Rücktritt ohne Lösung

Der sächsische Landesbischof Carsten Rentzing leistet Amtsverzicht
Portrait Renzing
Foto: epd

So richtig überraschte die Meldung nicht mehr: Carsten Rentzing, Sachsens 2015 gewählter Landesbischof, tritt von seinem Amt zurück. Der Druck wegen seiner von vielen monierten Rechtslastigkeit wurde zu groß. Aber was soll nun in Sachsen werden?

Carsten Rentzing, seit 2015 Landesbischof der sächsischen Kirche in Dresden, hat am gestrigen Freitag seinen Rücktritt angekündigt. Der Druck war wohl zu groß geworden, denn so etwas hatte es noch nie gegeben im evangelischen Deutschland: Eine Unterschriftenliste, die, wenn auch nicht offen, so doch klausuliert, den Rücktritt des Landesbischofs forderte. Bisher 800 Menschen hatten unterschrieben.

Ihr Vorwurf: Rentzing habe sich nicht eindeutig genug gegen rechts abgegrenzt, sei Mitglied in der sehr zweifelhaften schlagenden Verbindung „Alte Prager Landsmannschaft Hercynia“ und habe sich nicht ausreichend von einem Vortrag in der Berliner Bibliothek des Konservatismus distanziert. Und nun veröffentlichte der WDR am heutigen Sonnabend, dass Rentzing von 1988 bis 1991 – also im Alter von 21 bis 24 Jahren – für die rechte Publikation „Fragmente – das konservative Kulturmagazin“ tätig gewesen sei. Dort habe er zum Beispiel folgenden Satz geschrieben: „Dass ein Staat, in dem Feigheit vor Tapferkeit, Selbstverwirklichung vor Freiheit, Leben vor Ehre, dem Untergang geweiht ist, dürfte kaum bezweifelt werden.“ Wenn das wahr ist, ist Rentzings Rücktritt absolut folgerichtig, denn diese Fakten seiner Biografie hätte er offensiv und vor seiner Wahl 2015 öffentlichen machen und erklären müssen! Punkt.

Bemerkenswert erscheint dies: Carsten Rentzing, Jahrgang1967 und bis vor kurzem der jüngste Leitende Geistliche der EKD, äußerte sich in seinem Amt überhaupt nicht politisch. Damit war er in der Tat aus der Zeit gefallen, denn zur Praxis Leitender Geistlicher in der EKD gehört es eben heute, dass sie sich regelmäßig politisch äußern und dies in der Regel eindeutig im links-liberalen Spektrum. Das hat sich in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten so eingebürgert, so ticken auch die Synoden und die von ihnen „gecasteten“ anderen Leitungspersonen der Kirchen. „Barmenprotestantismus“ nennen Kritiker boshaft diese Spielart der real existierenden öffentlichen Theologie der EKD.

Natürlich gibt es auch das andere Lager, den Pietismus. Und in diesem Spektrum gibt es eben auch homophobe und AfD-nähere und nahe Positionen. Das hat Liane Bednarz in ihrem Buch „Die Angstprediger“ beispielhaft aufgezeigt. Pfui Teufel, mögen viele kirchlich Engagierten und ihre Pressuregroups rufen, aber in den Weiten der Volkskirche gibt es eben auch viele Menschen, die eher so ticken.

Solange diese in Freikirchen zusammengeschlossen sind, stehen sie den EKD-Landeskirchen direkt gegenüber. Im Gnadauer Gemeinschaftsverband sind solche Kräfte aber auch in das Spektrum EKD eingebunden. Insofern überrascht es nicht, dass Michael Diener, der Vorsitzende der Gnadauer und Vertreter des organisierten Pietismus im Rat der EKD, in einer ersten Stellungnahme den Rücktritt Rentzings bedauerte. Auf Facebook schrieb er, so meldet die Nachrichtenagentur Idea, dass Rentzings Rücktritt schädlich für die Einheit der Kirche sei, denn es sei „fatal, wenn rechts einer vermeintlichen Mitte kein Platz mehr ist für kirchenleitende Positionen.“ Die Kirche, so Diener weiter, werde in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen nicht bestehen, „wenn uns nicht tragfähige Unterscheidungen zwischen konservativ, rechtskonservativ und rechtsextrem gelingen. Nach seiner Definition sei Carsten Rentzing den „beiden letzten Gruppen nicht zuzuordnen.“ Diese Einschätzung gab Diener allerdings ab, bevor die heutigen Enthüllungen über Rentzing bekanntwurden.

Wie anders die sächsische Landeskirche „tickt“ zeigt ein Statement von Otto Guse, dem Präsidenten der dortigen Landessynode gegenüber dem Deutschlandfunk am vergangenen Donnerstag, das Fragen der politischen Überzeugung keinen großen Stellenwert beizumessen scheint: „Die Landeskirche ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, die Christen aller politischen Richtungen vereinen will, da gibt es sowohl Christen, die einen sehr wertekonservativen Lebenswandel führen und befürworten, als auch Linksliberale. Aber uns eint ja nicht eine gemeinsame politische Richtung, sondern eine gemeinsame Hoffnung auf unseren Herren.“ Es erscheint schwer vorstellbar, dass so ein Statement zum Beispiel die Präses der EKD-Synode oder die Präsides anderer Gliedkirchen formulieren würden …

Fazit: Carsten Rentzing als Landesbischof ist Vergangenheit, aber Sachsen bleibt Sachsen, auch kirchlich. Und auf diesem Feld ist es mindestens genauso gespalten, wie es gesellschaftlich-politisch gespalten ist. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, die Kontrahenten stünden sich hier und heute so scharf gegenüber, wie 1934 die Bekennende Kirche gegenüber den Deutschen Christen. Damals bescheinigte Karl Barth dem Theologen Karl Fezer (1891-1960), dass die deutsch-christliche Sache „falsch bis auf den Grund“ sei und sagte wörtlich: „Wir haben einen anderen Glauben, wir haben einen anderen Geist, wir haben einen anderen Gott.“

Zur Stunde scheint jedenfalls völlig offen, wie die Landeskirche aus dieser Krise hinauskommt. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Vor allem aber stellt sich die Frage, wer sich das Amt des Landesbischofs respektive der Landesbischöfin dieser Kirche antun möchte.

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