Zeit für ein Wunder?

Verkündigung des Auferstandenen in den Tagen der Pandemie
Schild in Athene, Tennessee / USA 2020
Foto: Athens Church of the Nazarene
Schild einer Gemeinde in Athens, Tennessee, USA: "Leute, es ist in Ordnung, dass die Kirche an Ostern leer bleibt, das Grab war auch leer"

Wann, wenn nicht in diesem Jahr, sollte die Erinnerung an das eigentlich welterschütternde Osterwunder der Auferstehung Jesu an der Zeit sein? So fragt der Nürnberger Theologieprofessor Ralf Frisch an diesem Ostersonntag in eine Verzagtheit hinein, die zwar große Brötchen menschlicher Solidarität, aber nur kleine theologische Osterbrote zu backen wagt.

Unsere Kirchen bleiben an Ostern in diesem Jahr leer. Christenmenschen werden sich nicht zu öffentlichen Gottesdiensten versammeln. Das ist traurig, und es setzt der Trostlosigkeit dieser Zeit die Krone auf.

Glücklicherweise ist diese Zeit nicht nur eine Zeit physischer Distanzierung, individueller Einigelung und sozialer Isolation aus Gründen des Selbstschutzes. Sie ist auch eine Zeit des Erfindungsreichtums. Dank zahlreicher geistreicher Initiativen engagierter Haupt-, Neben- und Ehrenamtlicher unserer Kirche und natürlich auch dank des Internet entstehen neue, ungewohnte und ungewöhnliche Formen der Kommunikation des Evangeliums und der Kommunikation zwischen Christenmenschen.

Das Wort aus dem Matthäusevangelium, dass Christus mitten unter ihnen ist, wo zwei oder drei in seinem Namen zusammen sind, entfaltet eine Aktualität, die sich nicht nur schwindender Kirchenmitgliederzahlen verdankt. Außerdem zeigt sich in diesen Tagen, dass insbesondere der Protestantismus aufgrund seiner Hochschätzung der persönlichen Beziehung zwischen Gott und dem Individuum eigentlich immer schon auf diesen Ausnahmezustand des Gemeinschaftsentzugs vorbereitet ist.

Ja, die Lage der Kirche in dieser besonderen Passionszeit ist wie die Lage unserer gesamten Gesellschaft ernst. Sehr ernst sogar. Aber sie ist nicht hoffnungslos. Phantasie, Kreativität, Zwischenmenschlichkeit und agiles kirchliches Krisenmanagement werden dem Virus, dass uns den Atem und vielen das Leben nimmt, trotzen. Die Volkskirche wird weiterhin da sein und da bleiben.

Und dennoch dürfte viele Pfarrerinnen und Pfarrer, die am Ostersonntag oder am Ostermontag auf welche Weise und in welcher Gestalt auch immer zu predigen haben, die beklemmende Frage beschleichen, welche Botschaft sie an einem Osterfest verkündigen sollen, das unter den gegenwärtigen viralen Bedingungen eine Fortsetzung, ja Verschärfung der Passionszeit zu werden droht.

Selten war unserer Kirche und unserer Gesellschaft so wenig nach österlichem Lachen und österlicher Freude zumute wie in diesem Jahr 2020. Allenfalls schwarzer Humor trotzt derzeit hartnäckig dem Ernst der Situation. Was um Gottes Willen also können wir Christenmenschen der Welt an einem Osterfest sagen, das keines zu sein scheint, weil niemandem danach ist? Was sollen wir am Ostersonntag 2020 verkündigen?

Angesichts des individuellen und kollektiven Leidens dieser Zeit liegt es nahe, den theologischen Blick eher auf den gekreuzigten als auf den auferstandenen Christus zu richten, was kirchenmusikalisch seinen Niederschlag etwa darin finden könnte, sich lieber der Matthäus- und der Johannespassion zuzuwenden als triumphale Osterlieder anzustimmen.

