Ein Theologe für Agnostiker

Frank Hofmann findet Karl Barth modern und forscht über das „Wort Gottes“
Portrait Hofmann
Foto: Boris Rostami-Rabet
Foto: Boris Rostami-Rabet

In seiner theologischen Dissertation rekonstruiert der promovierte Philosoph und Journalist Frank Hofmann die Begriffsgeschichte des „Wort Gottes“ von der Bibel bis zur Kirchlichen Dogmatik Karl Barths mit sprachanalytischen Methoden.

In seiner theologischen Dissertation rekonstruiert der promovierte Philosoph und Journalist Frank Hofmann die Begriffsgeschichte des „Wort Gottes“ von der Bibel bis zur Kirchlichen Dogmatik Karl Barths mit sprachanalytischen Methoden.

Ich bin in einem evangelikalen Elternhaus aufgewachsen. Die Folge war eine kräftige Gottesvergiftung, die nach der Pubertät in eine radikale Kehrtwende umschlug. Begeistert von den Platon- und Aristoteles-Texten im Griechisch-Unterricht entschied ich mich für ein Philosophiestudium – vor allem deshalb, um meinen Agnostizismus besser begründen zu können.

In meiner ersten philosophischen Dissertation versuchte ich, den Begriff „Wahrheit“ rein sprachlich, ohne Rückgriff auf metaphysische Muster zu definieren.

Natürlich gab es immer mal wieder Annäherungen: Kirchenbesuche, Buchlektüren, Gespräche mit religiösen Menschen. Aber das, was mir da als Religion präsentiert wurde, überzeugte mich nicht. Gott als Sinn des Lebens, Gott in der Naturbetrachtung, Gott in der Selbstversenkung, Gott als Fluchtpunkt von Poesie, Film oder Musik – all das wirkte auf mich doch allzu menschlich.

Gleichwohl gab ich es nie ganz auf, mich mit Theologie zu beschäftigen. Und da ich spürte, dass Theologen die Probleme oft noch gründlicher durchdringen als Philosophen – wohl weil sie unter einem höheren Rechtfertigungsdruck stehen –, begann ich vor ein paar Jahren ein nebenberufliches Studium der evangelischen Theologie in Marburg. Dort wurde ich auch näher mit dem Werk von Karl Barth vertraut, der mir bis dato nur aus dem Klassiker „Die Sache mit Gott“ von Heinz Zahrnt bekannt war. Barth wurde von unseren Marburger Lehrkräften zwar alles andere als unkritisch rezipiert, aber gerade diese skeptische Haltung regte mich zum Lesen der Primärtexte an. Und was ich dort entdeckte, war genau das, was ich lange gesucht hatte. Es gab nicht nur meiner Haltung zu Gott, zum Glauben, zum Christentum ein neues Fundament, sondern begeisterte mich vor allem in seiner philosophischen Modernität.

Da ist zunächst Barths Ansatz, Gott so groß zu denken, dass er nicht mehr fassbar ist. Dieses Bemühen können auch Agnostiker mitgehen. Zumindest kontrafaktisch. Tun wir doch mal so, als habe das Wort „Gott“ einen Sinn. Dann muss damit doch das gemeint sein, was alles Bekannte transzendiert. Bei Martin Walser, einem erklärten Nicht-Gläubigen und Barth-Begeisterten, liest sich das so: „Gott ist nicht tot. Er fehlt. Er hat immer gefehlt ... Er fehlt, weil wir ihn brauchen. Ihn schlicht anzusprechen, als sei er da, vertreibt ihn für alle, die ihn brauchen. Wenn nicht einzelne sein Fehlen zur Sprache bringen, verschwindet vielleicht seine Dimension aus unserer Welt …“ Gott muss unkenntlich sein, so hat es Barths Geistesverwandter Sören Kierkegaard einmal gesagt, denn die „direkte Kenntlichkeit ist für Götzen charakteristisch“. Oder denken wir an Paulus, der in Athen inmitten all der Götzenbilder sich den einen Altar herausgreift, auf dem steht: dem unbekannten Gott (Apostelgeschichte 17,23). Genau das ist auch Barths Ansatz, darüber kann man über Glaubensgrenzen hinweg ins Gespräch kommen. Selbst mit den Agnostikern, die wenigstens die Leerstelle spüren. Noch einmal Walser: „Wer sagt, es gebe Gott nicht, und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung. Einer Ahnung allerdings bedarf es.“

Das führt zu dem aus meiner Sicht zweiten entscheidenden Gedanken Barths, den ich mit meinen Worten so ausdrücken möchte: Wenn dieser abwesende Gott überhaupt der Rede wert ist, dann muss er uns etwas zu sagen haben. Dann müsste sich in seinem Fehlen eine Mitteilung, eine Botschaft zeigen. Bei Karl Barth heißt das so: „Die Aufgabe der Theologie ist das Wort Gottes“– also seine Selbstmitteilung. Dieser Gedanke führt uns geradewegs zur Sprache – dem schlichtweg unhintergehbaren Fundament des reflektierten Nachdenkens über uns, über Gott und die Welt.

