Sie nennen es „Game“

Wie Flüchtlinge in Bosnien und Serbien die EU-Grenze überwinden wollen

Tausende Geflüchtete leben illegal an der EU-Außengrenze im Osten und versuchen immer wieder, die Grenze dauerhaft zu überwinden. Doch wenn sie zum „Game“ aufbrechen, geht es nicht um ein Spiel, sondern um ihre Zukunft. Der Journalist Klaus Petrus hat Menschen auf der Flucht im bosnischen Bihać und im serbischen Horgoš getroffen.

Dreimal schon hat Hassan Wali in den vergangenen Wochen an der bosnisch-kroatischen Grenze das „Game“ gewagt – so nennen die Migranten ihren Versuch, unbemerkt in ein EU-Land zu gelangen. Und immer wurde der 25-jährige Afghane von der kroatischen Polizei aufgegriffen und über die Grenze zurück nach Bosnien geschafft. „Es gibt Zeiten, da fehlt einem das Glück.“

Ein altes Getreidelager dient den Flüchtlingen in Horgoš als illegale Unterkunft. Von hier aus versuchen sie, den von Ungarn errichteten Grenzzaun zu überwinden.
Foto: Klaus Petrus
 

Wali sitzt auf dem Dach eines verfallenen Altenheimes in Bihać, einer Stadt im Nordwesten Bosniens nahe der kroatischen Grenze, er wirkt müde und abgekämpft. An die zweihundert Geflüchtete haben hier vorübergehend Unterschlupf gefunden, fließendes Wasser, Toiletten und Strom gibt es nicht. Seit sich 2018 die Balkanroute von Ungarn nach Westen verschoben hat, ist Bosnien für viele Migranten zur Sackgasse geworden: Von achttausend Geflüchteten, die sich derzeit hier aufhalten – manche Organisationen reden von zwölftausend –, leben angeblich zweitausend außerhalb der sechs offiziellen Camps irgendwo in Wäldern, in Barracken oder verfallenen Gebäuden und kommen nicht weiter.

Hassan Wali stammt aus Afghanistan und floh 2019 vor den Taliban. Jetzt ist er einer der vielen tausend Geflüchteten, die derzeit in Bosnien feststecken.
Foto: Klaus Petrus

Hassan Wali stammt aus Afghanistan und floh 2019 vor den Taliban. Jetzt ist er einer der vielen tausend Geflüchteten, die derzeit in Bosnien feststecken.

 

Wie Hassan Wali – seit einem Dreivierteljahr schon sitzt er in Bosnien fest. Anfang 2019 hat er seine Heimatstadt in der Provinz Bajaur nahe der afghanischen Grenze verlassen, aus Furcht vor den Taliban, wie er sagt. Seine Eltern sind geblieben, seine drei Schwestern auch. Zu Fuß und auf Lastwagen durchquerte er in drei Wochen zuerst den Norden Afghanistans, dann den Iran bis an die türkische Grenze. Dort wurde er von Schleppern nach Istanbul gebracht, wo er für einige Monate Arbeit in einer Fabrik fand: zwölf Stunden am Tag, 250 Euro im Monat, ohne Vertrag. „Das reichte für die Miete, Essen und Kleider.“ Als er den Job verlor, machte er sich mit einer Gruppe Pakistani weiter auf den Weg von Bulgarien über Serbien nach Bosnien. „Wir kamen kaum voran, mussten uns immer wieder vor der Grenzpolizei verstecken. Und es war Winter.“ Im Januar 2020 erreichte Wali Sarajewo und kam in einem der offiziellen Lager unter. Monate später machte er sich zu Fuß auf nach Bihać in den Nordwesten Bosniens. Zuerst war er südlich der Stadt im Camp Lipa, das im Dezember 2020 niederbrannte, doch schon bald versuchte er, auf eigene Faust über die Grenze nach Kroatien zu gelangen, kam in verlassenen Häusern unter, in alten Fabriken oder dem Altenheim im Stadtzentrum von Bihać, einer Ruine.

Tausende Geflüchtete leben illegal an der EU-Außengrenze im Osten.
Foto: Klaus Petrus

Zweihundert von ihnen leben in einem verfallenen Gebäude in Bihać, das früher als Altenheim diente.

