A.Adami-Aho Euké u.a.: Heimat(en)?

Empfehlenswert

Über neue Heimaten
Bild
Die hier vorgelegte „theologisch-ethische Heimatkunde“ ist dringend nötig, damit wir nicht weiterhin groben Kurzschlüssen aufsitzen.

Die verbreitete gegenwärtige Renaissance des Heimatbegriffs dient in der Regel der Legitimierung einer immer restriktiveren Flüchtlingspolitik und der Relativierung ihrer ethischen Orientierungen. Wir lassen uns derzeitig einigermaßen besinnungslos in einen irrationalen asymmetrischen „Bedürftigkeitswettkampf“ hindrängen, in dem vor allem eines auf der Strecke bleiben wird: die Menschlichkeit, jedenfalls so, wie sie aus christlicher Perspektive als Gemeinschaftlichkeit zu verstehen ist. Die hier vorgelegte „theologisch-ethische Heimatkunde“ ist dringend nötig, damit wir nicht weiterhin groben Kurzschlüssen aufsitzen, mit denen in fahrlässiger Weise der Heimatbegriff als ein Katalysator für Rechtsverdrehung und Selbstimmunisierung missbraucht wird - Frank Mathwig spricht von einer „Teflonhülle für verunsicherte Seelen“.

In drei fulminanten Studien wird uns vor Augen geführt, wie empfindlich eine Heimat ist, die im Grunde von allen gesucht wird, auch wenn das, was die einen meinen, verteidigen zu können, nicht dasselbe ist wie das, was die anderen in ihrer Not zu finden hoffen. Heimat bleibt eine „konstruierte Größe“, die nicht einfach zur Verfügung steht und schon gar nicht in Besitz genommen werden kann, zumal sie als „Sehnsuchtsbegriff“, wie er insbesondere die biblische Tradition geprägt hat, auch immer etwas Ausständiges mit sich bringt.

Die am Ökumenischen Institut Bossey lehrende Theologin Amélé Adamavi-Aho Ekué bestimmt in ihrem Beitrag die Theologie selbst als eine Migrationsbewegung, welche das wandernde Gottesvolk in seiner Sehnsucht nach Heimat begleitet. Heimat wird zu einem reisenden Konzept, das die Kirche als eine einheitsstiftende Vision in Anerkennung von Verschiedenheit versteht. Aus theologischer Perspektive kann Heimat nur interkulturell in der das Leben prägenden Entdeckung des gemeinsamen Menschseins buchstabiert werden.

Der in Bern wirkende Theologie Matthias Zeindler macht einen verheißungsvollen Umgang mit dem Thema „Heimat“ davon abhängig, dass ihr unausweichlich konflikthafter Charakter anerkannt und ausgehalten wird. Heimat bleibt recht verstanden eine Gabe, während die selbstgeschaffene Heimat eine illusionäre Ersatzheimat bleibt. Es ist die Sünde als Vertrauensbruch, durch den sich der Mensch bereits im Paradies seine Heimatlosigkeit einhandelt, die er mit seinen anhaltend ichbezogenen Anstrengungen nicht wieder aufzuheben vermag. Nicht das Abstraktum der Menschenwürde verhilft zu der notwendigen Solidarität, sondern allein der Wechsel zur Perspektive der Anderen kann zu einer Gemeinschaft führen, der schließlich auch Heimat verheißen ist. Zeindler macht schließlich darauf aufmerksam, dass auch die Enteschatologisierung unseres Existenzbewusstseins zu einer Abweisung von Fremden beiträgt.

Der ebenfalls in Bern tätige Ethiker Frank Mathwig geht davon aus, dass die größten Heimatgefährdungen des Menschen von innen kommen. Er legt den Finger darauf, dass die Sorge vor allem einem Heimatverständnis zu gelten habe, das einen Lebensraum beschreibt, der sich aufgrund seiner Vertrauenswürdigkeit als geeigneter Ort für ein gedeihliches Zusammenleben erweist. Wo Menschen gesichtslos gehaltene Menschen abweisen, kann auch kein Vertrauen in die eigene Gemeinschaft wachsen, weil sich das dort gepflegte Misstrauen nicht allein auf Fremde konzentrieren lässt. Es kann anderen grundsätzlich nichts verweigert werden, was ich dann nicht unversehens auch für mich selbst zu befürchten hätte. Und so bleibt die bedenkenswerte Frage: „Wie viel Vertrauen können ein Staat und eine Gesellschaft beanspruchen, die gegenüber Unwillkommenen ihre rechtlichen und moralischen Grundsätze willkürlich zu ändern oder aufzugeben bereit sind?“ Es wird schon sehr darauf ankommen, was jemand unter den gegenwärtigen Umständen bereit ist, als seine beziehungsweise ihre Heimat auszugeben. - Überaus empfehlenswert.

Michael Weinrich

Einzelartikel kaufen

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

z(w)eitzeichen Abonnement

Sie erhalten Zugang zur Rubrik z(w)eitzeichen.

4,00 €

monatlich

Monatlich kündbar.

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Printausgabe als PDF.

64,80 €

jährlich

Monatlich kündbar.
Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.

Weitere Rezensionen

Uwe Habenicht: Leben mit leichtem Gepäck

Neue Spiritualität

Lebens- und Glaubensgestaltung
Bild
Die wiederaufgebauten Dörfer aus seiner ehemaligen italienischen Lebenswelt sind für Habenicht Sinnbild für ein kultiviertes Nebeneinander verschiedener Religionen als verschiedene Übungsräume zur Transzendenz.

Womit können wir in der globalen Krise des 21. Jahrhunderts als Glaubende und Handelnde überleben? Wie kann der westliche Mensch der Spätmoderne den Lebensfallen von Beschleunigung und Technisierung entkommen? Wie kann schließlich christlicher Glaube zwischen und gemeinsam mit anderen Religionen seinen Weg finden? Mit einer Spiritualität, die minimalistisch wird, ist ein Weg möglich, so die programmatische und mutige These des Autors von "Leben mit leichtem Gepäck". Vielen mag er damit aus der Seele sprechen.

