Dramaturgie der Aggression

Filme als posttraumatische Visualisierungen der Kriege in Irak und Afghanistan
Krieg im Kino: Dreharbeiten zu Paul Greengrass’ Film „Green Zone“. Seite 60: Tödliches Kommando – The Hurt Locker, Kathryn Bigelow, Brian Geraghty. (Foto: Universal Pict.Int.Ger./Cinetext)
Krieg im Kino: Dreharbeiten zu Paul Greengrass’ Film „Green Zone“. Seite 60: Tödliches Kommando – The Hurt Locker, Kathryn Bigelow, Brian Geraghty. (Foto: Universal Pict.Int.Ger./Cinetext)
Jeder Krieg und jeder Kriegsfilm ist unvergleichlich, auf immer neue Art barbarisch und unerklärlich. Und doch gibt es furchtbare Konstanten, die ewige Wiederkehr einer Dramaturgie der Aggression und des Leidens, die immer gleiche Inszenierung des Militärischen.

Der Krieg und das Kino, das ist eine lange Geschichte einer prekären Beziehung. Das Kino war immer das beste Propagandainstrument für den modernen Krieg, für Männerkörper in Stahlgewittern, das Pathos des Sterbens und Tötens. Das Kino veränderte sich durch den Blick des Krieges, und der Blick des Krieges änderte sich durch das Kino und seine Nach-Medien.

Aber es sind auch Filme, die den entschiedensten Protest gegen das organisierte Töten formulieren, die gerade den kriegerischen Blick, den das Kino sogar in seinen zivilisierteren Formen noch liebt, im Fantasy-Film oder dem Western zum Beispiel, gebrochen und widerlegt haben: Von Im Westen nichts Neues und Letters from Iwo Jima bis zu Im Tal von Elah erhob das Kino auf die unterschiedlichste Weise Einspruch im Namen der Menschlichkeit und versuchte die Maschinerie und die Ikonographie des Militarismus zu entlarven. Und dabei verhält es sich mit dem Kriegsfilm wie mit dem Krieg selber: Es gibt furchtbare Konstanten, die ewige Wiederkehr einer Dramaturgie der Aggression und des Leidens, die immer gleiche Inszenierung des Militärischen. Zugleich aber ist jeder Krieg und jeder Kriegsfilm unvergleichlich, auf immer neue Art zugleich barbarisch trivial und unerklärlich.

Es verhält sich mit dem Kriegsfilm wie mit dem Krieg selber

Ungleich scheint auch die Beziehung zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren; so sehr der Nationalsozialismus auf einer radikalen Militarisierung der Gesellschaft basierte, so wenig kam in seinem Kino der Krieg vor. Der Vietnamkrieg war lange Zeit, sieht man von einem Propagandastück wie John Waynes Green Berets ab, für Hollywood ein Tabu-Thema. Man sprach allenfalls verschlüsselt, zum Beispiel im Western, davon. Dann aber, so sagt ein (vereinfachendes) Geschichtsbild, waren es gerade die Bildmedien, welche die Bevölkerung zu Abkehr und Abscheu brachten, und wenn das amerikanische Kino schon unfähig schien, diesen Krieg zu verstehen, so bemühte es sich immerhin, die psychischen und sozialen Wunden der Nachkriegszeit zu behandeln.

Bei den späteren Kriegseinsätzen zögerte man in der Traumfabrik und jenseits von ihr weniger. Grenada (Clint Eastwoods Heartbreak Ridge, 1986), der Einsatz in Somalia, (Ridley Scotts Black Hawk Down, 2001) und der erste und zweite Einsatz im Irak (Three Kings, 1999 von David O. Russell, Jarheads, 2006 von Sam Mendes inszeniert) wurden durchaus kritisch, wenn auch nicht gerade politisch-analytisch im Kino verhandelt. Die meisten dieser Filme fragten weniger nach den Ursachen und Auswirkungen der neuen Kriege als vielmehr nach dem, was sie mit dem einzelnen Menschen anstellen.

Auch der dritte Irak-Krieg brachte einige klassische Flagwaver, militärische Propaganda nur allzu bekannter Art wie American Soldiers von Sidney J. Furie (2006) hervor, ein geradezu modellhafter Durchhaltefilm um eingeschlossene Soldaten, die der Übermacht des Feindes trotzen. Aber solche Filme wollte das Publikum nicht mehr sehen; trotz des embedded journalism und der neuerlich angeworfenen Propagandamaschinerie wusste man einfach zu viel von der Realität, als solche heroischen Todesbilder noch zu genießen.

