Vom Glück Thomaner zu sein

Einer der berühmtesten Knabenchöre Deutschlands wird achthundert Jahre alt
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Die Thomasschule und Thomaskirche und ihr Chor haben Pest- und Kriegszeiten und zwei christentumsfeindliche Diktaturen überlebt. Die Grimmaer Journalistin Beate Bahnert wirft einen Blick in Geschichte und Gegenwart und geht der Frage nach, warum immer noch viele Kinder und Jugendliche Thomaner werden wollen.

Dreimal nahm Felix Anlauf, um die Aufnahmeprüfung für den Thomanerchor zu bestehen. In der dritten und vierten Klasse klappte es nicht. Aber noch während des Vorsingens wurde der Junge ermutigt, es ein weiteres Mal zu versuchen. Und mit Beginn der fünften Klasse wurde er aufgenommen.

Inzwischen besucht Felix die neunte Klasse des Thomasgymnasiums. Dort ist er einer unter etwa siebenhundert Schülern, Jungen und Mädchen. Vor allem aber fühlt er als Thomaner, als Mitglied des Thomaschores, dem zur Zeit 97 Buben angehören. An Bewerbern mangelt es nicht, aber nicht jeder eignet sich. Felix erfüllte schließlich alle Voraussetzungen. Auch auf dem Cello war er recht sicher geworden. Denn ein Instrument zu spielen, ist Pflicht. Und das fleißige Üben hatte sich für ihn endlich gelohnt.

Der bestandenen Aufnahmeprüfung schließt sich eine halbjährige Probezeit an, in der die Jungen merken sollen, ob sie mit dem neuen Leben zurechtkommen. Und nach einer weiteren Prüfung werden die Neuen feierlich mit einer kleinen Zuckertüte in der Gemeinschaft begrüßt.

Provokation unter Atheisten

Im Jahr 2012 begeht die "Thomana" ihren achthundertjährigen Geburtstag. Zur "Thomana" gehören Thomaskirche, Thomanerchor und Thomasschule, die Einheit von Glauben, Singen und Lernen. Denn, so betont Thomaspfarrer Christian Wolff, "Glaube bedeutet nicht ein Ausklammern bestimmter Bildungsinhalte, sondern eine Erweiterung des Horizonts. Wir wollen mit dieser Haltung provozieren." Und das gelingt in dem atheistisch geprägten Leipziger Umfeld.

Das Festjahr hat bereits am Reformationstag 2011 mit einer Motette in der Thomaskirche begonnen. Damit wurde gleichzeitig das Jahr der Lutherdekade eröffnet, das dem Thema "Reformation und Musik" gewidmet ist. Und dies passt gut zu den Thomanern, die schon bei der Leipziger Disputation Martin Luthers mit Johann Eck im Jahr 1519 das Kulturprogramm bestritten.

Am Reformationstag 2011 waren sie aber nicht Beiwerk, sondern Akteure in dem Gotteshaus, in dem Luther zu Pfingsten 1539 die Predigt hielt, die die Reformation im albertinischen Sachsen einführte. Und hier erreichte die protestantische Kirchenmusik ihren Höhepunkt mit Johann Sebastian Bach, Thomaskantor von 1723 bis 1750. Der fand nach langer Odyssee, zweihundert Jahre nach seinem Tod, im Chorraum seine letzte Ruhestätte.

Wüster Hauffen

Mit dem Rat der Stadt Leipzig lag Bach fortwährend im Clinch. Die materielle Lage seiner Familie war bedrohlich - und die der Sängerknaben nicht minder. Vorgefunden hatte er bei seiner Ankunft einen "wüsten Hauffen krätziger Schüler, die sich auf den Gassen heiser geschrien", die größtenteils "untüchtig, ohne musikalisch Naturel" und "niemahln zur Music zu gebrauchen" waren. Damals gab es 55 Thomaner, die in den vier Hauptkirchen sangen und musizierten. Und sie taten das frierend und mit knurrendem Magen. Dass Bach mit dieser Besetzung überhaupt Oratorien und Kantaten, die Matthäus- und Johannes-Passion aufführen konnte, ist kaum vorstellbar. Die Sängerknaben verrichteten Dienst bei allen Amtshandlungen. Und selbst im Dreißigjährigen Krieg und während der Völkerschlacht 1813 nahm das "Leichensingen" kein Ende. Diese Verpflichtung endete erst 1875. Wen wundert, dass es mit der Motivation der Thomaner zuvor nicht weit her war und sie jeden Freitag alle der Reihe nach gezüchtigt wurden.

