Das Ende des „Gebetszirkels“

Der abgewählte US-Präsident Donald Trump verliert bisher nur Teile seiner evangelikalen Basis
US-Präsident Donald Trump im Gebet mit führenden Evangelikalen am 3. Januar 2020 in Miami.
Foto: Reuters/Tom Brenner
US-Präsident Donald Trump im Gebet mit führenden Evangelikalen am 3. Januar 2020 in Miami.

Das evangelikale Establishment nimmt Abschied von der Zweckehe mit Donald Trump. Das Gros der Gläubigen wähnt ihn weiterhin als wahren Wahlsieger. Für die Zukunft der Republikaner ist das durchaus problematisch, erläutert der USA-Korrespondent Andreas Mink.

Als „Senior Pastor“ der 14.000 Mitglieder starken „First Baptist Church“ in Dallas, Texas, zählt Dr. Robert Jeffress zur Prominenz der Evangelikalen in Amerika. Seine Predigten werden auf über zweitausend TV- und Radiostationen weltweit übertragen. Der 65-Jährige ist regelmäßiger Gast auf Donald Trumps langjährigem Lieblingssender FoxNews und war als Mitglied des offiziellen „Evangelical Advisory Board“ stets zur Stelle, wenn konservative Geistliche im Weißen Haus „Gebetszirkel“ um Donald Trump formten.

Doch seit dem 7. November spielt der schmal gebaute Mann mit dem expressiven Antlitz eine neue Rolle: Der evangelikale prominente Pastor Jeffress ist zum Hochseilartisten geworden. Vier Tage nach den Präsidentschaftswahlen erklärte er auf FoxNews emphatisch, der Trump-Kontrahent Joe Biden von den Demokraten sei der Sieger und werde als „President elect“ am 20. Januar ins Weiße Haus einziehen.

Das war ziemlich mutig. Denn die Auszählungsergebnisse ließen zwar damals keine Hoffnungen mehr auf eine zweite Amtszeit von Trump zu. Aber der evangelikale Pastor und seine Getreuen in den Medien und bei den Republikanern hielten zunächst geschlossen an der Hoffnung auf eine Wiederwahl fest. Dies galt nicht zuletzt für Evangelikale, die wichtigste Wählergruppe der Republikaner und der harte Kern der Trump-Basis.

Dafür steht der denkwürdige, um nicht zu sagen absurde, und in den Sozialen Medien tausendfach durch den Kakao gezogene Auftritt der Pastorin Paula White zwei Tage nach der Wahl, die mit Fäusten auf ihr Rednerpult trommelnd „Engelscharen aus Afrika und Lateinamerika“ zur Hilfe für Trump herbei beten wollte. White steht Trump seit 2002 nahe und zählt ebenfalls zum evangelikalen Beirat des Präsidenten. Jeffress brach sehr früh aus dieser Front aus – und stand plötzlich allein auf weiter Flur.

Angestrengter Eifer

Seither vollführt er einen peinsamen Hochseilakt. Er hat seine Aussage über das Wahlergebnis zwar nie zurückgenommen. Aber auf FoxNews redet er auch Mitte Dezember mit angestrengtem Eifer über berechtigte Zweifel an den Auszählungen und dass Präsident Trump jedes Recht habe, diese Fragen, Probleme und Kontroversen vor Gerichten und an jeder anderen Adresse vorzubringen. Schließlich habe Trump mehr für gläubige Amerikaner geleistet als jeder andere Präsident vor ihm, und deshalb hätten ihn 43 Millionen Evangelikale nach 2016 erneut mit über 90 Prozent Zustimmung gewählt.

Paula White schlug dagegen einen Pfad ein, dem der republikanische Fraktionsführer im Senat, Mitch McConnell, oder evangelikale Exponenten wie Pastor Franklin Graham folgen, der Sohn von Billy Graham: Sie meiden das Thema Wahlergebnis und stimmen direkt gefragt wider besseres Wissen in die Rhetorik von Jeffress über „berechtigte Zweifel“ ein. Aber der „Gebetszirkel“ ist seit der Wahlnacht nicht mehr mit Trump zusammengetroffen.

Eigentlich beweist die evangelikale Prominenz mit diesen Verrenkungen einen Realismus, der ihre Bewegung zu einer politischen Macht in den USA hat werden lassen. Denn die Allianz zwischen Trump und Evangelikalen war von Anfang an eine Vernunftehe. Und hier war laut der Historikerin Frances FitzGerald stets zwischen Pastoren oder Lobbyisten einerseits und einfachen Gemeindemitgliedern andererseits zu unterscheiden. So haben evangelikale Eliten bei den Vorwahlen 2016 ursprünglich keineswegs den mehrfach geschiedenen Playboy Trump, sondern andere, ihnen altbekannte Kandidaten unterstützt – etwa den Texaner Ted Cruz, der selbst einer fundamentalistischen Kirche angehört. Jeffress trat zunächst für den Afroamerikaner Ben Carson ein, der als Mitglied der Siebenten-Tags-Adventisten ebenfalls eine bekannte Größe im christlich-konservativen Lager ist. Carson war bei den Vorwahlen der Republikanischen Partei um die Präsidentschaftskandidatur 2016 an Donald Trump gescheitert. Allerdings wurde er später Minister für Wohnungsbau und Stadtentwicklung im Kabinett Trump.

