Matthias Nauerth/ Kathrin Hahn u. a. (Hg.): Religionssensibilität in der Sozialen Arbeit

Fundgrube

Neue Soziale Arbeit
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Die Autoren und Autorinnen des Bandes wollen die jahrzehntelange Abstinenz der Sozialarbeitstheorie und -forschung gegenüber der Religion und menschlicher Religiosität beenden.

Viele kirchlich-diakonische Träger Sozialer Arbeit stellen sich die Frage nach dem besonderen Profil im Wettbewerb mit anderen. Zudem gerät die Unternehmensidentität immer stärker in den Fokus, die anstelle formaler Kirchenmitgliedschaft von den Mitarbeitenden zu bejahen ist. Vor diesem Hintergrund haben Mitarbeitende der Hamburger Stiftung „Das Rauhe Haus“ und Lehrende der zugehörigen Evangelischen Hochschule diesen Sammelband zur Religionssensibilität in der Sozialen Arbeit herausgegeben. Zudem wollen sie damit den Impuls setzen, die jahrzehntelange Abstinenz der Sozialarbeitstheorie und -forschung gegenüber der Religion und menschlicher Religiosität zu beenden.

Die Herausgeber sehen sich nach den Säkularisierungsdebatten vergangener Jahrzehnte durch die Wiederkehr des Religiösen ins öffentliche Bewusstsein gefordert. Ausgangspunkt ist dabei die Luhmannsche Unterscheidung von Immanenz und Transzendenz. Der Sinn, den Menschen existentielle Erfahrungen geben, kann so als implizite Religiosität verstanden werden. Ein Transzendenzglaube deutet die Erfahrungen dann aus einem transzendenten Wirklichkeitsverständnis heraus, während ein Konfessionsglaube die Verbindung mit einer theologischen Vorstellung koppelt. So entstehen drei aufeinander aufbauende Dimensionen individueller Sinnkonstruktionen, für deren Verständnis sensibilisiert werden soll. Dieses geschieht, indem sich Soziale Arbeit für die religiöse Erfahrung von Menschen öffnet, deren Bedeutung differenziert wahrnimmt und sie schließlich in professionelle Handlungskonzepte zu integrieren weiß.

Über dreißig Beiträge entwickeln nun höchst unterschiedliche – theoretische wie handlungspraktische – Perspektiven und machen den Band zu einer großartigen Fundgrube, die je nach eigener Profession und Interesse genutzt werden kann. Dabei werden so unterschiedliche Themen wie Religion in der Einwanderungsgesellschaft, das Konzept der Lebensbewältigung, Religionssensibilität in der Jugendhilfe, Meditation als Bildung bis hin zum Überzeugungspluralismus als Gestaltungsaufgabe für diakonische Unternehmen oder Plädoyer für eine Sinn-suchende Psychiatrie behandelt.

Gegliedert sind die Beiträge in fünf Teile, die mit einer Diskussion zur Religion in der Gesellschaft beginnen. Forschungsstände und theoretische Modelle einer religionssensiblen Sozialen Arbeit werden ebenso beschrieben wie Handlungskonzepte und Methoden. Die Religionssensibilität bezieht sich nicht nur auf den Einzelnen und die Gruppe, sondern vielmehr auch auf die Organisationen und Handlungsfelder Sozialer Arbeit, in denen diese Sensibilität entwickelt und gelebt wird. Schließlich spielt aus dieser religiösen Perspektive auch die Konfessionalität eine wichtige Rolle, die in den abschließenden Erfahrungsberichten aus Gemeinschaftserleben deutlich wird.

Offensichtlich stehen Begrifflichkeiten und methodisches Instrumentarium bereit, die Theoriebildung, die sozialarbeiterische Fachlichkeit und schließlich die Organisationsstrukturen auf Religionssensibilität hin zu entwickeln. Der lesenswerte Band ist herausragender Meilenstein auf diesem Weg. Weitere müssen nun folgen. Dabei wird die Interdisziplinarität von entscheidender Bedeutung sein, welche sich aus dem Zusammenspiel aus Sozialarbeitswissenschaft, konfessionell geprägter theologischer Reflexion und interreligiösem Dialog ergibt.

Jens Beckmann

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Jens Beckmann

Dr. Jens Beckmann ist Pastor der Nordkirche und Theologischer Vorstand der Evangelischen Perthes-Stiftung e.V. in Münster.

Weitere Rezensionen

HÖRBUCH - A.Karr/D. Lohr: Frauen.Wahl.Recht.

Meilenstein

Zum ersten Mal gewählt
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Es ist kein Text unter den 33 Beiträgen, dem man nicht mit Interesse lauscht.