Thomaskantor Johann Hermann Schein, der Vorgänger Bachs von 1616 bis 1630, bat den Rat der Stadt um Hilfe, denn die Zuwendungen mitleidiger und wohlhabender Bürger ließen in schlechten Zeiten merklich nach. Dennoch - hier soll eine Lanze für die Leipziger gebrochen werden - ist es wohl der Musikliebe der Bürger zu verdanken, dass die Thomasschule auch nach der Säkularisierung weiterhin den Gesang pflegte. Und heute ist es noch weltweit einzigartig, dass ein Spitzenchor wie die Thomaner jede Woche eine Motette aufführt, für die das Publikum jeweils nur ein Programmheft für zwei Euro als Eintrittskarte erwerben muss. Die Motetten, immer ein anderes Programm, erklingen in der Thomaskirche freitags um 18 Uhr und samstags um 15 Uhr.

Dienst für Stimmbrüchige

Felix gehört zu den Thomanern, die Programmhefte verkaufen und CDs. Gerade pausiert er als Sänger, denn der Stimmwechsel hat ihn eingeholt. Und weil dieser in der Entwicklung immer früher erfolgt, holt Thomaskantor Georg Christoph Biller, der sechzehnte nach Bach und selbst Alt-Thomaner, die Jungen schon früh in den Chor. Denn die Dauer des Stimmbruchs ist unberechenbar. Er kann einige Wochen oder gar ein Jahr dauern. In dieser Zeit werden die Stimmbrüchigen für vielfältige Dienste eingesetzt: Sie erledigen Botengänge, transportieren Noten, helfen während der Proben beim Umblättern, passen auf die Garderobe auf, beaufsichtigen die Mahlzeiten und haben vor allem viel Zeit für die Schule. Was, auch noch Schule?, möchte man angesichts von genau durchkalkuliertem Probenwochenplan, Tourneen und sächsischen Gymnasialanforderungen fragen.

Die Thomasschule war Leipziger Bürgerkindern immer zugänglich. Sie gilt als Deutschlands älteste öffentliche Schule und gehört heute zu den besten Gymnasien Sachsens. Und von der Schule nicht zu trennen ist der Thomanerchor, Leipzigs älteste Kultureinrichtung. "Die Pädagogen passen sich den Thomanern an", versichert Schulleiterin Kathleen Kormann. Und Felix formuliert lakonisch: "Irgendwie kriegt man‘s immer hin!" Mittwochs besucht er nach neun Stunden Unterricht die Tanzstunde. Bis zum vergangenen Jahr hatte er in dieser Zeit Konfirmandenunterricht. In seinem Jahrgang wurden von fünfzehn Altersgenossen allerdings nur sechs konfirmiert, denn Kirchenmitgliedschaft ist keine Bedingung für die Mitgliedschaft bei den Thomanern.

Versuch der Gleichschaltung

Die beiden atheistischen Diktaturen versuchten zwar den Chor gleichzuschalten und von seinen christlichen Wurzeln zu entfremden. Dem Geschick der damaligen Thomaskantoren, ihrer Kompromissbereitschaft oder Kompromisslosigkeit, war es zu verdanken, dass der Chor bestehen und sich treu bleiben konnte: Karl Straube (1918-1939), Günther Ramin (1940-1956), Erhard Mauersberger (1956-1972) und Hans-Joachim Rotzsch (1972-1991). 1937 wurden die Thomaner als eigene Gefolgschaft der Hitlerjugend unterstellt und zum Tragen von Braunhemden statt der "Kieler Blusen" verpflichtet. Im Dezember 1943, nach dem schweren Bombenangriff auf Leipzig, wurde der Chor nach Grimma evakuiert. Erst im Juni 1945 erklang in der Thomaskirche wieder die Matthäus-Passion.

Wenn Felix von den Konzertreisen erzählt, die er begleitet hat, glänzen seine Augen. Schon in der fünften Klasse war er in Japan. "Die Leute wollten nichts anderes hören als die Matthäus-Passion. Kantor Biller hatte Mühe, ein kleines A-cappella-Konzert einzuschieben!" Sapporo, Südkorea, Singapur, Sidney, Melbourne, Brasilien, Uruguay und Argentinien. In diesem Monat wird das Weihnachtsoratorium in Essen, Frankfurt am Main, Dortmund und Baden-Baden aufgeführt. Und die "Thomasser", wie sie sich selbst nennen, freuen sich schon auf die schönste Veranstaltung des Jahres, den Heiligabend mit Weihnachtsmotette und Christvesper.

Aufstehen um 4.30 Uhr

"Bei der Motette ist alles voll, die Menschen sitzen auf den Fliesen, und nur ein kleines Rechteck bleibt frei, das Grab von Bach", erinnert sich Felix an die letzten Jahre. "'Oh du fröhliche' hat Kantor Biller für zwei Orgeln bearbeitet, und wir singen, wie wir nur können!"

