Kirche in der Klima-Apokalypse

Warum ein christlicher Segen für den „Green New Deal“ nicht reichen wird.

Stephan Kosch setzt auf grünen Kapitalismus – und fordert die Kirchen auf, in ihrem Wirtschaftsgebaren von der Versorgung ihrer Gebäude bis zu den Geldanlagen ernst zu machen mit einem Green New Deal. Letzterem kann man nur zustimmen: Wie sollen Kirchenworte zum Klimawandel glaubwürdig sein, wenn die Kirchen nicht beispielhaft vorangehen im ökologischen Umbau.

Wesentlich skeptischer bin ich gegenüber Koschs Hoffnung, die ökologische Katastrophe durch einen grünen Kapitalismus abzuwenden, indem die „Billionen, die täglich um den Globus fliegen und nach Anlagemöglichkeiten suchen“, in die Dekarbonisierung der Wirtschaft fließen. Dazu bräuchte es dann nur noch die nötigen Anreize, damit es sich lohnt. Ich fürchte, „Dekarbonisierung“ ist genauso ein vereinfachendes und dadurch missbrauchbares Wort wie derzeit der Begriff „klimaneutral“. Das wollen inzwischen ganze Konzerne (wie etwa Bosch) und jetzt gleich auch die ganze EU werden. Unsere gesamte auf Wachstum getrimmte Wirtschaft soll in wenigen Jahren keine klimaverändernden Auswirkungen mehr haben? Die Industrie, der Verkehr, und nicht zu vergessen: die Landwirtschaft?

Die dafür präsentierten Rechnungen erinnern leider bei genauerem Hinsehen meist an die Erklärung eines Flugreisenden, sein Flug sei klimaneutral gewesen, weil er eine Kompensation gespendet habe. Bruno Kern hat kürzlich in seinem Buch „Das Märchen vom grünen Wachstum“ (Plädoyer für eine solidarische und nachhaltige Gesellschaft. Zürich 2019) die vorliegenden Studien zu diesen Verheißungen kritisch zusammengefasst. Und uns daran erinnert, was wir eigentlich alle wissen (können): Auch Windkraftanlagen werden unter immensem Materialbedarf keineswegs klimaneutral hergestellt. Solaranlagen und insbesondere die Batterien für Elektroautos verursachen von Herstellung bis Entsorgung immense Umweltprobleme.

Der wachstumskritische Ökonom Niko Paech rechnet seit langem vor, dass die umweltfreundlichen Effektivitätsgewinne neuer Technik stets durch das Wachstum an Produktion und Konsum mehr als wettgemacht werden. Bei diesem sogenannten Rebound-Effekt geht es um viel mehr als um das individualpsychologische Problem, dass man Energiesparlampen leichteren Herzens länger brennen lässt. Es geht um unserer Wirtschaftsweise, die nicht auf die Versorgung der Bevölkerung und den nachhaltigen Bestand der Gesellschaft, sondern auf die Akkumulation von Kapital um seiner selbst willen ausgerichtet ist, und die deshalb jeden Einspareffekt nutzt, um gleich mehr, größer, schneller … zu rotieren.

Bruno Kern plädiert deshalb – wie die von Kosch zitierte Naomi Klein – für einen „Öko-Sozialismus“. Dieser bedeute „nicht nur den Umbau, sondern den konsequenten Rückbau unserer Industriegesellschaft“ (13), d.h.: „Wer die Lebensgrundlagen weltweit sichern will, der muss eine Ökonomie und Kultur des ‚Genug‘ anstreben, der muss sich vom parasitären Charakter unseres Scheinwohlstands verabschieden.“ (89). Und weil Rück- und Umbau der Wirtschaftsweise, also auch Abbau des gewohnten Wohlstands große Gerechtigkeitsfragen aufwirft, lässt sich diese Entwicklung nur politisch steuern. Es braucht „Planung“: „Mengenregulierungen, Rationierungen, Zuteilung von Quoten, Preiskontrollen“ (114).