Der Autor versteht Spiritualität als eine „durch Übung vertiefte Sehnsucht nach Verwandlung durch das Transzendente“. In dieser Definition kommt bereits sein breiter Zugang zur Lebens- und Glaubensgestaltung als geistliche und körperliche Praxis zum Ausdruck. Das ist der Schlüssel zum großen Wurf. Bevor er aber seinen minimalistischen Übungsweg darlegt, analysiert der Autor erfrischend pointiert Kernprobleme der Gegenwart: „Grenzen des Wachstums“, „Armut und Ungerechtigkeit“, „Das erschöpfte und überforderte Individuum“, „Die Religionen und die Gewalt“, schließlich „Die Krise der traditionellen Kirchen in Europa und die Autonomie des Einzelnen“. All diesen Fragen könne nur eine Glaubenspraxis begegnen, welche beim übenden Individuum ansetzt.

Gibt es Beispiele für „übende Individuen“ im christlichen Abendland, unserer eigenen Tradition? Bei den Wüstenvätern, die im Umfeld der Verstaatlichung des Christentums ihre Berufung fanden und sozusagen als Gegenbewegung zur Expansion in die Wüste gingen, findet Habenicht Merkmale minimalistischer Spiritualität. Sie wurzelten in der Verkündigung und Lebenspraxis von Jesu selbst und bildeten die Grundlage für jede christlich-monastische Tradition. Autonomie, Selbstbegrenzung, Beschränkung auf das Essenzielle und Gemeinschaft werden hier als Grundelemente einer minimalistischen Spiritualität aufgezählt und tauchen im weiteren Verlauf des Buches wiederholt auf.

Als zweiten historischen Gewährsmann minimalistischer Spiritualität führt der Autor Martin Luther ein. Originell entwickelt Habenicht anhand von klassischen lutherischen Schriften, wie Luther sein monastisches Erbe in eine „Spiritualität für alle“ umwandelte. Das gute Werk könne nicht mehr als die übende „Arbeit“ am Gottvertrauen im Gebet sein, Gebet sei allerdings auch ein Handeln zugunsten des Nächsten. Lautes Memorieren von Katechismus, Bekenntnis und Gebet als eine beinah verschollene Praxis erscheint durch Habenichts Analysen plötzlich in einem neuen Licht.

Das fünfte Element minimalistischer Spiritualität, die Sensibilität für die Wunden der Gegenwart, zeigt der Autor an den übenden Betern Dietrich Bonhoeffer, Frère Roger und der Schriftstellerin Herta Müller auf, die zugleich in ihrer spirituellen Existenz mit einem Minimum an Tradition auskamen beziehungsweise sich neue, persönliche Zeichen minimalistischer Spiritualität erschufen.

In einer Methode der Korrelation, könnte man beinahe in Anlehnung an Paul Tillich sagen, tritt der Autor mit diesen Erkenntnissen in das Gespräch mit dem Philosophen Peter Sloterdijk ein. Dessen Buch „Du musst dein Leben ändern“ hat den vorliegenden Essay deutlich inspiriert. Auch der populäre Soziologe Hartmut Rosa darf als Gesprächspartner des Minimalisten nicht fehlen, geht es ihm doch um das gemeinsame Anliegen, der Entfremdung des Humanums durch eine Kultur minimalistischer Wahrnehmung zu widerstehen. Denn minimalistische Wahrnehmung ermögliche erst wieder eine Resonanz zwischen den Menschen und Gott.

Im Bild des „Albergo diffuso“, der „zerstreuten Herberge“, formuliert Habenicht schließlich seine Vision. Dazu entlehnt der Pastor, der mittlerweile in der Schweiz arbeitet, aber viele Jahre Seelsorger in Italien war, die wiederaufgebauten Dörfer aus seiner ehemaligen italienischen Lebenswelt, in denen verschiedene Behausungen unterschiedlichen Baucharakters als Gaststätten nebeneinander und miteinander zu einer gastfreundlichen Herberge verwoben waren. Sie sind ihm Sinnbild für ein kultiviertes Nebeneinander verschiedener Religionen, als verschiedene Übungsräume zur Transzendenz. In ihnen werden verschiedene Übungswege beschritten, Fremde als autonome Individuen gastfreundlich empfangen und in der Gemeinschaft angenommen. Habenicht versteht damit Jesu Rede „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen.“ (Johannes 14, 2) durchaus als Möglichkeit, verschiedene Religionen nebeneinander bestehen zu lassen. Minimalistische Spiritualität erfordere in letzter Konsequenz Selbstbeschränkung um Gottes Willen. „Wer bereit ist, ein Teil von etwas zu sein, verzichtet darauf, das Ganze sein zu wollen.“

Marcus A. Friedrich

Einzelartikel kaufen

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

z(w)eitzeichen Abonnement

Sie erhalten Zugang zur Rubrik z(w)eitzeichen.

4,00 €

monatlich

Monatlich kündbar.

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Printausgabe als PDF.

64,80 €

jährlich

Monatlich kündbar.
Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.

Weitere Rezensionen

Thich Nhat Hanh: Mein Leben ist meine Lehre

Authentisch

Über die Achtsamkeit
Bild
Nur wenn wir im Kontakt mit uns selbst sind, können wir auch die Verbundenheit mit allen anderen Wesen wahrnehmen und mitfühlend mit ihnen umgehen.

