschen Gruß" und bevorzugt den schlichten "Posaunengruß".

Bläsersatz zum "Horst-Wessel-Lied"

1934 gibt Kuhlo in der Maiausgabe der Bläserzeitschrift "Spielet dem Herrn" bekannt, dass er Bläsersätze zum "Horst-Wessel-Lied" geschrieben habe. Das berüchtigte Kampflied der SA, das später zur Parteihymne aufsteigt, gibt es nunmehr also auch im Kuhlosatz. Kuhlo betont indes, dass dies auf vielfachen Wunsch geschehen sei und dass er vermeiden möchte, dass dieses Stück im "schlechten Posaunensatz" vorgetragen werde. Zudem weist Kuhlo darauf hin, dass diese Noten selbstverständlich nicht auf christlichen Veranstaltungen, sondern nur auf "patriotischen Feiern" zu spielen seien. Deutet sich bei Kuhlo - jetzt, wo es zu spät ist, - ein gewisses Unbehagen über den nunmehr herrschenden Ungeist an, den er doch selbst so eifrig herbeiposaunt hatte?

Zurück zur Musik: Posaunenchöre ernten anfangs nicht nur Beifall, sondern auch Kritik. Im "Reichsblatt" heißt es 1882: "Da gibt es auch sog. 'Posaunenchöre', welche Töne blasen, die Steine erweichen und Menschen rasend machen können, und wenn irgendwo ein armer Mensch schwerkrank darniederliegt, so kommen diese traurigen Gesellen mit ihren Posaunen und geben ihm mit ihrer furchtbaren Musik den letzten Gnadenstoß."

Mit Skepsis begegnet man der Laienmusikerbewegung auch in Fachkreisen. 1896 heißt es in den "Musikpädagogischen Blättern": "Die 'evangelischen Jünglingsvereine' auf den westfälischen Dörfern unterhalten zum Zweck des Chorblasens kleine Blechbläser-Ensembles. Diese bäuerlichen Dilettanten-Kapellen heißen sich 'Posaunenchöre', obgleich in dem Ensemble fast nie eine Posaune sich vorfindet." Und auch nach dem Krieg, empfindet nicht jeder die Posaunenchorarbeit als erbaulich: Im Mai 1947 werden im Nordwestdeutschen Rundfunk die Bemühungen der Landesposaunenwarte um einen Neuaufbau wie folgt verspottet: "Ihre Kollegen aus der Bibel legten die Mauern von Jericho um. Derlei ist bei uns überflüssig, da ganz Deutschland ja ein Trümmer-Jericho nach gehabtem Tusch ist."

Breite Bildungsarbeit

Selbst innerhalb der Kirchenmusik müssen Posaunenchöre sich ihren Platz erst erobern. Posaunenarbeit wird lange Zeit eher der Jugendarbeit denn der Kirchenmusik zugeordnet. Nach Schnabel haben Laienbläser unter professionellen Kirchenmusikern anfangs den Ruf, zumeist Kitschiges zu blasen, und das dann auch noch laut und falsch. Ihre Musik gilt als plump und aufdringlich, und den Bläsern wird vorgeworfen, sich mit ihrem guten Willen zu begnügen, anstatt sich selbstkritisch um eine bessere Ausbildung zu bemühen.

Heutzutage leisten die evangelischen Posaunenwerke und Verbände eine musikalisch breit angelegte und genera-tionsübergreifende Bildungsarbeit. Die Leitung der Chöre liegt vielfach in Händen studierter Kirchenmusiker oder doch zumindest denen speziell geschulter Laien. Einfache Gemeindemitglieder sind die Posaunenchorler indes selten. Das Spektrum des Chorgeists ist glücklicherweise weit. Es bedarf da auch keinerlei idealisierender Beschönigungen. Jeder Chor hat seinen individuellen Lebens- und Musizierstil. Manche Chöre beginnen ihre Probe mit einer Andacht, andere hingegen stören - quasi wie unreife Konfirmanden - zuweilen die stille Andacht anderer Gottesdienstbesucher. Einige Chöre pflegen nur die Musik, andere auch ihr intensives Vereinsleben.

Wenn es darauf ankommt, bildet das kirchliche Blech eine freudige Dienstgemeinschaft. So sind Kirchentage zugleich immer auch große Posaunentage. Ob Kirchplatz, U-Bahnstation oder Park - allerorten tauchen sie auf, um mit ihrer Musik auch kirchenfernes Publikum zu erreichen. Zudem gibt es regelmäßig Posaunenfeste auf Kreis- oder Bezirksebene sowie überregionale Landesposaunentage. Zuweilen stoßen dabei mehrere Tausende munter ins Horn. Der "Deutsche Evangelische Posaunentag" in Leipzig bringt es 2008 sogar zu einem Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde: Die über 16000 Teilnehmer des ersten gesamtdeutschen Posaunentreffens seit über fünfzig Jahren bilden den größten Posaunenchor der Welt.

Ein Protestantismus ohne Posaunenchöre käme jedenfalls wie ein stummer Frühling daher. Er wäre wie eine Landschaft ohne die Stimmen der Vögel. Die Diener des 150. Psalms haben nämlich die Gabe, eine Stimmung der ganz besonderen Art zu erzeugen, nämlich strahlende evangelische Zuversicht. Ist das, was das Wort "Stimmung" enthält, im evangelischen Milieu überhaupt denkbar ohne die Stimmen der Bläser? Im Juni dieses Jahres erscheint im Kreuz Verlag Reinhard Lasseks Buch "Das wohltemperierte Blech".

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Reinhard Lassek

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