Der Thomaskantor flicht Historisches und Anekdotisches in die Proben ein und erschließt dem Chor auch moderne Kompositionen. Vor zwei Jahren waren das Leonhard Bernsteins Chichester-Psalmen mit Riesenchor und Schlagwerk. Die Thomaner hätten das Stück gemocht, trotz der schwierigen hebräischen Texte. Und auch die Ostermette um 6 Uhr früh mit unzähligen Kerzen sei etwas ganz Besonderes, erzählt Felix. Nach dem Aufstehen um 4.30 Uhr müssten alle gleich etwas essen, damit keiner in der Kirche umkippt. Der junge Mann, dem schon mehr als ein Matrosenanzug zu kurz geworden ist, lobt ausdrücklich die Küche. Bei wenig Zeit könne es kein Wahlessen geben, aber alles sei sehr abwechslungsreich. Und natürlich beschert die Küche auch ein festliches Weihnachtsessen, bis nach dem Festgottesdienst am ersten Feiertag alle nach Hause und in die wohlverdienten Ferien fahren.

Heimweh, ma non troppo

Zum Christfest will eben jede Familie zusammen sein. Für Felix gibt es zwei Familien, die "Thomasser" und seine Eltern. Aber kommt in Leipzig nicht manchmal Heimweh auf? Felix versichert, dass nur ganz selten jemand die Gemeinschaft verlässt. Wer von weit her komme, den komme die Trennung von der natürlichen Familie natürlich etwas härter an, er könne eben nicht wie die Leipziger mittwochs oder freitags nach Hause. Aber die Betreuer würden sehr viel gegen Heimweh tun, meint Felix. Und die Gemeinschaften auf den "Stuben" würden eine Art Familienatmosphäre schaffen.

Die Belegungen sind altersgemischt von der vierten bis zur zwölften Klasse und werden jedes Jahr neu zusammengestellt, damit alle wieder die gleiche Ausgangssituation haben. Und besser als in der leiblichen Familie klappt es mit den vielen Ämtern, die den Chor zusammenhalten und ohne die nichts funktionieren würde.

Das Internat, das "Alumnat", der "Kasten", hat hundertzwanzig Jahre auf dem Buckel und wird gerade denkmalsgerecht und nach heutigen Standards saniert. Derweil bewohnen die Alumnen einen Containerbau. Dort gibt es statt Schlafsäle kleinere Zimmer mit mehr Rückzugsmöglichkeiten. Es trappelt und scharrt darin, singt, pfeift und musiziert, ruft und flüstert wie überall, wo fast hundert Buben zu Hause sind. Auf die Schule folgen von 15.30 bis 18.45 Uhr Proben und nach dem Abendessen bis 20 Uhr Schularbeiten. Und freitags beginnen die Proben wegen der Motette schon mittags. Samstags stehen CD-Aufnahmen an, Proben und Motette. Sonntags Gottesdienst. Und wenn Thomaner frei haben, gehen sie wie andere Jugendliche ins Kino, paddeln und spielen Fußball.´

Zukunftsprojekt Forum Thomanum

Im Bachviertel, wo Alumnat und Thomasschule liegen, entsteht das "Forum Thomanum" als musikalischer Bildungscampus. Teile sind noch im Bau, andere schon fertiggestellt. Insgesamt ist es ein Zukunftsprojekt, das der Bedeutung der drei Jubilare angemessen und in der Symphonie der Aktivitäten wohl die nachhaltigste ist. "Die Deutsche Zentrale für Tourismus hat das Thomana-Jubiläum zum zentralen Schwerpunkt des weltweiten Deutschland-Marketings 2012 erhoben!", jubelt Volker Bremer, Geschäftsführer der Leipziger Tourismus- und Marketinggesellschaft.

Die Thomaner sind im Februar und März mit dem Gewandhausorchester auf Jubiläumstournee in Fernost und Großbritannien. Und wenn sie wiederkommen, begeht der Thomanerchor seine Festwoche. Das Stadtgeschichtliche Museum eröffnet die Ausstellung "Jauchzet - Frohlocket", eine von fünfhundert Ausstellungen rund um die drei Jubilare. Die Thomasschule feiert ihre Festwoche im September. Und die Thomaskirche beginnt am Reformationstag 2012 ihre Festveranstaltungen.

Lange nachklingen werden fünf Festmusiken zum Jubiläum der Thomana, für die international renommierte Komponisten beauftragt wurden. Sie werden als Höhepunkte des Jubiläumsjahres uraufgeführt und zeigen die Affinität des Thomanerchores zum heutigen Musikgeschehen.

Angesichts des Festmarathons drängt sich aber doch die Frage an die Thomaner auf, wie sie das denn alles schaffen wollen. Doch Felix sieht es gelassen. "Wir sind ja Stress gewohnt." Ob da wohl Wünsche offenbleiben? "Nein, es ist alles optimal. Ich bin einfach glücklich, Thomaner zu sein", bekennt der junge Mann.

Beate Bahnert

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