Am 19. Januar 1919 konnten Frauen das erste Mal reichsweit an der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung teilnehmen . Wie es dazu kam, dass die andere Hälfte der Bevölkerung endlich wählen konnte, schildert das von Angelika Kreuz und Dieter Lohr herausgegebene Hörbuch im bewährten Wechsel von Information, zeitlichem Umfeld und teilnehmender Beobachtung. „Vorgeschichte“, „Der Wahlkampf“, „Der Wahltag“ und „Ausblick“ sind die vier Kapitel überschrieben, unter denen sich die vielfältigen Texte, Auszüge aus Büchern, Zeitschriftenbeiträgen oder Pamphleten, ebenso wie aus Briefen und Tagebüchern, einreihen.

Es ist kein Text unter den 33 Beiträgen, dem man nicht mit Interesse lauscht, angefangen mit dem allerersten von Fanny Lewald aus dem Jahr 1870 bis zu Marie Juchacz vom Februar 1919. Die Pfarrerstochter und Journalistin Minna Cauer und die Pfarrerstochter Gertrud Bäumer, die von 1919 bis 1932 Abgeordnete der Deutschen Demokratischen Partei war, kommen ebenso zu Wort wie Käthe Kollwitz, die ihre Freude am Wahltag beschreibt – gleichzeitig aber auch den Parteienstreit und die Gewalt von rechts und links. Oder die Politikerin und Frauenrechtlerin Marie Bernays, die festhält, dass die „Kriegsarbeit der deutschen Frauen, sie als reif erwiesen hat für die Mitarbeit am Staate“.

Welchen Meilenstein das Frauenwahlrecht vor 100 Jahren markierte, lässt das Hörbuch mit seiner geglückten Auswahl lebendig werden. Zudem: In einem ausführlichen Booklet werden die Protagonistinnen in Text und Bild ebenso wie die Vorlesenden mit einer Kurzbiographie vorgestellt.

Kathrin Jütte

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Foto: Rolf Zöllner

Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.

Weitere Rezensionen

Christiane Florin: Der Weiberaufstand

Wortreiche Abwehr

Frauen in der katholischen Kirche
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Die Gleichstellung der Frauen, ihre Zulassung zum Priesteramt, ist keine Nebensache, die man auf den Sankt Nimmerleinstag verschieben kann.

Als Redakteurin für kirchliche Themen beim Deutschlandfunk hat Christiane Florin häufig Gelegenheit, mit katholischen Würdenträgern zu sprechen. Jedes Mal stellt sie am Ende auch diese Frage: „Wann wird es die erste katholische Bischöfin geben?“ Erwartungsgemäß bekommt sie darauf keine Antwort, erntet allenfalls ein Auflachen und, gewiss, wortreiche Abwehr: Warum müssten sich die Frauen denn so auf das Amt fixieren? Es habe sich doch schon viel getan in den vergangenen Jahren: Es gibt nicht nur Messdienerinnen, sondern auch Theologieprofessorinnen, es gibt eine Frauenquote in der Verwaltung der Bistümer und Frauen, die Seelsorgeämter leiten. Schließlich habe Papst Franziskus 2016 eine Kommission eingesetzt, die prüfe, welche Rolle Diakoninnen in der frühen Kirche gespielt haben. Damit deutet sich doch immerhin eine Perspektive an für ein mögliches weibliches Weiheamt.

Außerdem hat die Kirche in dieser friedlosen Welt doch wohl Wichtigeres zu thematisieren. Was müssen da ein paar westliche Frauen auch noch Tumult stiften mit einer Forderung, die bei der überwältigenden Mehrheit der Weltkirche auf Widerstand stößt?

Florin will sich mit flauen Abwehrreaktionen nicht abfinden in einer Frage, bei der es für sie um die Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit ihrer Kirche geht. Mit viel Humor und einiger Leidenschaft stellt sie in ihrer Streitschrift klar: Die Gleichstellung der Frauen, ihre Zulassung zum Priesteramt, ist keine Nebensache, die man auf den Sankt Nimmerleinstag verschieben kann. Solange den Frauen die Weihe versagt bleibt, wird das katholische Verhältnis zur weiblichen Hälfte der Menschheit verdruckst bleiben. Solange es als eine Art höherer Wahrheit im Raum stehen bleibt, dass es die Männer sind, die über die „Bestimmung der Frau“ Bescheid wissen, befindet sich die katholische Kirche an der Seite der Gesellschaften, die Frauen die Gleichberechtigung verweigern. Florin will den Papst beim Wort nehmen, der angetreten ist, seiner Kirche die „klerikalen Ängste“ auszutreiben: „Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee.“ Mit dieser für den Vatikan revolutionären Formulierung hat Franziskus ja bereits in der katholischen Ehe- und Familienlehre für Bewegung gesorgt.

