Horrorszenario Große Transformation?

Kritische Sichtung der zeitzeichen-Debatte um die Bewahrung der Schöpfung
Seacliff Beach bei Nacht, North Berwick, East Lothian, Schottland, 8. Januar 2022.
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Seacliff Beach bei Nacht, North Berwick, East Lothian, Schottland, 8. Januar 2022.

Kürzlich lieferten sich zwei Theologen in zeitzeichen einen heftigen Schlagabtausch. Dabei warf der eine dem anderen ein „Horrorszenario“ vor. Der Theologe Jörg Herrmann, Direktor der Evangelischen Akademie der Nordkirche, bezieht Stellung und nimmt den „Apokalyptiker“ Thomas Zeitler gegen den „Abwiegler“ Ralf Frisch eindeutig in Schutz.

Unter der Überschrift „Mao Reloaded“ hat sich der Theologe Ralf Frisch im März-zeitzeichen mit einer vernichtenden Kritik eines Beitrages seines Nürnberger Kollegen Thomas Zeitler zur theologischen Herausforderung des Anthropozäns im Februar-zeitzeichen zu Wort gemeldet. Was Zeitler da skizziert habe, sei in Wahrheit ein „Horrorszenario“.

Die Überlegungen von Zeitler seien nämlich in Wirklichkeit nicht mehr und nicht weniger als „blutroter Klima-Maoismus“ im ökospirituellen Schafspelz. Da schreibt sich einer erneut in Rage. Frisch meint, man müsse Thomas Zeitler besser verstehen, als er sich selbst versteht und geht so weit, dem Kollegen zu unterstellen, er werde „aufgrund der Dringlichkeit seiner Mission letztlich auch irgendwann kein Problem damit haben, Überzeugung durch Überwältigung und Demokratie durch Diktatur zu ersetzen“.

Aber der Reihe nach. Frisch geht von der Annahme aus, Zeitler suggeriere „die Evidenz eines moralischen Ausnahmezustandes jenseits aller Güterabwägungen (…), in dem differenzierte demokratische Diskurse als zynisch und zukunftsgefährdend erscheinen und daher letztlich nicht mehr ethisch legitim“ seien. „Unmissverständlich“ wolle Frisch den Leser*innen klar mache, worauf man sich einlassen, wenn man wie Zeitler „mit der Großen Transformation flirtet“.

Notwendigen Strukturwandel benannt

Weiß Ralf Frisch überhaupt, woher der Begriff der „Großen Transformation“ kommt, was damit gemeint ist? Ich fürchte nicht. Denn dann müsste er der Merkel-Regierung unterstellen, längst Kurs auf einen Ökodiktatur genommen zu haben. Oder jedenfalls ihrem Wissenschaftlichen Beirat globale Umweltveränderungen (WBGU). Denn dieses Gremium seriöser Wissenschaftler*innen hat den Begriff mit seinem Hauptgutachten „Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“ von 2011 in die Diskussion eingeführt. Es hat sich dabei auf das berühmte Buch „The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Wirtschaftssystemen“ des Wirtschaftswissenschaftlers Karl Polanyi von 1944 bezogen, in dem Polanyi die Verselbstständigung der kapitalistischen Ökonomie gegenüber der Gesellschaft und deren zerstörerische Folgen analysiert. Der WBGU greift den Begriff auf, um den notwendigen Strukturwandel von einer fossilen zu einer postfossilen Gesellschaft und Wirtschaft zu benennen.

Mittlerweile ist der Begriff der „Großen Transformation“ zu einem Zentralbegriff der Nachhaltigkeitsdebatte geworden. Uwe Schneidewind beschreibt ihn in seinem grundlegenden Buch „Die Große Transformation. Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels“ von 2018 so: „Die Große Transformation beschreibt einen massiven ökologischen, technologischen, ökonomischen, institutionellen und kulturellen Umbruchprozess zu Beginn des 21. Jahrhunderts.“ In der Nachhaltigkeitsdebatte ist unstrittig, dass wir einen solchen Prozess brauchen und dass er zunehmend dringlicher geworden ist. Genau genommen hat er bereits begonnen, man denke an die Energiewende, die Mobilitätswende, die Ernährungswende und so weiter.

Die Frage ist jetzt vor allem, wie schnell diese Transformationsprozesse vorangetrieben werden können, um Erderhitzung und Naturzerstörung so weit zu begrenzen, dass katastrophische Entwicklungen verhindert werden können. In diesem Zusammenhang weist Thomas Zeitler sehr zu Recht darauf hin, dass das Zeitfenster zur Umsteuerung sehr klein geworden ist. In der Tat müssten innerhalb eines Jahrzehnts wesentliche Weichen gestellt werden, und zwar weltweit.

