Kirche der Versager

Klartext

Pfahl im Fleisch

Sonntag Reminiszere, 13. März

Und er (Jesus) kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Konntet ihr denn nicht eine Stunde
mit mir wachen? … Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch vorübergehe … Und er kam und fand sie abermals schlafend …(Matthäus 26,40.42–43)

In Jerusalem, im Garten Gethsemane am Ölberg, steht eine Kapelle mit Namen „Todesangstbasilika“. Sie ermuntert zum Gebet an der Stelle, wo vermeintlich Jesus als frommer Jude den 42. Psalm betete und Gott bat, den Kelch des Todes an ihm vorübergehen zu lassen. Begleitet war er von Petrus, Johannes und Jacobus, denjenigen Jüngern, die sich sehr viel auf ihre Stellung als Erstberufene einbildeten.

Auch diese Jünger hätten hier ein Denkmal verdient: ein Schlaflabor. Sie mussten dreimal geweckt werden, um die richtigen Entscheidungen zu treffen, und dreimal haben sie kolossal versagt. Das hätte eine Schlafanalyse gezeigt. Aber ihr Denkmal wurde schließlich nicht ein Schlaflabor, sondern eine Institution, die Kirche.

Und damit sind wir bei uns, den heutigen Nachfolgerinnen und Nachfolgern Jesu. Wieder nahen Stunden der Entscheidung darüber, wie es mit der Sache Jesu weitergeht. Corona hat so viele kirchliche Defizite aufgezeigt, aber auch so viele gute Diskussionen angeregt und die Umsetzung neuer Ideen bewirkt, wie lange nicht mehr. So wäre ein satter Gethsemane-Schlaf völlig unangemessen.

Zum anderen: Petrus hat ja nicht nur im Garten Gethsemane versagt. Denn da ist noch die Geschichte mit dem Hahn und dem Streit mit Paulus beim Apostelkonzil. Und es ist beispielsweise auch nicht das Reich Gottes gekommen, das Jesus verkündete, sondern die Kirche. Aber Gott hat seine Kirche mit Versagern wie Petrus gebaut. Und er tut das auch heute noch. Und auch wir werden nicht als glaubensstarke Christenmenschen in die Geschichte eingehen. Aber trotzdem arbeitet Gott auch mit unseren Schwächen.

Und: Nichts ist selbstverständlich. Im Garten Gethsemane haben die Männer versagt. Von Frauen wird nichts berichtet. Die Frauen am Grab waren die ersten Zeuginnen der Auferstehung. Und dieser Pfahl im Fleisch der von Männern dominierten Kirchen lässt sich nicht so einfach herausziehen. Auch nicht im Umfeld der römischen Kirche, für die der Apostel Petrus der erste Papst war.

EPa von Gott

Sonntag Okuli, 20. März

Elia … ging hin in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Ginster und wünschte sich zu  sterben und sprach: Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter … Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn Du hast einen weiten Weg vor dir. (1. Könige 19,4.7)

Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt! Eben noch hatte der Prophet Elia den vermeintlichen Höhepunkt seiner Karriere erlebt: Gott entzündete durch einen Blitz das Opferfeuer, und 450 Baals­priester, die sich heiser geschrien hatten, waren blamiert. Aber von Kühnheit zu Tollkühnheit ist es manchmal nur ein kleiner Schritt. Auf dem Höhepunkt des Triumphes ließ Elia jene Priester ermorden. Und kurz darauf musste er um sein Leben rennen. So fiel der einst Strahlende in der Wüste in eine tiefe Depression und wollte nur noch sterben. Gott aber hatte mit dem Gescheiterten andere Pläne, sandte einen Engel, der Elia berührte und mit Brot und Wasser versorgte. Das war sozusagen Gottes „Einmannpackung“ (EPa) für den nächsten Dienstauftrag. So wie eine Soldatin oder ein Soldat der Bundeswehr eine EPa bekommt und damit Essen und Trinken für einen Tag erhält.