Nur wenn es um die Priesterweihe für Frauen geht, bleibt auch er äußerst verhalten. Aber der Wirklichkeit im 21. Jahrhundert halten ja auch all die Begründungen nicht stand, die im Lauf der Zeit gegen das Priesteramt für Frauen erfunden wurden, und deren Wandelbarkeit, wie Florin aufzeigt, nicht ohne Komik ist: Galt es im Mittelalter als erwiesen, dass Frauen schlicht minderwertig waren, so neigt man heute dazu, sie wegen ihrer „marianisch-prophetischen“ Bestimmung hochzuloben und ihnen nahezulegen, dass sie doch viel zu gut für das Amt seien. War man früher der Ansicht, dass vor dem Altar jemand stehen müsse, der Christus ähnlich sehe, also ein Mann, so begnügt man sich heute mit der leider nicht zu widerlegenden Feststellung, dass es in der Geschichte der Kirche keine Vorbilder für ein weibliches Priesteramt gibt. Die Kirche habe anderen Wahrheiten zu folgen als die Welt – mit diesem stahlharten Diktum hat 1994 das apostolische Schreiben „Ordinatio sacerdotialis“ die Diskussion beendet, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren schon mal hoffnungsvoller geführt worden war. Seitdem sind es viele Katholikinnen müde geworden, das scheinbar Unmögliche zu wollen – und die Evangelischen geben sich auch keine Mühe mehr, sie zu ermuntern.

Das ebenso unterhaltsame wie informative Buch von Christiane Florin aber macht Lust und Mut, die Debatte wieder aufzunehmen. Zu Recht fragt sie: „Wann, wenn nicht jetzt?“

Angelika Obert

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CD - Martin Helmchen: Beethoven

Kostbare Kleinode

Feuerwerk zum Neujahr
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Klavierstücke für Ästheten, Stauner und Feinhörer – insbesondere, wenn sie so klingen, wie Martin Helmchen sie spielt.

Wenn Martin Helmchen Musik macht, spielt er nicht mit ihr: Er hört, er sieht, er geht mitten hinein, er durchstreift ihre Ränder. Er ist einer jener Musici, die ihr ganzheitliches Wesen formend in sich aufnehmen und durchdrungen zurückgeben – scheinbar unmittelbar, gleichzeitig aber mit jener Distanz, die die Resonanz verdoppelt. Es scheint, als wisse er alles, was er schwarz und weiß tut. Hingegeben. Aber quellklar. Das hat ihn auf dieser CD zu Beethoven (1770–1827) und dessen Diabelli-Variationen opus 120 geführt – derer es in diesem späten Zyklus von 1823 üppige 33 geworden sind, obwohl Anton Diabelli (1781–1858) nur eine bestellt hatte. Der Meister wollte sich nicht lumpen lassen.

Um es gleich vorwegzunehmen: Diese CD ist nicht nur das wirbelnd virtuose Feuerwerk in ein neues Jahr hinein, sondern sie ist in ihrer geniehaft das Genie präsentierenden Energie eine „Ode an die Freude“, die uns 2020 zum großen 250. Beethoven-Jubiläum vermutlich oft zu Ohren kommen wird. Dass es zu diesem staatstragend gefeierten Jubiläum kommen wird, ist nicht zuvörderst den Diabelli-Variationen zuzuschreiben – diese nämlich sind viel zu komplex, viel zu geistreich, als dass sie je in aller Ohren gedrungen und per se Publikumsliebling geworden wären. Das hymnisch-triumphale ist nicht ihre Sache. Sie sind etwas für Ästheten, Stauner und Feinhörer – insbesondere, wenn sie so klingen, wie Martin Helmchen sie spielt. Und er spielt sie mit empfänglicher Zuneigung und Freude, dabei mit chirurgischer Präzision und musikantischer Raffinesse, dass es eine Stunde pianistischer Offenbarung ist, die einen nachhaltig mit seinen Talenten wuchernden Begnadeten mit einem sich ihm anvertrauenden Wunder zusammenführt. Ein Sesam öffne dich. Diabellis fröhlich-biederes Walzerthema anfangs ist tatsächlich nur ein kurzer Moment der Bodenberührung, aus dem sich fast atemlos der nachfolgende Kosmos Beethovenscher Gedanken- und Tonfantasien öffnet – das gewieft vorschlagend polternde Allegro Pesante e Risoluto (v.ix), das gewichtig schwärmerische Grave e Majestoso (v.xiv) mit dem folgenden Fangespiel durch die Donauauen im Presto Scherzando (v.xv) oder das grüblerisch sinnende Andante (v.xx) – alle diese und schließlich das tränenschwer affektreiche Largo, molto espressivo (v.xxxi), das in seiner Melodiösität ebenso zurück zu Bach wie in der Figürlichkeit über Beethoven hinaus in die nächste Generation zu Chopin weist und schließlich das finale Tempo di Menuetto moderato (v.xxxiii), dessen hintergründige Helligkeit nichts mehr gemein hat mit der antiquierten Reif-und-Steifrockpräsentation bei Hofe – sie alle sind kostbare Kleinode eines himmlischen Ganzen. Dank Martin Helmchen ersteigen sie behänd die Leiter dorthin.

