Corona-Panorama II

Ist die Konstruktion der Pandemie stärker als der Virus selbst?
Grenzzaun am Bodensee zwischen dem deutschen Konstanz und Kreuzlingen in der Schweiz
Foto: epd
Grenzzaun am Bodensee zwischen dem deutschen Konstanz und Kreuzlingen in der Schweiz

Die Corona-Krise ist eine „vielköpfige Krise" und wird verschärft durch eine oft überzogene Rhetorik. Welche Rolle fällt in dieser Situation den Kirchen zu? Stephan Schaede, Direktor der Evangelischen Akademie Loccum, sucht im zweiten Teil seines Panomaras Antworten.

Die Corona-Krise ist nicht nur ein Geschehen, in dem ein Virus global real Gefährdungen und Irritationen, Krankheit und Tod auslöst. Sie entfaltet eine Macht über gesellschaftliche, politische und Lebensprozesse, die in Deutungsmachtkonflikten auszuhandeln und zu bewältigen sind. Diese Deutungsmachtkonflikte haben die folgenden drei Orientierungsmarken im Blick.

6. Die Eigenart der Krise

Es ist schwer, die Eigenart dieser Pandemie zu verstehen. Sicher hat diese pandemische Krise im Unterschied zur Flüchtlingskrise sehr viel mehr als andere Großkrisen mit wissenschaftlichen, insbesondere virologischen und infektionsbiologischen Erkenntnissen zu tun. Wissenschaftlicher Rat ist besonders teuer. Selbst ein Boris Johnson, der noch während seiner Wahlkampagne über seinen Kabinettsbürominister Michael Grove wissen ließ, die Leute hätten genug von Experten, ließ sich von medizinischen Fachberatern medial begleiten. Zugleich lässt sich diese Krise nicht allein mit nüchternen infektionsmedizinischen Analysen und Strategien bewältigen.

Das liegt schlicht daran, dass diese Krise ein Virus, der Coronavirus, auslöst. Viren sind keine Lebewesen. Aber sie sind evolutionsbiologisch entstandene lebensförmige Entitäten. In gewisser Weise wendet sich hier also Leben gegen Leben. Mit einem Virus kann sich niemand anfreunden. Ein Virus ist ein lebensträchtiger lebensfeindlicher Machtfaktor, der mir entzogen ist. Das ist das Eine.

Das Andere ist: Im Fall des Coronavirus genügt es nicht, statistische Bilanzen zu ziehen. Es geht nicht um die schlichte Zahl sterbender Menschen. Wenn es so wäre, dann hätten der HIV-Virus oder die Krankenhauskeime noch radikalere Krisen hervorgerufen. Die bitteren Szenarien aus Bergamo und Nachrichten von vereinzelt sterbenden Teenagern ohne Vorerkrankung vermitteln bildpolitisch eine andere Art der Bedrohung. Das Lebensrisiko, das dieses Virus mit sich bringt, wirkt direkt in die eigene Lebenswirklichkeit hinein und beschränkt sich nicht auf Sondersituationen des Lebens wie einen Krankenhausaufenthalt oder besondere Milieus, so sehr es gefährdete und weniger gefährdete Gruppen gibt.

Damit nicht genug. Man kann fragen, wie hoch der infektionsbiologische Anteil an dieser Krise ist. Sie ist, mit einer Wendung des Lyrikers und evangelischen Theologen Christan Lehnert, eine „vielköpfige Krise“. Man kann den Verdacht eines Giorgio Agamben scharf kritisieren, der eigentlich recht harmlose Virus werde politisch instrumentalisiert und scharf gemacht. Die gesellschaftliche und politische Konstruktion der Pandemie sei stärker als der Virus selbst. Ein Klima der Panik, erlaube, so Agamben, den Ausnahmezustand als normales Regierungsparadigma auszuloben.

