Weiß auf Schwarz

Warum die Hautfarbe ein ideologisches Konstrukt ist, das Hierarchien begründet
Die Black-Lives-Matter-Bewegung hat der Diskussion um Diskriminierung und Unrechtsstrukturen entlang der „colorline“ neues Leben eingehaucht. Unser Foto zeigt eine Demonstration in Mailand 2020.
Foto: akg
Die Black-Lives-Matter-Bewegung hat der Diskussion um Diskriminierung und Unrechtsstrukturen entlang der „colorline“ neues Leben eingehaucht. Unser Foto zeigt eine Demonstration in Mailand 2020.

Die größte Paradoxie der Aufklärung liegt darin, dass sie einerseits Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Humanismus, Menschenwürde und Bildung zu Grundprinzipien des Zusammenlebens erklärte, andererseits „Rassen“ erfand, um die Versklavung, Tötung und Ausbeutung von Millionen Menschen zu rechtfertigen. Die Bochumer Theologieprofessorin Claudia Jahnel schreibt über die ideologische Aufladung der Haut.

Senzenina, senzenina – What have we done? Our only sin is the colour of our skin. Our sin is the truth. They are killing us.“ Wie ein Cantus Firmus zog sich in der Zeit des Kampfes gegen die Apartheid in Südafrika dieses bewegende Xhosa-Lied durch unzählige Trauergottesdienste. „Unsere Hautfarbe ist unsere einzige Sünde. Die Wahrheit ist unsere Sünde.“ Das ist weder ironisch gemeint noch Ausdruck von Resignation. Was hier für den normalen Menschenverstand irrational und sarkastisch erscheint – wie können Hautfarbe und Wahrheit eine Sünde sein? –, beschreibt in Wirklichkeit die Macht rassistischer, physischer und epistemischer Gewalt: Die Logik des Rassismus verdreht Wahrheit und Lüge und hat doch die Macht zu bestimmen, was wahr und was falsch, gerecht und sündig ist, wer leben darf und wer sterben muss.

Über die Farbe(n) der Haut kann heute nicht gesprochen, geschrieben oder auch nur gedacht werden, ohne die Rassifizierung von Menschen auf der Grundlage äußerer Merkmale mitzubedenken, die der französische Philosoph Gilles Deleuze als Wahn bezeichnet hat: „Im Wahn gibt es immer einen N[****], einen Juden, einen Chinesen, einen Großmogul, einen Arier.“ Denn der Wahn erfindet „Rassen“ und nimmt dem Sehen von Hautfarben die Unschuld.

Wie kommt es, dass das europäische und nordamerikanische Denken den Körper des Menschen immer wieder auf seine Erscheinung reduziert und „Weiß“ gelesene Menschen einer höheren Entwicklungsstufe zuordnet, in „Schwarz“ gelesene Menschen hingegen Primitivität, Unzivilisiertheit und Exotik hineinliest? Nebenbei: Ich schreibe „Schwarz“ und „Weiß“ groß und in Anführungszeichen, weil sie keine Hautfarbe darstellen, sondern ein Konstrukt.

Ein Konstrukt, keine Hautfarbe

Warum lösen „Schwarz“ gelesene Menschen, in den Worten des kamerunischen Philosophen Achille Mbembe gesprochen, „leidenschaftliche Dynamiken und ein Übermaß an Irrationalität aus, die stets das gesamte System der Vernunft auf die Probe stellen“? Die europäische Aufklärung hat die Irrationalität dieses kodifizierten Wahns ganz offensichtlich nicht verhindert, der die Hautfarbe als Ausweis von Minder- oder Höherwertigkeit erfindet. Im Gegenteil: Die größte Paradoxie, ja der Abgrund der Aufklärung liegt darin, dass sie einerseits Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Humanismus, Menschenwürde und Bildung zu Grundprinzipien des Zusammenlebens erklärte, andererseits „Rassen“ erfand, um die Versklavung, Verschleppung, Tötung und Ausbeutung von Millionen „Schwarz“ gelesener Menschen zu rechtfertigen. Dieser Black Holocaust beziehungsweise die Maafa (das Swahili-Wort für „Katastrophe“ steht für die Gräuel von Kolonialismus und Sklaverei) stellt die Aufklärung, deren Denken sie entspringt, radikal infrage, und jede und jeder, die oder der die Werte der Aufklärung verteidigt (und das ist heute an sich mehr denn je nötig), sollte sich fragen, wie nicht „Weiße“ Menschen zu „Anderen“ und zu Fast-Menschen gemacht werden konnten und wie das humanistische Projekt einer weltumspannenden Menschheit und Menschlichkeit an der Farbe der Haut scheitern konnte.