Klaus-Martin Bresgott

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CD - Makaya McCraven: Universal Beings

Ohrenschmaus

Jazz in vier Städten
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Mit diesem Album lässt sich über das ganze Jahr kommen.

Eine weiße Kuh und ein Stier vor einem Pflug aus Erz: Die Furche markiert das begrenzende Geviert. Wo Tore hin sollen, trägt er den Pflug, und die nach innen aufgeworfenen Schollen zeigen den Verlauf der Mauer. Wo sich die Lang- und Querachse kreuzen, legt der Leiter des Rituals den mundus an (lateinisch: Welt), die Grube für die Erstlingsopfer. So gründeten die alten Etrusker eine Stadt. Der 35-jährige Makaya McCraven, in Chicago lebender Jazz-Drummer und Produzent macht das anders: Sein Konzept der organic beat music beruht auf freier Improvisation aus Live-Sessions, die er aufnimmt, nachbearbeitet und neu zusammensetzt. Sein Album In the Moment machte 2015 damit Furore, dann legte er nach, verfeinerte, baute aus.

Nun folgt Universal Beings, dessen Vierer-Aufriss an die etruskische mundus-Divination der Himmelsrichtungen erinnert, doch fällt seine Scholle um einiges überraschender, besonders greifbar übrigens in der Vinylfassung mit dem Doppelalbum-Schema der vier Seiten. Während einer Tour traf er sich in New York, Chicago, London und Los Angeles in Clubs und Studios mit befreundeten Hochkarätern der jazzbasierten aktuellen Musikinnovation zu Sessions. Fesselnde Intensität und die hyperaufmerksame, geistoffene Kommunikation der Improvisation sind durchlaufende Faktoren an allen vier Orten. In seiner organic beat music-Nachbearbeitung erhalten sie dann die besondere Dynamik mit viel und auch vertracktem Groove. Auf Namedroppping sei verzichtet, bloß so viel:

Im Club H0l0 in New York spielte er erstmals mit der Harfenistin Brandee Younger (plus Bass, Vibraphon und Cello). Der Auftritt, heißt es bei Kritikern, sei umwerfend gewesen. Die Albumfassung hat einen mystischen Touch. In Chicago war der quirlige Saxophonist Shabaka Hutchings aus London dabei, der gerade für einen Gig in der Stadt war. Diese Seite mutet fiebrig-hitzig an und hat viel Tiefe, emblematisch ist der Neun-Minüter Atlantic Black: Komplex treibende afrikanische Rhythmen, fast hektisch, wüst und free, bis das Forcieren in ein lyrisches letztes Drittel kippt. Seite drei ist tricky und doch launchig, also auch nebenbei zu hören, eben Clubmusik. Der Sog ist aber stark, also nahrhafte Unterhaltung. Seite vier, die LA-Session, dominieren Seele und Entspannung. 22 begeisternde Tracks insgesamt, die das neue, so erfrischend undogmatische Jazzpublikum vom „heißesten Scheiß, der gerade zu kriegen ist“ reden lassen. Oder anders: Mit dem Album lässt sich über das ganze Jahr kommen. Große Kunst und prächtiger Ohrenschmaus, dem der Blick auf den Geist des Raumes und des Augenblicks die Richtung vorgibt. So beginnen Entdeckungen. Doch im Mittelpunkt steht der Mensch. Und atlantisch schwarz, wie am Anfang, ist seine musikalische Seele.

Udo Feist

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Volker Jung: Digital Mensch bleiben

Wichtige Debatte

Kirche und Künstliche Intelligenz
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Gut, eine solche Stimme aus der Kirche zu hören...

In Science-Fiction-Filmen wie I, Robot (2004) erscheint Künstliche Intelligenz (KI) meist als düstere Utopie: Selbstständige Roboter werden zu einer Gefahr für die Menschen. Doch Technikvisionäre wie Ray Kurzweil erwarten bis 2045 tatsächlich, dass sich KI-Systeme derart selbst verbessern können, dass sie völlig autonom werden. Gegen die Sorge, dass die weitere Entwicklung für die Menschen dann nicht mehr vorhersehbar sei, setzt er seine (Erlösungs-)Hoffnung, menschliche Grenzen - auch die des Todes - durch Technik zu überschreiten, den sogenannten Transhumanismus.