Dass sich Gott in der Sprache zeigt, in kommunikativen Vollzügen, ist keine Erfindung von Karl Barth – es ist bereits der rote Faden durch den christlichen Kanon, der mit einem sprechenden Schöpfer beginnt und mit einem endgültig richtenden Reiter endet, der „Wort Gottes“ heißt (Offenbarung 19). In meiner theologischen Dissertation „Wie redet Gott mit uns?“ zeige ich von den frühesten prophetischen Schriften bis zu den paulinischen Briefen fünf verschiedene Sprachfunktionen auf, die sich mit dem sprechenden Gott beziehungsweise mit dem Begriff „Wort Gottes“ verbinden.

Karl Barth wird diesem exegetischen Ergebnis gerecht, indem er programmatisch das Wort Gottes als alternativlosen Ausgangspunkt der Theologie bestimmt. Hier ist das „Wort“ nicht metaphorisch gemeint, etwa so, wie einst Emanuel Hirsch spottete: „Dass Gott … spricht, ist ein ebenso grober Anthropomorphismus, wie dass er mit Pfeilen schießt oder mit Hämmern wirft.“ Das Wort Gottes ist bei Barth aber auch keine supranaturalistische Stimme aus dem Nichts, sondern ein sprachlicher Bestandteil eines realen, empirischen Kommunikationsprozesses.

Das führt zum dritten entscheidenden Gedanken Barths, den er in der Kirchlichen Dogmatik so formuliert: „Das Wort Gottes ist ein rationales Geschehen.“ Es ereignet sich mitten in der Welt, zwischen Menschen. Die Offenbarung ist ein weltliches Phänomen – und bleibt gleichwohl ein Geheimnis, insoweit das Gelingen des kommunikativen Vollzuges nicht planbar ist.

Der semantische Gehalt des Wortes Gottes ist nach Barth auf eine einfache Formel zu bringen: „Gott wird Mensch“ oder „Gott bei uns“ oder „Gott für uns“. Zum Wort Gottes wird dieser Satz aber erst dann, wenn er als Verheißung gegeben wird, er also „als Gottes Wort“ von Gott selbst durch Menschenmund gesprochen wird und bei den Angeredeten eine Veränderung bewirkt.

Folgerichtig arbeitet Barth das Wort Gottes als eine Sprachhandlung aus – und zwar als eine solche, in der verschiedene Einzelakte ineinandergreifen und deren Gelingen auf den Menschen angewiesen, aber nicht vom Menschen zu garantieren ist.

Das ist weniger ungewöhnlich, als es sich zunächst lesen mag. Letztlich sind alle sprachlichen Handlungen, bei denen es auf die Wirkung im Hörer ankommt, auf so viele Gelingensbedingungen angewiesen, dass sie unmöglich komplett angegeben werden können.

Das Geflecht der das Wort Gottes konstituierenden Sprachhandlungen wird am deutlichsten, wenn die von Barth beschriebene dreifache Gestalt – die Trias Verkündigung, kanonisches Zeugnis und Offenbarung – einerseits, das Anerkennen andererseits mit Hilfe der Sprechakttheorie rekonstruiert wird. Dann zeigt sich das Wort Gottes im Detail als ein Versprechen, das ein Bekenntnis zu einer Bezeugung enthält.

In dieser Konkretisierung ist das Motiv des sprechenden Gottes zu seiner höchsten Reflexionsstufe gekommen. Sie stellt sich dar als ein Ideal nachhaltiger, zwischenmenschlicher Verständigung, die gerade in diesen Zeiten gestörter Kommunikation zwischen Individuen, Gruppen und Nationen neue Impulse geben kann.

Frank Hofmann: Wie redet Gott mit uns? Der Begriff „Wort Gottes“ bei Augustin, Martin Luther und Karl Barth. Theologischer Verlag Zürich, Zürich 2019,
274 Seiten, Euro 36,90.

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