Der 91-jährige Thich Nhat Hanh ist neben dem Dalai Lama der bekannteste buddhistische Mönch weltweit. Doch ist er weit mehr als nur ein Mönch. Sein Leben lang ist er ein Sozial- und Friedensaktivist gewesen. Zugleich ist er Zen-Meister, Dozent, Schriftsteller, Lyriker sowie Kalligraph. Noch vor Beginn des Vietnamkrieges entwickelte er als erster das Konzept eines pädagogisch-, sozial-, politisch- und alltagsrelevanten Buddhismus, der später „engagierter Buddhismus“ genannt wurde. Er wurde der führende Repräsentant der im Westen bis heute nahezu unbekannt gebliebenen buddhistischen Friedensbewegung in Südvietnam. Obwohl er bereits vor Jahrzehnten von Martin Luther King für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wurde, hat er ihn bis heute nicht erhalten.

Das vorliegende Buch enthält gut achtzig Anekdoten und Betrachtungen, die teils autobiographischen, teils buddhistisch-spirituellen Inhalts sind. Diese knappen, tiefsinnigen, teilweise recht amüsant zu lesenden Episoden, Träume und Meditationen sind in fünf Kapitel unterteilt, beginnend mit dem Leben des Kindes und Heranwachsenden in Vietnam und dann den Erlebnissen der Kriegszeit.

Einige der Anekdoten sind schon aus anderen Büchern Nhat Hanhs und aus der Autobiographie seiner spirituellen Weggefährtin Schwester Chan Khong bekannt. Der dritte Abschnitt gibt Einblick in sein Leben in „Plum Village“, dem Retreat-Zentrum des von Nhat Hanh 1966 gegründeten Intersein-Ordens in Südfrankreich. Abschließend folgen die Kapitel „In der Welt zuhause“ sowie „Ich bin angekommen“.

Die letzten beiden Überschriften geben die Zielsetzung des Buches besser wieder als der etwas irreführende deutsche Titel "Mein Leben ist meine Lehre", der auch nicht dem Titel der englischen Originalausgabe entspricht. Es geht nämlich in diesem Buch nicht um das Leben Nhat Hanhs als solches oder um ein autobiographisches Interesse seitens des Autors. Denn dann müsste man bemängeln, dass die letzten Lebensjahre, die zu einer drastischen Verschlechterung seines Gesundheitszustandes führten, völlig ausgespart wurden. Stattdessen geht es in diesem Buch um die Botschaft der Achtsamkeit. Nhat Hanh, der seit 1966 im Exil lebt und als spiritueller Lehrer und Friedensstifter ein Global Player ist, ist eigentlich überall zuhause. Denn er ist in seiner wahren Heimat angekommen, und die ist nicht in Vietnam, nicht in Südfrankreich, sondern ort- und zeitlos.

Thich Nhat Hanh ist im Hier und Jetzt angekommen: „Seitdem ich mein wahres Zuhause gefunden habe, leide ich nicht mehr. Die Vergangenheit ist kein Gefängnis mehr für mich. Ebenso wenig ist es die Zukunft. Ich bin fähig, im Hier und Jetzt zu leben und mein wahres Zuhause zu berühren. Mit jedem Atemzug und jedem Schritt vermag ich, nach Hause zu kommen.“

Das ist der Kern der Achtsamkeitspraxis, wie Thich Nhat Hanh sie versteht. Und das ist das eigentliche Thema dieses Buches. Übungen wie Atem- und Gehmeditationen sind Mittel, um den Geist wieder in den Körper zurückzuholen. Denn „wir sind nur dann wirklich lebendig, wenn unser Geist bei unserem Körper ist“.

Und nur wenn wir im Kontakt mit uns selbst sind, können wir auch das „Inter-Sein“, die Verbundenheit mit allen anderen Wesen, Menschen, Tieren und Pflanzen, mit unseren Vorfahren und Nachfahren, wahrnehmen und mitfühlend mit ihnen umgehen. So wird Frieden erfahrbar: „Im Land des gegenwärtigen Augenblicks können wir uns heilen und das Leben in tief empfundener Weise genießen.“ Thich Nhat Hanh lebt und verkörpert, was er lehrt, das macht ihn authentisch. Wer noch nie etwas von ihm gelesen hat, dem sei dieses schöne Buch als Einstieg wärmstens empfohlen.

Martin Bauschke

Einzelartikel kaufen

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

z(w)eitzeichen Abonnement

Sie erhalten Zugang zur Rubrik z(w)eitzeichen.

4,00 €

monatlich

Monatlich kündbar.

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Printausgabe als PDF.

64,80 €

jährlich

Monatlich kündbar.
Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.

Weitere Rezensionen

Michael Kühnlein: Wer hat Angst vor Gott?

Atheisten und Gläubige

Standortbestimmung Religion
Bild
Dem Religionsphilosophen Michael Kühnlein ist mit seinem Essay "Wer hat Angst vor Gott?" ein wegweisender Diskussionsbeitrag gelungen.

Ob Kopftücher, Beschneidung oder Kreuze in Behörden - die Streitpunkte in der Auseinandersetzung über die Rolle der Religion in der säkularen Gesellschaft sind so zahlreich wie die publizistischen Positionsbestimmungen, die diese Debatte hervorgebracht hat. Dennoch ist dem Religionsphilosophen Michael Kühnlein mit seinem Essay "Wer hat Angst vor Gott?" ein neuer und zudem wegweisender Diskussionsbeitrag gelungen.

Das hat seinen Grund vor allem darin, dass er sich weder in den Dienst der Kritiker noch in den der Apologeten der Religion stellt. Vielmehr analysiert er die identitätsstiftenden Erzählungen ebendieser beiden, sich gegenüberstehenden Parteien und arbeitet heraus, wie die Kontroverse zur gegenwärtigen Eskalation der Debatte geführt hat. Zu diesem Zweck beschreibt er idealtypisch einander gegenüberstehende Antagonisten: den „metaphysisch Unbehausten“, der einen elitären „Mono-Atheismus“ vertritt und sich im ständigen Abwehrkampf gegen eine „Rückkehr der Religion“ befindet, und die „Schwarzmänner“, die „mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Machtmitteln die bedrohte Ordnung in der Mitte des Universums“ verteidigen.

