Gaarder-Maß

Philosophie als Graphic Novel
Foto: Privat

Als langjähriger Insasse des Elfenbeinturms, untergebracht im höhlenartigen Mittelbau, deren Bewohner nächtens sehnsüchtig die Dunkelkabinette der Ordinarien erkundeten, war ich zunächst skeptisch, als ein Jugendbuch: Sofies Welt die Bestsellerlisten stürmte und auch vor den Kinderzimmern meiner Töchter, zu denen ich beim Freigang Zugang hatte, nicht Halt machte. Mit spitzen Fingern und inkarnierter Arroganz habe ich das Buch gelesen. Zunehmend beeindruckt, machte die Arroganz einen Twist hin zur Demut. 

Wir Ex-Heidelberger waren spät dran. Besser: aus der Zeit gefallen. Als in Frankreich bereits die Meisterdenker Bücher unter der Rubrik Philosophie für Kinder publizierten (etwa Jean-François Lyotard: Postmoderne für Kinder), hatten wir soeben final alle Romantizismen und Kindermetaphern verabschiedet. Ich habe das säurefrei produzierte und nicht vergilbte Buch von Jostein Gaarder, der durch seine politischen Kommentare zum Staat Israel als public person nicht unumstritten ist, dieser Tage noch einmal in die Hand genommen, weil meine ältere Tochter Birte mich zu Weihnachten mit zwei Comic-Bänden überraschte: einer Graphic-Novel-Adaption des Romans von Jostein Gaarder durch Vincent Zabus und den französischen Comic-Zeichner Nicoby. Ich habe beide Bände zwischen den Zeiten gelesen. Ganztägig beglückt.

Fröhlicher Zirkel

Aber Comic und Philosophie – geht das zusammen? Der Grandseigneur der Heidelberger Hermeneutik, Hans-Georg Gadamer, pflegte in seinen Vorlesungen zu sagen, Schaubilder seien Krücken des Geistes (nur mit Widerwillen schrieb er in den wenigen Seminaren, die er damals noch hielt, etwas an die Tafel). Von Gadamer selbst stammt die These: Verstehen beginnt mit einem Vorurteil, das Vorurteil muss sich aber nicht bestätigen. Dieser fröhliche Zirkel lässt sich auch auf den Comic-Stil anwenden. Graphic Novel sind eben keine (in diesem Fall: nicht nur) Schaubilder, sondern Narrative, die an den Leser*innen handeln. Diese Erfahrung macht mutmaßlich jede Leserin. Eine prächtige Comic-Lesererfahrung partizipiert hinterrücks an den Erfahrungsqualitäten des Heiligen: inszeniert abgründiges Erschaudern und Erschrecken und zugleich explosiv befreiendes Lachen. 

Bildmächtig wird in den beiden Bänden eine Gigantomachie zwischen Idealisten und Realisten angezettelt, eingebettet in die sokratische Frage nach der Selbsterkenntnis. Diese Selbsterkenntnis wird in der Graphic Novel noch eine Stufe vorangetrieben, weil die Hauptfigur eine Comic-Figur ist, die nur stellvertretend den Prozess der Selbsterkenntnis durchläuft und sich zwischenzeitlich als Opfer des Autors und Zeichners deutet (Achtung: Freier Wille und Determinismus). Gut sokratisch wird der Prozess der Selbsterkenntnis dem Höhlengleichnis angepasst. Beide Bände vollziehen den gelegentlich anstrengenden Aufstieg und Auszug aus der Höhle.

Zwei Storylines

Die Graphic Novel präsentiert zugleich zwei Storylines: beschreibt die indo-europäische und die semitische Tradition. Und deren Verwebung. Zu den Glanzstücken des Ideenkarnevals zählen die Visiten in Athen, bei den Empiristen, Marx, Darwin, Freud und der Besuch im Café der Existentialisten. (Das spekulative Narrativ, vertreten durch Schelling und Hegel, bleibt leider kurzatmig, erinnert etwas an Druckbetankung.) Die späten Leser*innen bekommen Bonusmaterial, weil das Duo Zabus/Nicoby sehr geschickt das Thema Nachhaltigkeit und Klimawandel einspeist – von Gaarder in einem Anschlussbuch verarbeitet: 2084 – Noras Welt. Das Cover des zweiten Bandes bietet zudem eine xte-, aber phantasievolle Version von Michelangelos Erschaffung Adams.

Comic und Philosophie? Eine Mesalliance? Nein. Sie harmonieren bestens. Die Bände der philosophischen Lehrjahre stiften sogar Trost und Mut in dunkeln Zeiten. Philosophie im Gaarder-Maß.

P.S. Ich habe den Text geschrieben am 100. Geburtstag des Comiczeichners André Franquin. Der schuf den umwerfenden Büroboten Gaston und das Phantasietier Marsupilami. Neu ediert sind seine Comicstrips zu den Schwarzen Gedanken. Ebenfalls schräge, aber tröstliche Lektüre.

 

Cover des ersten Bandes
Cover des zweiten Bandes

 

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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