Herzensbildung

Vater-Tochter-Gespräch
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Höchste Zeit zu retten, was noch zu retten ist: Ein Vater lädt seine Tochter zu einer über ein Jahr dauernden E-Mail-Korrespondenz über den Glauben ein.

Der Agnostiker mit Hang zum Pessimismus würde sagen: Richard Christian Kähler wollte ein Publikum für seine tiefgründigen Gedanken und Theorien in Sachen Theologie, Philosophie und Ethik. Kähler ist Fotograf und Musiker, Satiriker und TV-Autor, studierter Germanist und Soziologe - und Vater einer Abiturientin. Ist man selbst Elternteil eines Heranwachsenden, lässt sich die Entstehungsgeschichte des Buches jedoch gut nachvollziehen: Der Vater reagiert geschockt, als ihm die Gottlosigkeit seiner Tochter Lilian bewusst wird: Hätte er sie als Kind doch taufen und an eine Religion, vielleicht sogar die christliche heranführen sollen?

Höchste Zeit also, zu retten, was noch zu retten ist. Er lädt sie zu einer am Ende über ein Jahr dauernden E-Mail-Korrespondenz ein und regt sie an, unter die Oberfläche des Lebens zu schauen. Das Bedürfnis ist groß, Tochter Lilly etwas mit auf den Lebensweg zu geben, damit sie den Stürmen des Lebens nicht ohne moralisches Gerüst, ohne eine geistliche Heimat ausgeliefert ist. Doch das setzt Entscheidendes voraus: Vater, Mutter oder Patentante sollten wissen, woran sie selbst glauben, was ihnen im Leben Halt gibt und wozu es sich zu leben lohnt.

Das Sympathische an dem Buch: Dieser Vater, der auf die sechzig zugeht, gibt zu, dass es ihm schwerfällt, Althergebrachtes zu glauben. Dass er sich zwar in Krisensituationen, wie bei Flugzeugstarts und -landungen, immer öfter an "den Himmel" wendet. Dass ihm aber die Wunder Jesu genauso unwahrscheinlich erscheinen wie die Mehrzahl der Aussagen im christlichen Glaubensbekenntnis. Insofern ist der Austausch mit der Tochter für ihn nicht nur die Möglichkeit, seiner Tochter geistliche Nachhilfe zu geben, sondern auch ein guter Zwang, sich selbst zu hinterfragen. Kähler geht ernsthaft, aber doch immer mit Humor an die großen Themen heran. Er recherchiert, fragt nach bei Buddha und Gandhi, bei Adorno, Darwin und Wissenschaftlern wie Albert Einstein. Manchmal bemüht er sogar die Bibel.

Anfangs ist es ihm wichtig, seine Tochter von der Gefahr der Esoterik, des Heidentums und des Okkultismus zu überzeugen. Der Erziehungsberechtigte in voller Fahrt. Später wird es schwieriger, als es um die Frage der Auferstehung Jesu geht und die Verbrechen der Kirche. Schließlich sind es die Wissenschaftler, die ihn trotz eigener Glaubensferne am meisten ins Grübeln bringen. So wie Max Planck, der sagt: "Für den gläubigen Menschen steht Gott am Anfang, für den Wissenschaftler am Ende aller seiner Überlegungen." Daraus gewinnt Kähler den Gedanken, dass es eine Urkraft geben muss, genauso wie eine Allverbundenheit durch die Liebe."In der Liebe leben", das ist schließlich sein Credo. So kann er am Ende sagen: "Ja, Jesus ist Gottes Sohn. Weil wir alle Gottes Kinder sind. Und ja, er glaubt an Gott. Denn Gott ist die Liebe und er glaubt an die Liebe als die stärkste Kraft im Leben."

Das Buch beschreibt die geistliche Reflexion und Standortbestimmung eines Mannes. Doch mit ihm reift in dieser Zeit seine junge Gesprächspartnerin. Auch wenn deutlich wird, dass sich Lilly erheblich weniger tief mit philosophisch-ethischen Themen beschäftigen möchte und den komplizierten Theorien ihres Vaters in Bezug auf die Metaphysik nicht immer folgen kann. Sie ist mittlerweile neunzehn und will Spaß haben im Leben. Doch eine Herzensbildung hat sie definitiv mitbekommen. Der tiefsinnige und überaus amüsante Dialog mit "Paps" lohnt sich für Eltern und junge Erwachsene. Und als Anregung und Kontrastfolie für Suchende, und das sind wir doch alle ein bisschen.

Lilian und Richard Christian Kähler: Weißt du, was ich glaube, Paps? Rowohlt Verlag, Reinbek 2010, 288 Seiten, Euro 16,95.

Tonja Knaak

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