Vor allem weniger gebildete Gläubige mit niedrigerem Einkommen begeisterten sich jedoch für Trump, so FitzGerald, die 2017 den Bestseller The Evangelicals publiziert hat. Diese Weißen waren von Trumps Attacken auf Immigranten und Muslime begeistert, glaubten aber auch seinen Versprechen handfester Hilfen für sie, etwa durch eine umfassende Erneuerung der Infrastruktur. Erst nach dem Ausscheiden von Carson und Cruz bei den Vorwahlen im Sommer 2016 folgte das evangelikale Establishment der eigenen Basis und ging zu Trump über. Dessen gottloser Lebenswandel und offenkundige Ignoranz in Glaubensfragen wurde nun als eine Art Tugend gesehen: Schließlich seien alle Menschen Sünder, und am Ende zählten gute Taten mehr als Bibelfestigkeit.

Trump hatte rechte Christen früh umworben und Referenzen an Gott in seine Wahlreden eingebaut. Diese Rechnung ging im November 2016 auf, als Evangelikale mit für seinen hauchdünnen Sieg in einigen Bundesstaaten sorgten. Trump hat bei ihnen landesweit den höchsten Stimmenanteil bei Präsidentschafts-Wahlen überhaupt erzielt. Seither revanchiert sich der selbst ernannte „Dealmaker“. Trump hat neben seinem Vize-Präsidenten Mike Pence Evangelikale wie Betsy DeVos oder Mike Pompeo in sein Kabinett geholt.

Vor allem aber hat Trump als Präsident lang gehegte Ziele von Evangelikalen erfüllt. Dazu gehören der Abbau von Transgenderrechten, die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels und die Abschaffung von Regeln, die Kirchen eine direkte Einmischung in die Politik verbieten. Die wichtigste Gabe Trumps ist jedoch die Berufung von über zweihundert konservativen Juristen an Bundes-, Berufungs- und natürlich auch am Verfassungsgericht, die das Recht auf Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehen zurückdrängen sowie christlichen Institutionen Ausnahmen bei Gleichstellungsgesetzen gewähren sollen.

Gehen Jeffress oder Graham heute mehr oder weniger geschickt auf Distanz zu ihm, so erkennen sie damit nur das Ende ihrer Zweckehe mit Trump an: Er hat ihre Unterstützung reichlich belohnt. Wie Jeffress dem FoxNews-Moderator Lou Dobbs jüngst erklärt hat, dürften diese Errungenschaften im Sinne der Evangelikalen Bestand haben. Schließlich werden von Trump eingesetzte, christliche Rechtsgelehrte wie die neue Verfassungsrichterin Amy Coney Barrett noch eine Generation lang im Amt sein und der Linken in die Parade fahren.

Mag die evangelikale Elite das Wahlergebnis relativ rational sehen – viel emotionaler scheint es an der Basis auszusehen. Laut Umfragen glauben rund 70 Prozent der republikanischen Wähler, Trump sei tatsächlich um eine zweite Amtszeit betrogen worden. Bisher fehlen hier zwar konkrete Daten zu Evangelikalen. Aber Medienberichte und persönliche Begegnungen mit Anhängern etwa in Pennsylvania lassen keine Zweifel an ihrer bleibenden Loyalität. Trump wird als gottgesandter Heilsbringer und Retter Amerikas vor Sozialismus und moralischem Ruin gesehen.

Auch Verluste

Die praktischen Konsequenzen dieser Treue sind schwer zu kalkulieren. Dabei ist zunächst ein näherer Blick auf die Wahlergebnisse geboten. Denn hier dürfte Pastor Jeffress mit seiner Aussage falsch liegen.

Die Demoskopen von Edison Research haben aufgrund ausführlicher Befragungen von Stimmbürgern festgestellt, dass Trump gegenüber 2016 bei weißen Evangelikalen verloren hat: Konnte er vor vier Jahren 80 Prozent dieser Bürger überzeugen, waren es bei der Novemberwahl eher 76 Prozent. Laut Edison Research hat Joe Biden damit immerhin vier Millionen evangelikale Stimmen mehr erhalten als Hillary Clinton 2016.

Der Pastor Doug Pagitt kommt aufgrund dieser Zahlen zu dem Schluss, dass der Wechsel weißer Evangelikaler zum demokratischen Kandidaten Joe Biden in umkämpften Gliedstaaten wie Michigan und Georgia Trump sogar die Präsidentschaft gekostet hat. Pagitt gehört der evangelikalen Strömung an, gehört aber zu einem Flügel, der Spiritualität, Inklusivität und den Schutz von Umwelt und Natur als Kern des Glaubens betrachtet.