Beide Parteien - der „Unbehauste“ wie die „Schwarzmänner“ - agieren dabei aus Angst. Im Falle des „Unbehausten“ rührt die Angst für Kühnlein von der verdrängten Wahrnehmung her, dass, selbst nach der Wegrationalisierung Gottes als „Illusion“, existenzielle Fragen unbeantwortet blieben und in dem „mäandernden Strom voller Optionen (...) auch die Säkularität keine feste, verlässliche Insel mehr“ bilde. Dagegen stellt der „Unbehauste“ sein Narrativ des Sieges über die Religion - beziehungsweise identifiziert Kühnlein immer wieder eine „argumentative Säuberungsaktion“ gegen die Religion. Die Religionskritik des „Unbehausten“ sei damit „immer auch persönlich motiviert und Ausdruck einer umfänglichen Selbst-Ikonisierung, die in ihrem Exklusivanspruch keine anderen Götter neben sich selbst duldet“. Demgegenüber ist für die „Schwarzmänner“ - eine exemplarische Bedeutung kommt hierbei dem Rechtsphilosophen Carl Schmitt zu - die Frage nach Gott unmittelbar mit derjenigen nach staatlich-gesellschaftlicher Ordnung verbunden. Somit gilt deren Angst dem Verlust ebendieser Ordnung beziehungsweise mündet in einer metaphysischen Rechtfertigung derselben.

Die Angstszenarien verstärken sich dabei in ihrer wechselseitigen Konfrontation und heizen den Diskurs noch weiter an. Wie sich diese Eskalation konkret vollzieht, zeichnet Kühnlein sowohl anhand der Auseinandersetzung um islamkritische Karikaturen als auch anhand der, von Thomas de Maiziére angestoßenen Leitkultur-Debatte nach. Dabei gelingt es ihm immer wieder, deutlich zu machen, wie sehr sich beide Positionen trotz aller inhaltlicher Gegensätze aufgrund ihrer Angstbestimmtheit ähneln. Dies gilt im Besonderen für das beiden Seiten eigene „Gefühl der Befristung“: „Auf der Seite der Vernunft verfestigt sich der Eindruck, dass die Zeit langsam abläuft, während die Seite des Glaubens ihre Zeit für gekommen hält.“

Am Ende stellt sich für Leser und Autor die Frage nach einem alternativen Umgang mit der diskursiven Dichotomie von Glaube und Vernunft. Kühnlein plädiert unter Berufung auf Jürgen Habermas für einen „komplementären Lernprozess“ - dabei steht für ihn fest: „Dafür brauchen wir aber eine andere Erzählung der Moderne, eine Erzählung, die ihre säkulare Identität nicht mit dem Sieg über das verhasste Ancien Régime beginnen lässt, sondern sich offen zeigt für die vielen Geschichten der Bibel und der Aufklärung. Nur so hat die Moderne einen Platz für Gott und Gott einen Platz für die Moderne.“

Tilmann Asmus Fischer

Einzelartikel kaufen

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

z(w)eitzeichen Abonnement

Sie erhalten Zugang zur Rubrik z(w)eitzeichen.

4,00 €

monatlich

Monatlich kündbar.

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Printausgabe als PDF.

64,80 €

jährlich

Monatlich kündbar.
Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.

Weitere Rezensionen

Holger Volland: Die kreative Macht der Maschinen

Auch für Laien

Macht der kreativen Maschinen
Bild
Die Algorithmen führen längst ein Eigenleben. Wird der Mensch vor der Macht kreativer Maschinen kapitulieren müssen?

Mit Künstlicher Intelligenz (KI) ausgestatte Maschinen werden inzwischen in nahezu allen Bereichen des alltäglichen Lebens eingesetzt. Denn eine Abfolge verhältnismäßig einfacher Algorithmen (Handlungsvorschriften) liefert selbst für komplexere Probleme höchst attraktive Lösungen. Und so dienen digitale Medien der globalen Kommunikation und sozialen Vernetzung, erleichtern Navigationsgeräte das Autofahren, helfen Internet-Suchmaschinen bei der Recherche oder sorgen High-Tech-Diagnosegräte für den Erhalt der Gesundheit. Holger Volland ist von dieser Entwicklung ebenso fasziniert wie beunruhigt. Denn Künstliche Intelligenzen lernen zunehmend selbsttätig - , auch ohne dass wir sie ständig mit Daten füttern. Die Algorithmen haben offenbar längst damit begonnen, ein Eigenleben zu führen. Wird der Mensch also eher früher als später vor der Macht kreativer Maschinen kapitulieren müssen?

Volland hat Informationswissenschaft studiert und als Internetpionier für die Unternehmensgruppe „Pixelpark“ in Berlin und New York an Kommunikations- und E-Business-Lösungen mitgewirkt. Er war Partner einer Unternehmensberatung und lehrte an der Hochschule für Gestaltung in Wismar. Zudem ist er Gründer des Kulturfestivals „the arts+“ der Frankfurter Buchmesse. Volland hat somit das notwendige Fachwissen und auch die Kreativität, den technologischen Fortschritt der KI ebenso zuverlässig zu beschreiben wie kritisch zu hinterfragen. Beispielhaft und detailliert zeigt er auf, inwieweit die KI schon heute unser Fühlen und Denken bestimmt. Mit unerbittlicher Konsequenz wird in diesem - auch für absolute KI-Laien - gut lesbaren Buch dargelegt, wie die KI dem Menschen immer ähnlicher wird und dabei immer umfassender auf bislang noch überwiegend rein menschliche Domänenzugreift.