Andere KI-Systeme verändern das Leben dagegen schon heute: im smart home wie in der smart city, in der Arbeitswelt, der Mobilität und der Medizin. Staaten rüsten auf mit halbautonomen Waffen, die, nebenbei gesagt, international dringend zu ächten sind. Das zeigt: Der Digitalisierungsprozess ist in vollem Gange - und es geht nicht nur um die Frage, ob eine leistungsstarke digitale Infrastruktur bis an jede Milchkanne notwendig ist. Angesichts des tiefgreifenden Wandels, der durch die Digitalisierung realistisch erwartbar ist, geht es zunehmend auch um die Frage: Was ist der Mensch?

Volker Jung, Kirchenpräsident der EKHN und Aufsichtsratsvorsitzender des Gemeinschaftswerkes der Evangelischen Publizistik (GEP), hat mit seinem lesenswerten Buch Digital Mensch bleiben einen konstruktiven Debattenbeitrag dazu vorgelegt. Beeindruckend ist Jungs gründliche und differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema. Pragmatisch erkennt er die Digitalisierung als Realität an; benennt Risiken und auch Chancen. Gut, eine solche Stimme aus der Kirche zu hören, die ihre digitale Beweglichkeit erst noch erweisen muss. Jungs Angebot an die Leserschaft, nach der Lektüre „besser zu verstehen, was durch die Digitalisierung geschieht, und klarer zu erkennen, wo und wie wir handeln müssen“, wird von ihm in besonderer Weise eingelöst und sollte unbedingt angenommen werden.

Mit Prognosen ist der leitende Geistliche zurückhaltend, aber eindeutig. Er schildert, was sich ihm - unter anderem nach einem Besuch im Silicon Valley - als realistisch oder als überzogen dargeboten hat. So ist er zu der Überzeugung gelangt, dass die Digitalisierung nicht nur ethisch reflektiert werden müsse, sondern dass die globale Politik den digitalen Wandel intensiver wahrnehmen, gestalten und gegebenenfalls regulieren müsse.

Schwerpunkte legt Jung in seinem Buch zum Beispiel auf die ethischen Herausforderungen bezüglich autonomer Mobilität, des Wandels in Industrie und Arbeit sowie der digitalen Medizin. Dass, wie noch 2018 bekannt wurde, He Jiankui erstmals die DNA menschlicher Embryonen durch die Genschere Crispr/Cas9 verändert hat, verlangt ethische Aufmerksamkeit. Jung betont bereits die Ambivalenz der Verbindung von digitaler Technologie und Biotechnologie. Noch klarer skizziert er, dass hochleistungsfähige Diagnosesysteme bald medizinischen Fortschritt bringen, zugleich aber die Frage nach dem Datenschutz verschärfen und menschliche Arbeitskraft ersetzen werden. Letzteres zeigt in nuce: Es ist auch nötig, über Arbeitsmodelle, soziale Absicherung und Beteiligungsgerechtigkeit neu nachzudenken. Es wird digitale Arbeit in Fülle und Arbeitslosigkeit geben.

Theologisch ist Jung skeptisch gegenüber Kurzweils und nun auch Hes Fortschrittsoptimismus, der dem Menschen göttliche Fähigkeiten verheißt und ihn zum Homo deus (Yuval Harari) erhebt. Er fragt: Was macht mich als Person aus? Wie verstehe ich den Grund meiner Existenz? Mit Psalm 8 erinnert der hessische Kirchenpräsident etwa daran, dass der Mensch wenig geringer gemacht ist als Gott. Die Verantwortung der Menschen ist es, das Maß zu finden zwischen der Anerkennung dieser Begrenztheit und der Ausschöpfung ihrer Fähigkeiten. Herauszufinden, was ihnen schadet und was ihrem Leben dient, ist nach Ansicht von Volker Jung ihre Aufgabe im digitalen Wandel. Die Menschen müssen entscheiden, „welche Möglichkeiten wir nutzen wollen und ob und wo wir Grenzen ziehen“. Sie darin zu begleiten, sei auch die Sache der Kirche, die gerade keine „digitalfreie Gegenwelt“ darstellen soll (siehe auch Jonas Bedford-Strohm in zz 9/2017). Zwar kann sie ihnen aus ihrer religiösen Überlieferung nicht für alle Fragen direkte Handlungsanleitungen geben, aber sie kann die Frage nach dem Menschen wachhalten und ihnen im digitalen Wandel Orientierung geben. Jung ruft dazu Luthers prägende Einsicht ins Gedächtnis: „Wir sollen Menschen und nicht Gott sein. Das ist die Summa.“

Dominik Weyl

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Dominik Weyl

Dominik Weyl war Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Zürich. Im September beginnt er das Vikariat in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

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Dominik Weyl

Dominik Weyl war Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Zürich. Im September beginnt er das Vikariat in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau.