Hier wird eine grundlegende Qualität der Evangelikalen deutlich. Experten wie FitzGerald betonen die Wurzeln der Bewegung im „Großen Erwachen“ der 1730er-Jahre. Auf der Suche nach direkter Gottes-Erfahrung und Gemeinschaft im Glauben fielen Kolonisten in den Bann von Predigern, die einen baldigen Weltuntergang und damit eine Welle von Bekehrungen heraufbeschworen.

Laut FitzGerald sehen Evangelikale ihr Christentum auch als Lösung von Alltags-Problemen auf Grundlage einer wörtlichen und leicht verständlichen Auslegung der Bibel. Gleichzeitig aber bleiben diese Christen, um charismatische Pastoren geschart, in zahlreiche Kirchen zersplittert. So fällt bei weißen Evangelikalen bei näherer Betrachtung seit jeher eine überraschende Vielfalt auf. Dazu gehören in letzter Zeit auch Ermüdungserscheinungen gerade bei jüngeren Angehörigen dieser Glaubensrichtung.

Bereits im Jahr 2007 machten die Soziologen Dave Kinnaman und Gabe Lyons – beide religiöse Christen – mit einer Studie Schlagzeilen: Demnach betrachten jüngere Amerikaner unter dreißig Kirchen im Allgemeinen und evangelikale Gemeinden im Besonderen mit wachsender Skepsis. Dieses Christentum sei „voreingenommen, heuchlerisch und viel zu politisch“, so lautete eines ihrer Ergebnisse. Vor wenigen Monaten gab der evangelikale Dachverband „Southern Baptist Convention“ für das 13. Jahr in Folge erneut einen Mitgliederschwund bekannt. Laut einer Studie von „LifeWay Research“ haben zwei Drittel jener Amerikaner, die als Teenager regelmäßig an protestantischen Gottesdiensten teilgenommen haben, ihre Kirchen im Alter von 22 Jahren bereits verlassen. Das wichtigste Motiv der Abtrünnigen: Frust über politische Querelen.

Trump hat nun ohnehin besonders stark bei jüngeren Stimmbürgern verloren. Bisher fehlen auch hier zwar konkrete Daten zu Evangelikalen. Aber der Trend dürfte auch bei ihnen gegriffen haben. Hier ist allerdings ein Zwischenruf geboten. Denn Trump hat zwar die Präsidentschaft verloren, aber zehn Millionen Stimmen mehr gewonnen als 2016. Und zu diesen zählt eine für die Demokraten schockierend hohe Zahl von Bürgern lateinamerikanischer Herkunft.

Evangelikale Königsmacher

Diese Wählergruppe gilt traditionell als zuverlässiger Block in der linksliberalen Basis. Aber Trump hat in Gliedstaaten wie Florida bis zu 47 Prozent der „Hispanics“ begeistert. Und viele dieser Wählerinnen und Wähler gehören evangelikalen Kirchen an. Damit haben die Republikaner anscheinend bei weißen Christen verloren, aber bei deren Glaubensgenossen mit spanischen Wurzeln dazugewonnen.

Damit steht fest, dass Evangelikale weiterhin den mächtigsten Block der republikanischen Basis stellen und ihre Rolle als Königsmacher behaupten werden. Und da diese Christen zumindest vorderhand Trump treu bleiben, widerfährt Pastoren wie Robert Jeffress nun das Schicksal von Mitch McConnell und anderen Parteigrößen: Der Noch-Präsident blockiert mit seinem selbstverliebten Starrsinn eine pragmatische Neuorientierung auf die anstehende Biden-Ära.

In der Zwickmühle zwischen dem Noch-Präsidenten und seinen Anhängern geht das Establishment in Politik und Kirchen in Deckung und hofft, dass Trump sich im Januar doch auf sein Resort Mar-a-Lago in Florida zurückzieht und die Lust an der Politik verliert. Aber womöglich bleibt Trump in der Arena und schlägt mit bezahlten Auftritten und Spendenkampagnen Profit aus der Verehrung der Bevölkerung. Damit steht er jedoch einer jüngeren Generation von Republikanern im Wege, die ganz offenkundig Ambitionen auf eine Präsidentschafts-Bewerbung 2024 hegen.

Ein Blick auf diese Persönlichkeiten macht bereits deutlich, in welch hohem Maße die Partei eine christlich-konservative Kraft geworden ist. Denn neben Kandidaten von 2016 wie Ted Cruz oder Marco Rubio gehören die bekannteren Prätendenten eigentlich alle der evangelikalen Strömung an. Dies gilt für die Senatoren Tom Cotton aus Arkansas und Josh Hawley aus Missouri ebenso wie für Verteidigungsminister Mike Pompeo und natürlich den derzeitigen Vize-Präsidenten Mike Pence. Lediglich die ehemalige UN-Botschafterin Nikki Haley gehört als Tochter indischer Einwanderer und gebürtige Sikh seit ihrer Konversion in jungen Jahren den Methodisten an.

So steht nicht allein das christliche Amerika vor der großen Frage: Wann haben Persönlichkeiten wie Robert Jeffress den Mut, die Fakten anzuerkennen und neue Verbündete in der Politik zu küren? Ob und wann ihnen ihre Gemeinden folgen, steht auf einem anderen Blatt.

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