Hier werden vermutlich viele auch ökologisch orientierte Leser*innen aussteigen. Zwar soll all dies „auf möglichst demokratische und partizipative Weise“ (115) geschehen und auch möglichst dezentral (also lokal und regional), dennoch steht hier ein Dirigismus zur Debatte, den auch viele Linke für die gefährliche Soll-Kippstelle in eine bürokratische Ökodiktatur halten. Kerns Haltung ist jedoch ehrlich und konsequent: Der Übergang zu einer postindustriellen Gesellschaft heißt in ökonomischer Terminologie schlicht „Rezession“, ja „tiefe Depression“ (174). Die wird kommen – entweder durch die Folgen ökologischer Katastrophen oder durch politischen Willen. Wir haben also nur die Alternative: Chaos oder Planung.

Aber wieviel realpolitische Wahrscheinlichkeit wird man dem Umbau in eine Post-Wachstums-Wirtschaft zurechnen? Die Ökosozialisten, für die das Buch spricht, sind nicht einmal eine Splitterpartei. Und wo soll der geforderte Umbau planerisch umgesetzt werden: in einem Land, in Deutschland? Das fatale Wirtschaftssystem, gegen das es geht, ist aber das der Globalisierung. Wird sich gerade der „geneigte Leser“ am Ende nicht sagen: Wenn es tatsächlich nur so geht – dann wird es nicht gehen?

Das scheint mir derzeit die Aporie der Debatte: Entweder wir trösten uns mit illusionären Halbwahrheiten („Das Elektroauto wird uns retten“). Oder wir fixieren uns auf eine Revolution, an deren Umsetzung wir selbst kaum glauben können. Und hier kämen m.E. Kirchen und Theologie wieder ins Spiel, genauso entscheidend wie beim Umbau ihrer Heizungsanlagen. Wer wenn nicht Glaubende, wenn nicht wir Christen hätte denn etwas zu sagen zu einem „Tun des Gerechten“ (D. Bonhoeffer), dessen Kriterium nicht der Erfolg ist? Wer von einem Lebensstil, der auch Verzicht und neue Einfachheit erfordert, und dennoch nicht unglücklich macht? Wer wenn nicht wir könnte echte Hoffnung unterscheiden von einem Optimismus, zu dem wir uns krampfhaft selbst überreden müssen.

Doch wenige Theologen sind bereit, offen auch pessimistische Prognosen vom Glauben her zu reflektieren, wie Thomas Ruster kürzlich in einer Diskussion mit Vertreterinnen von Fridays for Future. Wäre es nicht an der Zeit, alte Kategorien wie etwa die vom „Gericht“ – vom Durchleben der Folgen des eigenen Handelns – religiös neu zu reflektieren? Mir scheint, es herrscht weitgehend kirchliches Apokalyptik-Verbot, weil man sich nicht den Vorwurf zuziehen möchte, Resignation zu predigen. Gleichzeitig höre ich von Kirchenverbänden, die Tagungen zur „Seelsorge im Anthropozän“ organisieren. Denn natürlich hat die säkulare Apokalyptik, also die reale Möglichkeit der Selbstzerstörung unserer Zivilisation, längst die Seelen erreicht. Verdrängung produziert wirklich Resignation.

Wenn Theologie und Kirche in der Klimadebatte also mehr sein wollen als nur Megaphon-Verstärker für das, was eh schon alle rufen, um ihre Angst zu übertönen, dann müssen sie tiefer graben als ihre bisherige Predigt das tut.


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Gregor Taxacher

Gregor Taxacher ist römisch-katholischer Theologe, Geschichtsphilosoph, Journalist und Autor. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Katholische Theologie der Technischen Universität Dortmund. 2012 erschien sein Buch „Apokalypse ist jetzt: Vom Schweigen der Theologie im Angesicht der Endzeit“.


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