 

Anders als im flachen Norden Serbiens, wo seit 2015 ein 175 Kilometer langer und drei Meter hoher Zaun die Grenze zu Ungarn markiert, ist der dichtbewaldete, hügelige und vom Jugoslawienkrieg in den 1990er-Jahren immer noch verminte Norden Bosniens schwieriger zu kontrollieren. Entsprechend groß ist das Aufgebot an kroatischen Grenzschützern, sechstausend an der Zahl sollen es sein. Wie andere Migranten klagt auch Wali über das rabiate Vorgehen der Grenzpolizei. „Sie schlagen mit Knüppeln auf uns ein, verdrehen uns die Arme, treten uns in den Rücken, sie nehmen uns alles Geld weg und schlagen die Handys kaputt.“

Dass Migranten bei ihrem Versuch, die Grenze zu überqueren, gewaltsam zurückgeschoben werden, streitet Kroatien – wie schon 2015/16 die ungarische Regierung – kategorisch ab. Zwar hatte 2019 die damalige kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović gegenüber dem Schweizer Fernsehsender SRF eingeräumt, dass ihr Land Abschiebungen vornehme nach Bosnien und dabei „natürlich ein wenig Gewalt“ nötig sei. Inzwischen ist von „haltlosen Behauptungen“ der Geflüchteten die Rede; sie würden sich die Verletzungen bloß ausdenken oder selbst zufügen.

Spuren der Gewalt: Ein Geflüchteter zeigt sein Bein, nachdem er von kroatischen Grenzpolizisten gefasst, verletzt und nach Bosnien zurückgeschickt wurde.
Foto: Klaus Petrus

Spuren der Gewalt: Ein Geflüchteter zeigt sein Bein, nachdem er von kroatischen Grenzpolizisten gefasst, verletzt und nach Bosnien zurückgeschickt wurde. Jetzt wartet er in dem früheren Altenheim auf seine nächste Chance, die EU-Grenzen zu überwinden.

 

Dabei sind die Beweise erdrückend. Im Dezember vergangenen Jahres publizierte das Border Violence Monitoring Network (BVMN), ein Zusammenschluss von NGOs und Menschenrechtsorganisationen, auf 1500 Seiten ein „Schwarzbuch der Pushbacks“. Darin werden 892 Zeugnisse von Abschiebungen in Italien, Griechenland, Ungarn, Kroatien und Slowenien erfasst, die insgesamt 12 654 Personen betreffen – bei sechzig Prozent solcher „Pushbacks“ soll Gewalt im Spiel sein. Dass derlei Rückschaffungen gegen geltendes Recht verstoßen – und zwar unabhängig davon, ob Gewalt im Spiel ist –, weiß auch die kroatische Regierung.

Zweihundert von ihnen leben in einem verfallenen Gebäude in Bihać, das früher als Altenheim diente.
Foto: Klaus Petrus

 

Wer in seinem Heimatland bedroht oder verfolgt wird, hat nämlich grundsätzlich das Recht, in einem anderen Land um Schutz und Asyl zu ersuchen. Dieses Recht wird von Staaten wie Kroatien verletzt, sobald Migranten aufgegriffen und auf der anderen Seite der Grenze wiederum abgesetzt werden.

Illegaler Grenzschutz

Obschon illegal, wird diese Flüchtlingspolitik von der EU gefördert. In ihrem Haushaltsrahmen für 2021 bis 2027 hat die EU-Kommission unlängst eine Erhöhung der Finanzmittel für die Posten „Grenzsicherung“ und „Migration“ auf 34,9 Milliarden Euro vorgeschlagen; für den Zeitraum 2014 bis 2020 waren es noch 13 Milliarden Euro. Kritiker sagen, die EU versuche mit dem verstärkten Grenzschutz lediglich zu kaschieren, dass sie sich seit Jahren nicht auf ein funktionierendes Asylsystem einigen könne. Ein Beleg dafür sei, dass die Grenzländer von der EU immer wieder in ihrer Rolle als „Schutzschild Europas“ bestätigt würden. Das trifft gegenwärtig vor allem für Kroatien zu; pro Jahr unterstützt die EU den kroatischen Grenzschutz mit 6,8 Millionen Euro. Beim Treffen der EU-Innenminister in Zagreb vor gut einem Jahr wurde Kroatien für sein Migrationsmanagement ausdrücklich gelobt. Der Regierung dürfte derlei nur recht sein. Zwar ist das Land seit 2013 Mitglied der EU, jedoch kein Teil des Schengen-Raums. Schon deswegen wird Kroatien einiges daransetzen, dem Rest der EU zu zeigen, dass es sehr wohl in der Lage ist, seine Grenzen zu schützen.

