Versöhnlich stimmen

Über Kompromisse und die Kunst der Neuanfänge
Nelson Mandela hält eine Rede, nachdem er den Abschlussbericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission am 29. Oktober 1998 in Pretoria entgegengenommen hat.
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Nelson Mandela hält eine Rede, nachdem er den Abschlussbericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission am 29. Oktober 1998 in Pretoria entgegengenommen hat.

Steile theologisch-dogmatische Konstruktionen dienen dem praktischen Gelingen von Versöhnung nicht. Vielmehr lohne es auszuloten, woher konkret die Kräfte und Gelegenheiten kommen, die uns Menschen verzeihen und fairen Kompromissen zustimmen lassen, meint der Würzburger Theologieprofessor und Literat Klaas Huizing.

Ein Warnung vorweg: Das Thema Versöhnung sprengt den Rahmen dieses Essays. Der Wiener Systematiker Christian Danz hat für eine Rezension der Publikationen zum Thema im Zeitraum von 2016 bis 2021 nahezu hundert mächtige und denkstarke Seiten benötigt. Die alte Frage nach dem Objekt und dem Subjekt der Versöhnung und der Reichweite des Geschehens geht in die x-te Runde. Fragen drängen sich auf, ob es andere und durchaus attraktive soteriologische Deutungsmodelle gibt wie etwa die Vergottung; ob die Soteriologie, die Lehre von der Erlösung, vielleicht nicht mit der Christologie, sondern mit der Pneumatologie, mit der Lehre vom Heiligen Geist starten sollte; ob eine Neubewertung der Sünde, die im religiösen Versöhnungshandeln traditionell im Zentrum steht, nicht eine neue Theoriearchitektur verlangt. Oder: Sind heute angebotene und im Umlauf befindliche Soteriologien nicht häufig Ausdruck eines menschlichen Heilsegoismus, der die Tiere, die Pflanzen und die so genannte unbelebte Natur vergisst?

Der versöhnliche Satz: „Das musst du mir verzeihen!“ kann ein mit Nachdruck geäußerter Wunsch sein, aber es besteht auf der anderen Seite keine Pflicht zum Verzeihen oder Vergeben. Es ist das gute Recht einer/eines tief Verletzten, den Versöhnungswunsch auszuschlagen. Das ist häufig eine Frage der Selbstachtung, nicht der Kleinmütigkeit.

Kraft zum Verzeihen

Allerdings kann just durch das Verweigern des Verzeihens ein produktiver Prozess ausgelöst werden, der die Täterin oder den Täter nachhaltig in die Scham treibt. Scham, darüber herrscht auch unter den Psychologen Einigkeit, zielt auf den Charakter, kann also zu einer sichtbaren Neujustierung des Charakters führen und so eine Atmosphäre der Versöhnlichkeit aufrufen, die es dem Gläubiger oder der Gläubigerin leicht oder zumindest leichter macht, die zerrüttete Beziehung durch Verzeihen doch noch zu kitten. Woher aber kommt die Kraft, sich einem solchen Prozess zu unterziehen, und woher kommt die Kraft, doch noch zu verzeihen, vielleicht einem fairen Kompromiss zuzustimmen?

Zur Erinnerung: Wir Menschen zählen zur Gattung der erzählenden Wesen, wir lernen durch Geschichten. Als Mega-Narrativ triumphierte lange die heilsgeschichtliche Erzählung: Schöpfung – Fall (Schöpfung als Fall) – Versöhnung und Erlösung. Dieses Narrativ ist inzwischen arg erodiert – und zwar durch eine neue Aufmerksamkeit für eine alttestamentliche Erzählung. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Der Begriff Sünde fällt in den biblischen Texten erst in der Kain- und Abel-Geschichte, anlässlich von drohendem Totschlag oder Mord. Die Latte liegt also sehr hoch, es geht um nichts weniger als den hasserfüllten Aufstand gegen das Leben. In der biblischen Erzählung wird Kain von der Figur Gott, der Kain in eine ihn kräftig irritierende Schamsituation manövriert hat, auf seinen problematischen Charakter – Stichworte: mangelnde Selbstbeherrschung und Sympathieschwäche, die sich im Statusehrgeiz zeigt – aufmerksam gemacht: Wenn Kain die Schamerfahrung nicht zur Charakterjustierung nutze und Hassgefühle weiterhin zulasse, stehe die Sünde vor der Tür. Du aber herrsche über sie! So der Imperativ. Ein starker Text, der einen Ursprung der Gewalt entdeckt, nämlich in Genesis 4,17. Falsche Handlungssouveränität (Totschlag/Mord) ist dem durch Scham ausgelösten Änderungsdruck vorzuziehen.

