Heilsames Hinsehen

Klartext
Foto: privat

Spiel des Lebens

Sonntag Estomihi, 11. Februar

Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
(Amos 5,23)

Die Konturen der zurückliegenden Weihnacht haben sich schneller als gedacht aufgelöst. Und bald steht die Passionszeit vor der Tür. Aber zunächst ist Predigen im theologischen Hinterland angesagt. „Vorpassionszeit“ wird diese Zeit im liturgischen Kalender genannt. Und sie – genauer: der heutige Predigttext – bietet die Gelegenheit, sich einmal über das Wesen der Liturgie Gedanken zu machen. Wenn wir ernst nehmen, was das Buch Amos als Gottesrede überliefert, ist das Urteil schnell gefällt: Gott hat kein Interesse an unseren Opfern. Das Geplärr der Lieder tut seinen Ohren weh. Gutes bewirken sie auf keinen Fall. Weder Orgel- noch Band-Musik findet bei Gott Gefallen. Auch nicht Gregorianik oder Choräle. Was Gott will, ist vielmehr ein Überfließen von Recht und Gerechtigkeit.

Aber so kann es doch wirklich nicht gemeint sein. Oder? Daher ein zweiter Anlauf. Auf die recht gefeierte Liturgie kommt es an, auf gesungene Worte, die aus einem umkehrwilligen Herzen kommen, und auf Klänge, die nicht einfach betören, sondern aufrichtig sind, Liturgie als gesungenes Bekenntnis und Opfer, die mich etwas kosten.

Es gäbe aber noch eine dritte Variante. Und sie kommt Amos womöglich am nächsten: Liturgie als Spiel des Lebens. Lieder als Widerhall meines Glaubens. Als ins Leben gezogene Gottsuche. Opfer als liturgisch inszenierte Entsprechung eines Lebens, in dem der Einsatz für Recht und Gerechtigkeit im Zentrum meines Handelns steht.

Bonhoeffer fasste das in die bekannten Worte: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen!“ Liturgie nicht als ästhetischer Zierrat, um die eigene Gottesverdrängung zu vertuschen. Vielmehr soll sie Ausfluss eines Lebens sein, in dem der ganze Einsatz den Ausgegrenzten und Zukurzgekommenen gilt – sogar dann noch, wenn es nur um das rechte Gotteslob und die ehrliche Klärung meiner Gottesbeziehung gehen soll. Da kommen die Möglichkeiten der Liturgie als gottesdienstlich inszenierte Konsequenz des Einsatzes für Recht und Gerechtigkeit in dieser Welt gerade recht, nicht als erbauliche Inszenierung ohne Lebensbezug.

 

Dienende Engel

Invokavit, 18. Februar 

Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. (Matthäus 4,8–9)

Tag für Tag wird mir dieser Blick angeboten. Er springt aus der Zeitung entgegen, flimmert über den Bildschirm und leuchtet in den Geschäftsstraßen unserer Städte aus jedem Schaufenster. „Das alles kannst du haben!“, lautet das Motto, dessen Verlockung man erliegen soll. Aber den Teufel habe ich dabei nicht wahrgenommen. Eher eine kindliche Sehnsucht, dass alles gut wird, wenn es nur glänzend daherkommt, im Modus des Weiter, Größer und Schöner. Aber womöglich liegt gerade darin auch das Teuflische, in dem Irrglauben, dass mir nichts verwehrt bleibt und ich am Ende auf einem der Throne sitze, auf denen ich dem Himmel schon auf der Erde ganz nahekomme.

