Fragile Momente

Keith Jarrett live in Rio
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Rio ist das beeindruckende Dokument eines gereiften Künstlers, der längst nicht mehr der Jazzer ist, für den viele ihn bis heute halten.

Was hörte man 1975 als Jugendlicher? Led Zeppelin, Genesis, Deep Purple, Yes, etwas in dieser Art, vielleicht auch schon Patti Smith. Und zwischen all diesen Scheiben befand sich eine mit einem weißen Cover, darauf ein schwarz-weißes Foto von einem Mann am Flügel: The Köln Concert von Keith Jarrett. Die Platte war die einzige in der Sammlung, die mit Pop und Rock nichts zu tun hatte. Aber sie war Kult, man musste sie haben.

Zu diesem Zeitpunkt war Keith Jarretts Solo-Laufbahn gerade vier Jahre alt, vorher hatte er in der Band von Miles Davis gespielt. In den Siebzigerjahren entwickelte er sich zur stilprägenden Persönlichkeit, die sich vor allem durch einen Aspekt auszeichnete: Die Solo-Konzerte bestritt er ausschließlich mit improvisierten Programmen.

Seither hat der Pianist sein Spektrum enorm ausgeweitet. Von Bach interpretierte er das "Wohltemperierte Klavier" und die "Goldberg-Variationen", an der Benediktinerorgel in Ottobeuren nahm er eine Platte mit Hymnen auf, und sein Produzent Manfred Eicher bei ecm brachte ihn mit Arvo Pärt in Kontakt, dessen Komposition Fratres er gemeinsam mit Gidon Kremer einspielte. Seine große Inspiration aber sei der Philosoph und Komponist Georges I. Gurdjieff gewesen, berichtete Keith Jarrett einmal im Fernsehinterview.

Rio ist nun das beeindruckende Dokument eines gereiften Künstlers, der längst nicht mehr der Jazzer ist, für den viele ihn bis heute halten. Die Stücke heißen schlicht "Rio I" bis "XV", sie sind erneut Improvisationen, und die charakteristischen Nebengeräusche aus Jarretts Mund sind auch noch zu vernehmen. Abseits solch vordergründiger Parallelen spiegelt Rio jedoch einen faszinierenden Erfahrungskosmos. Zu Beginn legt der 66-Jährige mit fulminant-virtuosen Tonkaskaden los, um schon im zweiten Stück dunkle Klänge zu modellieren, vorsichtige Tupfer über schweren, leisen, kargen Bässen.

Zwei CDs mit anderthalb Stunden Musik bilden das gesamte Konzert im Teatro Municipal von Rio de Janeiro ab. Sie konfrontieren den Hörer mit Passagen, die von Debussy stammen könnten, mit artistischen Anflügen serieller Musik samt ihrer artifiziellen Kühle, mit Balladen, mit coolem Blues, in den sich mal ein Ragtime-Motiv mischt. Und mit Freistil-Erfindungen, wo sich in eine vordergründig lapidare Zitatensammlung wie "Rio XIII" für Sekundenbruchteile eine kirchentonale Sequenz einschummelt, nur um ihrerseits von Bar-Jazz überrumpelt zu werden. Es dominieren aber fragil-zärtliche Momente, und sie allein würden schon reichen, um sich in Rio zu verlieben.

Keith Jarrett - Rio. Doppel-CD. ECM 2198/99.

Ralf Neite

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