Dass „der Mensch denkt, aber Gott lenkt“, wussten schon unsere Vorfahren. Was man sich auch immer vornimmt und zum Ziel setzt, muss nicht mit Gottes Plänen übereinstimmen. Seine Anweisungen für Elia sind einfach und klar: Steh auf, iss, und geh! Die Geschichte spiegelt einen alten Traum: wenn es doch nur immer so klar wäre, was Gott will! Aber so einfach ist es eben nicht. Durch Jesus von Nazareth hat Gott uns Menschen seine Ziele gezeigt. Doch diese sind von jeder Generation in ihrer Zeit täglich umzusetzen. Das ist die Herausforderung. Aber eine Gewissheit gibt es: Gott traut uns zu, dass wir richtig handeln, und er lässt uns dabei nicht allein. Er gibt uns immer eine EPa mit auf den Weg. Nur muss man es erkennen.

Schwierige Gemeinde

Sonntag Lätare, 27. März

Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus … Und unsere Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: Wie ihr an den Leiden teilhabt, so habt ihr auch am Trost teil. (2. Korinther 1,5+7)

An der Christengemeinde in Korinth biss sich Paulus die Zähne aus. Willkommen hießen ihn nur wenige. Denn alle wussten, wie es besser geht. Die Hafenstadt war ein heißes Pflaster. Schon immer hatte sie Angehörige verschiedener Völker und Religionen angezogen. Und so gab es einen Marktplatz der Kulturen und der Religionen. Zusätzlich waren die Bewohner für ihre Zügellosigkeit berüchtigt. Und die fand sich auch in der Gemeinde. Dort dürfte Paulus eine gärende Mischung aus Halleluja-Christen, griechisch-philosophischen Bildungsbürgern, hellenistischen Judenchristen und fanatischen Anhängern der Jerusalemer Apostel vorgefunden haben, die ihn beleidigten, als Apostel ablehnten, kränkten und sogar verjagten.

Sie warfen Paulus – vermutlich zu Recht – vor, ein schwacher Redner zu sein. Und deshalb schrieb er Briefe. In denen griff er auch an, verteidigte aber nicht nur sich, sondern auch seine Botschaft. So diente es der Versachlichung, wenn er die Botschaft vom Auferstandenen herausarbeitete.

Dazu gehört Paulus’ Verweis auf das Leiden Jesu. Damit weist er eine Entwicklung des jungen Christentums zu einer Wohlfühlreligion ab. Auch mit einfachen Botschaften wie „denke positiv, glaube mutig, dann wird Gott dich auch materiell segnen“, kommt man bei Paulus nicht weiter. Denn er ruft zur Nachfolge auch im Leiden. Christentum ist kein Zuckerschlecken. Zentral ist für den Apostel, dass er die Glaubenden als Gerechtfertigte in der Liebe Gottes geborgen weiß und dass dies auch erfahrbar ist. Selbst im Leiden sind wir von Gott begleitet und gehalten – das ist der Trost, den Paulus verheißt.

Besseres Leben

Sonntag Judika, 3. April

Jakobus und Johannes sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. (Markus 10,37)

Wegen ihres Draufgängertums wurden Jakobus und Johannes „Donnervögel“ genannt. Wieder einmal stürmen sie voran und erbitten von Jesus eine Sonderstellung, wenn dieser einmal herrschen sollte. Im Reich Gottes wollen sie zu seiner Rechten und Linken sitzen. Aber Jesus erteilt ihnen eine Lektion. Herrschen? Von wegen. Es geht vielmehr darum, den bitteren Kelch bis zur Neige auszutrinken. Aber Jakobus und Johannes begreifen nichts. Begeistert wollen sie auch den Kelch austrinken, um vorne mit dabei sein.