Mir hat diese Geschichte, als ich sie damals endlich mit Sinn und Verstand las (ich war bereits in den Vierzigern), den Stecker gezogen. Eine überwältigende Erfahrung, die mir eine Gänsehaut den Rücken hinunterjagte, weil mein alter calvinistischer Brustpanzer auseinanderbrach. Herrschen über die Sünde? Wirklich? Das geht? Wird sogar erwartet? Wie eine Naturgewalt schlug diese Geschichte über mir zusammen. Ich war gleichermaßen geschockt und begeistert, fasziniert wie erschrocken. Die Formel Rudolf Ottos für das Heilige als mysterium tremendum et fascinans, ein Geheimnis, das gleichermaßen erschreckt und fasziniert, irritiert und motiviert, beschreibt hoch präzise diese Erfahrungsqualität, die leiblich gespürt wird.

In einer produktiven Aufnahme dieser Tradition hat der Philosoph Hermann Schmitz (1928–2021), er wurde unter den Philosoph*innen mein Mastermind, diese Erfahrungsqualität an dem alles entscheidenden Anknüpfungspunkt festgemacht: am spürenden Leib als Urresonanzraum. Der spürende Leib als Wahrnehmungsorgan, so die phänomenologische Erkundung, reicht weiter als der Körper und bestimmt den Menschen als trans-zendenzoffenes Wesen, der in der Lebenswelt streng genommen überall Heiligkeitserfahrungen, die affektiv betreffen, machen kann. Diese auch irritierende Erfahrung muss allerdings darauf hin geprüft werden, ob sie lebensdienlich ist und entscheidende Lebens-Orientierung verspricht. In diesen Situationen affektiver Betroffenheit durch das Heilige werden Kreativität, Entwicklungsfähigkeit und heilsame Neuanfänge erschlossen.

Ganz entschieden votiere ich also für einen Relaunch und Re-Import des Heiligkeitstopos, der lange verwahrlost und durch freundliche Übernahmen in anderen Diskursschulen heimisch wurde. Mit Rudolf Otto und Hermann Schmitz gelingen dabei neue Zugänge zur vertikalen Resonanzachse (Hartmut Rosa). Zwingend nötig ist diese vertikale Dimension zu einer Verarbeitung der Heiligkeitserfahrung, wo auch immer sie stattfindet: in der Natur, in der Bibliothek, im Theater, bei Netflix, im Kino. Wer freilich diese Erfahrung als ästhetische Erfahrung verarbeitet, kann die Dankbarkeit für diese gemachte Erfahrung – etwa als Naturerlebnis – nicht andächtig adressieren. Das ist ein nicht kleines surplus in der religiösen Deutung.

Nimmt man die weisheitlich geprägte Kain- und Abel-Erzählung endlich ernst, dann kommt die traditionelle Heilsgeschichte ins Wanken. Offenbar kann und soll man über die Sünde herrschen. Sünde entsteht, wenn man die Scham in die Schuld verschiebt, wenn man das eigene Selbstbild gegen Irritationen durch Erfahrungen von etwas, das größer ist als wir, abschließt. Frieden stiftend – im Neuen Testament wird Versöhnung auch durch Formen des Verbs eirēnopoiéδ eingeholt – wäre ein Verhalten gewesen, welches auf den Status der Erstgeburt verzichtet. Kain hat auf seinem Status bestanden.