Zugleich muss die Frage zulässig sein, wie stark mediale und digitale Kommunikation die Krise verschärfen. Ohne Frage steuern vor allem öffentlich-rechtliche Medien gegen, bieten gut aufbereitete tägliche Updates der Lage, sammeln Beispiele über Beispiele für einen besonnenen lebensbejahenden Umgang mit der Krise. Das verhindert nicht, dass in den medial versorgten Einzelhaushalten eine panikproduzierende Melange von diversen unkontrollierbaren Szenarien, eben auch Horrorszenarien konsumiert werden.

Hinzu kommt hinzu, was der Jurist Uwe Volkmann in seinem Beitrag „Der Ausnahmezustand“ vom 20. März 2020 in „verfassungsblog.de“ als Problem markierte: „Profilieren können sich“ im Raum des Politischen „letztendlich nur diejenigen, die jeweils härtesten und weitgehendsten Maßnahmen vorschlagen, während alle anderen als Zauderer und Zögerer alsbald unter Druck geraten.“ Kurz: Die Pandemie schafft wirkungsvolle über die rein virologische Gefahr hinausgehende Fakten. Panik zum Beispiel, weshalb Leo Latasch, Mitglied des Deutschen Ethikrates auf einem Frankfurter Podium registrierte (vergleiche den Bericht von Marie Lisa Kehler, „Ein Feuerwerk des Wahnsinns“ in der FAZ) „Wir haben einen Panikzustand erreicht, der nicht dem entspricht, womit wir es zu tun haben“. Latasch, der ärztlicher Direktor des Nordwestkrankenhauses Frankfurt ist, ging auf demselben Podium noch weiter und sprach von einer „populationsgenetisch verankerten Angst“.

Die Kirchen sollten hier den virologischen Ernst der Lage nicht klein reden, zugleich aber für einen von Hoffnung bestimmten Umgang mit der Bedrohung des Lebens und der eigenen Gebrechlichkeit werben. In dieser Welt Angst zu haben ist menschlich. Es wäre unmenschlich, diese Angst zu unterdrücken (vergleiche Johannes 16: „In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrost. Ich habe die Angst überwunden.“).

Aber ebenso unmenschlich ist ein Spiel mit einer vagen Angst. Unser Leben ist nicht sicher und immer wieder gefährdet, uns kann aber kein noch so aggressiver Virus von Gott distanzieren. Es wäre hier Römer 8,37-39 auf die Corona-Krise hin auszulegen, in dem eingeschärft wird, dass „weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes“. Vor allem können Kirchen vor einer die Panik schürende Einmaligkeitsrhetorik warnen und an der Seite eines in diesen Tagen sehr intensiven verfassungsrechtlichen Diskussionsgangs dafür eintreten, dass die Corona-Krise als Ausnahmesituation verstanden wird, die, weil sie eine Ausnahmesituation ist, nicht auf Dauer gestellt werden darf. Das führt zu einem siebten Aspekt.

7. Einmaligkeitsrhetorik und Ausnahmesituation

Die Corona-Infektion, die noch vor einigen Wochen als harte Variante gängiger Grippeepidemien galt, mutierte hierzulande binnen Kurzem zu einer „beispiellosen Krise“, zur „größten Krise seit 1945“ oder zur „größten Herausforderung seit 1945“ (Merkel). In Frankreich war gar von einem „unsichtbaren Feind“, einem „Krieg um die Gesundheit“ (Emmanuel Macron) und einem „Tsunami“ die Rede, der tausende von Toten fordere (so die französische Ärztin und Politikerin Agnès Buzyn). Aktuell wird in Österreich von einem „Zusammenbruch des Gesundheitssystems Mitte April“ gesprochen. Dieses sei bei der augenblicklichen „Ruhe vor dem Sturm“ (Sebastian Kurz) nicht unwahrscheinlich. Wissenschaftliche Studien bemühen Vergleiche mit Pestepidemien des 14. Jahrhunderts.