Man wusste von der Realität zu viel

Wieder einmal zeigt sich am eindringlichsten das wahre Gesicht des Krieges dort, wo jeder es sehen kann, wenn er nur die Augen aufmacht, in der Geschichte der gezeichneten und traumatisierten Heimkehrer. Home of the Brave (2006 - Regie: Irwin Winkler) etwa verfolgt die seelischen und körperlichen Nachwirkungen des Kriegseinsatzes bis hin zu jenem Ex-Soldaten, der sich absichtlich von Polizisten erschießen lässt, weil ihm eine Rückkehr in ein normales Leben nicht mehr möglich ist.

Ein besonders intensives Heimkehrerdrama wie In the Valley of Elah (2007 - Regie: Paul Haggis) überforderte dann auch den Willen zur Selbsterkenntnis: Er schildert die Suche eines patriotisch gesinnten Vaters nach den Hintergründen für den Tod seines Sohnes kurz nach seiner Rückkehr vom Kriegsschauplatz: Im Verlauf seiner Recherchen muss er erkennen, dass dieser junge Mann sich in ein wahres Monster verwandelt hat. Im Tal von Elah kämpfte einst David gegen Goliath; das biblisch-historische Gleichnis endet damit, dass der Vater die amerikanische Fahne verkehrt herum hisst, das Zeichen für größte Not und Rettungsbedürftigkeit.

Es scheint in der Tat, als würden diese Kriege am ehesten an der Heimatfront zu erklären sein, und so wurde auch The Messenger (2009 - Regie: Oren Moverman) zu einem Schlüssel: Im Irakkrieg schwer verwundet wird Staff Sergeant Will Montgomery (Ben Foster) dazu abkommandiert, die letzten Monate seines Militärdienstes bei der "Casual Notification" zu verbringen, das heißt, er hat die traurige Pflicht, den Angehörigen die Nachricht vom Tod eines Soldaten oder einer Soldatin mitzuteilen. Auch dieser Film zeigt einen professionellen Umgang mit der Situation, der keineswegs die emotionalen Tragödien überdecken kann. Und er zeigt, dass die Gesellschaft den Krieg, den sie am Ort vielleicht nicht verloren hat, spätestens zuhause verliert.

Die Medialisierung des Krieges spiegelt ein Film wie Redacted (2007) von Brian de Palma. Mit einer Handkamera in gleichsam dokumentarischer Manier verfolgt er einige amerikanische Soldaten der Alpha Company im Irakkrieg: Angel Salazar ist es, der seine Kameraden mit der Videokamera im Einsatz aufnimmt, während sie einen Kontrollpunkt bewachen und zivile Passanten und Fahrzeuge kontrollieren. Bei einer Hausdurchsuchung nehmen sie einen Familienvater fest; zwei von ihnen, Flake und Rush, kehren kurze Zeit später zurück und vergewaltigen die 15-jährige Tochter. Salazar filmt auch diese Tat, die mit der Ermordung der gesamten Familie endet. Einige Tage später wird er selbst verschleppt und als Rache für das Verbrechen vor laufender Kamera enthauptet. Der Film endet einigermaßen sarkastisch; eine wirkliche Aufarbeitung der Kriegsverbrechen findet offensichtlich nicht statt.

Flucht aus der Wirklichkeit

Posttraumatische Belastungsstörungen sind auch in der deutschen Gesellschaft als Folge von Kriegseinsätzen nichts Ungewöhnliches mehr. Es ist eine psychische Erkrankung, die sich in der Regel drei bis sechs Monate nach einem Einsatz zeigt, manchmal auch erst nach Jahren. Sie ist begleitet von Flashbacks, blitzartigen Rückerinnerungen an Situationen, in denen der Betroffene hilflos der psychischen, physischen und auch moralischen Überforderungen ausgesetzt war, und kann durch scheinbar nebensächliche Sinneseindrücke ausgelöst werden. Eine mögliche Reaktion ist etwa eine Flucht aus der Wirklichkeit, wie sie der Film The Jacket (2005), eine deutsch-britische Koproduktion unter Regie von John Maybury, zu zeigen versucht: Der Golfkriegsheimkehrer Jack (Adrien Brody) wird beschuldigt, einen Polizisten ermordet zu haben, und wird in die psychiatrische Anstalt gebracht.

