Sehr deutsch im Heiligen Land

Das Jeckes-Museum: Noch besteht Hoffnung für ein Stück deutscher Geschichte in Israel
Das Jeckes-Museum in Tefen nahe Haifa muss umziehen. Doch für eine angemessene neue Bleibe fehlt Geld.
Foto: Jeckes-Museum
Das Jeckes-Museum in Tefen nahe Haifa muss umziehen. Doch für eine angemessene neue Bleibe fehlt Geld.

Von den „Jeckes“, aus Deutschland geflohenen Juden in Israel, heißt es, dass sie deutscher als die Deutschen waren, bevor die Nazis sie zu Fremden erklärten. Das weltweit einzigartige Jeckes-Museum in Israel bewahrt ihre Erinnerungen auf. Doch das Museum braucht Geld, um neu anzufangen, berichtet die Journalistin Esther Gardei.

Zwei Jeckes gehen am Strand von Nahariya spazieren. Auf einmal sehen sie, dass jemand im Wasser zu ertrinken droht und immer ruft „Hatzilu Hatzilu“ (auf Hebräisch: „Zu Hilfe“). Die beiden Jeckes sehen sich an. Da sagt der eine zum anderen: „Schwimmen hätte er lernen sollen, nicht Hebräisch!“ Witze dieser Art gibt es viele über die deutschen Juden, die „Jeckes“, die im Wesentlichen zur Zeit des Nationalsozialismus aus Deutschland nach Israel eingewandert sind. Viele von ihnen kamen aus der Not nach Israel und nicht aus zionistischer Überzeugung. Der Witz spielt darauf an, dass viele Jeckes – wenngleich sie sich mit preußischer Haltung sehr bemühten, gute Staatsbürger zu werden – in Israel doch auch ihre deutsche Kultur (oder Identität) bewahren wollten.

Das einzige Jeckes-Museum in Israel bewahrt ihre Erinnerungen auf, Habseligkeiten und „Schätze“, die sie aus Deutschland mitnehmen konnten. Sie zeigen die Zerrissenheit der Geflüchteten zwischen zwei Heimaten. Von den Jeckes heißt es, dass sie „deutscher als die Deutschen“ waren, bevor die Nationalsozialisten sie zu „Fremden“ erklärten.

Das Museum erzählt von dieser Vergangenheit und gehört damit zu Deutschland, obwohl es bis vor Kurzem im Industriepark Tefen nahe Haifa in Israel gelegen war. Im Sommer 2020 geriet es in Gefahr, weil der bisherige Finanzier, Steff Wertheimer, die Finanzierung einstellte. Das Museum musste schließen und zeitnah umziehen. „Es brach mir das Herz“, sagte Ruthi Ofek, die das Museum dreißig Jahre geleitet hat. Jetzt zieht das Museum an die Universität in Haifa um, weil das Außenministerium im März überraschend eine Million Euro für die Rettung zur Verfügung gestellt hatte. Für die langfristige Bewahrung fehlen aber noch zwei Millionen Euro.

Stefan Ihrig hat sich im vergangenen Jahr der Sache angenommen. Sein Zentrum für Deutschland- und Europastudien unternahm mit Unterstützung des Universitätspräsidenten große Anstrengungen, die Sammlung in das Hecht-Museum der Universität Haifa zu integrieren. Das deutsche Außenministerium sagte im November 2020 etwa 200 000 Euro zu. Daraufhin sprangen aber andere potenzielle Spender ab. Wenn schon das Außenministerium hilft, muss ich mich ja nicht mehr finanziell engagieren, glaubten viele. Dabei reichen 200 000 Euro zwar für die einmalige Verpackung der Erinnerungsstücke in Umzugskisten und den fachgerechten Transport zur Universität. Aber um die Ausstellungsstücke zeigen zu können, ist auch ein Umbau der Universität nötig, um erst den Platz im Hecht-Museum zu schaffen. Eine Million Euro wurden allein für den Umbau berechnet, die Bedingung für die langfristige Bewahrung.

