Die wahre Emma

Ein Nachruf und eine tiefe Verbeugung
Foto: Privat

Meine Herzgondeln tragen Trauer. Tiefschwarz. Aber glänzend. So wie sie ihre designte Lederrüstung trug. Hochgeschlossen und doch anmutig. Ein weiblicher Don Quijote, der zuschlagen konnte. Ein, zwei schnelle Schläge mit der Handkante. Keine lärmende Maloche wie später bei Bud Spencer, sondern unfassbar elegant. Zack. Zack. Ein feminines Basta. Mit großer Eleganz ausgeführt. Zum ersten Mal hörte ich in ihrer Serie den Begriff Karate. Mein Vater nickte etwas versonnen, meine Mutter verwies mich auf den Großen Brockhaus. Ich sagte den Lexikon-Text am nächsten Tag vor Freunden mit großem Pathos auf. Das Fieber sprang bei allen über, auch bei denen, die noch (immer) keinen Fernseher besaßen. (Bei den Calvinisten hatte der Fernseher keinen guten Ruf. Tageschau, ja! Aber…)

Jeder meiner Freunde trainierte jetzt seine Handkante, versuchte sie nachmittags an einer Ecke des Schreibtisches zu stählen. Nur die Mädchen in der Klasse hielten sich zurück, mäßig amüsiert, sie mussten sich nicht mehr beweisen, sie hatten ihre Heldin, die den Ganoven das Handwerk legte. Wir mussten nachsitzen und nachlernen. Peels Partner John Steed, gespielt von Patrick Macnee, imponierte uns auch, klar, aber was konnte eine Melone schon gegen diesen Lederanzug ausrichten. Sie blieb über viele Jahre mein Monopolstar. Nicht einmal Claus Wilcke als Percy Stuart konnte sie später verdrängen. Percy Stuart, das ist unser Mann, ein Mann, ein Mann, ein Mann, der alles kann. Ein Spätgeborener.

Und dann geschah das Wunder in der Gestalt von Onkel Ernst. Meine Mutter mochte ihn nicht, auch weil er Kettenraucher war und immer eine Juno, sehr lässig, wie meine älteste Schwester sagte, im Wundwinkel jonglierte. Er rief mich im Wohnzimmer während einer Geburtstagsfeier zu sich, fingerte lange an der Innentasche seines Sakkos und hielt dann plötzlich eine Autogrammkarte in Händen: Ich erkannte die abgelichtete Person sofort. Emma Peel höchstpersönlich. Diana Rigg stand da, aber der Name hatte für mich keine Bedeutung, diese Frau war Emma Peel. With best wishes, las mein Onkel vor. Und dann stand da mein Name. An einer Stelle meines Namens hatte sie sich verschrieben. Meine Mutter beeilte sich sofort zu betonen, auch diese Frau sei offenbar nicht unfehlbar. Sie erntete nur nickende Zustimmung von ihrer Schwester. Mit großer Scheu nahm ich die Karte entgegen, die Zunge war für Stunden verknotet. Ich sah, wie Onkel Ernst auf Nachfrage meines Vaters lange zögerte, noch einen mächtigen Zug inhalierte, zur Feier des Tages die Zigarette aus dem Mund nahm und mit dem Blick zur Decke sagte: Von einem anderen Stern. Dann schickte er eine Lunge voll Weihrauch hinterher. Ich schlich davon, um mit meinem Seelending allein zu sein. (Und in sicherer Distanz zu meinen Schwestern.)

Okay. Ich war mit meiner Liebe nicht allein. Als letzte Woche die Nachricht aufploppte, Diana Rigg sei gestorben, ertranken für Stunden die sozialen Medien im Trauerwasser. Sie war nicht nur eine Ikone der Boomer, die Mit Schirm, Charme und Melone (welcher Gott hat diesen Titel erfunden!) für meine Generation einen ganzen neuen Frauentyp erfand, sondern auch jüngere, die Diana Rigg in Game of Thrones bewundert hatten, schafften sich Trauererleichterung durch Tränenguss.

Selbstredend: Emma Peel blieb unerreichbar, aber als ich, schon wieder ein Wunder, ein Mädchen traf, das Karatesport betrieb und bereits die ersten farblichen Gürtel erobert hatte – die Chance, ein solches Mädchen im Pool der Calvinisten zu finden, tendierte gegen null – habe ich mich sofort in sie verliebt. In den Jahren an ihrer Seite habe ich mich herrlich sicher gefühlt.

Diana Rigg war übrigens Kettenraucherin. Mein Onkel hat es bestimmt gewusst. Mein Onkel Ernst.

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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