Ein Weltherrschertum der in die Irre Geführten! Es beruhigt mich, dass auch Jesus dem Anblick dieses irdischen Glanzes nicht entgehen konnte. Aber noch mehr beruhigt mich, dass er sich nicht wegduckt, sondern dagegenhält. Zuerst geschieht das durch argumentierenden Widerspruch: „Wiederum steht auch geschrieben!“ Zuletzt aber mit einem eindeutigen Platzverweis: „Weg mit dir, Satan!“

Vielfach kann es in der beginnenden Fastenzeit mit dem zeitlich begrenzten Verzicht „Sieben Wochen ohne“ sein Bewenden haben. Wenn ich aber die Weltlage und meine eigene Verstrickung darin anschaue, bräuchte es im einen oder anderen Fall womöglich doch ein nachhaltiges „Weg mit dir, Satan!“ Es bräuchte den Verzicht auf die trügerische Hoffnung, ich könnte mich wieder einmal in eine Zukunft durchwursteln und dass mich das Überleben der Natur und der kommenden Generationen wenig oder gar nichts kostet. Der Teufel, der mir beim ersten Blick oft entgeht, hat womöglich auch schon bei mir Unterschlupf gefunden. Als Jesus ihm Widerstand leistet und die Überzeugung entgegenschleudert, dass weniger mehr sein kann, macht er die Erfahrung, dass ihm die Engel dienen. Wer weiß, vielleicht nicht nur ihm.

 

Bleibende Einsicht

Reminiszere, 25. Februar

Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben. (4. Mose 21,9)

Vor einiger Zeit verirrte sich eine Schlange in unser Haus. Und ein tierkundiger Nachbar identifizierte sie als Kreuzotter. Ich war heilfroh, als die warme Sonne sie wieder ins Freie lockte. Denn ich fröstle immer etwas, wenn ich es mit Schlangen zu tun bekomme. Wahrscheinlich hatte ich deshalb schon als Kind meine Mühe mit der Geschichte von der „ehernen Schlange“. Das Bild der feurigen Schlangen, die sich mit einem tödlichen Biss durch die Menschen winden, weckte in mir Grauen und Furcht.

Höchst interessant ist aber die auf den ersten Blick überraschende Rettung, die Gott anbietet: Anstelle des ängstlichen Starrens auf die tödlich-feurigen Schlangen sollen die Menschen den Blick auf eine Schlange aus Metall richten, die sich um einen Stab windet. Nicht wegsehen ist also der Ausweg, sondern das Hinsehen, der heilsame Perspektivwechsel. Die feurigen Schlagen werden durch die metallene in Schach gehalten und ihrer tödlichen Kraft beraubt. Diese homöopathische Schlangenmedizin findet sich auch in den Heilerzählungen aus alter Zeit, nicht zuletzt in der Äskulap-Fabel. Kein Wunder, dass die Schlange mit dem Stab bis heute das Erkennungszeichen vieler Apotheken ist. Medizin, die leben lässt – daran erinnert diese Schlange.

Seit den ersten Jahrhunderten der Kirche wird in der christlichen Tradition das Abendmahl als Heilmittel der Unsterblichkeit verstanden und gefeiert. Dass Gott will, dass wir leben, bleibt für mich eine gesundmachend-bleibende Einsicht dieser Erzählung. Sie hilft gegen mein Schlangen-Frösteln – aber auch gegen noch viel ernsthaftere Bedrohungen.

 

Ja zum Menschen

Okuli, 3. März

Denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. (1. Petrus 1,18–19)

Was sind wir Menschen Gott wert? Man kann die Bibel als eine kleine Bibliothek verschiedener Antworten auf diese Frage verstehen. Da wird – ganz am Anfang – der Mensch als Gottes Ebenbild erschaffen und damit als Geschöpf auf Augenhöhe beschrieben und bewertet. So heißt es in Psalm 8: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan“ (Verse 5–7). Da werden Menschen – so die Offenbarung des Johannes – auch zur Rechten und zur Linken von Christus sitzen, um der endgültigen Gerechtigkeit Raum zu geben. Und mehr als alles drückt die Tatsache aus, dass Gott sich in Jesus aus Nazareth selbst den Bedingungen des Menschseins aussetzt: Gott kann sich das Gott-Sein ohne uns Menschen nicht vorstellen. Gottes Menschwerdung ist sein Ja zum Menschen als Geschöpf, dessen Wert aus Gottes Perspektive alle messbaren Größenordnungen übersteigt.