Er, der Schmerzensmann, eignet sich zweifellos viel besser als Sinnbild und Spiegelbild der vom Coronavirus gepeinigten Menschheit und der zahllosen ohne Berührung und Trost einsam leidenden und sterbenden Menschen. Er, der von allen guten Geistern der Zwischenmenschlichkeit, von freundschaftlich liebender Zuwendung, vom Schutz durch das Recht und vom Erbarmen verlassene Mann am Kreuz ist ja doch die geeignetere Identifikationsfigur dieser Zeit. Er, der verzweifelt Klagende, der dem Evangelisten Markus zufolge mit den ersten Worten des Psalms 22 auf den Lippen stirbt, weil ihm der Atem für die letzten, zuversichtlicheren Sätze dieses Psalms ausgeht, ist uns in seiner hilflosen Menschlichkeit derzeit fraglos näher als der Auferstandene, dessen Sieg über den Tod zu realitätsfern und zu unglaubwürdig scheint, um wahr sein zu können.

Allerdings birgt die ausschließliche Hinwendung zum Gekreuzigten zwei nicht zu unterschätzende theologische Gefahren. Zum einen lauert in ihr die Gefahr einer kreuzestheologisch noch gesteigerten Hoffnungslosigkeit. Weil es dem aufgeklärten Christentum seit Jahrzehnten, ja Jahrhunderten immer schwerer fällt, an Gottes Macht über Leben und Tod zu glauben, stellt die Hinwendung zum ohnmächtigen Gekreuzigten eine große Verführung dar: die Verführung, von Gott nichts mehr zu erwarten und zu erhoffen, was nicht auch von Menschen erwartet und erhofft werden kann.

Die Machtlosigkeit des gekreuzigten Gottes droht auf diese Weise zum Leitmotiv einer Christenheit zu werden, die denkt und lebt, als ob es Gott nicht gäbe, und deren Verkündigung sich im Evangelium des menschlichen Mitleids mit den Leidenden erschöpft. Wenn wir diese Kreuzestheologie so zu Ende denken, dass uns Christus vor allem im leidenden Mitmenschen begegnet und wir selbst, wenn wir uns den Leidenden zuwenden, zum Christus dieser Leidenden werden, dann lässt sich Theologie in den Satz eindampfen: „Gott hat keine andere Hände als unsere Hände.“

Insbesondere in der Corona-Krise könnte dieser Satz leicht zum einzigen Satz werden, an dem theologisch guten Gewissens noch festgehalten werden und den man redlicherweise noch aussprechen kann, ohne allzu vollmundig und allzu optimistisch von Gott als eigenmächtigem Akteur zu reden. Und hierin liegt die zweite Gefahr einer letztlich atheistischen passionstheologischen Fixierung auf die Ohnmacht Gottes.

Es ist die Gefahr, aus einem kreuzestheologisch gespeisten Pessimismus hinsichtlich der Macht Gottes einen Optimismus hinsichtlich der Möglichkeiten des Menschen abzuleiten. Es ist die Gefahr, die Karfreitagskrise Christi im Grunde nicht wahrhaben zu wollen und stattdessen an humanitäre Ressourcen zu appellieren, deren brutales Versagen uns doch gerade die Passionserzählung von der ersten bis zur letzten Zeile illusionslos vor Augen führt.

Wenn die Kirche Jesu Christi wirklich auf dem Fundament der Zwischenmenschlichkeit und des Glaubens an die Menschenfreundlichkeit des Menschen erbaut werden könnte, dann wäre Christus nicht am Kreuz gestorben, dann hätte er nicht am Kreuz sterben müssen und dann könnte es gut sein, dass auch seine Auferstehung nichtig und nicht der Rede wert ist.

Ich fürchte also, dass am Ende weder das Kreuz noch die Auferstehung Christi ernstgenommen werden, wenn die Versuchung, aus der Passion Jesu nur das Bekenntnis zu einem christlichen Humanismus zu destillieren, übermächtig wird. Wer dieser Übermacht erliegt, verharmlost Karfreitag und Ostern gleichermaßen und verliert so die große christliche Lebenshoffnung, die sich am Gekreuzigten und am Auferstandenen entzündet, aus dem Blick.

Diese Lebenshoffnung kann ebenso wohl von einer illusionslosen Verzweiflung als auch von einem verzweifelten, mitunter sogar unmenschlichen Humanismus erstickt und verdunkelt werden. Die zutiefst inhumanen und unchristlichen Züge dieses Humanismus werden allerdings meist erst auf den zweiten Blick sichtbar – etwa dann, wenn er im Gewand eines moralisch besonders sensiblen, faktisch aber menschenrechtsverachtenden und erbarmungslosen Lebensschutzes daherkommt, in dessen Namen beispielsweise Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen zu einem einsamen Sterben verurteilt werden, weil niemand sie mehr besuchen darf.

