Mehr als Kriegsgeschrei

Lärm kann eine Waffe sein - mit traumatischen Folgen für die Soldaten
Kanonendonner führte nicht nur im Korea-Krieg zu Hörschäden bei den Soldaten. Foto: akg-images
Kanonendonner führte nicht nur im Korea-Krieg zu Hörschäden bei den Soldaten. Foto: akg-images
Kriegsgeschrei und Trommeln hatten jahrhundertelang zur Schlacht gehört. Doch die beiden Weltkriege setzten auch in diesem Punkt militärgeschichtlich wichtige Zäsuren. Der Lärm der Artillerie traumatisierte die Kriegszitterer, und die Nazis statteten Flugzeuge mit Jericho-Trompeten aus. Eine Spurensuche im Militärhistorischen Museum in Dresden.

Wer den Lärm als Waffe erleben will, muss nur ins Fußballstadion gehen. Manchmal reicht auch eine Fernsehübertragung. Bei der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika 2010 übertönten Vuvuzelas oft genug die Spielberichte der Kommentatoren. Bis zu 120 dB(A) Schalldruck erzeugen die Tröten auf einem Meter Abstand, bereits ab der Hälfte gelten Geräusche als Lärm. Doch auch in europäischen Fußballstadien gehören lautstarke Fans zum Klangbild, ausgerüstet mit Trommeln, Pfeifen, uniformierter Kleidung und Schlachtrufen. „Es ist alles zu finden, was bereits die Armeen seit dem Spätmittelalter ausmachte, bis hin zum Instrumentarium“, sagt der Militärhistoriker Oberst Professor Dr. Matthias Rogg. Trommel und Pfeife seien die klassischen Instrumente der Schlacht, denn sie sind laut und dringen durch. Und wie bei den früheren Kriegsheeren diene der Lärm auch hier zwei Zielen: der Einschüchterung des Gegners und der Stärkung der Kampfmoral der eigenen Truppen.

Rogg leitete bis vor wenigen Wochen das Militärhistorische Museum in Dresden. Hier in diesem prächtigen Bau des 19. Jahrhunderts, den seit 2011 ein spektakulärer keilförmiger Neubau des Architekten Daniel Libeskind spaltet, sind über zehntausend Exponate zu sehen, die die Geschichte des Krieges illustrieren. Auch die Militärmusik hat ihren Platz: Schellenbäume, Trommeln, Blasinstrumente aus mehreren Jahrhunderten. Was heute folkloristisch anmutet, war früher Teil der Kampfstrategie, sagt Rogg: „Die Musik war schon von Weitem zu hören und machte jedem klar: ‚Wir sind jetzt da!‘“ Vielleicht das bekannteste Beispiel sei die Musik der Janitscharen gewesen, einer Elite-Einheit der osmanischen Armee, die bis ins 17. Jahrhundert Angst und Schrecken verbreitete. Sie nutzten Zimbeln, Kesselpauken, Schalmaien, Schellenbaum. Wer immer diese Klänge hörte, bekam Angst, denn er wusste, jetzt kommen die schlimmsten Soldaten, die tatsächlich „keinen Vater und Mutter kannten“, weil sie als Knaben schon von den Eltern getrennt und ohne Familie und mit harter Hand in der Armee groß wurden. Ihre Musik prägte das „Tschingderassabumm“ der europäischen Militärmusik ebenso wie Opern des 18. Jahrhunderts. „Die Ouvertüre von Mozarts Entführung aus dem Serail ist geglättete Janitscharen-Musik“, sagt Rogg.

Spätestens mit dem Ersten Weltkrieg änderte sich das Kriegsgeschehen. Militärmusik spielte im Feld keine Rolle mehr, stattdessen dröhnte die Artillerie, und das in bis dahin ungekannter Dimension. Schlachten dauerten länger als ein paar Tage, zum Teil monatelang lagen die Soldaten unter permanentem Beschuss. „Die Beschreibung dieses infernalischen Kriegslärms finden wir in zahlreichen Tagebüchern und Erinnerungen“, berichtet Rogg. Kein Wunder, dass ein deutsches Produkt, das seit 1908 auf dem Markt war, nun durch den Einsatz beim Militär in weiten Teilen der Bevölkerung bekannt und populär wurde: Ohropax. Die Wachskugeln versprachen wenigstens Frieden für die Ohren.

Doch auch sie konnten nicht verhindern, dass akus-tische Schocks und Traumatisierungen zahlreiche Soldaten zu „Kriegszitterern“ machte, die unter einer bestimmten Form der Traumatisierung litten, die es bis dahin so nicht gegeben hatte. Filme im Museum zeigen betroffene Männer. Rogg ist sich sicher: „Der Kriegslärm spielte bei diesen Traumatisierungen nicht die alleinige, aber eine entscheidende Rolle.“ Doch die Gesellschaft konnte damit nicht umgehen, die Kriegszitterer wurden als schwach gebrandmarkt und sollten sogar mit Zwangsmaßnahmen wie Elektroschocks wieder wehrfähig gemacht werden. Auch im Zweiten Weltkrieg war der Umgang mit Lärmopfern unter den Soldaten keineswegs von Fürsorge geprägt. Hörgeschädigte kamen in sogenannte „Ohrenbataillone“, auch hier war das Ziel, sie wieder wehrfähig zu machen. „Das waren natürlich Strafbataillone“, sagt Rogg. „Heute ist das zum Glück anders. Wir sehen den Kriegslärm nicht nur als eine Begleiterscheinung des Krieges, sondern als Angriff auf das Ohr und auch auf die Seele.“ Denn das Thema ist noch immer aktuell. So zählten die US-Streitkräfte durch den Krieg im Irak 58?000 Soldaten, die nach dem Einsatz durch einen Hörschaden dienstunfähig wurden. Forscher in den USA suchen daher nach Wegen, Soldaten vor dem Einsatz durch „künstlichen Kriegslärm“ auf den kommenden Krach vorzubereiten.