Rolf-Joachim Erler: Freiheit, die ich meine: Flagge zeigen

Vor dem Vergessen

Fluchthelfer aus der DDR
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Einzelschicksale sind viel sprechender als Zahlenkolonnen...

"Steigen Se aus! Wenn Se hier abhau’n kriegen Se e Gügelchen durch de Lunge." Mit diesen Worten wird Rolf-Joachim Erler am 6. Oktober 1973 am Grenzübergang Marienborn aus dem Kofferraum eines für die Flucht aus der DDR präparierten Autos geholt. Er wird wegen seines Fluchtversuchs am 22. Januar 1974 vom Bezirksgericht Gera zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und zehn Monaten verurteilt und in das Zuchthaus Cottbus eingeliefert. Diese Strafe muss er aber nicht ganz absitzen. Die Bundesregierung kauft ihn im November 1975 für 90.000 DM frei. Er zählt zu den 33.000 politischen Gefangenen, die von 1964 an für insgesamt 3,3 Milliarden DM von der Bundesregierung „freigekauft“ wurden. Vor dem Vergessen zu bewahren, was damals geschah und erlebt wurde, war für Erler das Motiv, dieses Buch schreiben. Er hat das in einer sehr anschaulichen Weise getan. Gleichsam in Momentaufnahmen werden Szenen geschildert und Geschichten erzählt, die den Umgang der DDR-Justiz mit Menschen wie ihm gespenstisch lebendig werden lassen: Da ist ein Prozess, in dem das Urteil schon von vornherein feststeht und selbst der Verteidiger zur Stasi gehört. Da sind die entwürdigen Verhältnisse in den Stasigefängnissen, die quälenden „Vernehmungen“. Da ist das alltägliche Leben in einem Zuchthaus, in dem die Wärter darauf spezialisiert sind, Häftlinge verächtlich zu machen und zu schikanieren. Wie man unter diesen Umständen seine Würde bewahren kann, erzählt Erler auf anrührende Weise. Allerlei Tricks, unter der totalen Überwachung hindurch zu schlüpfen, lernte er bald von den „Haftkameraden“. Besonders wichtig war ihm, an Bibelverse und Literatur zu kommen, um seine Leidensgenossen in einer 23-Mann-Zelle Woche für Woche mit einem „Wort zum Sonntag“ aufzurichten.

Eingeleitet werden die Schilderungen dieses dunkelsten Kapitels seines Lebens von Erler mit Skizzen seiner Kinder- und Jugendjahre in der DDR. Dieses Leben stand in der sozialistischen Gesellschaft von vornherein unter keinem guten Stern. Als Sohn eines US-Soldaten und einer Mutter, die in den Westen floh, ist er bei seinen Großeltern, bei einer Tante und in einem Internat der Herrnhuter Brüdergemeine groß geworden. So wie er es schildert, ist ihm das Anliegen der Freiheit, die Wahrheit zu sagen, „Flagge zu zeigen“, von daher mit auf den Lebensweg gegeben worden. Er hat das als Schüler und bei seiner Ausbildung zum Optiker auch so lange recht und schlecht versucht, bis die Einberufung zur Nationalen Volksarmee drohte. Da entschloss er sich zur Flucht, die von einem Freund in der Bundesrepublik mit Hilfe einer Fluchthilfeorganisation eingefädelt wurde, aber - wie er bald erfahren musste - der Stasi bekannt war.

Wer will heute darüber urteilen, ob das der richtige Weg war, „Flagge zu zeigen“? Die DDR-Staatsmacht hat nicht nur einen jungen Menschen wie ihn zu solchen Verzweiflungstaten getrieben, die in vielen Fällen viel schlimmer ausgegangen sind. Viel zu wenige von den 33.000 „Frei Gekauften“ aber haben es sich zur Aufgabe gemacht, daran zu erinnern. Doch das bleibt nötig. Denn Einzelschicksale sind viel sprechender als Zahlenkolonnen, weil sie mit dem Leben und Leiden von Menschen uns heute dazu aufrufen, nie wieder menschenverachtende politische Verhältnisse zuzulassen, wie sie in diesem Buch geschildert werden.

Sein Verfasser ist nach dem Theologiestudium Pfarrer in Zürich-Seebach geworden - darum die Schweizer Flagge auf dem Cover. Er hat sich unermüdlich für den Freikauf politischer Häftlinge aus der DDR eingesetzt.