Dort träumt er sich in ein zweites Leben; die beiden Ebenen der Wirklichkeit begegnen sich stets dort, wo Jack seinen "eigentlichen" Tod bei einem Angriff im Irak erlebte, als man ihn für tot gehalten hatte. Der Ausgangspunkt für die posttraumatische Belastungsstörung ist auch hier ein Moment der radikalen Einsamkeit: Die gesellschaftlichen Kräfte, die diesen Krieg erzeugt haben, und der einzelne Mensch, der ihn führen und erdulden muss, haben miteinander kaum etwas zu tun, und es ist noch mehr als der Schmerz diese Erfahrung der vollkommenen Hilflosigkeit, welche sich auf den Verlust der Wirklichkeit, den Verlust auf ein menschliches Leben überhaupt auswirkt.

Diese Erfahrung prägt auch das Verhältnis der Deutschen zum Krieg in Afghanistan: Der Einsatz deutscher Soldaten und Soldatinnen am Hindukusch dauert bereits länger als der Zweite Weltkrieg, und Ex-Verteidigungsminister Franz Josef Jung bereitete mit einem "robusten Mandat" die Öffentlichkeit darauf vor, er könne noch "Jahrzehnte andauern". Umfragen belegen, dass die Mehrheit der Deutschen diesen Krieg ablehnt, der offensichtlich die Lage eher schlimmer als besser macht und der obendrein auch völkerrechtlich höchst umstritten ist. Kein Wunder, dass auch der deutsche Film das Thema höchst vorsichtig behandelt und sich erst jetzt, mehr als zehn Jahre nach dem Beginn, zaghaft mit den Folgen auseinandersetzt.

Wie empfindlich man dabei dennoch reagierte, zeigt der Fall des ARD-Films Willkommen zu Hause über einen aus Afghanistan zurückgekehrten Bundeswehrsoldaten im Jahr 2008. Zunächst wurde er vom ursprünglichen Starttermin um ein Vierteljahr verschoben, in eine weniger brisante Sendezeit. Dabei ist die Geschichte von Ben (Ken Duken), der in Afghanistan einen Bombenanschlag mit mehreren Toten erlebt und nach seiner Rückkehr in die heimatliche Pfalz mit dem Geschehen nicht zurechtkommt, kaum politisch und durchdrungen vom Wunsch nach Aussöhnung.

Heilungsversprechen

Im Jahr 2008 war auch der thematisch verwandte Film Nacht vor Augen von Brigitte Maria Bertele auf dem Forum der Berlinale uraufgeführt worden. Auch hier geht es um die Heimkehr eines traumatisierten Soldaten in seine Heimat, nun ist es der Schwarzwald. Und wie Ben wird auch David zunächst von seiner Familie, den Freunden und der Freundin zwar freundlich begrüßt, aber niemand interessiert sich ernsthaft für die Erlebnisse "dort drüben".

"Heilung" versprechen da schon eher die entsprechenden Serien; Kriegsheimkehrer müssen in der Lindenstraße vom Kollektiv und bei Bloch vom schwergewichtigen Psychologen-Helden therapiert werden. Eine wirklich kritische Haltung nehmen alle diese Filme nicht ein, die sich eher therapeutisch als analytisch verstehen. Sowohl Tod eines Freundes als auch Willkommen zu Hause versichern, in "enger Kooperation mit der Bundeswehr" entstanden zu sein. Daher kommen die traumatisierten Soldaten, die von der Gesellschaft wieder aufgenommen und aufgerichtet werden sollen, auch nur als Opfer vor, ihr Potenzial als Täter im fremden Land, das die meisten amerikanischen Filme nicht ausklammern, kommt hier nicht vor.

Der Debütfilm Waffenstillstand von Lancelot von Naso zeigt sich da ein klein wenig mutiger. Er untersucht das Verhalten einer Gruppe von deutschen Journalisten und Ärzten unterwegs von Bagdad ins Kriegsgebiet von Faludscha. "Nur weil es im Irak spielt", so der Regisseur, "heißt es ja nicht, dass es nicht auch Fragen behandelt, die für uns in Deutschland wichtig sind. Jetzt die Situation in Afghanistan zum Beispiel ist die gleiche Situation, die wir damals im Irak hatten. Es artet in einen Bürgerkrieg aus, und wir wissen eigentlich nicht, was wir da machen sollen." Es ist die Ratlosigkeit, nicht nur der Soldaten, sondern auch jener, die berichten und die helfen wollen, die die Unwirklichkeit des Geschehens noch erhöht.