„Sprache“, „Bilder“, „Kreativität“, „Emotion“, „Gestalt“, „Sinne“, „Erlebnisse“ und „Geschichte“ - das sind die Themenbereiche dieses spannenden Buchs. Im Kapitel „Sprache“ etwa wird berichtet, dass Maschinen Shakespeare lesen, „damit sie unser Leben steuern können“. „Bilder“ betrachten kreative Maschinen vor allem, um „über echt und falsch, schön und hässlich, gesund oder krank, kriminell oder unschuldig“ urteilen zu können. Selbst wenn Maschinen uns in unserer Kreativität vorerst noch unterstützen, langfristig sieht das ganz anders aus: „Maschinen machen uns erst zu Universalkünstlern und rauben uns dann die Schöpfungskraft.“ Wie Maschinen in unsere Körper schlüpfen und den „Menschen zum Lizenzprodukt“ degradieren, wird im Kapitel „Gestalt“ erläutert. Und was das Thema „Erlebnisse“ anbelangt, so kann jeder wohl schon auf eigene Erfahrungen zurückgreifen: „Maschinen“, so Volland, „machen unser Leben zum Game - und unser Gehirn spielt begeistert mit.“

Auch wer bislang auf Smartphone, Facebook oder Google völlig verzichtet hat, muss sich vergegenwärtigen, dass er längst von einer ständig anwachsenden persönlichen Datenwolke begleitet wird. „Sie wird Daten zu unserem vollständigen Leben, unserem alltäglichen Verhalten, unserer persönlichen Umgebung, unseren Einstellungen, Wünschen und unsere gesamten Kommunikationsdaten beinhalten. Es werden vor allem Wirtschafts- und Technologieuntenehmen sein“, so Volland, „die diese Datenwolke aufbauen und beherrschen können und wollen.“

Gibt es ein Rezept, die „kreative Macht der Maschinen“ sinnvoll zu begrenzen? Nach Volland müssen sowohl KI-Enthusiasten als auch KI-Verächter vor allem mehr Verantwortung für ihre Daten übernehmen: „Wir müssen wieder lernen, Geld dafür zu bezahlen, dass jemand eine Dienstleistung für uns erbringt. Nur so zwingen wir die Unternehmen dazu, uns als ihre Kunden zu betrachten und nicht als ihr Produkt.“

mehr zum Thema

Reinhard Lassek

Einzelartikel kaufen

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

z(w)eitzeichen Abonnement

Sie erhalten Zugang zur Rubrik z(w)eitzeichen.

4,00 €

monatlich

Monatlich kündbar.

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Printausgabe als PDF.

64,80 €

jährlich

Monatlich kündbar.
Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.

Weitere Rezensionen

HÖRBUCH - Ferdinand von Schirach: Strafe

Unberechenbar

Der ewige menschliche Faktor
Bild
Die Lust des Menschen an Kriminalfällen ist unausrottbar, das hat sich seit den Tagen Jack the Rippers nicht geändert.

Immer geht es um die Verstrickungen, die zum banalen oder passionierten Bösen führen - um Schuld und Strafe. Von Sühne zu schweigen. Der Autor liest seine Erzählungen selbst. Seine Stimme unterstreicht den Grundton melancholischer Temperiertheit, beileibe kein Sentimentalitäts-Tremolo. Manchmal scheint dabei die nie objektivierbare Kitschgrenze ein wenig touchiert zu werden. Das wird nur übel nehmen, wer sich ungern rühren lässt. Ganz ohne heikle Grenzberührungen kommt die Geschichte einer jungen Deutsch-Türkin aus: Sie hat sich aus den Fesseln ihrer islamisch-traditionellen Familie freigekämpft, hat es zur Anwältin in einer großen Kanzlei gebracht - aus dem Impuls heraus, selbst ohne den Schutz durch das Recht allzu verletzlich zu sein. Nun übernimmt sie ihren ersten Fall. Sie ist erfolgreich, ihr Mandant wird freigesprochen. Doch gerade das erschüttert sie zutiefst, ist sie doch davon überzeugt, dass er wirklich der üble Menschenhändler und Zuhälter ist, als der er angeklagt wurde. Sie habe sich das alles anders vorgestellt, sagt sie am Ende der Geschichte zum Senior der Kanzlei, der ihr Vorbild ist und fast so etwas wie ein anderer Vater. Die Lust des Menschen an Kriminalfällen ist unausrottbar, das hat sich seit den Tagen Jack the Rippers nicht geändert - und ebensowenig, dass die authentischen Fälle den Bedarf nicht decken. Ferdinand von Schirach bietet alles, was Krimiliebhaber goutieren, doch seine Kunst besteht darin, das eindrücklich spürbar werden zu lassen, was auch die zivilisierteste Gesellschaft zu einem gefährlichen Ort macht: den unberechenbaren menschlichen Faktor.

Helmut Kremers

Einzelartikel kaufen

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

z(w)eitzeichen Abonnement

Sie erhalten Zugang zur Rubrik z(w)eitzeichen.

4,00 €

monatlich

Monatlich kündbar.

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Printausgabe als PDF.

64,80 €

jährlich

Monatlich kündbar.
Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.

Weitere Rezensionen

Hans-Martin Barth: Selbstfindung und christlicher Glaube

Berührend

Selbstverwirklichung im Glauben
Bild
Ein Buch, das über die theologische Zunft hinaus eine große Leserschaft verdient.

Was ist das Selbst? Wer bin ich? Wer möchte ich sein? Und was hat das mit meinem christlichen Glauben zu tun? Um diese zentralen Fragen geht es in dem neuen Buch des Systematischen Theologen Hans-Martin Barth. Dieser nimmt Leserin und Leser auf einen längeren Weg mit, der mit der „Annäherung an das Ich“ beginnt und bei konkreten Vorschlägen endet, mit der Ermutigung, „entschlossen zur Entfaltung zu bringen, was mir an Kräften und Gaben mit meinem Leben geschenkt ist“.