Wolf Krötke

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Ralf Frisch: Alles gut

Kurzweilig

Karl Barths Theologie heute
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Barths Gedankenwelt wird durch einen eigenwilligen Kunstgriff zugänglich gemacht.

Das kleine Buch des Nürnberger Systematischen Theologen Ralf Frisch hat seine Wurzeln in dessen Studentenzeit und ist gleichzeitig die Frucht seiner bisherigen akademischen Tätigkeit - einschließlich der Dissertation über Karl Barths und Theodor Adornos kritische Theorien der Moderne. Barths Theologie wird durch einen eigenwilligen Kunstgriff zugänglich gemacht, insofern Frisch den von Falk Wagner (1939-1998) gegen Barth vorgebrachten Einwand konsequent auf die Spitze treibt, auch seine Dogmatik sei Religion und also nicht in der Lage, von Gott her zu denken und zu sprechen. In Frischs Augen war Barth nämlich nicht ernsthaft davon überzeugt, was er von Gott sage, sei auch die Wahrheit über Gott. Barths Theologie verzichte vielmehr auf jeden Anspruch, eine außerhalb liegende Wahrheit einzufangen; sie könne - im Anschluss an George Lindbeck und Hans W. Frei - als linguistic turn, als sprachliche Wende gelesen werden und sei „Neuschöpfung der göttlichen Wirklichkeit durch Sprache“.

Frisch erzählt darum „Barths Gottesstory mit Happy End“, seinen „Offenbarungs-Dadaismus“, nach, der nur deshalb wahr ist, weil er so schön ist. Denn: „Geschichten sind Sprachereignisse. Sie sind Wirklichkeiten auch dann, wenn sie Fiktionen sind.“ Und wenn wir „unser Leben so sehen (können), als wäre es Teil einer großen Geschichte, über deren Happy End bereits von Anfang an entschieden ist …, würde das dem, was wir erleben, zweifellos seinen Schrecken nehmen“. Die Aktualität von Barths Erzählung liegt nach Frisch nicht in einer Kritik aller Verhältnisse, sondern darin, dass Welt und Mensch gut sind, „weil Gott alles gut gemacht hat“. Deshalb lasse Barths Theologie „den Menschen mit Theologie, Kirche und Gott in Ruhe“. Darin entspreche sie der Sehnsucht des heutigen Menschen und anerkenne mit ihrem Verzicht auf jede Plausibilisierung Gottes die modernen Erkenntnisbedingungen. Derart ästhetisch verstanden, trifft seine Theologie den Nerv unserer Zeit, gerade auch dort, wo sie quer zu ihr steht.

Frischs Text führt kurzweilig in Barths Theologie ein und macht plausibel, warum Barth davon erzählt, dass das Böse unwirklich und der Mensch zum Zuschauer eines Heilsgeschehens geworden ist, das er sich nur gefallen lassen muss. Am Ende steht eine „Ethik des Lassens“ und „der Verschonung“, die weder den Menschen noch die Welt besser machen will, und eine Beruhigung an die Kirche, sich nicht vor ihrem Bedeutungsrückgang fürchten zu müssen.

Es ist eindrucksvoll, wie Frisch Karl Barths großes Freilassen der Welt und des Menschen zur Geltung bringt. Über zweierlei könnte man vielleicht diskutieren. Zum einen: Ist wirklich alles gut, wenn auf Gott als Wirklichkeit jenseits der Erzählung verzichtet wird? Dem Theologen Ralf Frisch selbst gelingt dies ja auch nicht durchgängig, sondern er spielt Gottes Wirklichkeit an entscheidenden Stellen ein, unter anderem bei seiner Beruhigung der Kirche: Nur wenn Karl Barths Fiktion „wirklich die eigentliche Wahrheit über Gott und die Welt widerspiegelt, dann muss sich niemand Sorgen um die Zukunft von Theologie und Kirche machen“.

Und zum anderen: Ist der Mensch bei Barth so sehr in die Passivität entlassen, wie der Nürnberger Systematiker Frisch dies von seinem lutherischen Hintergrund her geltend macht? Auffallend ist, dass konkrete tagespolitische Auslassungen und andere um Weltgestaltung bemühte Aufsätze Barths kaum Erwähnung finden. Dabei wäre doch zu unterscheiden zwischen der von Gott gewirkten guten Wirklichkeit und dem, dass diese auch im Leben des Menschen ankommen muss. Nur wenn der Mensch dazu sein freies Ja sagt und dementsprechend lebt, ist wirklich alles gut.

