Auf dem Weg zu nassen Füßen

Unterwegs mit einer Moormanagerin in Mecklenburg-Vorpommern
Dem Moor eine neue Chance geben, das will Annie Wojatschke in Greifswald.
Foto: Nick Reimer
Dem Moor eine neue Chance geben, das will Annie Wojatschke in Greifswald.

Annie Wojatschke ist Deutschlands erste Moormanagerin. Für die Stadt Greifswald soll sie knapp 1 000 Hektar Land wiedervernässen. Doch die Widerstände sind groß. Der Umweltjournalist Nick Reimer hat sie getroffen.

Sie kniet nieder und greift mit beiden Händen beherzt in den Modder. Fast zärtlich zwirbeln ihre Finger das Erdreich. „Das sind grob zersetzte Pflanzenreste“, sagt Annie Wojatschke, „an der Struktur wird deutlich, dass das vor hunderten Jahren einmal Schilfblätter waren.“ Zwar ist der Modder feucht, aber nicht so, dass er triefen würde. „Herrlich“, sagt Wojatschke, legt das Material an seine Stelle zurück und drückt es mit den Händen fest. Dieser Modder ist Torf, eine Form von Humus, die in Mooren unter Wasser durch Sauerstoffmangel aus abgestorbenen Moorpflanzen entstanden ist.

Annie Wojatschke ist Moormanagerin in Greifswald. Das ist insofern besonders, weil die Hansestadt mit diesem frisch geschaffenen Posten Vorreiter in Deutschland ist. „Etwa 50 Hektar ist diese Fläche hier groß, sie gehört der Stadt.“ Im Hintergrund sind die Kirchtürme des Doms und von Sankt Marien zu sehen, Annie Wojatschke sagt: „Ziel ist, wieder naturnahe Verhältnisse zu schaffen, den Wasserstand anzuheben und dem Moor eine neue Chance zu geben.“ Die Stadt Greifswald nämlich hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2035 klimaneutral zu werden, „und da gehören natürlich nasse Moore dazu“.

Moore enthalten gigantische Mengen an Kohlenstoff. Werden die jahrhundertealten Torfschichten trockengelegt, beginnt der Luftsauerstoff, dieses Material zu zersetzen und Treibhausgase zu produzieren. Nach Berechnungen des „Greifswald Moor Centrum“ emittiert allein diese eine Fläche 1 900 Kohlendioxidäquivalente jedes Jahr. „Ungefähr 30 Prozent aller Treibhausgase kommen in Mecklenburg-Vorpommern aus den Mooren“, sagt Annie Wojatschke. Damit seien nicht die Industrie, die Energiebranche oder der Verkehr Hauptklimasünder Nr. 1, sondern die Treibhausgase aus den trockengelegten Mooren.

Luftdicht abdecken

Allerdings könnte man dem Problem relativ leicht beikommen: „Wiedervernässung ist die Devise, wenn der Torf vom Wasser luftdicht abgedeckt wird, bleiben die Treibhausgase im Boden, und langfristig kann sich sogar wieder Torf bilden.“ Dabei bedeutet Wiedervernässung gar nicht, dass große Mengen Wasser auf die Flächen gepumpt werden müssten. „Diese hier, der Steinbecker Vorstadtpolder, liegt beispielsweise deutlich unter dem Wasserspiegel des Flüsschens Ryck“, sagt die Moormanagerin. „Die Wiedervernässung funktioniert bereits, wenn man aufhört, das Wasser aus dieser Fläche abzupumpen.“

Freilich heißt das nicht, dass die Wiedervernässung einfach wird. Da ist zunächst der Graben 15, der sich durch die Fläche zieht und unter anderem das Dörfchen Wackerow entwässert. „Manche Mitglieder der Gemeindeverwaltung sind strikt gegen Wiedervernässung. Sie fürchten negative Folgen wie nasse Keller, wenn das Schöpfwerk am Ende des Grabens abgeschaltet wird“, sagt Annie Wojatschke. Da ist zweitens die Öko-Bäuerin, die diese Fläche als Weide für ihre Kuhherde gepachtet hat. Kühe müssen trocken stehen, wenn die Fläche wieder nass wird, verliert die Bäuerin ein Sechstel ihrer Betriebsfläche. Annie Wojatschke kennt die Bäuerin gut, beide haben Abitur zusammen gemacht. Und die Stadt Greifswald verliert drittens dadurch dringend notwendige Pachteinnahmen. Deshalb muss für die wiedervernässten Moorflächen eine neue Nutzung gefunden werden.

Nachwachsende Dämmstoffe

Aber auch dafür haben sie in Greifswald eine Lösung: Die Firma „Moor and more“ nutzt beispielsweise das, was auf dem Moorboden wächst, um daraus Baumaterial herzustellen, Dämmstoffe etwa. Dass ausgerechnet Greifswald in der Moorfrage so innovativ ist, hat viel mit Michael Succow zu tun, der als Vater des Nationalparkprogramms der DDR bekannt wurde. Kurz vor der Wiedervereinigung stellten der ehemalige Vize-Umweltminister der DDR und seine Mitstreiter sieben Prozent der Staatsfläche unter Schutz, wofür Succow später mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt wurde. An der Universität in Greifswald baute er danach als Universitätsprofessor den Studiengang „Landschaftsökologie und Naturschutz“ auf. Schließlich gelang es Succow, den renommierten niederländischen Moorforscher Hans Joosten nach Greifswald zu lotsen, der dort das „Greifswald Moor Centrum“ aufbaute, eine weltweit führende Forschungseinrichtung zum Thema.