Die Spuren einer an Hautfarben orientierten Unterscheidung von Menschengruppen reichen weit zurück. Schon der griechische Arzt Hippokrates und, auf dessen Erkenntnissen aufbauend, der Philosoph Aristoteles suchten nach Gründen für die unterschiedlichen Hautfarben von Menschen und ent­wickelten eine Klimatheorie. Sie teilten die damals bekannte Welt in drei Klimazonen ein und führten die dunklere Hautfarbe von Bewohnerinnen und Bewohnern südlicher Länder auf die intensivere Sonneneinstrahlung zurück. Mit der Hierarchie der „Rassen“ wurde die Klimatheorie allerdings erst im 18. und 19. Jahrhundert im Zuge des Aufstiegs der Naturwissenschaften in Verbindung gebracht. Als Oberflächenphänomen wurde Haut zu einem Gegenstand wissenschaftlicher Fernwahrnehmung, weil sie von außen vermeintlich „objektiv“ und aus postulierter wissenschaftlicher Distanz heraus betrachtet und beurteilt werden konnte. Schlussfolgerungen von der Hautfarbe auf den Charakter und die Lebensweise der untersuchten Menschen galten so als empirisch autorisiert.

Einer der einflussreichsten Naturforscher dieser Zeit war Georges-Louis LeClerc, Comte de Buffon (1707 – 1788). Auf Grundlage von Reiseberichten unterstreicht er in seinem 1749 erschienenen 37-bändigen Werk Histoire naturelle den klimatheoretischen Kausalzusammenhang von Klima, Hautfarbe, Physiognomie, Lebensweise und Charakter. Für den weiteren Diskurs um Hautfarbe und „Rasse“ ist dabei vor allem seine These der Reversibilität bedeutsam: Hautfarben, Lebensweisen und Charaktere können sich, so Buffon, durch Migrationsprozesse wieder umkehren. Die vermeintlichen charakterlichen und „farblichen“ Unterschiede seien also nicht ontologischer Natur. Vielmehr sei bei allen Unterschieden von einem gemeinsamen Menschsein auszugehen.

Dieser Argumentation folgten zahlreiche Kämpferinnen und Kämpfer für die Rechte „Schwarz“ oder „Farbig“ gelesener Menschen, von Bartholomé de las Casas bis Desmond Tutu. Die Feststellung der verbindenden Humanität kann aber auch als Täuschungsmanöver fungieren, wenn nämlich unter dem Deckmantel von Aufklärung und Humanismus anhaltende hierarchisierende und gewaltvolle Unterscheidungen invisibilisiert werden. Schon Buffon hinderte die Verkündigung der gemeinsamen Menschlichkeit nicht daran, in seiner Abhandlung „Dissertation physique à l’occasion du nègre blanc“ (1744) die „weiße“ Farbe als anthropologische Grundfarbe und damit als „normal“ und als normativ zu verstehen.

Die theologische Debatte des 18. Jahrhunderts verband die Diskussion um ein alle Menschen umfassendes gemeinsames Menschsein mit der Frage nach einem gemeinsamen „Stammvater“. Weit verbreitet war diesbezüglich bis in das 19. Jahrhundert hinein die frühe Hamiten-Theorie, der zufolge „Schwarzafrikanerinnen und -afrikaner“ als Nachkommen Hams betrachtet wurden. Der Sohn Noahs hatte sich laut Genesis 9 über seinen schlafenden nackten und berauschten Vater lustig gemacht und wurde dafür zu harter Arbeit unter heißer Sonne verflucht. Die Folge davon war, dass sich „[u]nter einem glühenden Himmel [Afrikas …] die Hamiten in N[****]“ verwandelten, so konstatierte noch 1839 der Geograf, Historiker und Theologe Frédéric de Rougemont (1808–1876). Damit war nicht nur „Schwarze“ Haut als Folge der Sünde markiert. Auch das Recht zur Versklavung und Ausbeutung „Schwarz“ gelesener Menschen sowie der Ausschluss aus der Genealogie des jüdisch-christlichen Stammvaters erhielten in dieser Theorie ihre theologisch-göttliche Legitimation.

