Braucht’s des?

Ein Nazivergleich hat dem Streit um Carsten Rentzing gerade noch gefehlt
Portrait Renzing
Foto: epd

Wer verstehen will, warum der Sächsische Landesbischof zurücktritt, der muss genau hinschauen und kann nicht in luftigen intellektuellen Höhen verharren. Nur dann kann man verstehen, dass der Rücktritt alle evangelischen Christen angeht. Philipp Greifenstein antwortet auf den Beitrag von Rochus Leonhardt vom 17. Oktober.

Kennen Sie Godwin’s law? Das vom Rechtsanwalt Mike Godwin 1990 aufgestellte Theorem lautet: „Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit den Nazis oder Hitler dem Wert Eins an.“ Es war also nur eine Frage der Zeit, bis auch im Streit um den zurücktretenden Sächsischen Landesbischof Carsten Rentzing jemand „die Nazikeule“ schwingt.

Professor Rochus Leonhardt verglich
am Donnerstag in diesem Magazin ernstlich die Initiatoren einer Petition mit drängenden Fragen an Carsten Rentzing, die einige Tage vor seinem Rücktritt gestartet wurde, mit Blockwarten. Zur Erinnerung – nicht nur für Herrn Leonhardt: Blockwarte waren Menschen, die als vorbildliche NSDAP-Parteigenossen Nachbarn drangsalierten. Menschen, die mit Freuden den Nachweis erbrachten, arisch super-rein zu sein, um ihrem Führer an der Heimatfront zu dienen. Menschen, denen es gefiel, von ihren Nächsten mit einer Mischung aus Angst, Neid und Anerkennung angeschaut zu werden.

Auch ich wurde kürzlich als Nazi verleumdet. Ein wahrscheinlich anonymer Twitter-Nutzer, @GottfriedSeidl, warf mir vor, dass „Nazis und Hetzer“ wie ich für den islamistischen Antisemitismus verantwortlich wären. So kommentierte er ein Video von einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Attentats in Halle. Der Kommentar steht übrigens nach fast einer Woche und trotz Meldung immer noch online. So viel zum Bemühen des Unternehmens Twitter um die Durchsetzung des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes.

Nazis soll man Nazis nennen. Und jedermann darf jeden mit Nazis vergleichen. Sicher ist aber auch: Damit ist die sinnvolle Diskussion an ihr Ende gekommen. Wenn es Rochus Leonhardt also um einen – wie er meint – fruchtbaren Austausch über die Formen innerkirchlichen und theologischen Disputs geht, um eine „Petitions-Polemik“, dann hätte er besser auf seinen Nazivergleich verzichtet.

Aber wenn wir schon bei Diskurshygiene sind, die vom Professor irgendwo zwischen persönlichen Anekdoten und Befindlichkeiten gefordert wird: Früher hat man für so etwas wenigstens um Entschuldigung gebeten. Wäre es nicht prima, wenn wir uns vor dem Versenden unserer Botschaften fragten „Braucht’s des?“? Und wenn wir einmal daneben langen, es nicht am gebotenen Respekt vor dem Gegenüber ermangeln lassen?

Leonhardt unternimmt in seinem Text den Versuch, den Fall Rentzing als Beispiel für ein größeres gesellschaftliches Phänomen zu betrachten. Auch der Rücktrittskommentar des Chefredakteurs Reinhard Mawick vom Samstag schwebt in luftigen Höhen. Nichts spricht dagegen, die Optik auf die gesamte Gesellschaft zu weiten. Gerade den sächsischen Christen täte das sehr gut. Doch wer an der Linse spielt, dem dürfen die Fakten nicht aus dem Bild rutschen.

Carsten Rentzing hat seinen Rücktritt nicht aufgrund der Petition der Leipziger Pfarrer erklärt, sondern im Anschluss an eine Sitzung der Kirchenleitung, auf der er mit Texten konfrontiert wurde, die er vor 30 Jahren für die neurechte Zeitschrift „Fragmente“ geschrieben hat. Zuvor waren ihm die Texte mit der Bitte um Aufklärung zugesendet worden.
Was in den Texten steht, geht weit über das Maß hinaus, dass man mit einigem Wohlwollen noch als konservativ bezeichnen kann. Das ändert sich auch nicht dadurch, dass die Protagonisten der „Neuen Rechten“ von sich selbst gerne als Konservative sprechen.