„Für mich stand in der fünften Klasse fest, dass ich Biologie studieren möchte“, sagt Annie Wojatschke. Die 43-Jährige stammt selbst aus Greifswald und hat dort auch studiert. „Michael Succow hat mich sicherlich mit seinem landschaftsökologischen Gesamtansatz geprägt, für das Moor begeistert hat mich allerdings Hans Joosten.“ Nicht, dass ihr Weg zur ersten Moormanagerin Deutschlands programmiert gewesen sei, eine Zeitlang arbeitete Annie Wojatschke in Großbritannien, zum Beispiel bei der „Royal Society for the Protection of Birds“ in Schottland. Aber auch dort ging es um Moore. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat arbeitete die Mutter dreier Kinder zuerst für die Universität Greifswald, dann für die Untere Naturschutzbehörde. „Erfahrung in der Verwaltung war sicherlich kein Hindernis bei der Bewerbung.“

Innerstädtisch besitzt Greifswald 460 Hektar Moorfläche, zählt man jene Liegenschaften dazu, die außerhalb der Stadtgrenze liegen, summieren sich ungefähr 1 000 Hektar, eine Fläche so groß wie 1 400 Fußballfelder. Man könnte meinen, zu viel für das Leben einer einzelnen Moormanagerin. Aber Annie Wojatschke strahlt unglaubliche Energie aus, die hochgewachsene Frau mit den langen Haaren sagt: „Mit den Wiesen von Caspar David Friedrich fangen wir jetzt mal an.“

CDU dagegen

Zuerst sei eine wasserrechtliche Genehmigung durch die Umweltbehörde notwendig, die aufwendig zu stellen ist, für eine Wiedervernässung ist immer eine komplexe Einzelfallbetrachtung nötig. Dann sind die hydrogeologischen Gegebenheiten in der Landschaft zu betrachten. Bei der praktischen Umsetzung kommen technische Fragen dazu: „An manchen Stellen müssen wir Stauwerke zurückbauen, Gräben zuschütten oder die oberste Bodenoberschicht abtragen, weil die schon nicht mehr wasserdurchlässig ist“, sagt die Moormanagerin. Dafür müsse sie eine Finanzierung auf die Beine stellen. Annie Wojatschke überlegt, für das eingesparte Kohlendioxid Zertifikate auszugeben, beispielsweise an Menschen und Unternehmen, die ihren CO2-Fußabdruck reduzieren wollen. In Brandenburg funktionieren solche Konzepte bereits. Die erste deutsche Moormanagerin ist optimistisch: „Wer in fünf Jahren an dieser Stelle steht, der bekommt nasse Füße.“

Gelingen wird das aber nur, wenn sie es schafft, Widerstände und Vorurteile abzubauen. „Greifswalder Moorzentrum“ hin oder her, es ist kein Geheimnis, dass die CDU in Mecklenburg-Vorpommern Stimmung gegen die Moore macht. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Amthor, der auch in Greifswald studiert hat, sah Vorpommern bereits „absaufen“ und zog mit Gummistiefeln auf den Wahlplakaten in den Kampf, der CDU-Landtagsabgeordnete Thomas Diener nennt Experten des Greifswalder Moorzentrums „Moor-Taliban“.

Zudem gebe es, so Wojatschke, zu wenig Anreize für Landwirte, auf herkömmliche Nutzung von Moorflächen zu verzichten. „Wir dürfen den kulturellen Aspekt nicht vergessen: Jahrhundertelang galt das Trockenlegen von Mooren als Kulturleistung.“ Jetzt plötzlich gelte das Gegenteil. Annie Wojatschke mahnt deshalb, die Wiedervernässung der Moore wie den Kohleausstieg zu behandeln: „Wir müssen den Menschen klarmachen, welchen großen Nutzen sie daraus ziehen: Moore helfen uns, Treibhausgase wegzusparen.“

Aufklärung nötig

Warum also nicht eine Moorkommission, die nach dem Vorbild der Kohlekommission eine gesellschaftliche Strategie zum Wiedervernässen der Moore sucht? Warum nicht Moore in den Emissionshandel einbeziehen – und so einen wirtschaftlichen Anreiz schaffen? Annie Wojatschke ist viel damit beschäftigt, Aufklärungsarbeit zu leisten. Gern nutzt sie dafür den Hörspaziergang „Moor auf die Ohren“, in Zusammenarbeit zwischen der Michael-Succow-Stiftung und der Stadt entstanden. Kommunalpolitisch genießt die Moormanagerin einiges an Unterstützung, seit 2015 regiert ein Oberbürgermeister von Bündnis 90/Die Grünen die 60 000-Einwohner-Stadt. Angesiedelt ist ihre Stelle nicht in der Abteilung Umwelt, sondern im Liegenschaftsamt, was ein Vorteil sei, denn die Grundstücke sind ja im Eigentum der Stadt, der Zugriff über das Liegenschafts-amt leichter, wenn der Stadtrat zustimmt.

„Wir wollen das Konzept der Paludikultur ausprobieren und weiterentwickeln“, sagt Wojatschke. Paludikultur, das ist Landwirtschaft auf feuchten Mooren. Ein traditionelles Beispiel ist der Anbau von Dachreet, das Schilf, mit dem in Norddeutschland Dächer gedeckt sind. Auch Seggen oder Rohrglanzgras könnten angebaut und klimafreundlich zur Erzeugung von Fernwärme genutzt werden. Gerade hier gibt es viel Know-how, schließlich wurde das Konzept der Paludikultur in Greifswald entwickelt. „Endlich einmal machen“, sagt Annie Wojatschke und strahlt übers ganze Gesicht: „Ein absoluter Traumjob!“ 

 

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Foto: Matthias Rietschel

Nick Reimer

Nick Reimer ist Journalist und Autor zahlreicher Veröffentlichungen zum Thema Umwelt- und Klimaschutz. Er lebt in Berlin.


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