Von diesem theologischen Erklärungsansatz grenzten sich verschiedene Forscher mit naturwissenschaftlichen, theologischen und kombinierten Argumenten ab. Mit Hilfe der klimatheoretischen Begründung der Verschiedenheit der Hautfarben rechtfertigte etwa der französische Missionar Abbé Demanet in seinem Werk Neue Geschichte des französischen Afrika (1767) die Vorstellung eines allen gemeinsamen Stammvaters und Ursprungs aller Menschen. Doch auch Abbé Demanet lässt keinen Zweifel an der „Normalität“ und Normativität von „Weißsein“ als dem „ursprünglichen“ Zustand, wenn er im letzten Kapitel seines Werkes unter dem Titel „Historisch-physische Abhandlung über den Ursprung der N[****] und die Ursache ihrer Farbe“ konstatiert:

„Auch diejenigen, die aus Furcht oder aus Neugierde Afrika zuerst besetzten, waren, wie alle Kinder und Nachkommen Noahs, weiß: allein Thau, Luft, und die zurükgeworfenen [sic] Sonnenstralen [sic] machten sie bald braun, dann schwärzlich, und nach einigen Zeugungen mehr oder weniger schwarz, je nachdem sie den Einwirkungen der genannten Ursachen mehr oder weniger ausgesetzt waren […] Nicht also die Natur des Menschen hat sich verändert, sondern nur allein seine Haut, die die Eindrüke [sic] des Klimas und des Sonnenbrandes empfangen hat.“

Im deutschsprachigen Raum haben insbesondere Äußerungen Immanuel Kants die Deutung der Farbe der Haut in der Zeit der Aufklärung geprägt. Vor allem in seinen Abhandlungen „Von den verschiedenen Rassen des Menschen“ (1777) sowie in „Bestimmung des Begriffs einer Menschenrasse“ (1785) beschäftigt Kant die Frage nach der Genese der Hautfarben und dem „Ursprung der N[****]schwärze“, die er konstant als Sonderfall betrachtet und negativ bewertet:

„Die Haut mußte geölt sein, nicht bloß um die zu starke Ausdünstung zu mäßigen, sondern die schädliche Einsaugung der fäulichten Feuchtigkeiten der Luft zu verhüten. Der Überfluß der Eisentheilchen, die sonst in jedem Menschenblute angetroffen werden und hier durch die Ausdünstung des phosphorischen Auren […] in der netzförmigen Substanz gefällt worden, verursacht die durch das Oberhäutchen durchscheinende Schwärze.“

Die Reduktion von Menschen „anderer“, „schwarzer“ Hautfarbe auf ihre Haut ging so weit, dass der deutsche Biologe Lorenz Oken im Jahr 1811 in seinem Lehrbuch der Naturphilosophie den afrikanischen „Hautmenschen“ vom europäischen „Augenmenschen“ unterschied. Auch hier schlägt sich eine deutliche Hierarchisierung nieder, gilt doch seit der Antike und der frühen Christenheit der Sehsinn dem taktilen Haut-Sinn gegenüber als deutlich überlegen.

Okens Feststellung lässt sich aber auch anders interpretieren: Die Hautfarbe der „Anderen“ war und ist ein Blickfang von Voyeuren, seien es Forscher, Philosophinnen oder auch Missio­nare. Sie ist Schauplatz für Annäherungen wie für Differenzbekundungen, kurz: Sie ist ein ideologisches Konstrukt, das Hierarchien zwischen Menschengruppen, die Höherwertigkeit der „Weißen“ und die Versklavung, ja den Tod „Schwarz“ und „Farbig“ gelesener Menschen begründet. Als Markierung und zentrale Kategorie für Grenzziehungen ist sie Ergebnis eines Abstraktionsprozesses – denn welcher Mensch ist tatsächlich „schwarz“, „weiß“, „braun“ oder „gelb“? Deutlich lässt sich der Einfluss der christlichen Farbsymbolik erkennen, in der „Weiß“ als Farbe des Göttlichen und der Unschuld kodiert ist, „Schwarz“ hingegen als Farbe des Todes und der Sünde.

