Zum Verzweifeln schwer

Eine Kunstaktion zu den neuen zehn Geboten bringt etwas in Gang
Die Steinplatten mit den neuen zehn Geboten auf dem Weg nach Bern.
Foto: Uwe Habenicht
Die Steinplatten mit den neuen zehn Geboten auf dem Weg nach Bern.

Die Tafeln der zehn Gebote wiegen eine Tonne und werden in einer subversiven Kunstperformance mit Sackkarren über Stock und Stein von Zürich nach Bern geschoben. Der St.Galler Pfarrer Uwe Habenicht war dabei und erzählt von dieser schweißtreibenden Kunstaktion und ihrem theologischen Gewicht.

Ein Bahnhof zwischen Zürich und Bern. Hier sollen sie auf mich und meine beiden Komplizen warten, die zehn Sandsteinplatten, in die die Zwillinge Patrik und Frank Riklin auf dem St. Galler Klosterhof zehn neue  Gebote gemeißelt haben. Gewichtige zehn Gebote, die insgesamt rund eine Tonne wiegen. Diese Gebote werden nun auf dem „Riklinschen Reflexionsweg“ auf zehn Sackkarren von Freiwilligen von Zürich nach Bern geschoben, wo sie im Museum für Kommunikation für eineinhalb Jahre Asyl erhalten. In einer öffentlichen Aktion waren die Tafeln zuvor im Zürcher Schanzengraben versenkt worden, wofür die Stadt Zürich dem Künstlerpaar prompt einen Ordnungsbescheid zur Entfernung der Platten zugestellt hatte. Darum nun der Transport von Zürich nach Bern.

Als wir an diesem Morgen in Spreitenbach vor dem Gemeindezentrum kurz vor zehn Uhr ankommen, fehlt von den Platten jedoch jede Spur. Nach und nach treffen weitere Freiwillige ein, die sich bereit erklärt haben, einen Tag lang eine 100 Kilogramm schwere Sandsteinplatte über den Heitersberg zu schieben und zu zerren. Und nun beginnt das Erstaunliche: Wildfremde Menschen beginnen Kontakt zueinander aufzunehmen und eine Gemeinschaft auf Zeit zu bilden. Was hier in der ersten halben Stunde beginnt, wird sich im Laufe des Tages immer mehr vertiefen. Wir teilen einander nicht nur die Eckdaten unseres Daseins mit, Name, Wohnort, Familienstand, sondern kommen wirklich ins Gespräch über Lebensträume, Knoten im Lebenslauf - und über Religion.

Verbände für die Hände

Endlich tauchen auch die Riklins auf, ihr kleines „Kernteam“ im Schlepptau. Einige, die auch schon bei der ersten Etappe dabei waren, packen Tapes und Verbandsmaterial aus, mit dem sie ihre Hände verbinden. Wir Frischlinge schauen einander fragend an. Als wir wenig später die Sackkarren mit den Gebotstafeln aus dem Keller des Gemeindehauses ins bewölkte Licht dieses Tages schieben, wissen wir warum. Ganz schön schwer so eine Gebotstafel, denke ich bei der ersten kleinen Steigung. Rund 250 Höhenmeter werden wir auf dieser sechs Kilometer langen Tagesetappe zu überwinden haben. Nach den ersten 200 Meter bilden sich die ersten Schweißtropfen auf meiner Stirn, aber wir sind ja gemeinsam unterwegs, fühlen uns als Teil einer Mission. Aber welcher Mission eigentlich? Sind wir im Namen der Kunst unterwegs? Oder im Namen der Religion? Oder unserer eigenen Sinnsuche?

Ich blicke auf die Steintafel, die ich seit mehr als einer Stunde Meter um Meter bergan schiebe: „Halte Prozesse am Laufen, auch wenn sie zu Ende zu sein scheinen.“  Ist das wirklich ein Gebot? Eine junge Frau erzählt mir von ihrem schwierigen Verhältnis zur Religion. Von Zuhause hat sich in dieser Hinsicht nichts mitbekommen und nun ist sie ihrer Kindern gegenüber irgendwie sprachlos, fühlt sich unsicher und doch suchend. Ist Gott vielleicht doch viel mehr eine Kraft als ein personales Gegenüber? Ihre Frage bleibt offen. Die zunehmende Steigung lässt die letzten Gespräche verstummen, alle Kraft geht ins Schieben. Und doch: Es kommt etwas in Gang auf diesem Weg. Lange unausgesprochene Fragen werden gestellt. Den Riklins ist es gelungen, etwas Immaterielles zu materialisieren und damit erlebbar zu machen. Frank Riklin - oder was es Patrik? -  erzählt mir von seinem Vater, der es anmaßend findet, die zehn Gebote neu zu schreiben. Darf man so etwas?