Christiane Tietz

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Foto: Peter Bongard

Christiane Tietz

Prof. Dr. Christiane Tietz ist Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und Herausgeberin von zeitzeichen.

Weitere Rezensionen

Philipp Otto/Eike Gräf (Hg.): 3TH1CS – Die Ethik der digitalen Zeit

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Vision des digitalen Zeitalters
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Das Buch ist lesenswert, um ein Unbehagen hervorzurufen.

Die Vision des digitalen Zeitalters ist eine total vernetzte Welt, in der spezialisierte Roboter und Maschinen mit künstlicher Intelligenz den Menschen immer mehr Arbeit abnehmen. Zugleich wird der Mensch, selbst mehr oder minder robotisiert, zu einem Maschinenmenschen, der nicht nur mit seiner eigenen Mutierung umzugehen lernen muss, sondern auch damit, mit den immer menschenähnlicher werdenden Robotern zusammenzuleben. Es wird die ganze Palette geben, weit über die Arbeitsroboter in den Fabriken hinaus: von Haushaltsrobotern über Pflege- und Sexrobotern bis hin zu Killerrobotern, die die Soldaten, Söldner, Selbstmordattentäter und Drohnen von heute überflüssig machen. Wer sich für derlei Szenarien interessiert, möge sich die schwedische Fernsehserie „Real Humans – Echte Menschen“ (zwei Staffeln) ansehen. Da erhalten wir einen anschaulichen Vorgeschmack dieser „schönen neuen Welt“. Von ihr handelt auch das angezeigte Buch, nur viel abstrakter und allgemeiner. Und mit Ethik hat es auch nicht allzu viel zu tun. Gleichwohl ist es lesenswert, um eine gewisse Vorstellung des digitalen Zeitalters zu bekommen. Oder besser noch: um ein Unbehagen hervorzurufen und die Rückfrage an sich selbst: Möchte ich überhaupt in einer solchen digitalisierten und robotisierten Gesellschaft leben? Noch banger die Frage eines der Autoren (Koert van Mensvoort) angesichts der Prognose, dass Ende des 21. Jahrhunderts die Ehe zwischen Menschen und Hubots legalisiert sein dürfte: Wird es dann überhaupt noch rein menschliche Menschen (100 Prozent Bioqualität) geben, die man heiraten kann? Das Unbehagen, das sich bei der Lektüre einstellt, formulierte der Philosoph Richard David Precht vor einem Jahr im spiegel-Interview: „Die Digitalisierung bedroht alles, was ist.“ Man kann es auch so formulieren wie John Pike, der im Buch zitiert wird: „Zuerst gab es den Menschen und keine Maschinen, dann gab es Menschen mit Maschinen, und schließlich gibt es Maschinen und keine Menschen mehr.“ Die Stärke des Buches ist die Vielfalt von Aspekten und Anwendungsbereichen der Digitalisierung und Robotisierung, die die zwanzig Autoren und Autorinnen beleuchten. Seine Schwäche ist, dass es in manchen Bereichen sehr spekulativ und allgemein bleibt und dass das Ganze nur bedingt überhaupt mit Ethik zu tun hat. Oliver Bendel behandelt immerhin „Sexroboter und Robotersex aus Sicht der Ethik“. Er stellt unzählige maschinenethische Fragen, doch bietet er keine Antworten, geschweige denn auch nur den Entwurf einer „Ethik der digitalen Zeit“. Jean-Baptiste J. Vilmer argumentiert in „Terminator-Ethik: Sollten Killerroboter verboten werden?“ vor allem auf der Ebene des Völkerrechts. Gibt es ein Menschenrecht darauf, von einem Menschen statt von einem Roboter getötet zu werden? Und wenn es ethisch wird, dann in fragwürdiger Weise: „Die Pflicht, keine potentiell gefährlichen Technologien zu entwickeln, wird durch die Pflicht ausgeglichen, ebendies zu tun, wenn sie die Auswirkungen bewaffneter Konflikte auf die eigenen Streitkräfte und Zivilbevölkerung eindämmen können. Demzufolge wäre es möglicherweise nicht nur moralisch richtig, solche Waffen einzusetzen, sondern sogar unmoralisch, es nicht zu tun.“ Was soll denn das für eine Ethik sein?! Die Herausgeber fordern in ihrem Vorwort: „Die Neuerfindung der Ethik ist unsere Aufgabe!“ Wirklich? Wenn es unethisch ist, Mitmenschen zu töten, dann bleibt es das, egal ob ich mit der Axt, der Kalaschnikow oder mit einem von mir programmierten Killerroboter töte. Die wirklich ethischen Gretchenfragen werden im Buch zwar da und dort gestellt, doch nirgendwo beantwortet.

Martin Bauschke

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