Dazwischen gilt es erst einmal, sich dem eigenen Ich anzunähern, immer im Bewusstsein, dass Selbstverwirklichung auf Möglichkeiten zur Veränderung beruht. Bei den Konzeptionen der Selbstverwirklichung verweist Hans-Martin Barth auf bekannte Vertreter existentieller und humanwissenschaftlicher Ansätze und Aspekte. Aber zur Frage nach dem Selbst gehört auch, dass von „Christentum und Ich-Schwächung“ die Rede ist. Barth zitiert Friedrich Nietzsches Vorwurf, dass christlich heiße, alles zu hassen, was Freude macht.

Diese Auffassung Friedrich Nietzsches scheinen „verhängnisvolle Bibelstellen“ und Belege zu einer „Frömmigkeit auf Kosten des Selbst“ zu stützen. Da tauchen Mystiker wie Meister Eckhart und Johannes Tauler ebenso auf wie einschlägige Liedstrophen des evangelischen Gesangbuchs.

Barth kontert, dass das „deutlichste und bleibende Korrektiv einer solchen Fehleinschätzung Jesus selbst“ sei. Zudem verhindere nicht der christliche Glaube die Entfaltung des menschlichen Ichs, sondern es sei der Mensch selber, der durch „vielerlei Programme und Techniken“ sein Selbst reduziere. Damit kommt das Phänomen „Sünde“ ins Spiel. Aber wie kann, fragt der Systematiker Barth, christlicher Glaube „von Selbstverwirklichung reden und zugleich an der These von der Sündhaftigkeit des Menschen festhalten“? Barths Antwort setzt bei theologischen Begriffen wie Gottebenbildlichkeit und Gottähnlichkeit an, um daran den Kampf zwischen Sünde und Selbst und die Sünde der Selbstentfremdung aufzuzeigen.

Barth führt Leser und Leserinnen auf diese weitere, theologisch dichte Wegstrecke seines Buches: Da werden von ihm theologische Denkmodelle genannt, die sich mit Theologen verschiedener Epochen verbinden. Der Bogen spannt sich von Thomas von Aquin über Mystiker, wie Nikolaus Cusanus und Meister Eckhart, und die Reformatoren, bis hin zu Ludwig Feuerbach.

Was bedeutet dies nun für die eigene Selbstverwirklichung im Glauben? Barth spricht von Talenten, die es zu entdecken und zu entfalten gelte und mit denen man andere beschenken könne. Gerade der Abschnitt „Authentisch leben: Konkretionen“ vermag anzuregen, ganz persönliche Schritte in Richtung Selbstverwirklichung im Glauben zu tun: Der Verfasser zeigt ein weites Feld auf, das einlädt, sich persönlich einzubringen: in der Gesellschaft und auch in persönlichen Beziehungen.

Wie gestalte ich Abschiede? Wie gehe ich mit Konflikten um? Wie überwinde ich Konfliktscheu? Wie gelingt es, mehr Fantasie im familiären, beruflichen oder auch religiösen Bereich zu entwickeln? Dies könnte Leserinnen und Leser dazu ermutigen, sich darin zu üben und zu erfahren, wie das Danken und Feiern ihr Leben bereichern kann. Es kann aber auch für andere sensibilisieren, die auf Geschwisterlichkeit und Nächstenliebe angewiesen sind. Hilfreich sind die Anmerkungen, und die ausgewählte weiterführende Literatur lädt ein, sich mit den Themen evangelische Spiritualität, Mystik und Meditation eingehender zu befassen. Ein Buch, das über die theologische Zunft hinaus eine große Leserschaft verdient.

Karl-Friedrich Ruf

Einzelartikel kaufen

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

z(w)eitzeichen Abonnement

Sie erhalten Zugang zur Rubrik z(w)eitzeichen.

4,00 €

monatlich

Monatlich kündbar.

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Printausgabe als PDF.

64,80 €

jährlich

Monatlich kündbar.
Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.

Weitere Rezensionen

Emilia Smechowski: Wir Strebermigranten

Vermittlerin

Eine Migrantengeschichte
Bild
Emilia Smechowski will den „Unsichtbaren“ Gesicht und Stimme geben, indem sie ihre eigene Geschichte erzählt.

In Deutschland leben rund zwei Millionen Menschen polnischer Herkunft. Viele von ihnen suchten bereits in den Achtzigerjahren das „bessere Leben“ im Westen und hatten es damit relativ leicht, wenn sie sich als Aussiedler ausweisen konnten. Es lag nicht nur am deutschen Desinteresse, wenn sie als Einwanderer kaum wahrgenommen wurden. Sie selbst waren bemüht, ihre polnische Herkunft unsichtbar zu machen. Sie wollten perfekte Deutsche werden. Die Angst, nicht gut genug zu sein, schwang dabei oft mit und lastete auf den Familien. Dazu kam bei vielen auch eine gewisse Scham: Denn „Aussiedler“ war man ja nur, weil ein Großvater sich von den Nazis auf die so genannte Deutsche Volksliste hatte setzen lassen, nicht ahnend, dass er dann auch für die Deutsche Wehrmacht kämpfen müsste. Für diesen dunklen Punkt in der Familiengeschichte bekam man nun die deutsche Staatsangehörigkeit und wurde das Gefühl nicht los, das „bessere Leben“ mit einem Verrat an der Heimat erkauft zu haben.

