Leben verstehen

Interdisziplinäre Annäherungen
Die Stärke dieses Bandes liegt in seinem multiperspektivischen Ansatz, in dem Philosophen, Theologen und Naturwissenschaftler zu Wort kommen

Vor wenigen Monaten konnte man auf der Titelseite der Wochenzeitung die zeit in großen Buchstaben lesen: "Was ist Leben?" Untertitel: "Forscher haben erstmals einen künstlichen Organismus geschaffen. Der Mensch kann jetzt Schöpfer spielen." Und dann erfuhr man, wie der Genom-Entschlüsseler J. Craig Venter ohne ethische Bedenken, aber erfolgreich, darum bemüht ist, "synthetisches Leben" herzustellen. Ferner las man über die "Bastellaune" in der Elite der Bio-Studenten, die bei der Vorbereitung auf den Wettbewerb am Massachusetts Institute of Technology mit genetischen "Legosteinen" spielen. Synthetisches Leben ist eine der naturwissenschaftlichen Spitzenthematiken.

In der Rheinischen Landeskirche gibt es bereits seit Ende der Neunzigerjahre einen "Gesprächskreis Naturwissenschaften - Theologie", derzeit unter der Leitung des Präses Nikolaus Schneider, mit höchst kompetenter und gut informierter Besetzung aus den entsprechenden Disziplinen. Ergebnisse der Arbeit dieses Kreises hat der Präses jetzt gemeinsam mit dem Direktor der Evangelischen Akademie im Rheinland, Frank Vogelsang, als Buch herausgegeben. Die Stärke dieses Bandes liegt in seinem multiperspektivischen Ansatz, in dem Phi­losophen, Theologen und Naturwissenschaftler zu Wort kommen.

Fundamentale Differenzen nicht stehen lassen

Dass es bei einer solchen interdisziplinären Begegnung nicht nur um Höflichkeit und Respekt voreinander geht, sondern um fundamentale Divergenzen, die man nicht stehen lassen kann, wenn man einander ernst nimmt, zeigt der Beitrag der Philosophin und Theologin Christina Aus der Au. Sie ist durch ihre Habilitationsarbeit über "Das Menschenbild in den Neurowissenschaften und in der Theologie" vorzüglich in diese Thematik eingearbeitet. Sie legt dar, dass das Thema "Leben" von den Naturwissenschaften, der Philosophie und der Theologie als ein jeweils eigenes Kernthema in Anspruch genommen wird. Die Naturwissenschaften untersuchen Strukturen und Prozesse lebender Wesen in der "objektiven Es-Perspektive".

Die so genannte Philosophie des Geistes übernimmt im Allgemeinen die Ergebnisse der Naturwissenschaften, fügt aber hinzu, dass der wesentliche Bestandteil höher entwickelten Lebens das phänomenale Bewusstsein sei, das in der objektiven Perspektive nicht zugänglich sei. Leben könne dagegen auf Grund eigener Erfahrung von Leben erkannt werden. Das gelte in gleicher Weise für das Selbstbewusstsein.

Allerdings ist man in der Philosophie des Geistes mit dem Frankfurter Philosophen Thomas Metzinger davon überzeugt, dass das Ich ein illusionäres, wenn auch nützliches Selbstmodell des "Systems Mensch" sei, dem keine Wirklichkeit entspreche. Damit sei auch der Religion der Boden entzogen. ^

Illusionäres Ich

Aus der Autor hält dem entgegen, dass zwar ein illusionäres Ich auch nur einen illusionären Gott haben könne; aber der Ausgangspunkt christlichen Glaubens nicht das Ich des Menschen sondern der das Ich anredende Gott sei. Dadurch werde aus dem Ich ein Du. Wer sich von dieser Anrede Gottes nicht treffen lässt, für den bleibt diese Perspektive natürlich unverbindlich, aber kann trotzdem anerkennen, dass es diese Perspektive gibt. Dazu kann das interdisziplinäre Gespräch führen.

Angesichts dieser Lage stellen Annegret und Nikolaus Schneider die Doppelfrage: "Wie viel Naturwissenschaft braucht die Theologie? Wie viel Naturwissenschaft verträgt die Theologie?" - Und ihre Antwort zeigt, dass biblischer Schöpfungsglaube naturwissenschaftliche Erkenntnisse verträgt und braucht, um auf der Höhe der Zeit zu sein. Das stellen auch die weiteren theologischen Beiträge des Buches unter Beweis. Kurz: Der Reichtum dieses Buches ist überquellend.

Dass dabei auch noch die The­men "Leben, Zeit und Ewigkeit" und "Leib und Seele" angeschnitten werden, ist jedoch des Guten zu viel. Sie sind jedes für sich so komplex wie das The­ma "Leben" und haben jedes für sich schon Anlass zu ähnlich anregenden interdisziplinären Unternehmungen gegeben.

Nikolaus Schneider/Frank Vogelsang (Hg.): Leben - Was ist das? Interdisziplinäre Annäherungen. Neukirchner Verlag, Neu­kirchen 2009. 216 Seiten, Euro 24,90.

Ottfried Reinke

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