Kostbare Gemälde

Unter den Tausenden persönlichen Erinnerungen, Fotos und Briefen des Museums befinden sich auch kostbare Gemälde von Hermann Struck, Briefe von Freundinnen Hannah Arendts, Originalkompositionen von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Die Universitätsleitung kann nicht verantworten, diese Quellen in einem Keller in Pappkartons zu lagern, dem Verfall und dem Vergessen preiszugeben. Diese Gefahr ist in Israel und an seinen Universitäten groß: Gegenstände von historischem Wert können nicht sicher verwahrt werden, weil es an Raum und Geld fehlt.

Ihrig und seine Kollegen entwickelten ein Konzept für die fachgerechte Sicherung der Gegenstände und Erinnerungen des Jeckes-Museums. Das Ziel ist es auch, dass die Sammlung mit Leben gefüllt wird und Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt werden kann. Aktivitäten zum Fundraising wurden ins Leben gerufen. Neben recht schnell gefundenen israelischen Sponsoren unterstützte die Hecht-Stiftung der Universität die Initiative. Der DAAD sicherte die Finanzierung einer Archivarin für die nächsten zehn Jahre zu und erkannte als erste deutsche Organisation den Wert der Sammlung für die Wissenschaft. Hans-Georg Soeffner, Mitglied im DAAD-Beirat der Universität Haifa und der Universität Jerusalem, engagierte sich sehr für die Rettung. Medien berichteten und forderten auch deutsche Politiker öffentlich zu Hilfe auf.

Doch am Ende fehlten noch Anfang 2021 eine Million Euro für die bauliche Veränderung des Museums der Universität Haifa für die zumindest teilweise Unterbringung der 400 Quadratmeter Ausstellungsfläche erfordernden Sammlung auf dem Campus. „Eine Million ist erst einmal viel Geld, aber keine große Summe im Verhältnis zu dem Verlust, den der Verfall der Erinnerungen mit sich bringen würde“, sagt Andreas Nachama, der als Vorsitzender der Allgemeinen Deutschen Rabbinerkonferenz das Projekt mit unterstützt. Wenn die restlichen Mittel nicht gefunden werden, wäre es auch ein Verlust für die deutsch-jüdisch-israelische Freundschaft, die es inzwischen – dem Holocaust zum Trotz – wieder gibt.

Es gab sie aber auch, die deutsch-jüdische Geschichte – und Juden, die gern in Deutschland lebten. Viele waren stolz auf Deutschland, die deutsche Kultur und ihre deutsche Heimat. Viele jüdische Deutsche verließen Deutschland nur widerwillig und wurden auch erst durch die Verfolgung durch die Nazis dazu gezwungen, über ihr Jüdisch-Sein nachzudenken. So war es beispielsweise bei der großen Gelehrten Hannah Arendt.

In der Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft organisieren sich die „Jeckes“ in Israel bis heute. Sie unterstützte die Einwanderer zur Zeit des Nationalsozialismus. Der Verein gibt Zeitungen heraus und hilft den Jeckes bei der Organisation ihrer Lebensaufgaben, zum Beispiel bei der Suche nach einem Altenheim. Und der Verein unterstützt das Jeckes-Museum, das die Erinnerungen der Vorfahren bewahrt.

„Die Erinnerungen zeigen diese ganze Ambivalenz der deutschen Juden in Israel“, sagt Museumsleiter Ruthi Ofek. Die Jeckes halfen beim Aufbau des israelischen Staates, vermissten aber auch das Leben in Deutschland. Und sie prägten andererseits als Deutsche auch den Aufbau des Staates Israel. So brachten die Jeckes das humanistische Bildungsideal mit nach Israel, woran Israel Shiloni, der Gründer des Jeckes-Museums in den 1980er-Jahren, erinnerte: „Erst durch die Repressionen der Nazis sind wir uns unserer jüdischen Kultur wieder bewusst geworden“. Und „bis die Nationalsozialisten an die Macht kamen“, sagte er rückblickend, „hatte es eigentlich kein jüdisches Eigenleben mehr gegeben – wir waren Deutsche mit Herz und Seele“.

Israel Shiloni, ursprünglich Hans-Herbert Hammerstein und Gründer des Jeckes-Museums, wurde 1901 in Berlin geboren. Bei Gründung des Museums 1971 hieß er bereits Israel Shiloni. Wenn einmal keine Jeckes mehr leben, dachte er, muss es einen Ort geben, der ihre Geschichte erzählt. Deutsche wie Israelis haben ihm viel zu verdanken. Mit Shilonis Tod 1996 wurde vielen schmerzlich bewusst: Irgendwann werden keine Zeitzeugen mehr leben.

