Abwehrschlacht

Kunst und Religion
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Für den Romanautor und Essayisten Martin Mosebach steht die unverrückbare Kirche jenseits der Alpen, ultramontan, und seine Denkwege führen den Leser seiner brillanten Aufsätze immer wieder nach Rom.

Gott darf und kann kein Artikel des Konsums werden, vielmehr will er für die Welt notwendend bleiben. An der säkularen Wende Gottes zum Menschen und zur Welt steht die Kirche in ihrer Vorläufigkeit. Vorläufig nur im Blick darauf, was Gott noch mit ihr vorhat, unverrückbar aber für die Menschheit und insbesondere für die penetranten Übergriffe der Konsumgesellschaft. Für den Romanautor und Essayisten Martin Mosebach steht diese Kirche jenseits der Alpen, ultramontan, und seine Denkwege führen den Leser seiner brillanten Aufsätze immer wieder nach Rom.

Die gegenwärtig wichtigste Frage, die der Leser an Mosebach richten möchte, bezieht sich auf sein provokantes Eintreten für ein wirksames Verbot der Blasphemie in den liberalen Gesellschaften. Und wer diesen Vortrag nachliest, ist dankbar für die nähere Erklärung. Der Leser erfährt, was er ohnehin vermutet hat: Mosebach möchte keine klammheimliche Freude über fundamentalistische Bedrohungen gegen Urheber religionskritischer Äußerungen empfinden.

Mit seiner Provokation möchte er vielmehr darauf verweisen, wie leicht es im Schutz der Freiheit der Kunst ist, die religiösen Gefühle von Menschen in einer religionskritischen Attitüde mit eher banalen und doch kalkulierten Äußerungen zu verletzen. Gleichwohl will er nicht auf eine Konkurrenz von Religion und Kunst hinaus. Er tritt für die Freiheit ein, die sich jeder Künstler nehmen muss, um einem kreativen Impuls zu folgen.

Der Schriftsteller verwahrt sich gegen eine simple Identifizierung von künstlerischer Freiheit mit einem Grundrecht der bürgerlichen Gesellschaft. Er verweist auf die Geschichte der Kunst, in der sich Künstler schon lange vor den liberalen Gesellschaften immer wieder gegen den allgemeinen Geist die Freiheit nehmen mussten, ihrer Eingebung zu folgen. So liegt für Mosebach diese Freiheit ganz nahe bei der vor allem aktiv verstandenen Religionsfreiheit, mit der sich der Glaubende zu Gott und seiner Kirche verhält. Im Eintreten für die Kirche wirken diese Aufsätze allerdings an vielen Stellen als seien sie in einer antimodernen Abwehrschlacht gefangen.

Dabei hängt seine kritische Sicht auf Aufstand gegen Tradition und Autorität insbesondere am Jahr 1968. Dieses Jahr mit dem Sturz De Gaulles, der Bewegung gegen den Vietnamkrieg, den Studentenprotesten in Deutschland, der Kulturrevolution in China und dem Prager Frühling ist für den Autor ein Achsenjahr der Revolution. Der Leser allerdings wüsste gerne mehr darüber, was die menschenverachtende Kulturrevolution in China und den hoffnungsvollen Prager Frühling über das Datum hinaus historisch miteinander verbinden könnte.

Ganz problematisch wird es dann, wenn Mosebach etwa den Missbrauchsskandal "zum tristen Höhepunkt der nachkonziliaren Entwicklung", zur "beschämenden Frucht jeder Ideologie des Aggiornamento" erklärt, die die Kirche über die vergangenen vierzig Jahre geprägt habe. Auch für diese Selbstaufgabe der Kirche müssen im Übrigen die Achtundsechziger herhalten, in deren Sog das II. Vaticanum geraten sei.

Grundsätzlich aber können diese Aufsätze gerade auch für Protestanten die Einsicht erneuern, dass Säkularisierung ein religiöser Prozess ist, in dem sich Gott der Welt zugewandt hat und ihr zugewandt bleiben will, der aber nicht notwendig eine Abkehr des Menschen von Gott und seiner Kirche bedeuten muss. Christologisch gesprochen: Im Glauben an Jesus Christus, den wahren Gott und wahren Menschen bedeutet die Hinwendung zur Welt nicht mehr notwendigerweise eine Abkehr von Gott.

Martin Mosebach: Der Ultramontane. Alle Wege führen nach Rom. Sankt Ulrich Verlag, Augsburg 2012, 161 Seiten, Euro 16,95.

Friedrich Seven

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