Kirche(n) quergenutzt

Wie Kirchen nicht leer bleiben, sondern an evangelischem Profil gewinnen können
Foto: privat

Der Aufbewahrungsfimmel der evangelischen Kirchen hat auch seine Vorteile. Vor ein paar Jahren stießen wir beim Durchstöbern alter Kirchenbücher aus den 1920er-Jahren auf die Gottesdienstteilnehmer:innen-Zahlen einer thüringischen Landgemeinde. Sie unterschieden sich nicht von denen unserer Tage.

Auf seinem Blog zur Kirchenbauforschung stellt Konstantin Manthey während der Corona-Krise jeden Tag eine neue Kirche vor. Ich bin davon ehrlich erschlagen: Von der Vielfalt und der schieren Anzahl architektonischer Kleinodien, aber besonders von der Größe so manchen Kirchengebäudes. War diese Kirche eigentlich jemals voll?

Während der „Gründerzeit“ wurden viele Kirchen überdimensioniert gebaut. Mehr gedacht als Statement in einer sich säkularisierenden Gesellschaft, denn orientiert an den tatsächlichen Nutzer:innenzahlen. In Halle (Saale) thront zum Beispiel die Pauluskirche über dem gleichnamigen Gründerzeitviertel. Die Kirche auf dem Berge wird, wenn es dunkel wird, angestrahlt und bleibt Fixpunkt eines bürgerlich-alternativen Wohlstandsfleckens.

Richtig „gut gefüllt“ – wenn damit eine möglichst große Besucher:innenzahl gemeint ist -, ist die Pauluskirche in Festgottesdiensten zu Weihnachten und Ostern und bei Konzerten der angesehenen Kantorei. Und so war das wohl schon immer. Also seit 1903, als die Kirche in Anwesenheit von Kaiserin Auguste Victoria eingeweiht wurde.

So ist das nämlich: Unsere Kirchen vermitteln durch ihre Größe, durch ihre Architektur („Backsteingotik“) und ihre Lage im Zentrum von Städten und Dörfern den Eindruck, dass die Kirche da schon immer gewesen wäre – im Zentrum des Stadt- und Dorflebens, massiv und uralt.

Nicht blenden lassen

Das soll kein Plädoyer für die Aufgabe oder gar den Abriss von Kirchen sein. Ich bin ja kein Kolumnen-Sponti. Nur soll man sich von der steingewordenen Bedeutsamkeit der Kirche nicht blenden lassen. Vor allem in römisch-katholischen (Erz-)Bistümern wurden in den vergangenen zehn Jahren massiv Kirchen aufgegeben, in manchen Diözesen verschwanden Kapellen und Kirchen im dreistelligen Bereich.

In den evangelischen Kirchen will man das anders angehen. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland (EKM) ist reich an Kirchen: Die rund 4000 Kapellen und Kirchen entsprechen 20 % der evangelischen Kirchenbauten in Deutschland, während nur 2 % der evangelischen Christ:innen der EKM angehören. Viele Kirchen stehen in kleinen Orten auf dem Land, in ihnen finden nur noch selten Gottesdienste statt.

Was soll man mit ihnen anstellen? Der MDR hat sich dieser Tage mit dieser Frage befasst: Im Gespräch mit Mechthild Baus, MDR KULTUR-Redakteurin für Religion & Gesellschaft, berichtet Elke Bergt, Leiterin des Baureferats der EKM von einer Befragung der Gemeinden: In einem Viertel der Gemeinden finden nicht einmal mehr vier Veranstaltungen im Jahr statt. Da ist von den Kirchen noch nicht Rede, in denen „nur“ zu den großen christlichen Feiertagen Betrieb ist.

In der EKM versucht man es mit „Quernutzungen“, „also [damit] zusätzliche Nutzung unterzubringen, um die Räume, die Gebäude, die Kirchen zu erhalten. Das bedeutet, mit Partnern zu arbeiten, aber die kirchliche Nutzung weiter zu ermöglichen“, so Bergt gegenüber dem MDR. „Dabei haben wir die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen Kirchen als besonderen Ort brauchen, auch haben möchten.“

Diesen Eindruck kann man auch gewinnen, wenn man sich die große Anteilnahme anschaut, die Kirchenbrände wie in Paris und Nantes auslösen. „Die Kirche im Dorf lassen“, ist ein konservatives Motto, dem viele Bürger:innen etwas abgewinnen können. Die Kirche steht für etwas, und wenn auch nur dafür, dass sich eben doch nicht alles ändert.

Inwendig verändern

Wenn sie als lebendige Orte bleiben wollen, dann müssen sie sich aber doch inwendig verändern. Mit Partnern arbeiten, den Kirchenraum, die Kirche öffnen für die Anliegen anderer Menschen – Bekenntnis zweitrangig. Die Kirche verstünde dann Kirchenbauten nicht als Denkmale der eigenen angenommenen Bedeutung, sondern als Gefäße für die gemeinschaftliche Gestaltung einer solidarischen Gesellschaft.

Wenn Kindergärten, Sportvereine, Tagespflege, Tafel und Volkshochschule einziehen, dann ist das kein Verlust, sondern Schärfung des evangelischen Profils. Zumindest dann, wenn die kirchliche Weiternutzung des Gebäudes sich selbstbewusst als dezidiert christliche Veranstaltung begreift. Was unterscheidet die Bibelstunde vom Lesekreis der Stadtteil-Bibliothek? Worin besteht der Unterschied zwischen einem Kantorei-Konzert und dem des örtlichen Musikvereins?

Dabei geht es nicht darum, künstliche Unterschiede aufzubauen. Der Männergesangsverein singt ja auch „Was Gott tut, das ist wohlgetan“. Wie jede Form des Kulturprotestantismus wird auch das nicht dazu führen, dass die Leute in Scharen wieder in die Kirchen eintreten oder gar den Gottesdienst besuchen. So manche Kirche aber könnte auf diesem Weg sogar zum ersten Mal dort ankommen, wo man sich seit jeher wähnt: Im Zentrum des Alltagslebens der Menschen.

Für dieses Alltagsleben spielen die Kirchen nämlich nicht erst seit Gestern kaum eine Rolle. Da braucht man sich von den Hiobsnachrichten der vergangenen Monate nicht täuschen lassen: Die Menschen „verlieren“ nicht plötzlich den Glauben. Auch hat die Alltags-Frömmigkeit nur sehr bedingt etwas mit der Kirchenmitgliedschaft zu tun, wie unsere zahlreichen Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen – liest die jemand? – immer wieder zeigen. Häufig ist die Relevanz, deren Verlust so wortreich und konsequenzbefreit beklagt wird, nichts anderes als eine überdimensionierte erinnerungspolitische Konstruktion. Wie unsere Gründerzeit-Kirchen.

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