Der Zweite Weltkrieg brachte dann anderen Kriegslärm, Stalin-Orgeln, über Städte abgeworfene pfeifende Bomben, und die vor Luftangriffen warnenden Sirenen, die tief in das Erinnerungsmuster eingeprägt sind. Doch es gab auch Waffen, die ein spezielles Sounddesign bekamen, um ihre psychologische Wirkung zu verstärken. Das wohl bekannteste Beispiel sind die sogenannten „Jericho-Trompeten“ der deutschen Sturzkampfbomber Ju 87 im Zweiten Weltkrieg, der „Stukas“. Diese kleinen Sirenen am Fahr- oder Leitwerk der Flugzeuge, benannt nach der biblischen Geschichte von Jericho, deren Mauern der Überlieferung zu Folge durch den Klang von Blasinstrumenten zum Einsturz gebracht wurden, wurden über kleine Propeller betrieben. Sobald der Pilot das Flugzeug zum Angriff in den Sturzflug brachte, sorgten diese für den Ton, der einer Kreissäge ähnlich war.

Synthetische Akustik

„Die psychologische Wirkung ist wohl überschätzt worden“, meint Rogg. „Aber interessant ist, dass wir dieses Geräusch fast alle kennen und in den Ohren haben.“ Eine Folge der Wochenschauen, in denen die Jericho-Trompeten zu hören sind, wenn deutsche Flieger angreifen. Doch Vorsicht ist geboten: „Die Akustik, die wir vom Krieg haben, ist meistens eine synthetische“, warnt der Militärhistoriker. Kriegsberichte aus Wochenschauen wurden in der Regel nachvertont, schon allein weil die Mikrofone damals technisch gar nicht in der Lage waren, den Originalton aufzunehmen. Die Wehrmacht hatte ein eigenes akustisches Archiv mit den Klängen verschiedenster Waffen. Zusammen mit entsprechender Musik wurden daraus massenkompatible Kriegsklänge für die Heimatfront gemixt - künstlicher Lärm als Teil der psychologischen Kriegsführung. Wie stark die Wirkung ist, macht Rogg an einem einfachen Experiment klar: „Schauen Sie sich Wochenschauberichte im Internet an. Ohne Ton funktionieren die nicht, ohne Bild schon. Denn man macht sich die Bilder im Kopf.“ Auf der Leinwand nicht zu sehen waren die Lautsprechereinsätze an der Front Teil der psychologischen Kriegsführung, die die gegnerischen Soldaten kontinuierlich mit ihren Botschaften beschallten. „Das war sicher ein akustischer Angriff,“ sagt Rogg. Eine Waffe, die übrigens auch noch im Kalten Krieg auf beiden Seiten der Elbe vorgehalten wurde - für den Fall eines Krieges in Deutschland.

Sounddesign für Drohnen

Lautsprecher mit besonderen Fähigkeiten benutzt eine Waffe, die auch aktuell bei US-Streitkräften im Einsatz ist, die sogenannte lrad (Long Range Acoustic Device). Sie kann Töne mit einem maximalen Schalldruck von 150 Dezibel aussenden, die dann auch noch in bis zu einem Kilometer Entfernung wahrgenommen werden können und über viele hundert Meter hinweg verständlich sind. Allerdings können lrads auch sehr hohe schrille Töne aussenden, die im Nahbereich Schmerzen verursachen. Die Schallkanone kann sehr gezielt eingesetzt werden, nicht nur im Krieg. So wurden 2009 mit ihrer Hilfe bei Protesten am Rande des G20-Gipfels in Pittsburgh Demonstranten auseinander getrieben - die akustische Form des Wasserwerfers.

Und was kommt als Nächstes? Die Drohne wird die Kriege künftig immer stärker prägen, welches Sounddesign wird sie bekommen? Möglichst leise Motoren, damit sie nicht wahrgenommen wird? Oder ein besonders tiefes unangenehmes Surren, das an plagende Insekten erinnert und Fluchtinstinkte auslöst? Sind in Zeiten des Cyberwars Soundattacken über Handys und Internet denkbar? Werden wir auch mit alternativen akustischen Fakten über youtube und facebook beschallt, die aber ebenso künstlich gestaltet sind, wie die Wochenschauberichte der Nazis?

Es gruselt, wo bleibt das Positive? Zum Beispiel in Dortmund. Dabei beginnt die Geschichte gar nicht gut. Da besetzten Neonazis kurz vor Weihnachten den Turm der Reinoldikirche in der Innenstadt, hängten ein Transparent über die Brüstung und starteten mit Pyrotechnik und lauten Parolen einen Schall-Angriff auf die untenstehenden Bürger. Doch in diesem Falle hatten die Guten die besseren Waffen: Die Kirchenglocken wurden angestellt und übertönten das Geschrei der Nazis.

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Stephan Kosch

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