So jedenfalls beschreibt die Journalistin Emilia Smechowski die Gefühlslage in ihrer Familie. Sie will den „Unsichtbaren“ Gesicht und Stimme geben, indem sie ihre eigene Geschichte erzählt. Keine fünf Jahre alt war sie, als ihre Eltern 1988 den Fiat Polski mit Badesachen vollpackten, die Plattenbausiedlung in Wejherowo bei Danzig verließen, um, wie es hieß, „in die Ferien zu fahren“. Tatsächlich steuerten sie ein Aufnahmelager in West-Berlin an. Rätselhaft blieb für das Kind, warum die Mutter weinte und der Vater schwieg, rätselhaft, warum es keine Heimfahrt gab, aber sehr bald die Maßgabe: „In Deutschland sprechen wir deutsch.“

Der Aussiedlerstatus machte es möglich: Eine Wohnung und Arbeit ließen nicht lange auf sich warten. Beide Eltern waren Ärzte, und bald ging es aufwärts in eine gutbürgerliche Existenz mit neuem Auto, Eigenheim und Designermöbeln. Zugleich verschwand jedoch die Fröhlichkeit aus der Familie: Zu sehr standen die Eltern unter Druck, im deutschen Ärztemilieu mithalten zu können. Von den Töchtern wurden makellose Zeugnisse erwartet. Emilia fand Freiraum in der Musik.

Sie war als Sängerin begabt und entfloh schon als Sechzehnjährige den familiären Zwängen mit dem Ziel, Gesang zu studieren. Nur den enormen Leistungsdruck hatte sie verinnerlicht. Sie überforderte sich jahrelang, bis sie schließlich in ein freieres Leben fand, als sie ihre Herkunft nicht länger verleugnete, sondern sich wieder mit ihren polnischen Wurzeln verband. Ihre Tochter wächst nun zweisprachig auf - europäisch.

Vieles in dieser sehr ehrlichen und höchst lebendig erzählten Autobiografie wird zumindest älteren Leserinnen und Lesern so fremd gar nicht sein: Das Hineinwachsen in zunehmenden Wohlstand, eine strenge Erziehung, Leistungsdruck und endlich die heftige Rebellion dagegen haben ja auch so manche deutsche Nachkriegsjugend bestimmt. Nur wird hier ein Stück deutscher Geschichte noch einmal aus einer anderen Perspektive erzählt, gewissermaßen von außen, und das erweitert dann doch sehr den eigenen Horizont.

Als Frau mit zwei Heimatländern will Emilia Smechowski auch in der aktuellen Debatte um die Geflüchteten und Migranten Vermittlerin sein, die von der Mehrheitsgesellschaft oft genug nur als Problem, jedenfalls als integrations- und hilfsbedürftig wahrgenommen werden. Sie fragt, ob man nicht viel mehr mit dem Eigenantrieb der Menschen rechnen sollte, die so viel investiert haben, um hierher zu kommen. Und sie fragt auch: Ist Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft wirklich das A und O? Warum darf der Bruch nicht sichtbar bleiben, der mit jeder Migrationsbiografie verbunden ist?

Angelika Obert

Einzelartikel kaufen

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

z(w)eitzeichen Abonnement

Sie erhalten Zugang zur Rubrik z(w)eitzeichen.

4,00 €

monatlich

Monatlich kündbar.

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Printausgabe als PDF.

64,80 €

jährlich

Monatlich kündbar.
Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.

Weitere Rezensionen

Christoph von Campenhausen: Eine neurobiologische Orientierungshilfe…

Überzeugend

Neurobiologische Orientierung
Bild
Man spürt die Freude des Verfassers, seine Leserinnen und Leser an den Erkenntnissen seiner Disziplin teilhaben zu lassen.

An der Frage, was der Mensch sei, haben sich vor den Neurowissenschaften schon die Metaphysik, die Psychologie, die Sozialwissenschaften und natürlich auch die Theologie versucht. Nun also ist es die Neurobiologie, die sich anschickt, den klassischen Grundfragen der Anthropologie auf den Leib zu rücken: Wie erkennen wir die Welt? Wie gelangen wir zu Bewusstsein? Worauf stützen sich Moral und unser Sehnen nach Transzendenz?

Dass die Neurobiologie es hier mit Fragen des menschlichen Selbstverständnisses zu tun bekommt, macht die Beschäftigung mit ihr auch für den naturwissenschaftlichen Laien relevant. Der Autor ist emeritierter Professor für Neurobiologie und ein ausgewiesener Kenner der Psychophysik der Wahrnehmung, einer Disziplin, die sich mit der Beziehung von physikalischen Reizen zu ihrem psychischen Erleben beschäftigt und sich so aus naturwissenschaftlicher Perspektive mit der alten Frage von „Leib und Seele“ beschäftigt.

Es ist die Frage nach dem Bewusstsein, die den Autor hier besonders umtreibt. „Es ist kalt“ und „Mir ist kalt“ - diese Aussagen bedeuten offensichtlich nicht dasselbe. Und auch der Lichtreiz einer Wellenlänge von 600 Nanometern ist etwas anderes als meine Empfindung der Farbe Rot. Während das erste eine allgemein zugängliche, objektiv messbare Tatsache zu sein beansprucht, ist letzteres als subjektive Empfindung eine Privatangelegenheit, über die sich nur aus der Perspektive der ersten Person Auskunft geben lässt. Farben, Töne, Gerüche und Gefühle gibt es vielmehr nur, weil es sich für mich auf eine bestimmte Weise anfühlt, sie zu haben. Philosophen sahen sich an dieser Stelle stets vor das Rätsel des Bewusstseins gestellt. „Es ist in keiner Weise einzusehen, wie aus dem Zusammenwirken von Atomen Bewusstsein entstehen könne“, fasste Emil Du Bois-Reymond 1872 dieses Problem zusammen. Schon dass die Frage sonst unlösbar schien, war ihm Ausweis dafür, dass sie traditionell falsch gestellt wurde. Naturwissenschaften könnten sich nicht der aufs Ganze gehenden Frage nach dem Bewusstsein stellen, sondern müssten empirisch bearbeitbaren Einzelfragen nachgehen.