Die Reste der Propaganda zerstören

Auch in den USA hat sich das Fernsehen mit dem Stoff auseinanderzusetzen versucht und ist dabei am Ende an der Gleichgültigkeit des Publikums und den Interessen der Wirtschaft und der Politik gescheitert. Over There, eine Produktion des Kanals FX, zeigte in dreizehn Folgen im Jahr 2005 sowohl Erfahrungen von Soldaten an der Front im dritten Irak-Krieg als auch das Leben ihrer Angehörigen in der Heimat. Anders als die üblichen Serien und sogar die kritischen Heimkehrerfilme wirft diese Serie auch einen Blick auf die irakische Zivilbevölkerung und ihr Leiden durch den Krieg und lässt ihre Sicht der Dinge zu. Trotz allerbester Kritiken wurde die Serie im November 2005 "wegen sinkender Einschaltquoten" eingestellt.

Aber ohnehin ist fraglich, wie weit man mit den Mitteln der Fiktion der Wirklichkeit der Kriege im Irak und in Afghanistan beikommen kann, zumal, wenn die Bilder- und Erzählmaschinen wirtschaftlich und politisch so kontrolliert sind. Der direkte dokumentarische Blick erst zerstört die Reste von Propaganda, Rationalisierung und Helden-Pathos. Sebastian Junger und Tim Hetherington folgen in Restrepo (2010) dem jungen Soldaten Juan Restrepo in den Einsatz in Afghanistan. Er ist begeistert und freut sich regelrecht auf seinen Einsatz: "Das wird verrückt!", jubelt er und filmt sich selbst und seine Kameraden mit der Handy-Kamera: "Wir lieben das Leben! Und wir ziehen in den Krieg." Nur noch kurz dauert dieses Leben: Im Korengal-Tal stößt Restrepos Patrouille auf einen Hinterhalt der Taliban, er wird von zwei Schüssen in den Hals getroffen und verblutet, bevor der Helikopter ihn ins Hospital bringen kann. In Erinnerung an ihren toten Kameraden haben die Soldaten der 173rd Airborne Brigade ihrem Gefechtsposten über dem Korengal-Tal den Namen Restrepo gegeben. Das Leben lieben fällt hier schwer. Überleben ist alles, was bleibt.

Noch rücksichtsloser und genauer schildert der dänische Dokumentarfilm Armadillo von Janus Metz die Wirklichkeit in diesem Krieg, es ist vor allem die Gefühlsroheit, die hier erzeugt wird, die uns den Atem raubt: "Was kümmert mich, wenn hier ein Mädchen stirbt. Pech, wie verschüttete Milch. Es sterben so viele Leute." So sagt es einer der dänischen Soldaten in Afghanistan, die Metz monatelang bei ihrem Einsatz begleitet hat. "Fuck, war das fett! Da lagen vier und röchelten. Taktaktaktak, wir halten drauf, 30, 40 Schuss in den einen. Da kriecht keiner mehr weg, wenn wir da waren. Fucking fett! Jetzt ist man im Krieg gewesen!"

Das Bild der Menschen stimmt nicht

Wer so redet, hat nicht einmal den Unterschied zwischen einem Computerspiel und einem Krieg begriffen. Und wer so redet, befindet sich bestimmt nicht in einem Einsatz für den Frieden. Filme wie dieser mögen zeigen, dass nicht einmal das Bild von Menschen stimmt, die durch den Krieg kaputt gemacht werden. Offensichtlich schicken die westlichen Armeen bedenkenlos schon sehr kaputte Menschen in diesen Krieg. Das ist eine sehr unangenehme Wahrheit, die nur Filme so deutlich zeigen können.

Die Anzahl jener, die so etwas sehen wollen, hält sich indes in Grenzen. Stattdessen hält der Games-Shop um die Ecke schon Afghanistan-Ballerspiele bereit, und die Trashmovie-Produktion liefert warnography wie Afghan Knights (Afghanistan - Die letzte Mission) für den DVD-Abend. Der Krieg am Hindukusch kehrt nicht nur in Form von traumatisierten und verwundeten Menschen in unsere Gesellschaft zurück, er wurde hier schon produziert. In Deutschland gibt es noch keinen Film, der sich der Tatsache, dass wir eine Gesellschaft im Krieg sind, mit Intelligenz und Mut gestellt hätte. Auch das sagt etwas über uns aus.

Georg Seeßlen

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