Nach dem Ersten Weltkrieg und unter dem Eindruck des wachsenden Zionismus hatte sich Hammerstein dieser Bewegung verschrieben. Bei einem ersten Versuch 1927, in „Eretz Israel“ Fuß zu fassen, lernte er seine erste Frau kennen. Die beiden kamen nach Deutschland zurück, und Hammerstein arbeitete als Lehrer, unter anderem in Bonn. Hier leitete er von 1934 bis 1937 eine jüdische Schule. Die befand sich dort, wo heute das Bonner Juridicum steht. Mit der Gründung einer privaten jüdischen Schule 1934 wollte er seinen Schülern öffentliche Kränkungen und Demütigungen ersparen.

Hammerstein brachte seinen Schülerinnen und Schülern bei, dass sie stolz sein könnten auf ihre jüdische Herkunft und Religion. Er war ein kreativer und mutiger Mann. Gemeinsam organisierte er mit seinen Schülern im Klassenzimmer Ausstellungen über jüdisches Leben. Der Musikunterricht stand „im Dienste der Ausgestaltung aller Schulferien, z.B. Chanukka, Purim etc.“, wie man in den Akten des Bonner Archivs zur Unterrichtsgestaltung nachlesen kann. Für den Naturkundeunterricht untersuchte man Bäume nahe der Schule, wie die Ahornbäume, deren Nachkommen noch heute dort stehen, oder er ging mit den Schülern an den Rhein, den Hammerstein liebte. 1937 dann verließ Hammerstein Bonn und wurde Lehrer in Stettin. Nach der Pogromnacht am 9. November 1938 wurde er ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert und misshandelt. Durch seine Auswanderung gelang es ihm, der Vernichtung zu entkommen. Im Sommer 1939 floh er nach England, seiner Frau und den beiden Kindern gelang die rechtzeitige Flucht aber nicht mehr. Kurz nach Beginn des Krieges wurde die Stettiner Gemeinde nach Polen verschleppt. Dort wurde sie ausgelöscht. Wie auch die Familie Hammerstein.

Hans-Herbert Hammerstein gelangte über das Dunera-Internierungslager in der australischen Wüste nach Palästina. Hier lernte er seine zweite Frau Miryam kennen, deren Namen „Shiloni“ er annahm. Den Namen „Israel“, den die Nationalsozialisten den deutschen Juden gegeben hatten, behielt er. Es wäre wohl zu schmerzhaft gewesen, den Namen „Hammerstein“ zu behalten.

Kontakt abgelehnt

Bis in die 1960er-Jahre lehnte Shiloni den Kontakt zu Deutschen ab. Dies berichteten mir Freunde Shilonis, wie Gideon Botsch, Historiker und Sohn von Jael Botsch-Fitterling, der in Berlin lebt. Dessen Vorfahren waren ebenfalls aus Deutschland nach Israel eingewandert, um der Verfolgung zu entkommen. Viele – wie Familie Botsch – kannten Shiloni und erinnern sich gut an ihn. Sie haben die Wandlung von Shilonis Verhältnis zu Deutschland noch miterlebt. In den 1980er-Jahren nahm er in Bonn an Begegnungstagen teil und berichtete öffentlich über seine Erlebnisse: Nach 52 Jahren kehrte er zurück und traf seine ehemaligen Schüler wieder, die aus aller Welt nach Bonn gekommen waren.

Im Jahr 1988 schrieb er in einem Brief an eine deutsche Bekannte über sein Museum in Israel: „Dass die Bundesrepublik unser Museum ignoriert, sogar bei ausgesprochenen Bildungsreisen, das ist katastrophal. Alle deutschen Botschafter waren schon bei mir und stets sehr beeindruckt, haben aber anscheinend auf die Heimat selbst keinen Einfluss …“. Der Brief zeugt davon, dass Shiloni es mit seinem Museum so schwer hatte wie die Jeckes bei ihrer Ankunft in Israel. Auch weil sie diesen Teil der Geschichte erzählen, sind die von ihm zusammengetragenen Erinnerungen so wertvoll. Sie zeugen nicht nur von der Zerrissenheit der Einwanderer zwischen ihrer alten Heimat Deutschland und der neuen Heimat Palästina. Sie belegen auch die Schwierigkeiten der Jeckes nach der Einwanderung – und helfen, ihre Identitätskonflikte zu verstehen, die mit den Problemen anderer Migranten vergleichbar sind.