Als modernes Experimentierfeld für das alte Leib-Seele-Problem wählt der Autor das Farbensehen. Wenn er den Weg vom objektiven Farbreiz zum subjektiven Farbeindruck nachzeichnet, ist von Campenhausen ganz in seinem Element. Eindrucksvoll gelingt es ihm nachzuweisen, dass die Verarbeitungsvorgänge vom Farbreiz zum Farberlebnis durch die Psychophysik unserer Tage durchgängig aufgeklärt sind. Ob es dem Autor dabei aber auch gelingt, zu zeigen, dass „das Leib-Seele-Problem im Bereich des Farbensehens nicht mehr existiert“, wird ein von der philosophischen Diskussion auf das Thema blickender Leser vielleicht anders sehen. Von Campenhausen dürfte diesen Einwand von Seiten der Philosophie erwarten.

Was er mit der Psychophysik der Farben einführt, erfährt mit dem „Inneren Umweltmodell“, mit dem sich der Mensch wie jedes Lebewesen ein Bild seiner Außenwelt schafft, seine Generalisierung. Dass dieses Modell, das der Autor am Beispiel des mexikanischen Höhlenfisches vorführt, auch das menschliche Bedürfnis nach Orientierung durch Weltanschauung und Religion erklärt, ist allerdings nicht immer einleuchtend. Überzeugend ist die „Orientierungshilfe“ in ihren vielen Details.

Man spürt die Freude des Verfassers, seine Leserinnen und Leser an den Erkenntnissen seiner Disziplin teilhaben zu lassen. Anfechtbarer ist das Werk dagegen in seinen Generalthesen. Ob der Leser hier überzeugende Antworten findet, wird von den Fragen abhängen, die ihn zu seiner Lektüre bewegt haben.

Matthias Schleiff

Einzelartikel kaufen

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

z(w)eitzeichen Abonnement

Sie erhalten Zugang zur Rubrik z(w)eitzeichen.

4,00 €

monatlich

Monatlich kündbar.

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Printausgabe als PDF.

64,80 €

jährlich

Monatlich kündbar.
Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.

Weitere Rezensionen

CD - Poems for Laila: Dark Timber

Axt und Armbrust

Poems for Laila: Dark Timber
Bild
Tschechow-artige Villen tief im Wald oder in der Ebene, in denen ihr Traumfolk schwundigen Love Stories ein wohliges Zuhause bietet...

Ein Mann, eine Frau - die gängigste Blaupause für Begehren, Erfüllung, Verlassen und Verfehlen. Zwischen Amour fou, Larifari, Diamanthochzeit und Drama ist viel möglich, Gelingen nie garantiert, Spannung dafür aber meist. Hier sind das Nikolai Tomás und Joanna Gemma Auguri, Gitarre und Akkordeon, zwei starke Stimmen, gemeinsam seit 2015 "Poems for Laila": Ein Duo aus Berlin mit weißrussischen und polnischen Wurzeln, nonchalant, zugleich cool und lächelnd melancholisch, stabil desillusioniert, krachend ironisch, schwermütig nie, aber unbeirrt romantisch und in ihren Songs geht es meist um Liebe.

Symbol ihrer ersten Platte "Tik Tak" war die Axt, für die neue Dark Timber ist es jetzt die Armbrust. Entsprechend oft begegnet in ihren Love Songs denn auch das Schlachtfeld als akzentuierende Vokabel, was mit dem getragenen, reduzierten Sound aus englischem Gitarrenfolk und gehaucht sehnsuchtslastige Klangfarben aus Ostmitteleuropa eine besondere Poesie schafft. Sie singen und schreiben ganz selbstbewusst auf Englisch, so wie das auch Joseph Conrad tat. Erotischer Scheitelpunkt ihrer Geschichten ist die wirkliche oder imaginierte Stadt der Liebe - Paris. Aufgenommen haben sie die zwölf Songs jedoch im Abgelegenen, in einem Jurtenstudio im Brandenburgischen, an das die legendäre Landschaft Sarmatien zwischen Ostsee und Schwarzem Meer grenzt: „Seele, /voll Dunkel, spät -/der Tag mit geöffneten/Pulsen, Bläue -/die Ebene singt“, heißt es in Johannes Bobrowskis emblematischem Gedicht „Die sarmatische Ebene“ dazu.

"Poems for Laila" widmen sich aber ganz der aufblühenden und wieder vergehenden Liebe, bevorzugt auf der Grenze zur Nacht. Sie tun das so vital ernst wie nötig, aber ohne Schwere und gern auch mit schelmischem Grinsen: „She said: Loving me is easy/but life with her was pain“ lautet etwa die Eröffnungszeile von Easy, und das hymnische Oh, My Heart ist denn auch der heimliche Hit der Platte. Die rhythmische Dynamik ist stets aufrecht ausschreitend, selbst in dem verrätselt introvertierten und klanglich experimentierenden Lyttleton. Und stets reichen ihnen faszinierender Duettgesang, gelegentliche Loops, intensiver Balladentalk, Gitarre und Akkordeon, um ihren Songs das passende Gewand zu geben. Statt wohlfeilem Effektgeschnatter goldener Handwerksboden, darauf tschechow-artige Villen tief im Wald oder in der Ebene, in denen ihr Traumfolk schwundigen Love Stories ein wohliges Zuhause bietet - verschleppt, fast hinkend, dafür tanzen die Stimmen und der Sound, und halten die unstillbare Sehnsucht aus. Das ist zauberhaft versponnen und sehr erwachsen, denn die Welt ist nun mal so. Oder wir? Einfach wunderbar.

Udo Feist

Einzelartikel kaufen

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

z(w)eitzeichen Abonnement

Sie erhalten Zugang zur Rubrik z(w)eitzeichen.

4,00 €

monatlich

Monatlich kündbar.

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Printausgabe als PDF.

64,80 €

jährlich

Monatlich kündbar.
Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.

Weitere Rezensionen

abonnieren