"Atelier für Sonderaufgaben"

Mein Besuch im St. Galler Atelier des Künstlerpaares fällt mir ein. An einer Tür entdeckte ich einen mit Tesakrepp befestigten unscheinbaren Zettel, „Manifest des Ateliers für Sonderaufgaben“ steht dort als Überschrift. Einige der dort festgehaltenen Einsichten kehren fast wortwörtlich in den Formulierungen der neuen zehn Gebote wieder. Langsam beginne ich zu verstehen, dass die Riklins mit der Neuausgabe der Gebote, ihr künstlerisches Schaffen, ihre subversiven und partizipativen Alltagsinterventionen gebündelt haben.

Mein Blick fällt wieder auf meine Tafel:  „Halte Prozesse am Laufen, auch wenn sie zu Ende zu sein scheinen.“  Das liest sich in der Tat wie ein Kommentar zu vielen ihrer Projekte wie das Bignik, dieses gemeinschaftliche Picknick, das von Jahr zu Jahr wächst und für einige Zeit ganze Dörfer und Städte lahmlegt. Und auch heute bei dieser schweißtreibenden Kunstperformance wird ein jahrtausendealter Prozess neu belebt. Immer schon wird das menschliche Denken und Handeln von Grundsätzen und Geboten geleitet. Was ich mag oder nicht mag, was ich tue oder eben auch nicht tue, all das wird von „regulativen Sätzen“ oder wie der Theologe Dietrich Ritschl es nennt „impliziten Axiomen“ geleitet. Wir denken und handeln ja nicht zufällig von Augenblick zu Augenblick, sondern grundsätzliche Haltungen und Überzeugungen lenken unsere Wahrnehmung und Entscheidungen.

Die Riklins haben mit dem Meisseln in Stein solche Sätze materialisiert und ihnen das Gewicht gegeben, das ihnen zukommt.  Auf diese Weise können wir uns mit solchen Sätzen kritisch auseinandersetzen und zugleich spüren, wie schwer wir an solchen Sätzen tragen, wenn wir sie durch unseren Alltag schieben. Kunst macht das Unsichtbare sichtbar. Gute Kunst macht das Gewicht des Ungeschriebenen spürbar.

Die Gruppe hat den höchsten Punkt der heutigen Etappe erreicht und legt eine Pause ein. Hände werden von Handschuhen und Taps befreit, Rücken gestreckt. Dankbar setzen wir uns unter ein schützendes Dach während über uns ein Gewitter niedergeht.

Ich glaube, das war damals auch schon so.

 

D_i_e_ _«Z_e_h_n_ _G_e_b_o_t_e_ _V_o_l_._ _2_» _

I. Believe in the urgency of your thoughts.

II. Trust insanity and question the conventional.

III. Break in so others can break out.

IV. Venture into new territories and surprise yourself.

V. Create new realities and make them happen.

VI. Be convinced and you will not need courage.

VII. Endure criticism as it drives discourse.

VIII. Accept antagonism as it is a sign that something new is happening.

IX. Do not look for customers find accomplices.

X. Keep processes going even if they seem to end.

 

Ab dem 9. Juli werden die Gebotstafeln vor dem Museum für Kommunikation in Bern zu sehen sein. Sie bilden den Auftakt zur dortigen Ausstellung «Planetopia - Raum für Weltwandel»

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Uwe Habenicht

Uwe Habenicht, geboren 1969, ist evangelischer Theologe;. Er arbeitete als Pfarrer in Deutschland und Italien. Seit 2017 ist er Pfarrer in St. Gallen mit Schwerpunkt Jugendarbeit. Zuletzt erschienen von ihm im Echter Verlag  Leben mit leichtem Gepäck. Eine minimalistische Spiritualität und Freestyle Religion. Eigensinnig, kooperativ und weltzugewandt - eine Spiritualität für das 21. Jahrhundert.


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