Nun legitimieren politisch einzigartige Maßnahmen wie die Stilllegung des sozialen Lebens nur einzigartige Gefahren. Das ist nachvollziehbar. Allerdings sollte die Gegenfrage nicht unterdrückt werden: Nimmt sich mit diesem geschichtsträchtigen Gefahrenpathos die gegenwärtige Menschheit und die lebenden Generationen nicht in einer peinlichen Weise wichtig, die jede (christliche) Selbstdistanz missen lässt? Generationen vor uns, und übrigens auch nach 1945, mussten andernorts ganz andere Lebensbedrohungen hinnehmen.

Ähnliches gilt für die Deutung der derzeitigen Situation als Ausnahmesituation. Als Ausnahmesituation verstanden sollte es bei einer Ausnahme bleiben, die nicht zur Regel zukünftiger Gestaltungs- und Lebensszenarien werden sollte. Ein Hantieren mit „neuen Normalitäten“, wie in Österreich geschehen, ist von problematischem Beigeschmack. Die Coronakrise hat nicht und sollte auch nicht das Zeug haben, demokratisch rechtsstaatliche Freiheitsgrade zu unterminieren. Auch das kirchliche Leben hat bei aller Entdeckung von neuem im Zuge der Krise die Aufgabe, bewährte Strukturen und Einsichten zu fördern. Die öffentliche Diskussion über die Rückkehr oder den Ausstieg aus der Ausnahmesituation hat erst begonnen. Die Kirche sollte da – unter Einschluss ihrer eigenen Aufgaben und Vorhaben – mitreden und sich für einen klugen Umgang mit strukturellem Nichtwissen aussprechen.

8. Eigenart von Nichtwissen

Das Aushalten von Erkenntnisdefiziten und Nichtwissen bleibt eine Aufgabe. Selbst oder eben gerade Fachleute haben mit prognostischem Nichtwissen zu kämpfen. Noch so sorgsam erstellte Statistiken bleiben unvollständig und nur das Beste aller schlechten Deutungsinstrumente für eine Einschätzung der Lage und dessen, was zu tun ist. Die Fallhöhe von Prognosen, falsch zu liegen ist dieser Tage hoch.

Fehleinschätzungen müssen nicht an der professionellen Qualität dessen rütteln, der da prognostiziert. Schon der Apostel Paulus hat sich in der Frage der Rückkehr seines Herrn gewaltig verschätzt, was seiner lebensorientierenden Kraft als Apostel keinen Abbruch getan hat. Es stünde der Kirche gut an, hier für mehr Barmherzigkeit im Umgang mit Ansagen und Entscheidungen der Politik und der sie beratenden Fachgremien zu werben. Wenn Ende März die Ansage, in 14 Tagen wisse man Bescheid, revidiert werden muss, ist das Ausdruck prognostischen Nichtwissens. Unwissen nötigt zu Scheinrationalitäten wie der Festlegung von Verdopplungszeiten Infizierter, die erreicht werden müssen, um zu entwarnen, oder der Anzahl von italienischen Corona-Patienten, die aufgenommen werden können.

Insbesondere Nichtwissen verlangt die harte Kunst des Abwartens, und so den langen Atem der Leidenschaft namens Geduld, von der schon das Neue Testament urteilte, dass sie dem Leben entscheidend zutrage. Sie ist eine Kraft, es in einer vorletzten Welt mit ihren Unwägbarkeiten auszuhalten. Auch die Kirche selbst muss in der Krise ihren Sinn für neu Abzuwägendes und Auszuhandelndes aufrechterhalten. Das führt zu einer Orientierungshilfe, die ihre eigenen Reihen betrifft.

Am Freitag lesen Sie dann den dritten und letzten Teil des Panoramas.

Hier lesen Sie den ersten Teil des Corona-Panoramas vom vergangenen Montag, 6. April 2020.

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Stephan Schaede

Stephan Schaede, Jahrgang 1963,  promovierte in Systematischer Theologe. Er ist seit 2010 Direktor der Evangelischen Akademie in Loccum. Zuvor arbeitete er an der FEST in Heidelberg und war Pfarrer in Niedersachsen.


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