Vielleicht ist es ja letztlich die bange Befürchtung, jenseits der im erhöhten Ton vorgetragenen emphatischen Appelle an die humane Empathie nichts theologisch Substanzielles mehr zu sagen zu haben, die unsere theologische Situation im Angesicht der viralen Krise so bedrückend macht. Insofern also bringt die Corona-Krise eine ganz andere, tiefer liegende Krise an den Tag: eine Krise der Theologie und des Glaubens. Vielleicht ist es genau das, was wir als theologische Kinder des Geistes unserer Zeit ahnen, wenn wir uns fragen, ob wir in diesem Jahr wirklich Ostern feiern und ob wir am Karfreitag und in der Osternacht 2020 wirklich etwas verkündigen können, das über einen resilienten Optimismus und ein entschlossenes Zusammenstehen in der Verzweiflung hinausreicht.

Dabei wäre, wenn wir die theologische Kraft dazu hätten, gerade in diesem Jahr die Erinnerung an das eigentlich welterschütternde Osterwunder, das die Wirklichkeitswahrnehmung der Jüngerinnen und Jünger Jesu seinerzeit für alle Zeiten veränderte, an der Zeit!

Denn wann, wenn nicht in diesem Jahr, sollte das Evangelium des gekreuzigten Auferstandenen und des auferstandenen Gekreuzigten seine tröstende, die Ketten der trostlosen Realität sprengende wirklichkeitshorizonterweiternde Kraft entfalten?

Wann, wenn nicht in diesem Jahr, sollte das Evangelium des gegen jeden gesunden Menschenverstand, gegen jede illusionslose Lebenserfahrung und gegen jede wissenschaftliche Rationalität sich ereignenden Sieges des getöteten Christus über den Tod an der Zeit sein?

Wann, wenn nicht in diesem Jahr, sollten wir die Passions- und Ostererzählungen als Zufluchtsort vor dem Grauen der Welt entdecken? Wann, wenn nicht in diesem Jahr, sollten wir Christen der Welt etwas zu sagen haben, das sie sich selbst nicht sagen kann?

Blicken wir auf den Gekreuzigten. Er, dem am Karfreitag alle Lebensmöglichkeiten durch die unheilvolle Kollaboration der herrschenden Religion, der herrschenden Politik und der herrschenden Moral geraubt werden, ist der Mensch, an dem am Ostermorgen Gottes Allmacht sichtbar werden wird.

Er, der nicht die Menschen, sondern seinen Vater anklagt, warum um Gottes Willen er ihn verlassen hat, ist der Mensch, dessen Klage Gott erhören und dessen sich Gott erbarmen wird.

Er, dessen Reich nicht von dieser Welt ist, ist der Mensch, an dem die Wirklichkeit des Reiches Gottes zum Vorschein kommen wird. Er, der einen fürchterlich einsamen Tod stirbt, ist der Mensch, der uns offenbart, was nach dem Tod auf uns wartet. Er ist unsere Gegenwart. Er ist wir.

Blicken wir auf den Auferstandenen. Er, der uns von dorther entgegenkommt, woher kein Mensch uns entgegenkommen kann, ist unsere Hoffnung. Er, dessen Wirklichkeit mit den Detektoren und Bildgebungen unseres Raum-Zeit-Kontinuums nicht registriert werden kann, sondern schlechthin unbeschreiblich und schlechthin undarstellbar ist, ist der neue Mensch, den keine Medizin und keine Biotechnologie der Welt zum Leben erwecken können. Er, der unsere todgeweihte Realität transparent werden lässt für ein ganz anderes, ewiges Dasein, ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Er, der Auferstandene, ist unsere Zukunft.

Das ist sie, die Osterbotschaft, die wir als Christenmenschen auch und gerade an diesem Osterfest trotz aller begründeten Beklemmung und trotz allen begründeten Kleinglaubens um Gottes und der Menschen willen getrost verkündigen sollten! Alle Versuche, sie in ein vermeintlich realistischeres, weniger vollmundiges Evangelium zu übersetzen und zu verwandeln, verstärken unweigerlich die Trostlosigkeit und die theologische Not unserer Zeit.