Beileibe nicht abstrakt sind jedoch die Auswirkungen der farblichen Abstraktionen. Das Ausmaß des physischen Leids, das mit den Farbcodierungen noch immer einhergeht, ist nicht vorzustellen. Auch in Bewusstsein und Frömmigkeit hinterlässt die Logik, die die Hautfarbe der „Anderen“ als „unnormal“ erklärt, zur Sünde deklariert und zur Projektionsfläche von Hass und Gewalt macht, Spuren.

Besonders ausdrucksstark hat Frantz Fanon die performative Gewalt des Hautfarben-Diskurses festgehalten. Der westliche „Weiße“ Blick auf Menschen „Schwarzer“ Hautfarbe hat eine qualvolle Wirkung, so der algerische Psychoanalytiker und antikoloniale Widerstandskämpfer: Unter dem aggressiven Blick des „Weißen“ löst sich der „Schwarz“ gelesene Mensch allmählich auf, er zerfällt in „unzählige Zersplitterungen“ und „Scherben“. Das Schlimmste ist laut Fanon jedoch die Internalisierung dieses Blicks: Der „Schwarz“ gelesene Mensch betrachtet sich selbst immer mehr mit Ekel als Abjekt – als abzuspaltender und wegzuwerfender Teil der Gesellschaft. James Cone, Doyen der Black Theology Nordamerikas, spricht vom „Gift Weißer Überlegenheitsvorstellung“, das „Schwarz“ gelesene Menschen von innen heraus, in ihrem Selbstwert und in ihrer Spiritualität, vernichte, während sich der „Weiße“ als überlegen fühle.

Unterschwelliger Rassismus

Ein Blick nach vorn: Die Black-Lives-Matter-Bewegung und der Mord an George Floyd haben der Diskussion um Diskriminierung und Unrechtsstrukturen entlang der „color-line“ neues Leben eingehaucht, auch in Deutschland. Color Blindness ist keine Lösung, denn sie täuscht unter Gleichheitspostulierungen über existierende Ungleichbehandlungen hinweg und dient vor allem dem Interesse „Weißer“ Menschen, sich vom Rassismus zu distanzieren. Die Strategien dieser Ablenkung rangieren zwischen Schweigen und „Nicht-über-Farbe-Sprechen“ bis hin zum Interesse, die political correctness in Politik, Kirche oder Filmindustrie unter Beweis zu stellen. Dabei werden „Schwarz“ oder „Colored“ gelesene Menschen oftmals als Aushängeschilder von vermeintlicher Diversität funktionalisiert, wie etwa der Musiker Jamarl Billy kritisiert: „I love it when you don’t use me to make your church seem more diverse.“

Die Abgründe der Aufklärung zeigen, dass Hautfarbe und Rassismus in erster Linie ein „Problem“ „Weißer“ Menschen ist. Diese befassen sich jedoch selten und ungern mit ihrem „Weißsein“, den „Weißen Privilegien“ und ihrer „White Fragility“, also dem oftmals widersprüchlichen Umgang mit ihrem vermeintlich unterschwelligen Rassismus. Bewegungen wie #Dear White Christians fordern demgegenüber vehement, dass sich „Weiße“ auch und besonders im Raum von Theologie und Kirche von ihrer „Weißen“ Unschuld verabschieden, farb­orientierte Denk- und Handlungsstrukturen selbstkritisch beleuchten und damit dem Plädoyer der Aufklärung folgen, die selbstverschuldete Unmündigkeit zu überwinden. 

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt.

Online Abonnement

Die komplette Printausgabe und zusätzlich aktuelle Texte als Web-App

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus
Foto: privat / Jens Schulze, EKD

Claudia Jahnel

Dr. Claudia Jahnel ist Professorin für Interkulturelle Theologie und Körperlichkeit an der Universität Bochum.


Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Gesellschaft"