In die Ecke gestellt

Diese Dringlichkeit wird in der öffentlichen Debatte nicht angemessen wahrgenommen. Sie wird verdrängt oder wegargumentiert. Wer wie Zeitler die Dringlichkeit betont, wird schnell als Apokalyptiker, Angstmacher oder verkappter Diktator in die Ecke gestellt. Ich fürchte, es könnte uns ähnlich ergehen wie mit dem aktuellen Kriegsgeschehen: Es gab im Vorfeld zahllose Hinweise auf das, was am 24. Februar 2022 geschah, aber wenige haben sie ernst genommen. Was ist mit den Weckrufen in Sachen Klimaschutz? Sind sie schon wieder vergessen? Das Ahrtal, die apokalyptischen Waldbrände in Australien, die letalen Hitzewellen in den USA?

Ich denke, wir brauchen eine ehrlichere Debatte über die Dringlichkeit der ökologischen Transformation. Damit müssen sich im Übrigen alle Nationen dieser Welt unabhängig von ihren politischen Systemen auseinandersetzen. Wer die Augen vor der Notwendigkeit schnellen Handelns verschließt, weil er meint, dass das Dringlichkeitsargument nur einem Klima-Maoismus in die Hände spiele, verschließt die Augen vor der Realität. Wir befinden uns tatsächlich im Angesicht einer weltgeschichtlichen Herausforderung. Dies zu leugnen oder kleinzureden, ist verantwortungslos.

Unredlich ist es auch, den Begriff der Großen Transformation polemisch zu diskreditieren, ihn einseitig mit den radikalen Klimaprotestlern von Extinction Rebellion zu verbinden und vor allem zu meinen, die Große Transformation bedeute, „im Einklang mit der Natur zu sterben, also für die Große Transformation zu hungern, zu frieren und in Immobilität, Armut und medizinischer Unterversorgung, sprich: in einem deindustrialisierten Jammertal notdürftiger Subsistenzwirtschaft dahinzuvegetieren“. Was für ein Unsinn! Da zeigt sich, dass der Autor sich keine Sekunde mit den vielen Studien und Szenarien beschäftigt hat, die aufzeigen, wie eine ökologische Transformation auch der frühindustrialisierten Länder so stattfinden kann, dass Dekarbonisierung kein Rückfall ins Mittelalter bedeutet, sondern der Schritt in eine Zukunft mit besseren, ökologischeren Technologien.

Maßlose Selbstüberschätzung

Zum theologischen Disput ist damit noch nichts gesagt. Ich glaube nicht, dass wir eine andere Theologie brauchen, auch keine „Transformationschristologie“ mit einem „kosmischen Christus“, von der Zeitler spricht. Die Theologie, die wir haben, reicht aus: Der Schöpfungsglaube und eine Verantwortungsethik, die über das Heute hinausblickt. Ehrfurcht vor dem Leben, die hilft, die mentalen und kulturellen Infrastrukturen zu verändern und aus einem instrumentellen ein mimetisches und kokreatives Naturverhältnis zu machen.

Klar, über Schöpfungstheologie angesichts der Herausforderungen des Anthropozäns noch einmal neu nachzudenken, kann hilfreich und motivierend sein. Was wir aber vor allem brauchen, ist eine konsequentere Praxis. An der Stelle können die Kirchen etwas beitragen. Ihre Begründungen sind zweitrangig, an dem Punkt gebe ich Ralf Frisch Recht: „Der Klimaschutz braucht keine religiöse Begründung.“ Er leuchtet auch ohne Gott ein. Wenn Christen hier durch ihren Glauben noch bestärkt und zusätzlich motiviert sind, ist das zu begrüßen.

Aber die Kirchen sollten nicht meinen, ihre schöpfungstheologischen oder christologischen Begründungen könnten der ökologischen Transformation den entscheidenden Impuls geben oder das rettende Narrativ liefern. Das wäre maßlose Selbstüberschätzung. Präsentische Soteriologie: ja, aber im Horizont der futurischen Eschatologie. Die Verwandlung von Himmel und Erde ist immer noch Gegenstand christlicher Zukunftshoffnung, nichts, was wir durch eine Erschließung von Christusimpulsen schon umfassend bewirken könnten.

Ja, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Es kann hier und jetzt aufblitzen, schon gegenwärtig sein. Aber die Zweideutigkeit dieses Lebens bleibt. Christen können hoffentlich dazu beitragen, dass wir morgen nicht ein einer Drei- oder Vier-Grad-Welt aufwachen. Aber sie können das Reich Gottes nicht herbeizwingen. Wer das glaubt, bewegt sich tatsächlich in die Nähe von Ensslin und Mao. An dem Punkt weist Frisch zu Recht auf eine Gefahr hin. Für die klimapolitische Praxis reicht es aber, wenn sich Akteure aus unterschiedlichen weltanschaulichen oder religiösen Kontexten auf gemeinsame Ziele verständigen und diese konsequent verfolgen.  

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