Ganz anders das Gegenbild. Jesus Christus hat in der Kräftigkeit seines leiblichen Spürens und im radikalen Verzicht auf Status – mit der Krippe anhebend – als Wegweiser und Wegbereiter gedient, der vorlebt, wie man leben soll, und denjenigen, die sich mit ihm spielerisch identifizieren, Kraft einstiften kann. Noch als Folteropfer hat Jesus Christus um Vergebung gebeten, um die Spirale der Rache-Gewalt definitiv zu unterbrechen.

Unfassbar lange weggeschaut

Wenn aber Heiligkeitserfahrungen sich nicht auf spezifische Orte beschränken, dann darf man die Geschichte und Gegenwart auch auf gesellschaftliche Bewegungen durchmustern, wo diese Struktur auszumachen ist: in der Befreiungstheologie, im Feminismus oder, mein Lieblingsbeispiel, im Modell der Wahrheits- und Versöhnungs-Kommission (TRC, Truth and Reconciliation Commission) in Südafrika nach dem Ende der Apartheid. Die Kommission zielte nicht auf eine Generalamnestie, sondern auf eine je individuelle Amnestie, die öffentlich verhandelt wurde. Ich habe diesen Prozess auch deshalb mit so großer Spannung und Anspannung verfolgt, weil wir Niederländer unfassbar lange weggeschaut und viel zu spät gegen das Apartheidsregime Stellung bezogen haben.

Ein zweiter Punkt kommt hinzu: Die Kommission arbeitete mit dem Begriff der Scham als Reshaming-Modell: Täter und Opfer saßen sich oft gegenüber, die Täter wurden in die Scham getrieben, legten ein Geständnis ab und zeigten offen Reue (wie echt diese Reue war, bleibt eine offene Frage). Eine Aussöhnung sollte zugleich durch die „kathartische Wirkung der Erzählung“ (Véronique Zanetti) der Opfergeschichten herbeigeführt werden. Und trotz der geäußerten Kritik an diesem Modell, wie etwa an den religiösen Werten, die im Prozess dominierten, oder auch an der Theatralisierung der Anhörungen: Die Versöhnung als letztlich pragmatischer, nicht immer fairer Kompromiss, der den Opfern oft mehr abverlangte als den Tätern, war Frieden stiftend und hielt die Rache im Zaum. Der soziale Friede gewann Gestalt. Der drohende Bürgerkrieg, der lange unausweichlich schien, wurde verhindert. Ein letztlich guter Kompromiss ermöglichte einen Neuanfang.

Ich verorte also, theologisch gesprochen, die Soteriologie in der Pneumatologie, der Lehre vom Heiligen Geist. Alle lebensweltlich auffindbaren Orte einer Transzendenz-Eröffnung sind dann Thema der Ekklesiologie, der Lehre von der Kirche, die Kirche selbst ist ein markanter Ort, aber auch extra muros ecclesiae lassen sich unendlich viele Orte der Transzendenz leiblich erspüren. Eine erste Kartographie fehlt bisher. Mein Plädoyer geht so: Man darf den Heiligen Geist nicht verzwergen, indem man seine Wirkkraft darauf beschränkt, ganz im Dienste Jesu Christi zu stehen. Der Geist weht, wo er will: in der Natur, in der Kunst, in allen Symbolsystemen, auch in der Politik.

Ein kräftiges Problem bleibt: Wie kann man jenen Opfern, die etwa gestorben sind, Gerechtigkeit widerfahren lassen und wie kann Versöhnung doch noch möglich werden? Meine Idee: Das Modell der Wahrheits- und Versöhnungs-Kommission auf die Eschatologie hochzurechnen, um den bleibenden Skandal, den die ungelöste Forderung nach rettender oder ausgleichender Gerechtigkeit auf der horizontalen Ebene hinterlässt, zu bearbeiten. In dieser Frage scheitert jede ausgeklügelte Lebenskunst.