Der Verfasser des 1. Petrusbriefes hat keine Mühe, bei der Beantwortung der Frage nach dem Wert des Menschen auch Denkmuster der Ökonomie einzubeziehen und verweist auf den Wert der Edelmetalle Gold und Silber als Währung des Menschlichen. Aber weil er die Untauglichkeit der Taxierung des Menschen nach den üblichen Wertkategorien erkennt, verwirft er diesen Ansatz im selben Atemzug und bedient sich – wie bei den anderen Beispielen auch – theologischer Bewertungskriterien. „Erlöst“ – und damit bewertet – seien die Menschen durch das Blut Christi. Denn dieses sei im Gegensatz zu Gold und Silber nicht von einem Wertverfall gefährdet. Die Vitalität Gottes unterliegt eben gerade nicht den Bedingungen der Endlichkeit. Selbst wenn dem Briefschreiber entgeht, dass auch das Stichwort „Erlösung“ der Ökonomie entliehen ist, wird klar: Die Einsicht in die Bedeutung des – unendlichen! – Wertes des Menschen bei Gott ist ein Bekenntnisakt: zum bleibenden Wert und damit zur Würde des Menschen genauso wie zur Größe Gottes, die unsere Wertvorstellungen überschreitet. In den gegenwärtigen Debatten zur Kriegs- oder Friedenstauglichkeit sollte dieses Bekenntnis zum Wert des Menschen, der alle ökonomischen Kriterien aushebelt, ganz oben stehen.

 

Ja oder nein

Lätare, 10. März

Da sah ihn eine Magd im Licht sitzen und sah ihn genau an und sprach: Dieser war auch mit ihm. Er aber leugnete und sprach: Frau, ich kenne ihn nicht. (Lukas 22,56–57)

Eigentlich beneide ich Petrus! Denn auch ich wünsche mir, dass jemand, der mein Tun und Lassen beobachtet, zu der Einsicht gelangt: Der ist ein Anhänger des Jesus von Nazareth.

Manchmal dürfte das schwer genug sein. Schließlich setzt sich mein Denken und Handeln aus einer ganzen Mixtur von Prägungen, Beweggründen und Absichten zusammen. Und noch diffiziler wird es, wenn es darum geht, wie ich auf diese Bewertung von außen reagiere. Habe ich das Gefühl, ich werde als ewig gestrig eingestuft. Oder als Angehöriger einer Gruppe, die derzeit medial – so heftig wie lange nicht mehr – mit Argwohn, Kritik und Ablehnung überzogen wird. Und wäre ich auch mutig genug, mit einem klaren „Ja“ zu antworten, wenn öffentliches Bekennen mein Leben in Gefahr brächte?

Petrus wehrt sich mit aller Kraft dagegen, auch nur im Ansatz mit diesem Aufrührer in Verbindung gebracht zu werden. „Ich kenne diesen Menschen nicht!“ Und was hätte es Jesus gebracht, wenn auch Petrus der Prozess gemacht worden wäre? Denn Petrus hätte ja vielleicht noch etwas für Jesus tun können. Dann ist es doch gut, er bliebe in der Nähe Jesu.

Einen Verrat hatte Petrus nicht im Sinn, eher einen taktischen Umgang mit der Wahrheit in guter Absicht. Und heute gehört das manchmal fast zum guten Ton. Aber genau hier liegt das Problem. Die Wahrheit ist nicht verhandelbar. Und manchmal gibt es Situationen, in denen man nur zwischen einem „Ja“ und einem „Nein“ entscheiden kann. Deshalb beneide ich Petrus um den Hahnenschrei, der ihn aufweckt und zur Umkehr bringt. Und geschadet hat ihm das nicht. Denn er bleibt eine Zentralfigur, ein „Fels“, seit den Anfängen der Kirche und mit großer Bedeutung bis heute. Ab und an schaden ein paar ehrliche Petrustränen also nicht. Im Gegenteil! 

 

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