Karlsruher Kirchendiplomatie

Generalversammlung des Weltkirchenrats verabschiedet Erklärungen zu Ukraine und Israel
Abstimmung bei der ÖRK-Generalversammlung
Foto: WCC/Hillert

Die Generalversammlung des Weltkirchenrates ist mit zahlreichen Abschlusserklärungen zu Ende gegangen. Auch zu den beiden politisch besonders aufgeladenen Themen Ukraine und Israel fand die Kirchendiplomatie konsensfähige Formulierungen, die mit Blick auf den Nahen Osten aber auch den weiter bestehenden Dissens beschrieben.

Der Streit um das „A“-Wort blieb bis zum Schluss ungelöst und so steht es auch in der Abschlusserklärung der ÖRK-Vollversammlung zu Israel und Palästina: Zahlreiche Menschrechtsorganisationen hätten Studien und Berichte veröffentlicht, die Israels Politik und Handeln als auf „Apartheid“ hinauslaufend beschrieben. „Innerhalb der Versammlung unterstützen einige Kirchen und Delegierte stark den Gebrauch dieses Begriffes als akkurate Beschreibung der Realität der Menschen in Palästina/Israel (…), während andere diesen für unangebracht, nicht hilfreich und schmerzhaft halten. Wir sind in diesem Punkt nicht einer Meinung.“  Mit dieser Beschreibung eines Dissens, der erst kurz vor der Verabschiedung der Erklärung durch die Delegierten eingeführt wurde, wurde eine kirchendiplomatisch heikle Frage – nun ja – gelöst, die während der gesamten Tagung in Karlsruhe im Raum stand. Ausgangspunkt war ein Antrag der südafrikanischen Delegation, der Israels Politik als Apartheid bezeichnete. Für die gastgebende EKD war dies aber mit Blick auf die deutsche Geschichte ein No-Go. So hatte sich die EKD-Auslandsbischöfin Petra Bosse-Huber am Mittwoch im Plenum sehr klar positioniert: „Als Leiterin der deutschen EKD-Delegation sage ich sehr deutlich: Wir werden nicht von Israel als einem Apartheid-Staat sprechen.“ Damit war klar, dass es ein Affront gegen die Gastgeber sein würde, den zu diesem Zeitpunkt vorliegenden Entwurf zu verabschieden. Der warf nämlich mit Bezug auf die genannten Berichte Israel vor, ein „illegales System der Teilung“ zu implementieren, das auf „Rasse, Glaubensbekenntnis und ethnischer Zugehörigkeit“ basiere. Die letztendlich verabschiedete Erklärung findet sich hier.

Nicht zu rechtfertigen

Das zweite politisch sehr aufgeladene Thema, der Krieg in der Ukraine, hatte durch die Anwesenheit von Delegationen aus Russland und der Ukraine eine besondere Brisanz bekommen. So hatte Bundespräsident Frank Walter Steinmeier in seiner Ansprache zur Eröffnung der Versammlung sehr klare Kritik an der russisch-orthodoxen Kirche (ROK) geübt und eine deutliche Stellungnahme der Generalversammlung eingefordert: Die ROK  rechtfertige „einen Angriffskrieg gegen die Ukraine – gegen ihre eigenen, gegen unsere eigenen Brüder und Schwestern im Glauben. (…) Dieser Nationalismus, der willkürlich Gottes Willen für die imperialen Herrschaftsträume einer Diktatur in Anspruch nimmt, muss unseren Widerspruch finden, auch hier in diesem Saal, in dieser Versammlung.“

Diese Aufforderung kam nicht bei allen Delegierten gut an, einige werteten sie als übergriffigen Versuch der Einflussnahme der Politik auf den Weltkirchenrat. Andere begrüßten die klaren Worte auch als Solidaritätsbekundung mit der Delegation aus der Ukraine. In der Abschlusserklärung verurteilt die Versammlung nun den Krieg gegen die Ukraine als „Illegal und nicht zu rechtfertigen“ und lehnt „jeden Missbrauch von religiöser Sprache und Autorität zu Rechtfertigung bewaffneter Aggressionen“ ab.

Bedford-Strohm leitet Zentralausschuss

Die Präsenz der Delegationen aus der Ukraine und der der ROK auf der Versammlung sei aber eine praktische Möglichkeit der gegenseitigen Sensibilisierung, etwa in Round-Table-Gesprächen zu unterschiedlichen Themen, gewesen. Offiziell arrangierte Begegnung hatte es zwar nicht gegeben. Aber: „Es gibt noch etwas zwischen diplomatischen Verhandlungen und Schweigen – und das ist hier passiert“, sagte die Bischöfin der gastgebenden badischen Landeskirche, Heike Springhart, in der abschließenden Pressekonferenz. Der Weltkirchenrat will weiter als Plattform für solche Begegnungen dienen.

Diese werden dann auch den bayerischen Landesbischof und früheren EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm beschäftigen. Der wurde nämlich am Donnerstagnachmittag zum Vorsitzenden des ÖRK-Zentralausschusses gewählt. Das ist das höchste Leitungsgremium des ÖRK zwischen dessen Vollversammlungen, die alle sieben bis acht Jahre stattfinden. Er leitet die programmatische Arbeitet und führt die in der Vollversammlung angenommenen „Richtlinien“ aus. Bedford-Strohm folgt damit auf Agnes Aboum von der Anglikanischen Kirche von Kenia, die das Amt seit 2013 innehatte.

 

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Stephan Kosch

Stephan Kosch ist Redakteur der "zeitzeichen" und beobachtet intensiv alle Themen des nachhaltigen Wirtschaftens.


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