Finanzkrise, Klima-, Migrations-, Pandemie- und Identitätskrise, Ukraine- und Israelkrieg: Das Gefühl, dass die Welt aus dem Lot ist, dass die Dinge womöglich unaufhaltsam ins Rutschen geraten sind … Es ist zum Lebensgefühl einer ganzen Gesellschaft geworden.“ Der Soziologe und Direktor des Frankfurter „Instituts für Sozialforschung“, Stephan Lessenich, sieht in der Krisenkumulation eine „sich verbreitende Angst vor dem Normalitätsverlust“ am Werk – eine Angst vor materiellen Einbußen und sozialen Positionsverlusten, „aber auch vor symbolischen Verletzungen und kulturellen Kränkungen“.

Lessenich beschreibt die einzelnen Krisenphänomene, ihre gegenseitige Verstärkung und deren Wirkungen. In dieser Lage wächst in den reichen Industriegesellschaften das Bewusstsein, dass ihren Bürgern eine durchgreifende Veränderung ihrer Lebensumstände bevorsteht. Zu dieser Umwälzung gehört auch „das Ende des kollektiven Selbstbetrugs, … dass sich ‚Ökonomie und Ökologie versöhnen’ ließen“: Die grüne Wachstumsagenda werde in Zukunft nicht mehr ausreichen, um die Schäden von Klima- und Armutskrisen zu beheben.

Die Verlustängste beim Abschied von der alten, Sicherheit stiftenden Ordnung hätten ein Ausmaß angenommen, dass man von einer traumatischen Gesellschaft sprechen müsse. In den Frustrationen des Alltags und den regressiven Reaktionen gegenüber Migration, Seuche und Globalisierung ergreife eine Kultur des Ressentiments die Herrschaft. Die politische Drift nach rechts, die rückwärtsgewandte Sehnsucht nach Normalität, der Ruf nach einer Politik der Eindämmung setzen deutliche Signale. Dagegen kommen die beachtlichen Reformschritte in Energie- oder Asylpolitik Lessenich zufolge bei weitem nicht an; das Problem liege tiefer:

„Die große Herausforderung der gegenwärtigen Konstellation“ bestehe „in nicht weniger als der gemeinschaftlichen Anerkennung der zutiefst irrationalen Rationalität, der die Gesellschaft … bis auf den heutigen Tag folgt … Wir sind aufgefordert, die Macht der Illusion zu brechen – der Illusion, dass wir mit den alten Rezepten … auch nur ansatzweise durchkommen könnten“.

So weit, so gut. Aber welche Wege könnten nach den begangenen Holzwegen eingeschlagen werden? Hier bleibt Lessenich vage. Der ausdrucksvollen Analyse der verzweifelnden industriellen Gesellschaft folgen dürftige Hinweise auf mögliche Auswege aus der Sackgasse. Man solle nach den Potenzialen einer Ökonomie Ausschau halten, welche „die stofflichen Ressourcen als endlich anerkennt und die Bestimmung gesellschaftlicher Bedarfe nicht Märkten überlässt, sondern zum Gegenstand demokratischer Entscheidungen macht.“ Nach einer Politik auch, „die sich der Organisation gesellschaftlicher Mitsprache verschreibt“, nach einer Solidarität schließlich, „die in ihrer Praxis bestehende Grenzen zu überschreiten sucht“. Die Konkretion bleibt offen.

Fatal, dass eine derart stammelnde Alternative dem „alternativen politischen Ressentiment“ nur wenig in den Weg stellen kann. Das ist schade, zumal die Bio- und Geosoziologie Räume öffnet, in denen das Verhältnis von Gesellschaft und natürlicher Lebenswelt als Feld für eine ökosoziale Solidarität neu bestimmt werden kann. Dennoch lohnt sich die Lektüre dieses Buchs: Die zusammenfassende Diagnose des Krisenkonglomerats macht die Radikalität von Lessenichs Schlussfolgerung plausibel: „Es gilt, gemeinsam einen praktischen Sinn zu entwickeln für den Irrsinn der herrschenden Verhältnisse.“ Diesen Aufschrei sollte man hören, bevor er verhallt.

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