Die Lage der Jeckes aber war ganz besonders. In Palästina begegnete man den deutschen Einwanderern unter anderem deshalb mit Vorurteilen, weil sie die deutsche Sprache, also die der NS-Täter, mitbrachten. „Allein der Begriff ‚Jecke‘ bezeugt diese Konflikte: Osteuropäische Juden hatten ihn schon vor der NS-Zeit eingeführt und übernahmen ihn in Palästina, um die deutschen Juden als überheblich und arrogant zu beleidigen“, sagt Ofek. Der Spitzname „Jecke“ kam ursprünglich wohl daher, dass sie keine Kaftane, sondern Jacketts trugen und sich – so sagt man – weigerten, diese sogar bei größter Hitze abzulegen. Inzwischen ist der Begriff positiv konnotiert: Er steht für ihre geschätzten preußischen Tugenden wie Höflichkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Der Beitrag der Jeckes zur Gesellschaft und Geschichte Israels, zur israelischen Kultur und Medienlandschaft wird allgemein gewürdigt.

Als sich Anfang 2021 abzeichnete, wie schwer es sein würde, das Jeckes-Museum zu retten, glaubten Ofek und Ihrig, dass man den Beitrag der Jeckes in Deutschland weniger schätzt als in Israel. Die deutschen Versprechen und Hoffnungen wirkten wie ein Hinhalten. Es schien ihnen, als würden das Jeckes-Museum und die Finanzierung durch Vertröstung fallen gelassen. Gefühlt jeder wollte das Museum retten oder verwies auf einen anderen, der noch besser helfen konnte.

Bürokratische Hürden

Tatsächlich gab es viele, die sofort geholfen hätten: Vom Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, dem Antisemitismusbeauftragten der Bayrischen Staatsregierung, Ludwig
Spaenle, bis zu Bundestagsabgeordneten und Politikern fast aller Parteien wie Michelle Müntefering bekundeten alle ihre Solidarität oder kündigten konkrete Hilfe an. Michaela Engelmeier und Vertreter der Deutsch-Israelischen Gesellschaft wurden aktiv. Der Bundestagsabgeordnete Klaus-Dieter Gröhler legte sich besonders ins Zeug für die Rettung der Sammlung. Die Situation des Jeckes-Museums berührte ihn, und er engagierte sich.

Die eine Million Euro ermöglicht jetzt den Umzug. Gerettet ist die Sammlung aber noch immer nicht. Dabei sind sich alle Unterstützer offenbar einig: Zwei weitere Millionen für den fachgerechten Erhalt dieser so wichtigen Sammlung sollten keine unüberwindbare Hürde sein. Wo liegt also bis heute das Problem?

Das Problem bei der Förderung durch die öffentliche Hand Deutschlands besteht darin, dass es sich um ein Museum zur deutsch-jüdischen Geschichte in Israel handelt. Aus bürokratischer Sicht vielleicht einleuchtend, aus historischer Sicht absurd. Die meisten Satzungen deutscher Stiftungen wie auch die Vorgaben von Privatspendern oder Politikern im Bundestag sehen lediglich eine Unterstützung von Projekten in Deutschland vor.

Auch der Bundespräsident unterstützt die Rettung des Jeckes-Museums, wie mir sein Mitarbeiter in einem Brief versicherte, lehnt aber die Schirmherrschaft ab. Wohl nur das Außenministerium kann helfen. Es wird das Museum voraussichtlich auch weiterhin unterstützen und die langfristige Bewahrung sichern. Ihrig und seine Kollegen hoffen auf eine zügige Zusicherung der restlichen zwei Millionen Euro, damit die Erinnerungen der Jeckes langfristig bewahrt und mit akademischem Leben gefüllt werden können. Viele Formen der weiteren Zusammenarbeit könnten um die Sammlung entstehen. Das wäre in Israel Shilonis Sinne gewesen. 

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