Auf der Strecke geblieben

Nahezu wehmütig benennt Jürgen Habermas in seiner imposanten Philosophiegeschichte explizit zwei Punkte, die in seinem unverdrossen fortgeführten Projekt der Moderne auf der Strecke bleiben: „Diese Abkoppelung vom religiösen Komplex hat in erster Linie zwei, auch voneinander abhängige Konsequenzen: Zum einen verliert die praktische Philosophie die Rückendeckung durch die normative Autorität einer rettenden Gerechtigkeit; zum anderen stellt sich mit der Loslösung der theoretischen Arbeit und des theoretischen Welt- und Selbstverständnisses vom Ritus, das heißt von der sozialintegrativen Quelle der liturgischen Gemeindepraxis’ die Frage, was die Umstellung der religiösen auf eine vernunftrechtliche Legitimation der Herrschaft für die moderne Form der gesellschaftlichen Integration der Gesellschaft bedeutet.“ „Rettende Gerechtigkeit“ und die „sozialintegrative Quelle der liturgischen Gemeindepraxis“ sind Elemente, die Habermas der Theologie im besten Sinne neidet. In Fragen gesellschaftlicher Solidarität kann er selbst nur aus dem „Zuwachs an institutionalisierten Freiheiten“ und „den Praktiken und rechtlichen Gewährleistungen demokratischer Verfassungsstaaten“ seinen „Mut schöpfen“.

Die Rede vom jüngsten oder himmlischen Gericht war in meiner liberalen Tradition lange ein Ladenhüter. Das eschatologische Büro war geschlossen, nein: verrammelt. Wer durch die Aufklärung geimpft war, empfand – trotz Kant, der einen Spalt offen ließ – nur Schaudern, aber keine Faszination in dieser Frage. Null Support. Nicht einmal Habermassche Wehmut. Nur der Philosoph Hermann Schmitz hat sein System der Philosophie mit der Eschatologie enden lassen. Der traute sich wirklich was! Dieser Mut war für mich ansteckend.

Ich deute, so mein Vorschlag, das himmlische Gericht als Re-Shaming-Prozess: Im Angesicht der Anderen, denen gegenüber ich mich ungerecht verhalten habe, werde ich in die Scham getrieben, und weil Scham auf meinen Charakter zielt, wird ein Transformationsprozess zwingend ausgelöst. Im Jüngsten Gericht regiert die Aufrichtigkeit. Auch Reue, die dann einsetzt, kann, da die eigene Existenz in ganzer Entschiedenheit vorliegt, nicht gespielt werden. Vergebung gibt es in dieser Perspektive zunächst durch den oder die anderen, sprich: die Opfer. So wird eine opfersensible Versöhnungstheologie möglich. Die Opfer können freilich vergeben, weil, im Sound von Hermann Schmitz formuliert, eine übermächtige Liebesatmosphäre, eine Atmosphäre der Freiheit und Freude herrscht. Diese reine Atmosphäre der Liebe darf man Gott nennen.

Ich deute das Jüngste Gericht als abschließenden Schamprozess, der zugleich als radikale Befreiung, sprich: Erlösung, erfahren wird, weil ich als Individuum nicht auf meine Taten und Festschreibungen in der (Lebens-)Geschichte festgelegt werde. Und: Ich kann nicht länger Scham in Schuld verschieben. Zugleich gibt es Versöhnung als rettende Gerechtigkeit, die auf der horizontalen Ebene so vielleicht nicht möglich war. Das Gericht als Schamprozess durchlaufen in dieser Lesart alle Menschen, um den Charakter zu klären. Weil Scham auf Charakter zielt, scheint gleichermaßen Versöhnung und Erlösung für alle denkbar. Versöhnung ist ein bestmöglicher Kompromiss. Freilich: Eine prächtige und tragende Erzählung darüber, wie wir die Soteriologie aus dem Zirkel des menschlichen Heilsegoismus oder Soziozentrismus befreien können, steht noch aus. Aber das ist eine andere Erzählung. 

Literatur
Jürgen Habermas: Auch eine Geschichte der Philosophie. Band 1: Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen. Berlin 2019. Band 2: Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen, Berlin 2019.

Véronique Zanetti. Spielarten des Kompromisses, Berlin 2022.

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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