Das Bekanntwerden der Texte und seiner Tätigkeit als „Fragmente“-Redakteur aber ist nurmehr der Auslöser des Rücktritts. Wenn man nach Gründen sucht, dann wird man in luftigen Diskurshöhen und bei den Leipziger Pfarrern nicht fündig werden. Der Bischof hat über Wochen verschleiert, verkürzt und verschwiegen. Es besteht Grund zur Annahme, dass er gelogen hat – intern und wohl auch in der Öffentlichkeit. Ob es sich dabei um Kommunikationsschwäche oder um absichtliche Täuschung handelt, das wird schlussendlich nur er selbst aufklären können.

Im Kern geht es also um Aufrichtigkeit und die Verletzungen, die entstehen, wenn es an ihr mangelt. Das gilt für die Mitarbeiter im Landeskirchenamt und in der Kirchenleitung, die der Bischof nicht nur über seine Vergangenheit in der „Neuen Rechten“, sondern auch über die Nachfragen von Journalisten im Dunkeln gelassen hat. Das gilt im besonderen Maße auch für diejenigen, die mit ihm gemeinsam in den letzten Jahren für einen konservativen Kurs in der Evangelischen Kirche gestritten haben.

Die Sächsische Landeskirche befindet sich in einer geistlichen Notlage. Das gilt für Rentzings Gegner wie Freunde. Letztere wähnen den Bischof als Opfer der „political correctness“ und des Furors der Liberalen. Ihre Entrüstung wird von Akteuren der christlichen Rechten wie Helmut Matthies (Idea), Politikern der AfD und CDU und evangelikalen Kulturkämpfern wie Ulrich Parzany geschürt und kanalisiert. Diesen Kräften entgleitet im zurücktretenden Landesbischof eine Symbolfigur für den Kampf gegen die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften im Besonderen und „den Zeitgeist“ im Allgemeinen. Die Not der Konservativen in Sachsen entsteht dadurch, dass es kein ostdeutsches Idea gibt, sondern nur populistische Opportunisten aus dem Westen, die sich nicht für die tatsächliche Situation interessieren, sondern ihre Agenda durchziehen.

Andere sehen in Carsten Rentzing ein „U-Boot“ genau dieser rechten Kreise, das nun – angestoßen von einem anonymen Informanten – enttarnt werden konnte. Die Idee ist amüsant, dass es in den evangelischen Kirchen rechter „U-Boote“ bedürfte. Rechte Christen operieren nicht im Verborgenen, ihre Medien und Vereine sind in den evangelischen Kirchen allgegenwärtig – und zwar überall im deutschsprachigen Raum! Manchmal hat die ach so „links-grün-versiffte Mainstreamkirche“ sie sogar gepäppelt (Idea) oder unter den schützenden Schirm der Großorganisation gestellt, wie die „Notgemeinschaft Evangelischer Deutscher“, in deren Zeitschrift vor 30 Jahren ein „Fragmente“-Aufsatz Rentzings gedruckt wurde.

Eine der jetzt anstehenden Diskussionen ist darum, wie die evangelischen Kirchen in Zukunft mit diesen Ideologen am rechten Rand der eigenen Organisationen und Klientel umgehen wollen. Für diese Diskussion möge der Fall Rentzing ein Auslöser sein, die lange beschwiegenen Kontinuitäten aufzuarbeiten.

Dafür brauchen wir dringend auch die Hilfe der Theologie, die mit ihrem Werkzeug immer wieder aufs Neue klären muss, welche ethischen, moralischen und politischen Überzeugungen mit gutem Recht das Label evangelisch tragen können. Die von Rochus Leonhardt ins Feld geführte Unterscheidung Bonhoeffers von letzten und vorletzten Dingen, ist dabei ein wertvoller Ausgangs-, aber doch kein Schlusspunkt. Was wir brauchen sind weniger pfiffige Formulierungen, weniger Geraune, sondern Trennschärfe und Aufrichtigkeit

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