Alle Versuche, zumal im Augenblick der Krise kleinere Osterbrote zu backen und die Auferstehung des Gekreuzigten etwa als Auferstehung wahrer Menschlichkeit, als Weitergehen der Sache Jesu oder als Frühlingserwachen nach einem langen Winter zur Sprache zu bringen, tragen letztlich zum Sieg der Hoffnungslosigkeit im Gewand einer christlichen Hoffnung bei, für die es letztlich weder das Kreuz noch die Auferstehung noch den Glauben an Gott braucht. Und letztlich auch keine Kirchen, in denen Karfreitags- und Ostergottesdienste stattfinden.

Ich plädiere für mehr geistlichen Mut und für eine größere christliche Verwegenheit im Blick auf die Verkündigung der Osterbotschaft – trotz allem, was gegen diesen Mut und für eine weniger fulminante, zurückhaltendere Osterrhetorik sprechen mag.

Wagen wir es. Erzählen wir allem Leid, allem Grund zur Klage, aller Neigung zur spirituellen Resignation und allem kleinmütigen Zweifel zum Trotz die große christliche Gegenerzählung, für die den Erzählungen, die sich unsere Welt in diesen Zeiten unentwegt selbst erzählt, die Worte fehlen! Verramschen wir diese große Erzählung aus Angst, niemand könnte sie uns in der großen Krise mehr abnehmen, nicht zum Discountertarif!

Begnügen wir uns nicht mit der Hoffnung auf Mitmenschlichkeit, wenn Gott selbst als der auferstandene Gekreuzigte mit uns sein will! Ergreifen wir im Angesicht des Dämons, der unsere Zivilisation an Leib und Seele heimsucht, die Flucht nach vorn in die ausgebreiteten Arme des auferstandenen Heilands, der allein unserer Angst in der Welt Herr werden kann!

Aber lassen unser epochaler Kleinglaube und unsere vorösterliche Verzagtheit in Zeiten der Corona-Krise dies zu?

In George R. R. Martins grandiosem Epos „A Game of Thrones“ fragt der kleine Brandon Stark seinen Vater Ned: „Can a man still be brave if he’s afraid?“ Kann jemand auch dann noch mutig sein, wenn er Angst hat? Und sein Vater antwortet: „That is the only time a man can be brave.“ Das ist die einzige Situation, in der jemand mutig sein kann.“

Seien wir also mutig und scheuen wir uns nicht vor der Verkündigung des Evangeliums, das die Wunden unserer kranken Welt wirklich heilen kann. Wagen wir es zu sagen: „Er ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.“ Geben wir uns nicht mit all zu kleinen und schwachen Worten zufrieden – sei es, weil uns die ganz großen Worte des Glaubens nicht über die Lippen wollen, weil sie uns angesichts der Leidenszeit dieser Welt zynisch anmuten oder weil wir selbst sie nicht glauben können!

Riskieren wir es gerade an diesem Osterfest, weit über uns selbst hinauszugreifen, Bilder einer Wirklichkeit zu entwerfen, die kein Auge je gesehen und kein Ohr je gehört hat, und uns hoffend in einen Raum hineinzubegeben, in dem noch niemand von uns war.

Ja, es ist nicht von der Hand zu weisen: Wer die ganz großen Worte des Glaubens in den Mund nimmt, bewegt sich in gefährlicher Nähe zu einem theologischen Wolkenkuckucksheim. Aber wenn wir dieses Risiko vermeiden wollen, ereilt uns ein viel gefährlicheres Schicksal. Wir drohen dann nämlich nirgendwo etwas Besseres als trostlose Diesseitigkeit und letztlich den Tod zu finden.

Ein Freund von mir sagte vor einigen Tagen, als wir am Telefon über die Lage der Welt und die Lage der Theologie sprachen: „Wer als Theologe nicht bereit ist, sich mit seiner Verkündigung dem Vorwurf der Vertröstung auszusetzen, wird auch nicht trösten können.“ Das ist gewisslich wahr. Und weil es wahr ist, wünsche ich Ihnen getrost und guter Dinge, von ganzem Herzen und aus tiefer Überzeugung frohe Ostern.

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Ralf Frisch

Ralf Frisch, Jahrgang 1968, ist Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Nürnberg, Theologischer Referent der Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirchen in Bayern.


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