Lebensgeschichte

Konfession: Ungläubig

Du warst von meinen Kindern immer das frommste“, sagt die Mutter, „und bist so gerne in die Moschee gegangen.“ Sie reden im Videochat, sie im Nordirak, er in Deutschland: „Genau deshalb hat mich der Islam auch so enttäuscht.“ Und er denkt, man müsse die heiligen Bücher bloß lesen, um vom Glauben abzufallen, sagt es aber nicht. Er will sie nicht kränken. Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt und doch ein ganzes Buch. Amed Sherwan wuchs im kurdischen Erbil auf. Seine Familie lebt immer noch da und ist jedes Mal neu entsetzt, wenn sie über soziale Medien von seinen Aktionen erfahren, etwa dem T-Shirt mit dem Aufdruck „Allah is Gay“ und dem Oriental Diversity-Schild auf der Pride-Parade beim CSD in Berlin. Vorher stellte er ein Foto auf Facebook und bekam so viele Morddrohungen, dass ihn die Polizei unter Personenschutz stellte.

Als Teenager stieß er im Netz auf atheistische Seiten, kam ins Grübeln und online mit anderen ins Gespräch. Als sonst keiner zu Hause war, zündete er einen Koran an, eine Art Gottesprobe. Allah würde ihn auf der Stelle töten, so hatte er es gelernt, doch nichts passierte. Er fühlte sich frei und erzählte seinem Vater, er glaube nicht mehr. Der zeigte ihn kurz vor Ameds 15. Geburtstag als Kafir, als Ungläubigen, an. Er wird verhaftet, von Polizisten gefoltert, im Jugendgefängnis erneut, verurteilt wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Seine Online-Freunde setzen sich für ihn ein, er kommt auf Kaution frei, muss aber, da sein Fall bekannt ist, um sein Leben fürchten. Die Familie finanziert die Flucht. Nun ist er hier und als Flüchtling anerkannt. Ameds Fall war schlicht zu gut dokumentiert. Über das kurzweilige Buch mit knappen Kapiteln, die zwischen dem, der er war, wie er wurde, und dem, der er ist, stets springen, können wir ihn kennenlernen. Es ist nicht geschrieben, um sein Schicksal zu Geld zu machen, sondern weil er eine Mission hat: Freiheit. Jeder soll überall sein dürfen, der er ist, und glauben, was er will. Das ist naiv, liebenswert, bitter nötig. Er spricht sehr offen und als einer, den Allah oder wer auch immer sofort ins Herz schließen müsste, wollte er nicht unsere Sympathien riskieren.

Ein schlauer, von ADHS gehandicapter junger Mann (*1998), von dessen Ängsten und Heimweh wir erfahren und von der Fassungslosigkeit darüber, dass andere meinen, über einen bestimmen zu dürfen. Neben der Lebensgeschichte ist aber vor allem spannend, wie er sein Leben zwischen jetzt wirklich allen Stühlen erlebt, reflektiert und beschreibt. Denn auch in Deutschland wird er als Ex-Muslim und Atheist massiv angefeindet und von Islamisten mit dem Tod bedroht, von AfD-Affinen für die kritischen Statements gelobt, bis er realisiert, dass er für sie nur „Quotenkanake“ ist. Andere Ex-Muslime wiederum gehen ihn an, weil er Respekt für weiterhin gläubige Muslime zeigt. Er verwirft den Antisemitismus, mit dem er aufwuchs, kennt Juden und wird von einem Palästinenser zusammengeschlagen. Und Nazis verprügeln ihn, weil ihnen sein „Flüchtlingsgesicht“ nicht passt. Ein Begriff, den er oft benutzt und der seine Erfahrungen bündelt: Wegen seines Aussehens wird er, der Atheist, wie all die anderen „Schwarzköpfe“ als muslimischer Flüchtling eingeordnet – meist verteufelt, aber auch idealisiert – und entsprechend schlecht behandelt.

Doch statt nun Kampfsport zu machen, ist es trotz Wut, Empörung, Verzweiflung stets der Dialog, den er sucht, ob mit teils schrillen Aktionen, in seinem breiten Freundeskreis quer zu all den vermeintlich triftigen Zuordnungen oder inzwischen auch als Blogger der Zeitung Jungle World. Amed Sherwans Leidenschaft gilt den Menschen. Ein Humanist, wie er im Buche steht, und zum Glück quicklebendig wie die geschilderten Gespräche mit ganz unterschiedlich vielen und besonders seiner Freundin Katrine Hoop, die ihm beim Schreiben half.

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