Schuh und Gelände

Portico Quartet: Terrain

Angesichts all der darin erahnbar guten Gründe zur Resignation kann einen das Selbstbildnis des alten Rembrandt gehörig ins Straucheln bringen. Sieht man es aber wie der Wiener Geistesgigant Franz Schuh an, der mit feiner Volte erst mal Fallhöhe schafft, zeigt sich anderes: „Weitermachen, heißt es beim Militär, wenn die Leute in der Stube gerade Gewehr putzen, und ein Offizier kommt und stört und gibt dann den Befehl: weitermachen, bevor er verschwindet.“ Und er fährt fort: „Ein Nichtheld wie der auf Rembrandts Selbstporträt macht weiter, aber aus Selbstbewusstheit, weil er weiß, wenn er weitermacht, geht es auch weiter.“ Nachzulesen in Schuhs Corona-unerschrockenem „Lachen und Sterben“-Band (Zsolnay), souverän illusionslos und daher erbaulich.

Mit ihrem Album Terrain lindern auch die Briten Portico Quartet jene Kerbe, die gerade alles spaltet. Und dass sie nur mehr Duo sind, ist einfach so und sei bloß erwähnt: Lediglich Jack Wyllie (Sax, Piano, Synthesizer, Sampler) und Duncan Bellamy (Drums, Bass, Synthesizer, Piano, Sampler, Vibraphone) sind vom gefeierten Debut mit Knee-Deep in the North Sea (2007) noch dabei, drei Streicher unterstützen sie hier. Der Einordnung als „Wide-Screen Minimalists“ zwischen Radiohead, Cinematic Orchestra und Penguin Cafe Orchestra, mit Faible für Filmatmos eines Andrei Tarkowski etwa, bleiben sie treu. Und gerade weil das Etikett Post-Jazz kursiert, passen sie gut zu dem der „British Jazz Explosion“ nahen Gondwana-Label, wo nicht Genres zählen, sondern was ergreift, inspiriert und bewegt.

Das meditative Terrain ist dreifältig und durchnummeriert, knappe 40 Minuten lang. Die Hälfte gehört Terrain I, II und III, sie haben je rund zehn Minuten. Alle drei sind Ambient und Amerikanischem Minimalismus verpflichtet und entfalten sich ähnlich: Am Beginn steht ein rhythmisches Muster, das wiederholt oder wieder aufgegriffen wird. Melodien, Sounds, Instrumentenfarben schwellen an und ab, greifen Raum und entfalten, überlagern sich, atmen Hall oder sachte Störgeräusche, treten aber durchweg in faszinierenden Dialog-„movements“ auf, wie die beiden Komponisten das nennen, die Landschaften und die Bewegung darin zugleich erschaffen und durchmessen. Stille, Weite, zarte Melancholie und die Wucht des Augenblicks halten sich magisch die Waage und finden stets ins ernste Leichte, in dem sich die Hörerin sofort gern aufhält, Trost fasst, Mut und fröhliche Selbstgewissheit, um es mal mit Schuhs Rembrandt zu malen. Musik, die gut tut, kräftigt. Sakral ohne eskapistische Nebenwirkungen, nüchterner Rausch, der weder Kater noch Kräfteverzehr kennt, im Gegenteil.

Für Oktober ist die Live-Aufführung in der St John at Hackney Church in London angekündigt, für kommenden April dann drei Gigs in Dortmund, Hamburg und Berlin. Der Lockdown-Phantomschmerz lässt sich so ertragen. Und sollten Impfstoff und Geduld nicht reichen, haben wir schon mal die Konserve, mit der sich klarsichtig träumen lässt. Weitermachen.

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