In Horgoš leben diese Flüchtlinge.
Foto: Klaus Petrus

 Ob diese Abschottungspolitik Menschen davon abhalten wird, in die EU zu flüchten, ist zu bezweifeln. Hassan Wali jedenfalls wird es aufs Neue versuchen. Zurück nach Hause ist für ihn keine Option, die Taliban sind weiter im Vormarsch. Und dann ist da die Scham: Daheim hat sich die Familie verschuldet, siebentausend Euro hat die Flucht ihres Sohnes bereits gekostet. Würde Wali jetzt zurückkehren, nach all dieser Zeit und all dieser Mühe, er hätte versagt. Es gibt für ihn nur den Weg über die nächste Grenze. Die Route hat er bereits festgelegt. Wenn er mit Essen und Trinken, einem Schlafsack und einem zusätzlichen Paar Schuhe im Rucksack drei Kilometer pro Stunde schafft – so rechnet er aus –, könnte er in vierzehn Tagen Kroatien und Slowenien durchquert und Triest erreicht haben.

In Horgoš leben diese Flüchtlinge.
Foto: Klaus Petrus

 

Wie es dann weitergeht, weiß Wali noch nicht. In der Schule habe der Lehrer ihnen als Beispiel für ein schönes, sicheres, sauberes Land immer eines gezeigt mit Bergen und freundlichen Menschen. Daran erinnert sich Wali bis heute, und so stellt er sich Österreich vor, die Schweiz oder Deutschland.

Neue und alte Routen

Wie Hassan Wali ergeht es auch jenen Flüchtlingen, die sich nach wie vor auf den griechischen Inseln und dem Festland befinden, an die 120 000 sollen es sein. Viele werden trotz massivem Polizeiaufgebot den Weg durch den Balkan auf sich nehmen – und dabei neue und alte Routen ausprobieren. Wie zum Beispiel über Nordmazedonien nach Serbien oder von Rumänien via Serbien an die ungarische Grenze – also genau dorthin, wo vor Jahren die Balkanroute offiziell geschlossen wurde. Tatsächlich sind dort wieder vermehrt Flüchtlinge anzutreffen. Im Herbst 2020 war das staatliche Lager in Subotica unmittelbar an der serbisch-ungarischen Grenze überfüllt. Zahlreiche Migranten hausten entlang der Grenze in verfallenen Häusern und warteten auf eine Gelegenheit, um nach Ungarn zu gelangen – ob mit Hilfe von Schmugglern oder auf eigene Faust.

Auch Baltan N. stammt aus Kabul und versuchte sein Glück an der serbisch-ungarischen Grenze.
Foto: Klaus Petrus

Auch Baltan N. stammt aus Kabul und versuchte sein Glück an der serbisch-ungarischen Grenze.

 

Unter ihnen war auch Baltan N., ein 18-jähriger Afghane, der vor zwei Jahren aus Kabul flüchtete, wie Hassan Wali eine Zeit lang in der Türkei Arbeit fand und seit Sommer 2020 auf dem Balkan steckenblieb. Wie viele andere hatte auch er sich beim „Game“ verletzt und sich den Fuß verstaucht. Nur waren es diesmal nicht ungarische Grenzpolizisten, die ihm diese Verletzungen zugefügt hatten; die Brüche, Verstauchungen oder Fleischwunden der Migranten hier stammen meist von Versuchen, über den Grenzzaun zu klettern.

Dass Baltan N. sein Glück im Norden Serbiens unweit von Horgoš sucht, entbehrt nicht der Ironie: Die kleine serbische Grenzstadt geriet ganz zu Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise im September 2015 in den Brennpunkt der Weltöffentlichkeit, als es zu schweren Zusammenstößen der ungarischen Polizei mit einigen hundert Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan und Pakistan kam. Damals hatte der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán bereits mit dem Bau des Grenzzauns begonnen und redete von einer „Bedrohung des christlichen Abendlandes“ durch die Flüchtlinge aus der arabischen Welt; derweil sprach die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre inzwischen berühmten Worte: „Wir schaffen das!“

Baltan N. scheint zumindest den ersten Schritt geschafft zu haben. Vor wenigen Wochen schrieb er per WhatsApp, er habe endlich die Grenze überquert und sei in Deutschland angekommen. 

Ein altes Getreidelager dient den Flüchtlingen in Horgoš als illegale Unterkunft. Von hier aus versuchen sie, den von Ungarn errichteten Grenzzaun zu überwinden.
Foto: Klaus Petrus

 

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Klaus Petrus

Klaus Petrus ist freischaffender Fotojournalist und Reporter und berichtet aus der Schweiz, dem Balkan und Nahen Osten über Ausgrenzung, Migration, Armut und Krieg.


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