Aber Jesus stellt klar; wer wo im Himmel sitzt, entscheidet allein Gott. Und wer groß sein will, soll dienen. Jesus bereitet seine Jüngerinnen und Jünger auf Blut, Schweiß und Tränen vor. Und zusätzlich nimmt er auch noch den Belohnungsgedanken aus der Geschichte heraus. Denn selbst beim Austrinken des Kelches gibt es keine himmlischen Sieger.

Die Reaktion der anderen Jünger zeigt, dass sie das auch nicht begriffen haben. Ihre Wut über Jakobus und Johannes lässt erahnen, dass sie selber gerne zur Linken und zur Rechten sitzen würden. Nur haben sie sich noch nicht getraut zu fragen.

Ja, was bringt es eigentlich, Christ zu sein? Mit einem materiellen Ansatz kommt man in der Nachfolge des Herrn nicht weit. Auch nicht mit einer Gegenüberstellung der Vor- und Nachteile. Denn beim Glauben geht es nicht um eine Auflistung des Pro und Kontra mit anschließender Entscheidung. Glaube ist nicht machbar, sondern ein Wunder. Es ist ein Wunder, dass ich Gott in meinem Leben bemerke und davon lebe, dass er mit mir eine Beziehung eingegangen ist. Das erkenne ich, nicht weil ich will, sondern weil Gott spricht. Und das prägt mein Leben – mit seinen Stärken und Schwächen. Der Glaube bewirkt nicht, dass ich ein besserer Mensch bin, aber dass ich besser lebe. Und zwar geistlich, nicht materiell.

Gegen Querdenker

Palmsonntag, 10. April

Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. (Johannes 17,6)

So spricht jemand auf Augenhöhe, der Sohn zum Vater. Weit weg sind die Jesusbilder der anderen drei Evangelisten. Diese beschreiben das Verhältnis von Vater und Sohn anders. Aber Johannes ist von Jesus und der Entwicklung der ersten Chris­tengemeinden schon zu weit entfernt. Die Trennung von der Synagoge ist vollzogen. Das Christentum ist global geworden und in der hellenistischen Welt angekommen. Und das prägt die Gemeinden. So haben sich nicht nur verschiedene Gemeindetypen entwickelt, sondern auch bereits Denkschulen. Johannes ist neben Paulus zum bedeutenden Vordenker des neuen Glaubens geworden. Hat sich der Völkerapostel noch mit den jüdischen Wurzeln beschäftigt, muss sich Johannes bereits mit Querdenkern auseinandersetzen, die die Leiblichkeit Jesu nicht sehen und anerkennen wollen, sondern sich auf eine eigene Erkenntnis (Gnosis) und Geisteserfahrung berufen. Und ihnen setzt Johannes die Leiblichkeit Jesu entgegen: „Das Wort ward Fleisch“ (Johannes 1,14). Der Evangelist betont, dass Gott seinen Sohn in die Welt und zu den Menschen sendet. Weil Johannes das, was nach Kreuz und Auferstehung gilt, schon in die Jesusgeschichte vor Kreuz und Auferstehung einfügt, tritt schon Jesus im sogenannten „Hohenpriesterlichen Gebet“ (Johannes 17,1–25) als Christus für die Jüngerinnen und Jünger ein. Und das alles bespricht Jesus mit Gott auf Augenhöhe. Die frühe Kirche hat sich fast aufgerieben in der Frage, wie das Verhältnis von Gott, dem Vater, zu Gott, dem Sohn beschaffen ist. Gelöst wurde die Frage, indem zur Identität des Vaters mit dem Sohn ins Glaubensbekenntnis aufgenommen wurde, dass Gott bis heute wirkt, durch den Heiligen Geist.

Deshalb sind Christenmenschen bis heute aktiv, ist das Christentum lebendig, sind die Kirchengemeinden offen und bringen sich in die Gesellschaft ein. Und dass dies weitergeht, feiern wir jedes Ostern. 

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